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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

VI. Zur "Frühgeschichte" soziokulturellen Denkens

Löst man sich von diesen zeitgeschichtlichen Beschreibungen, mit denen eine wesentliche Dimension der kulturellen Demokratisierung eingegrenzt und terminologisch erfasst wurde, stellt sich die Frage nach deren strukturellen Ursachen. Anders formuliert: Wann kommen Bewegungen auf, die etwa bestimmte Vorstellungen von Kultur neben der herrschenden Praxis stabilisieren können oder diese herausfordern? Welche gesellschaftlichen und politischen Bedingungen erfordern sie und welches sind ihre Träger? In welcher praktischen Weise werden sie umgesetzt, und wie ist ihr Einfluss auf die Hegemonialkultur? Wenngleich diesen Fragen hier nicht umfassend nachgegangen werden kann, weiten sie doch den Blick und engen die Spurensuche nicht auf die eher unergiebige Geschichte von Vorläufereinrichtungen ein. Gefragt ist vielmehr nach Anhaltspunkten für ein soziokulturelles Denken, nach einem problemorientierten Blick in die Moderne. Soziokultur in diesem Sinne ist keine Erfindung der siebziger Jahre.

Nach Horst Groschopp liegen die Anfänge der Kulturarbeit und der frühen Soziokultur in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Als Akteure nennt er glaubensbesorgte Christen, kulturbewusste Dissidenten (Abweichler, hier vor allem: Religionslose), machtpolitisch denkende Beamte und arbeitsuchende Akademiker, als Rahmenbedingung die Tendenz der Moderne, auch kulturelle Einrichtungen zu demokratisieren [31] . So kam es neben der kommerziellen Massenkultur, die ebenfalls für Demokratisierung steht, zu einer Öffnung von kulturellen Stätten mit dem Ziel ästhetischer Bildung. Wichtig in diesem Kontext ist der fortschreitende Prozess der Säkularisierung und der gesellschaftliche Geltungsanspruch von sozialen Bewegungen, die erst dann im modernen Sinne wirksam werden können, wenn mit der Tradition grundsätzlich gebrochen und Gesellschaft als Projekt begreifbar wird [32] . Denn die Aufwertung und Aufladung der Kultur, die notwendig zu Diskussionen über die Vermittlung und Teilhabe an ihrer Sinnstiftung führt, findet sowohl Niederschlag im Bereich staatlicher Politik als auch in zentralen Bewegungen wie etwa der Gebildeten-Reformbewegung oder später der Arbeiterbewegung. Hier besteht im Gegensatz zu vormodernen Bewegungen wie etwa der Reformation nicht mehr das Ziel, eine ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen, also zu korrigieren, sondern vielmehr die Absicht, im Vollzug einer Korrektur zu Neuem zu gelangen. Soziokultur scheint sich, so betrachtet, genau dort herausbilden zu können, wo innerhalb der (modernen) Gesellschaft der Zugriff auf Sinn und Gestaltung zu Schieflagen führt und Aneignungen "von unten" erzwingt. Soziokultur wird dabei zum Richtungsimpuls, sie ist abhängig von progressiven Diskursen und Bewegungsmilieus oder zumindest homogenen Gruppen Andersdenkender, die einen sozial eingefärbten Kulturbegriff transportieren und in konkreten Formen der Praxis stabilisieren. Ihre Korrekturbewegungen, wie sie Groschopp sieht, erinnern sehr an die Strategien bekannter soziokultureller Praxis: "Ihr Beitrag zur Ausbildung von ,Soziokultur' beruhte erstens auf einer größeren Staatsferne als bei anderen . . .; zweitens, wegen der freien Vereinsorganisation, auf einer größeren Nähe zu Demokratie und Kommunalität; drittens auf einem deutlichen sozialen Impetus, der aus dem Bedürfnis nach Milderung der sozialen Gegensätze resultierte und auf Hilfe zur Selbsthilfe zielte; viertens auf der Bevorzugung bildender Angebote gegenüber unterhaltenden und ästhetischen . . .; fünftens auf der Absicht, nach ,weltlichen' Entsprechungen für alles Religiöse zu suchen, was den Kulturbegriff ausweitete; und schließlich sechstens, aus dem letzten Punkt folgend, im Stellen einer historisch idealen Aufgabe: durch freie Organisation und Aufklärung die dogmatische Kirche überwinden und eine neue Religiosität bzw. gänzlich neue Kultur errichten." [33]

Joachim Schulze macht bei seiner Spurensuche nach Vorläufern soziokultureller Arbeit auf das "räumliche Gegenmilieu" des Bohemiens im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufmerksam, das Café. Der Begriff "Boheme" wird auch zur Beschreibung der Abwendung vom offiziellen Kulturbetrieb in der DDR verwendet, doch hier fällt die Spurensuche nach Soziokultur schwerer. Wichtig aber ist auch sein Hinweis auf die Verräumlichung der Arbeiterbewegung, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, zunächst in Arbeitervereinslokalen, später im Kontext mit den Gewerkschaften in Volkshäusern [34] . Diese Ansätze institutioneller Verwandtschaft sollen hier allerdings nicht weiter verfolgt werden.

Fußnoten

31.
Vgl. Horst Groschopp, Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland, Berlin 1997, S. 315 (Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag des Autors in diesem Heft.); zum großen Kontext vgl. Dieter Claessens, Kapitalismus und demokratische Kultur, Frankfurt am Main 1992, S. 180 ff.
32.
Vgl. D. Rucht (Anm. 28), S. 16.
33.
Dies schreibt Groschopp speziell bezogen auf die Freidenker als Akteure. H. Groschopp (Anm. 31), S. 379 f.
34.
Vgl. J. Schulze (Anm. 15), S. 28 ff.