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16.12.2002 | Von:
Michael Gehler

Zeitgeschichte zwischen Europäisierung und Globalisierung

II. Vergleich des historisch Spezifischen im Mehrebenensystem

Ein immer dringlicheres Desiderat ist daher der historische Vergleich. [6] Er war aufgrund des globalen Arrangements zwischen den Supermächten, ideologischer Rücksichtnahmen und übertriebener politischer Vorsicht vielfach tabuisiert. Im Grunde ist er gar nicht neu, weil er geschichtswissenschaftliche Tradition hat - auch wenn einzuwenden ist, dass Geschichte aus Unvergleichbarem besteht. Vergleichen muss aber nicht Gleichsetzen heißen. Partielle Übereinstimmungen festzustellen muss noch keine "Relativierung" bedeuten, als ob dies etwas per se Schlechtes wäre, wie im "Historikerstreit" [7] um die umstrittenen Thesen von Ernst Nolte unterstellt wurde - ohne zu realisieren, dass mit dem komparativen Ansatz die Einzigartigkeit des NS-Massenmords an den Juden eigentlich erst deutlich wurde. Der Comparative History ist an Gründen, Intentionen und Wirkungen im historischen Prozess gelegen. Es geht um Abgrenzungen, Differenzierungen, Kontrastierungen und Generalisierbarkeit. Der historische Vergleich ist nicht nur für lokale und regionale, sondern gerade für nationale und übernationale Sachverhalte notwendig, weil dadurch erst ihre spezifischen Merkmale hervortreten.

Vergleiche werden immer notwendiger, um Geschichte in der Komplexität, ihre dialektischen Prozesse und wechselseitigen Abhängigkeiten zu erfassen. Regionale Geschehnisse sind nicht nur als Ergebnis staatlicher Konstellationen, sondern nationale Verhältnisse auch als Folge europäischer und globaler Prozesse zu verstehen, wobei interdependente Beeinflussungen von "oben" nach "unten" und vice versa erfolgen, z.B. Machtkonzentrationen und Koalitionen auf einer mittleren Ebene (z.B. EU-Staaten) und oberen Ebene (z.B. IWF, UNO und WTO) und deren Folgewirkungen, d.h. Gegenaktionen "von unten" (z.B. Maßnahmen der Globalisierungsgegner in Seattle und Genua oder Regionalisierung in EU-Staaten). Zu erforschen sind aber auch Wechselbeziehungen von subjektivem Handeln starker Einzelpersönlichkeiten (z.B. Jacques Delors als Kommissionspräsident) und strukturellen Bedingungen (z.B. nationale Administrationen, von EU-Institutionen und internationalen Organisationen, Mentalitäten von Akteuren und Apparaten, Traditionen in Staaten etc.). Nicht nur solche Mehrebenenbetrachtung, sondern auch der gleichzeitige Ebenenvergleich lohnt. [8]

Zeitgeschichte wird dadurch aufwändiger, sowohl was die Forschung als auch die Darstellung anlangt. Aufgrund weitgehend fehlender vergleichender übernationaler Zeitgeschichten gibt es noch keine verbindliche Periodisierung, zu wenig ist bisher im Sinne einer Gesamtschau gearbeitet worden: Brüche und Zäsuren werden nach wie vor nationalgeschichtlich festgeschrieben, sieht man von übernationalen Einschnitten wie 1918, 1945 und 1989 ab.

Fußnoten

6.
Vgl. Heinz-Gerhard Haupt/Jürgen Kocka (Hrsg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt/M. - New York 1996; Helga Schnabel-Schüle, Vergleichende Perspektiven - Perspektiven des Vergleichs: Studien zur europäischen Geschichte von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert, Mainz 1998; Hartmut Kaelble, Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. - New York 1999.
7.
Vgl. u. a. Matthias Peter/Hans-Jürgen Schröder, Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, Paderborn - München - Wien - Zürich 1994, S. 84-97.
8.
Vgl. Michael Gehler, Zeitgeschichte im dynamischen Mehrebenensystem: Zwischen Regionalisierung, Nationalstaat, Europäisierung, internationaler Arena und Globalisierung, Bochum 2001, S. 22-26.