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12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

VI. Politische Bildung als Dienstleistungsfunktion

Eine Umorientierung politischer Bildungsarbeit in allen angesprochenen Punkten könnte zu einer "qualifizierten bürgerschaftlichen Wende" in der außerschulischen politischen Bildung führen, die gekennzeichnet ist durch ein neues Verständnis des Bürgers als Bildungspartner. Ein wesentlicher Kern dieses Aufbruchs wäre neben der regionalen Nähe des politischen Bildners zum Bürger und dem Einsatz multipler sowie kompakter Bildungsformate die Herausbildung einer besonderen Dienstleistungsfunktion. Politische Bildung darf nicht weiter bedeutungslos und abstrakt für die Menschen sein. Dies führte bisher zu einer marginalisierten Nachfrage, ja zur völligen Infragestellung außerschulischer politischer Bildungsarbeit. Die Frage nach der Nützlichkeit politischer Bildung wird zwar seit langem von Politikdidaktikern gestellt, aber in der Praxis nicht konsequent genug umgesetzt. Wie könnte eine solche Dienstleistungsfunktion aussehen, was lässt sich dazu aus den Befunden zum Berichtssystem sagen? Zwei Beispiele:

- 43,2 Prozent der Bevölkerung wünschen sich in Wahlkampfzeiten Unterstützung durch eine unabhängige Beratungsstelle, die zum Beispiel gebündelt alle Standpunkte der Parteien auf den Punkt bringt. Diesen Personen wurde eine Wunschliste mit acht Themen vorgelegt, zu denen sie einen Bedarf äußerten (Mehrfachnennungen waren möglich), der je nach Thema von 23,9 Prozent bis 79,5 Prozent reichte.

- Jeder Zweite steht häufig oder manchmal vor der Situation, mehr Hintergrundinformationen zu den in den Medien vermittelten Nachrichten zu benötigen. 72,6 Prozent von ihnen (das entspricht 37,8 Prozent der Bevölkerung) würden es begrüßen, wenn sie sich schnell an eine überparteiliche und unabhängige Beratungsstelle wenden könnten, wo man ihnen entweder ihre Fragen direkt beantwortet oder sie auf Bildungsangebote in ihrer Gegend aufmerksam macht.

7,7 Prozent sind "sehr wahrscheinlich" und 26,4 Prozent "wahrscheinlich" zur Nutzung solcher Dienstleistungsangebote politischer Bildung bereit, die ihnen Orientierungshilfen bieten. Dadurch wird zweierlei deutlich: Zum einen liegt die Nutzungswahrscheinlichkeit eines solchen Dienstleistungsaspekts bereits erheblich höher als die Reichweite der bisherigen politischen Bildungsarbeit mit ihrer breiten Themenvielfalt. Zum anderen wird deutlich, dass es sich bei einer solchen Dienstleistungsfunktion nicht um das übliche Angebotsrepertoire politischer Bildung handelt, sondern dass es weit darüber hinaus weist. Dienstleistung umfasst dabei ein breites Spektrum - es müssen nämlich verschiedene Gruppen (Bürger oder Behörden und Institutionen) mit unterschiedlichen Leistungen bedacht werden. Sie steht im Gegensatz zur (langfristig angelegten und tief gehenden) Bildung unter einem konkreten Nutzenaspekt, der auch "nur" Information, Bildungsberatung oder die Erklärung eines bestimmten Begriffs auf Anfrage umfassen kann.

Dass politische Bildner den Bürgern beispielsweise im wichtigen Handlungsfeld Wahlkampf keine ausreichende Dienstleistung bieten und damit einem Bedarf in der Bevölkerung nicht nachkommen, wurde durch eine gesonderte Untersuchung des Kommunalwahlkampfes 2001 in Hessen und des Landtagswahlkampfes in Baden-Württemberg nachgewiesen. [7] Eine Dienstleistungsfunktion wäre nicht nur bei der Einführung eines neuen Kommunalwahlrechts dringend notwendig, wie es in Hessen der Fall war, oder bestände - wie im Südweststaat - nicht nur in einer synoptischen und über die Medienberichterstattung hinausweisenden Orientierungshilfe. Eine erläuternde Unterstützung und Beratung wäre zum Beispiel auch bei Volksabstimmungen mittels Vorträgen, aber vor allem durch Zeitungsrubriken, vertiefende Informationsblätter und Informationsstände möglich. So wurde bei drei Volksabstimmungen in Hessen, die parallel zur Bundestagswahl 2002 stattfanden, die Informationspolitik der Landesregierung, der Parteien und der Medien zu Recht als unzureichend kritisiert. Dies hätte durch politische Bildner aufgefangen werden können und müssen. Generell muss die Dienstleistungsfunktion dazu führen, dass politische Bildung von den Bürgern als nützliche Hilfestellung angesehen wird.

Fußnoten

7.
Vgl. u. a. Karsten Rudolf/Alexander Wicker, Politische Bildung und Wahlkampf: Der Bürger im Visier der Kampag"nenmacher, in: Thomas Berg (Hrsg.), Moderner Wahlkampf - Blick hinter die Kulissen, Opladen 2002, S. 25-48.