30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

VIII. Schlussbetrachtung

Angesichts zahlreicher "hausgemachter" Probleme erscheint es typisch für einzelne politische Bildner, wenn sie sich ungerechtfertigt von außen unter Druck gesetzt fühlen und etwa das Klagelied der "neoliberalen Durchkapitalisierung der Gesellschaft" [8] anstimmen. Infolge einer bisher eher mageren Bilanz ist es nicht verwunderlich, dass (außerschulische) politische Bildung - trotz aller Sonntagsreden der Politiker - zunehmend in die Kritik gerät, ihre Institutionen und Arbeitstechniken von Rechnungshöfen und Zuwendungsgebern in Frage gestellt werden. Es wird schwierig, Argumentationen dagegen zu finden, wenn außerschulische politische Bildung nach wie vor auf eine nur geringe Reichweite verweisen kann, keine umfangreiche und systematische Wirkungsforschung betreibt und nicht mehr Wege außerhalb eines rein subventionierten Systems sucht. Denn politische Bildungsarbeit muss nicht immer nur Kosten verursachen. Ein hauptamtlich beschäftigter Referent kann durchaus versuchen, Bürger zum Bildungspartner und ehrenamtlichen politischen Bildner zu machen. Konkret wären das Menschen, die sich für die Demokratie engagieren, sich mit Politik befassen wollen - nur eben nicht in einer interessengebundenen Organisation mit dem Ziel der unmittelbaren politischen Auseinandersetzung. So könnten sich im Rahmen von Demokratiewerkstätten interessierte Bürger selbst mit politischen Themen beschäftigen und Angebote für Menschen ihres Umfelds organisieren. Der hauptamtliche politische Bildner stößt diese Prozesse an und begleitet diese regionalen und selbst organisierten "Zellen politischer Bildung" mit ihren neuen Multiplikatoren; so entsteht zudem politisches Engagement. Durch Kooperationen und intelligente, effiziente Organisation von Aktionen lassen sich ferner Kosten einsparen bzw. werden gar nicht erst erzeugt. [9] Diese Aspekte sind weitere Merkmale einer neuen und strukturell veränderten Bildungsarbeit, die zur "qualifizierten bürgerschaftlichen Wende" beiträgt.

Als Kern dieser Wende muss sich ein Wandel von der Angebots- zur Nachfrageorientierung vollziehen, die diese Bezeichnung auch verdient und nicht nur eine in Teilen vollzogene Beachtung einiger Wünsche der Bürger bei Gestaltungsfragen oder innerhalb eines vorgegebenen Themenfeldes darstellt. Bildungsplanung also einmal ganz anders: geleitet vom tatsächlichen und regelmäßig zu ermittelnden Interesse des Bürgers und nicht von Vermutungen oder vom missionarischen Eifer des politischen Bildners.

Fußnoten

8.
Klaus-Peter Hufer, Vom Bildungsziel zum Kostende"ckungsgrad - politische Bildung auf dem "Weiterbildungsmarkt", in: kursiv - Journal für politische Bildung, 1 (1998), S. 29.
9.
Vgl. Karsten Rudolf/Melanie Zeller, Wie entsteht politisches Engagement? Das Nidderau-Projekt - eine empirische Wirkungsstudie zur politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2001, S. 143-149. Für Beispiele solcher Demokratiewerkstätten aus dem Bereich der politischen Jugendbildung, die aber auch in die Erwachsenenbildung hineinwirken und übertragbar sind, vgl. Karsten Rudolf/Steffen Albach/Melanie Zeller, Eine Demokratiewerkstatt als ergänzendes Angebot zur politischen Bildung, in: Praxis Schule 5-10, 3 (2001), S. 20-23.