Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Sven Stollfuß

Zwischen Stigmatisierung und Differenzierung. Krankheit in Filmen und Fernsehserien

Krankheit und Populärkultur

Der Inszenierung psychischer Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wird seit der Erfindung des Kinos kontinuierlich eine große Aufmerksamkeit zuteil. Im Fokus stehen Depressionen, Panikattacken, Angst- und Wahnzustände, Halluzinationen, Störung der Wahrnehmung, der Erinnerung, des Gefühls- und Gemütszustandes.[6] Frühe Filme wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" (Deutschland 1920), vor allem aber jüngere Erzählungen wie "Adaption" ("Adaption – Der Orchideen-Dieb", USA 2002), "Hedi Schneider steckt fest" (Deutschland 2015), "Donnie Darko" (USA 2001) oder "Requiem for a Dream" (USA 2000), aber auch TV-Serien wie "The Sopranos" (USA 1999–2007) oder die crossmediale Fernsehproduktion "About:Kate" (Deutschland/Frankreich 2013) widmen sich den Konflikten und Differenzen im Spannungsverhältnis zwischen individueller Situation und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zwischen Subjekt (Körper, Geist, Persönlichkeit) und Sozialem, zwischen Ursachen und Bewältigungsstrategien, zwischen Selbsttechnologien, aber auch Formen der Fremdführung.

Spielfilme und TV-Serien entfalten ihr Bedeutungspotenzial in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und Herausforderungen, ihre ästhetische Inszenierungsweise bleibt dabei jedoch unterhaltungsspezifisch. Ausprägungen symbolischer Ordnungen, unterschiedliche Handlungen und Aussagen (von Akteuren), in denen sich bestimmte Selbst-, Welt- und Menschenbilder sowie individuelle als auch kollektive Wahrnehmungsweisen widerspiegeln, werden narrativ verfasst und sind auf diese Weise Teil eines populärkulturellen Interpretations- und Aushandlungsprozesses.[7] Mit ihren präsentierten Figuren, erzählten Welten, zentralen Konflikten etc. bieten Spielfilme und TV-Serien somit unterschiedliche Erklärungsansätze (und möglichweise auch Bewältigungsformen) mit Blick auf verschiedene gesellschaftliche Themenbereiche an, die nun von Zuschauenden unterschiedlich wahrgenommen, inhaltlich dekodiert und angenommen werden können.[8] Bisweilen können bestimmte Filmreihen, vor allem aber Fernsehserien für ihre Fans auch Anteil an der Beeinflussung des individuellen Denkens und Handelns nach den populärkulturell verfertigten Werte- und Normensystemen haben;[9] hier sind parasoziale Interaktionen und Beziehungsgeflechte zwischen medialen Figuren und Zuschauenden in der Regel besonders stark ausgeprägt.[10]

Audiovisuelle Erzählungen befördern infolge der medialen Inszenierung zumeist einen "externalisierte[n] Blick" auf Krankheiten und leisten somit auch einer vornehmlich von außen nachvollziehbaren "Interpretation dessen [Vorschub], was mit einem Individuum, einer Gesellschaft und beiderlei Interaktionen im Krankheitsfalle geschieht".[11] Allerdings hat der Medienwissenschaftler Jens Eder – unter anderem zur Untersuchung von Depression in Spielfilmen – herausgestellt, dass audiovisuelle Erzählungen auf unterschiedliche Art die Gefühle von Zuschauenden durch subjektivierende Verfahren beeinflussen. Diesbezüglich versteht Eder Spielfilme wie auch TV-Serien als "Qualia-Maschinen",[12] insofern sie "Zuschauer dazu bringen [können], die dargestellte Welt teilweise aus einer Figurenperspektive mitzuerleben".[13] Darüber hinaus bewirkt die emotional-kognitive Verarbeitung des Gezeigten und Erzählten, dass sich Zuschauer und Zuschauerinnen nachhaltig mit den Medieninhalten beschäftigten, sie beurteilen und wertschätzen.[14]

So betrachtet, stellen Spielfilme und Fernsehserien kulturelle Wissensressourcen dar, indem sie das Erkennen und Verstehen auch von Krankheiten beeinflussen können. Ihnen ist "eine Verfremdung spezialdiskursiver Komponenten [das heißt aus dem Diskursbereich der Wissenschaft] sowie deren Anbindung an alltagsnahe, mediale oder cineastisch relevante Diskurse aus ästhetischen Gründen bereits inhärent".[15] Dabei operieren populärkulturelle Erzählungen im Zuge symbolischer Aufladungen jedoch in der Regel mit "normativen" Wertungszuschreibungen, die sowohl stigmatisierende wie auch differenzierende Effekte, das heißt ein Spektrum an Kommunikations- und Interpretationsweisen in der öffentlichen Auseinandersetzung, hervorrufen.

Fußnoten

6.
Vgl. Markus Fellner, Psycho Movie. Zur Konstruktion psychischer Störung im Spielfilm, Bielefeld 2006.
7.
Vgl. Jens Eder/Joseph Imorde/Maike Sarah Reinerth, Zur Einleitung. Medialität und Menschenbild, in: dies. (Hrsg.), Medialität und Menschenbild, Berlin 2013, S. 1–42; Marcus S. Kleiner, Die Methodendebatte als blinder Fleck der Populär- und Popkulturforschungen, in: ders./Michael Rappe (Hrsg.), Methoden der Populärkulturforschung, Berlin-Münster 2012, S. 11–42, hier S. 21f.
8.
Vgl. u.a. Stuart Hall, Encoding/Decoding, in: ders. et al. (Hrsg.), Culture, Media, Language. Working Papers in Cultural Studies, London 1980, S. 128–138.
9.
Vgl. John Fiske, The Cultural Economy of Fandom, in: Lisa A. Lewis (Hrsg.), The Adoring Audience. Fan Culture and Popular Media, London 1992, S. 30–49; Henry Jenkins, Textual Poachers. Television Fans and Participatory Culture, New York 1992.
10.
Zum Modell parasozialer Interaktionen und Beziehungen vgl. Christoph Klimmt/Tilo Hartmann/Holger Schramm, Parasocial Interactions and Relationships, in: Jennings Bryant/Peter Vorderer (Hrsg.), Psychology of Entertainment, Mahwah 2006, S. 291–314.
11.
Arno Görgen, Funktionale Störungen der Normalität. Krankheit in der Populärkultur, in: Sascha Bechmann (Hrsg.), Sprache und Medizin. Interdisziplinäre Beiträge zur medizinischen Sprache und Kommunikation, Berlin 2017, S. 215–238, hier S. 220.
12.
"Qualia" ist ein philosophischer Fachbegriff, der das phänomenale Bewusstsein beschreibt, also die besondere Qualität bewussten subjektiven Erlebens mentaler Zustände.
13.
Vgl. Jens Eder, Depressionsdarstellung und Zuschauergefühle im Film, in: Sandra Poppe (Hrsg.), Emotionen in Literatur und Film, Würzburg 2012, S. 219–245, S. 224.
14.
Vgl. Oliver/Bartsch (Anm. 4).
15.
Fellner (Anm. 6), S. 29.
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