Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Rainer Gries

Den kolonialen Blick überwinden: "Afrikabilder" und "Afrikapolitik" - Essay

Eine Revision des allgemeinen Afrikabildes, gefördert durch Politik, Medien, Schulen und zivilgesellschaftliche Gruppen, könnte Grundlagen schaffen für breiten und aktiven Diskurs zur deutschen und europäischen Außen-, Sicherheits-, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik mit Partnerinnen und Partnern in Afrika. Ein realistisches Afrikabild der Bevölkerung, die Befähigung zur Reflexion, zur kritischen Nutzung von Informationsangeboten, zur Beurteilung von politischen Entscheidungen ist umso mehr eine Herausforderung für die schulische wie außerschulische politische Bildung, als die Menschen beim Thema Afrika kaum eigene Erfahrungen in die Entwicklung ihrer Deutungs- und Beurteilungsmuster einfließen lassen können. Die zunehmende Ablehnung der Flüchtlingspolitik, ihre innenpolitischen Folgen machen Politikerinnen und Politikern klar, dass ihre Politik, auch ihre Afrikapolitik, eine ausreichende Basis in der Bevölkerung haben muss.

Der Politikwissenschaftler Lothar Brock erkannte bereits 1999 eine gemeinsame Problemlage: Eine Vertiefung der Disparitäten ließe sich nicht nur im Verhältnis von Nord und Süd sowie innerhalb des Südens, sondern auch innerhalb des Nordens beobachten. Die ungleiche Entwicklung breite sich immer weiter aus. Auch in den OECD-Ländern häuften sich Erscheinungen, die ursprünglich als typisch für Entwicklungsländer galten: hohe Einkommensdisparitäten, soziale Unsicherheit, bleibende Armut, Herausbildung eines gesamtwirtschaftlich bedeutsamen informellen Sektors und anderes mehr. Deregulierung und Liberalisierung würden eine historisch neue Runde im Wettlauf um die Externalisierung sozialer (und ökologischer) Kosten der Produktion kennzeichnen, an dem alle Länder beteiligt seien.[15]

Wenn afrikanische Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von großen ausländischen Agrarunternehmen mit Unterstützung ihrer Regierungen von ihren Äckern vertrieben werden und ihre Existenzgrundlage verlieren, dann ist das kein "afrikanisches" Problem, es widerfährt Kleinbauern in der Slowakei, Bulgarien oder Rumänien gleichermaßen. Wenn afrikanische Politikerinnen und Politiker in Angola oder im Südsudan große Geldsummen ins Ausland transferieren, dann darf vermutet werden, dass renditeträchtige Anlagemöglichkeiten zum Beispiel in Europa und Deutschland gesucht und gefunden werden – auf den Wohnungsmärkten, im Bildungs- oder Gesundheitswesen. Auch dieses Verhalten ist nicht typisch "afrikanisch", sondern entspricht unserem globalen Wirtschafts- und Finanzsystem.

Es entspricht der Vielfalt unseres Nachbarkontinentes, sowohl die Chancen als auch die verbleibenden Problemfelder und Krisenregionen realistisch zu benennen. Nur eine begriffliche Umstellung von "Krisenkontinent" auf "Chancenkontinent" würde dem notwendigen realistischen und differenzierten Blick auf Afrika nicht gerecht: "Es geht auch um das Afrikabild, ja eine neue Erzählung von und über Afrika, die die Beziehungen und die Politik zu der Region mitprägt. Denn erfahrungsgemäß kann solch eine Wahrnehmung in Europa stärker politikbestimmend sein als eine rational begleitete Interessenpolitik. Die bisherigen Afrikabilder vom ‚Armuts‘- und ‚Krisenkontinent‘ verlieren durch das Bild vom erwachenden Afrika dabei allerdings nicht an Gültigkeit, sondern bleiben je nach Bedarf Referenz für den afrikapolitischen Diskurs in Deutschland und Europa. (…) Die Basis bisheriger Afrika-Perzeptionen bleibt also bestehen, das Bild des erwachenden Afrika gesellt sich hinzu. Dabei wäre es ein wichtiger und notwendiger Schritt, als Grundlage für politisches Handeln ein differenziertes und ausgewogenes Bild Afrikas zu zeichnen."[16]

Ein differenzierteres Bild von Afrika sollte möglichst weitgehend und entsprechend der Vielfalt des Kontinentes die Lebenswirklichkeit, den Alltag der Menschen wie auch die Beziehungen von Deutschland und Europa mit den Ländern und Gesellschaften Afrikas widerspiegeln. Eine Herausforderung bleibt, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Menschen hier die Möglichkeit hat, das überlieferte Afrikabild durch eigene Erlebnisse und Erfahrungen zu ergänzen. Die mediale Vermittlung bleibt dominant – und die Förderung von Medienkompetenz daher wichtig. Die aktuelle Debatte über Flucht, Migration und Migrationspolitik macht die Arbeit an einem differenzierteren Bild Afrikas nicht leichter. Da den Medien bei der Prägung des Afrikabildes in Deutschland eine Schlüsselrolle zufällt, sind hier noch mehr Beiträge darüber zu fordern, wie Afrikanerinnen und Afrikaner jenseits von Katastrophenmeldungen leben und ihren Alltag bewältigen. Ein weiterer Ansatz wäre, mehr afrikanische Journalistinnen und Journalisten in die Berichterstattung einzubeziehen.

Auch in Schulen und Universitäten sowie in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung bieten sich Chancen, Texte afrikanischer Autorinnen und Autoren sowie afrikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einzubeziehen. Wenn über die Breite der Fachbereiche und Schulfächer Erfahrungen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft afrikanischer Länder einbezogen würden, erhielten sie einen anderen Stellenwert als durch die Behandlung in einer "Afrika-Nische". Es würde für Schülerinnen und Schüler sowie Studierende hier einen Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn und gegenüber unserem Nachbarkontinent größeren Respekt bedeuten.

Ebenso sind lokale Initiativen denkbar: Wo ehrenamtliche Helferinnen und Helfer Geflüchtete sowie Migrantinnen und Migranten unterstützen, könnten sie einen Austausch mit der Nachbarschaft anstoßen. Auch in Schulen mit Kindern, deren Eltern aus Afrika zugewandert sind, wäre ein stärkerer Austausch möglich. Wenn auch Geflüchtete nicht repräsentativ für "die" Afrikanerinnen und Afrikaner sein mögen, so wären dies doch Ansätze auch im Sinne Kwame Opokus, erst einmal im eigenen Land zu beginnen, vorhandene Afrikabilder zu korrigieren und einen möglicherweise noch immer kolonialen Blick zu überwinden.

Fußnoten

15.
Vgl. Lothar Brock, Dritte Welt weltweit. Die Verallgemeinerung der Entwicklungsproblematik als Fokus der Theoriebildung, in: Reinold E. Thiel (Hrsg.), Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie, Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung, Bonn 1999, S. 127f.
16.
Manfred Öhm/Sergio Grassi, Africa Rising? Plädoyer für eine differenzierte Afrikapolitik, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 12/2013, S. 6f.
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