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28.5.2004 | Von:
Matthias Kettner

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung

Unrechtsproportionale Erschwerung von Forschung

In diesem Zusammenhang taucht immer wieder der Einwand der moralischen Heuchelei auf. Er lautet: Es wäre falsch, Forschung zu ächten und "die anderen" machen zu lassen, deren Ergebnisse man gleichwohl nutzen will; also besser gleich und uneingeschränkt SZF zulassen. Dieses Argument ist genau genommen viel voraussetzungsvoller - und darum auch viel weniger überzeugend -, als es zunächst scheinen mag. Denn der Einwand setzt voraus, dass die Ergebnisse auf jeden Fall genutzt und deshalb auch als unproblematisch gelten würden. Die Nutzung von therapeutisch wünschenswerten Ergebnissen (angenommen es kommt dazu) von in Deutschland für Unrecht erklärten Forschungen kann im deutschen Rechtsgebiet durch Sanktionen erschwert werden, die dem Maß entsprechen sollten, in dem uns die diesbezügliche Forschung als großes Unrecht gilt.

Der moralische Grund, der meine Forderung nach unrechtsproportionaler Erschwerung von Nutzung und Anwendung rechtfertigt, lässt sich in einem einfachen Gedankenexperiment verdeutlichen: Angenommen, ein neues aussichtsreiches Heilverfahren für Alzheimerkranke lasse sich nur durch "Senioren verbrauchende" Forschung entwickeln. Nehmen wir weiter an, in Südkorea oder China fänden die Forscher genügend alte Menschen, die dazu bereit sind, ihre letzten Lebensjahre für dieses Forschungsprogramm zu opfern. (Auch für die jüngst in Südkorea erfolgten Versuche, einen Menschen zu klonieren, haben sich Medienberichten zufolge Hunderte wissenschaftsbegeisterte Frauen zu Eizellspenden bereit gefunden.)

In unserer forschungsethischen Bewertung der Entstehungsbedingungen des neuen Heilverfahrens wird ein wichtiger Gesichtspunkt die Frage sein, wie frei und wie tiefgehend die Identifizierung dieser Menschen mit dem Forschungsprogramm wirklich ist. Ich muss an dieser Stelle nicht die schwierige Frage diskutieren, wann es jemandem überhaupt moralisch gestattet sein sollte, das eigene Leben fremdnützig zu opfern. Nehmen wir an, gegen suizidalen Altruismus für nichttriviale ("hochrangige") Interessen von Wissenschaftlern gebe es keine absolut schlagenden moralischen Argumente, die ihn unter allen Bedingungen verbieten; vielmehr hänge die moralische Zulässigkeit von den näheren Umständen ab, unter denen eingewilligt wird. Nehmen wir des Weiteren an, es häufen sich die Hinweise auf Fälle der nichtfreiwilligen Rekrutierung oder der mangelnden Aufklärung rekrutierter alter Menschen in Korea. Für uns ist dann bald eine moralische Grenze der Tolerierbarkeit überschritten, denn statt individuell verantwortetem Altruismus haben wir es nun offenbar damit zu tun, dass ein Kollektiv einigen seiner Mitglieder in späten Phasen ihres Lebens den Tod aufzwingt.

Das nächste hier einschlägige medizinethische Prinzip, dessen Verletzung uns empört, ist die Überzeugung, dass die Wahrung der leiblichen Integrität der Einzelperson im medizinischen Heil- und Forschungshandeln Vorrang vor allen sonstigen eigen- und fremdnützigen Interessen haben muss, die in diesen Kontexten mitlaufen, und dass dieser Vorrang einzig auf dem Wege der aufgeklärten Einwilligung (die mehr als bloße Erlaubnis sein muss) im Einzelfall mit guten Gründen relativiert werden darf. Dieses medizinethische Unverletzlichkeitsprinzip wird in der angelsächsischen Diskussion gerne auf die Formel vom "informed consent" verkürzt.[5]


Fußnoten

5.
Zur Geschichte und Problematik dieses Begriffs vgl. Jochen Vollmann, Das Informed Consent-Konzept als Politikum in der Medizin, in: Matthias Kettner (Hrsg.), Angewandte Ethik als Politikum, Frankfurt/M. 2000, S. 253 - 279.