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15.1.2004 | Von:
Harald Müller

Das transatlantische Risiko - Deutungen des amerikanisch-europäischen Weltordnungskonflikts

Strukturbasierte Deutungen

Eine große Zahl von Autoren argumentiert von einer strukturalistischen Basis aus. Demnach sind die handelnden Personen und Institutionen ausführende Agenten beharrlicher Strukturen, die ihnen wenig oder keinen Spielraum lassen, abweichende Präferenzen zu entwickeln und diese in ihrer Politik umzusetzen. Je nach Ausgangspunkt und Weltbild fallen Diagnose und Prognose dieses strukturalistischen Ansatzes eher pessimistisch oder eher optimistisch aus.

Mars und Venus

Der bekannteste pessimistische Strukturalist ist Robert Kagan, dessen Aufsatz und späteres Buch "Macht und Schwäche"[4] trotz zahlreicher Vereinfachungen elektrisierend auf die transatlantische Debatte gewirkt und damit demonstriert haben, wie groß das Bedürfnis sein muss, komplexes Geschehen auf einfache Interpretationsmuster herunterzubrechen.[5] In den folgenden Ausführungen leitet Kagan die amerikanische Politik aus der unvergleichlichen Macht Washingtons und der daraus folgenden Rolle als Weltordnungsgarant ab. Die Vereinigten Staaten können demnach nicht anders handeln, als sie es tun: die eigenen (richtigen) Vorstellungen von Ordnung, von europäischen Protesten unbeirrt, zur Not auch mit militärischer Gewalt durchsetzen. Die harsche Hobbes'sche Welt von Krieg, Kampf und Machtrivalität, chaotisiert durch das Auftreten entschlossener, fanatischer substaatlicher und transnationaler Akteure - verkörpert in der Al-Qaida -, lässt keine andere Wahl als den massiven Einsatz militärischer Gewalt, um das drohende Bündnis von Terroristen und herrschsüchtigen Diktatoren zu sprengen und allfällige Gefahren im Keim zu ersticken, bevor sie das Reich des demokratischen Friedens bedrohen können. Die Europäer hingegen, von dieser Welt getrennt und selbst der fortgeschrittenste Teil eben dieses Friedensreiches, haben es sich in ihrer Schwäche bequem gemacht. Sie können gar nicht mehr so handeln, wie die Amerikaner handeln müssen. Deutschland nimmt in diesem pazifistischen Ensemble die Position des Protagonisten ein.

Die Rollen der USA und Europas werden nach Kagan von den Kräfteverhältnissen determiniert. Gleiches gilt für die Weltsichten, die daraus folgen. Die Vereinigten Staaten sehen die vielfältigen Gefahren und leiten daraus Notwendigkeiten zum - gegebenenfalls gewaltsamen - Handeln ab. Weil sie handeln müssen und können, verwahren sie sich gegen Versuche, ihrer Handlungsfreiheit Fesseln anzulegen. Ihr rollenbedingter Realismus zieht den Möglichkeiten, sich auf Multilateralismus einzulassen, enge Grenzen. Denn Gulliver darf sich nicht fesseln lassen, wenn denn der Gedanke an Ordnung nicht von vorneherein aufgegeben werden soll.

Anders die Europäer; ihr Friedensreich ist nach Kagan durch vielfältige rechtliche und institutionelle Bindungen geprägt, die in der EU kulminieren. Mangels militärischer Kapazitäten unfähig, das Machtspiel zu spielen, möchten sie vielmehr diese "weiche" Form von Außenpolitik - Diplomatie, Kooperation, Verträge, internationale Institutionen - lückenlos auf die Welt übertragen, leider auch dort, wo es aufgrund der Böswilligkeit der "Partner" nicht passen kann. Die Vereinigten Staaten bewahren die Europäer also nicht nur vor dem Übel, das da draußen lauert, sie schützen sie zugleich vor den möglicherweise fatalen Folgen einer auf Weichheit gegründeten weltpolitischen Konzeption. Angesichts der fundamental unterschiedlichen Denkweisen über die Welt stellt Kagan fest, dass von einer transatlantischen Wertegemeinschaft nicht mehr die Rede sein könne; die Ideologie-Lücke, bedingt durch dramatisch unterschiedliche Machtpositionen, lässt sich nicht schließen, fortgesetzte Reibungen und Kontroversen sind unausweichlich: Insofern ist Kagan Pessimist. Allenfalls ein tragbarer Modus vivendi könne sich herstellen lassen, wenn die USA etwas geduldiger, verständnisvoller und gesprächsbereiter und die Europäer ein wenig unterwerfungswilliger seien.

Imperiale Logik und Überdehnung

Die materiellen Voraussetzungen internationaler Politik bleiben auch die Ausgangsbasis verwandter Deutungen, die sich mit der "imperialen Logik" befassen. Herfried Münkler schließt sich in seiner Deutung der Irak-Kontroverse eng an das Interpretationsschema Kagans an, bricht aber dessen Ton optimistischer Rechtfertigung mit dem Hinweis auf die dringenden und drängenden Notwendigkeiten, welche die USA in die seit alters her geltende Problematik der imperialen Überdehnung durch universale militärische Präsenz trieben. Der Irakkrieg ist demnach der fast schon verzweifelte Versuch, den wachsenden Bedarf an amerikanischen Truppen in der Umgebung des Persischen Golfes, der mit der Steigerung der Entwicklungs-Selbstblockade der arabischen Verbündeten einherging, durch einen einmaligen Waffengang zu beenden. Der gewaltsam erzwungene Regimewechsel im Irak sollte die regionale Hauptgefahr beheben und die Möglichkeit zu einer demokratischen und friedlichen Entwicklung eröffnen. Damit wären die USA frei, ihre Truppen aus der Region abzuziehen, und gewännen zusätzliche Handlungsfreiheit, um ihr globales Imperium zu erhalten. Nach dem gleichen Muster werden, so prognostiziert Münkler, weitere Kriege folgen, welche die Europäer - denen die militärischen Mittel zur Machtprojektion fehlten - nicht billigen können. Umso mehr werden die USA nach der Regel "Teile und herrsche" den Versuch unternehmen, die europäische Position aufzusprengen und - über die NATO - einen Teil für "Koalitionen der Willigen" zu gewinnen. Die ideologische Entfremdung zwischen Europa und Amerika werde dadurch nur noch steigen.[6]

Die Tragik des Imperiums ist gleichfalls der Grundtenor der kritischen Analysen von John Mearsheimer[7] und Christopher Layne.[8] Beide erinnern ihre Landsleute an den Zerfall der vergangenen Imperien. Der Versuch, eine derart umspannende Kontrolle über die Welt zu errichten und zu erhalten, dass die eigenen vitalen Interessen absolut verlässlich geschützt sind, kommende Gefahren frühzeitig kontrolliert werden können und auch die Sicherheit der eigenen Alliierten so weitgehend gewährleistet ist, dass diese auf den Aufbau eigener, künftig konkurrenzfähiger militärischer Fähigkeiten verzichten, überfordert auch den stärksten Staat. Die Kriege in Afghanistan und Irak sind Schritte auf einem Weg zu einem globalen Kontrollversuch. Nicht nur fehlen den USA trotz ihrer historisch unvergleichlichen Stärke die Ressourcen, um alle Erfordernisse einer solch globalen Ordnung zu erfüllen. Der Versuch alleine trägt bereits den Keim des Scheiterns in sich, da er Gegenkoalitionen provoziert. Selbst die Alliierten werden sich auf Dauer keiner Ordnung beugen, welche Unterwerfung verlangt. Zweifel an dem guten Willen des Hegemons werden geweckt werden, und diese Zweifel werden (manche, viele, alle) Bündnispartner in unverhoffte Zweckbündnisse mit möglichen Feinden der USA treiben (z.B. Russland, China). Die französisch-deutsch-russische Gelegenheitsachse während der Irak-Kontroverse gilt als Anzeichen dafür, dass der Trend bereits auf dem Wege ist. Die Opposition der US-Realisten gegen den Irakkrieg resultierte aus ihrer Überzeugung, dass eine militärische Intervention den Prozess der Überdehnung und Gegenmacht-Bildung nur beschleunigen würde.[9]

Der Pessimismus dieses "strukturellen Realismus" geht in eine doppelte Richtung: Die Beziehungen zwischen Europa und den USA sind unweigerlich konfliktbehaftet, und zwar in zunehmendem Maße; die Konflikte könnten noch schärfer werden, als Kagan das voraussieht. Die strukturellen Realisten glauben nämlich nicht an die Unveränderlichkeit des gegenwärtigen europäischen Pazifismus und halten es für wahrscheinlich, dass auch Europa seine militärischen Machtmittel erhöhen wird. Weil jedoch mit dem Ende des Ost-West-Konflikts der gemeinsame Feind entfallen ist, wird die Stärkung Europas keineswegs dazu führen, dass die Europäer Seite an Seite mit den USA streiten. Vielmehr werden sie ein Gegengewicht zur amerikanischen Übermacht bilden, wobei Deutschland als ressourcenstärkstem Land in Europa die führende Rolle zufallen wird. Zugleich sind die Realisten - anders als der Neokonservative Kagan - pessimistisch in Bezug auf die Möglichkeiten der USA, das eigene imperiale Programm erfolgreich zu bestreiten. Die USA sind nach Mearsheimer zum Scheitern verurteilt oder haben nach Layne allenfalls die Möglichkeit zum Rückzug auf den amerikanischen Kontinent, der die regionalen Ordnungsaufgaben den Mächten der jeweiligen Region überantwortet.[10] Diese Alternative, die Layne seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes immer wieder vertreten hat, unterminiert allerdings die These der strukturellen Zwänge und verweist zum ersten Mal darauf, dass es letztlich die politischen Akteure sind, die darüber entscheiden, in welche Richtung die Reise geht.

Strukturelle Machttransformation

Charles Kupchan gehört wie Kagan zu den meistzitierten Analytikern der Weltpolitik, im Unterschied zu jenem ist er aber Bush-kritisch. Kupchan sieht das amerikanisch-europäische Verhältnis von dem traditionellen Vorgang der Machttransformation geprägt: Das sich erweiternde und integrierende Europa mit seiner gemeinsamen Währung und seinem gemeinsamen Verteidigungsprojekt ist die aufsteigende, das von Terrorismusfurcht geplagte, von seinem westlich/mittelwestlich geprägten Innern zur Introversion veranlasste und von seinem Ressourceneinsatz her überforderte Amerika die absteigende Macht. Konflikte sind unvermeidlich.

Sie werden verschärft durch die ideologische Divergenz, die Kupchan weitgehend auf die Zusammensetzung der Bush-Regierung zurückführt (womit ein ideelles Element in die zunächst materialistische Analyse einfließt). Diese Zusammensetzung reflektiert aber nach Kupchan durchaus die demographische und wirtschaftliche Entwicklung der USA, wo das "Herzland", der mittlere Westen und Westen, im Aufstieg ist. Dort sei die antimultilaterale Ideologie mehr zu Hause als irgendwo anders. Und im Übrigen attestiert Kupchan den Amerikanern eine überwiegend unilateralistische politische Kultur.

Verschlimmert wird die Lage auch durch die gegenwärtige Position Europas auf der Aufstiegsleiter: Es ist zu stark, um sich von den USA gängeln zu lassen, aber noch zu schwach, um gleichberechtigter Partner zu sein; das veranlasst die USA zu einer Einstellung, in der sich Misstrauen und Verachtung mischen, was dem Verhältnis natürlich nicht zuträglich ist. Den Ausweg sieht Kupchan in der wechselseitigen Anerkennung der Verschiedenheit und der neuen Rollenverteilung.[11]

Optimistische Strukturalisten: Die proeuropäische Variante

Der Blick auf die Strukturen internationaler Politik kann auch zu ganz anderen, zu viel optimistischeren Prognosen für die transatlantischen Beziehungen führen; dann nämlich, wenn man das intellektuelle Korsett des "Realismus" verlässt und den Blick auf die Bindekräfte zwischen Europa und die USA richtet. Die Vertreter dieser Position knüpfen an dem Konzept der "Sicherheitsgemeinschaft" an. Es bezeichnet ein dichtes, auf Dauer gestelltes institutionelles Beziehungsgeflecht, das den Gedanken an ernsthafte Konflikte unter den Gemeinschaftspartnern gar nicht erst aufkommen lässt, sie im Gegenteil für ihre Sicherheit auf die gegenseitige Kooperation und wechselseitige Solidarität verweist.[12] Thomas Risse[13] -und ganz ähnlich auch Robert G. Livingston[14] - betonen dabei ganz zu Recht das Quartett ausWirtschaftsbeziehungen, Wertegemeinschaft, öffentlicher Meinung und institutioneller Vergemeinschaftung. Wirtschaftlich ist der transatlantische Raum der Ort der verdichtetsten transkontinentalen Beziehungen weltweit, und zwar bis zu dem Punkt, an dem sich die Bezeichnung "amerikanisches Unternehmen" oder "deutsches Unternehmen" als sinnlos erweist, weil die Interessen derartig geographisch integriert sind, dass sich eine Zurechnung zu Nationalstaaten (und deren Interessen) erübrigt.[15]

Auch die Gemeinsamkeit, die durch die liberalen Werte begründet wird, ist eng. Es war ja keineswegs so, dass irgendjemand im "Alten Europa" Sympathien mit dem Regime Saddam Husseins gehegt hätte - die Abscheu über dessen Herrschaft war in Deutschland, Frankreich oder Belgien nichtweniger groß als in den USA, nur der Umgang damit war heftig umstritten. Das gemeinsameIdeal, dass die Demokratie dereinst weltweit die akzeptierte Herrschaftsform werden möge, istgemeinsamer Traum der transatlantischen Gemeinschaft. Diese Gemeinsamkeiten zeigen sich auch in der öffentlichen Meinung zu Fragen internationaler Politik. Tatsächlich sind die Unterschiede hier weitaus geringer, als dies der Streit der Regierungen vermuten ließe. Die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten sind überwiegend den Vereinten Nationen, der multilateralen Rüstungskontrolle, der Entwicklungshilfe oder derinternationalen Umweltpolitik gegenüber so positiv eingestellt wie die Menschen in Europa.[16] Unter der Oberfläche der tagespolitischen Streitereien zeigt sich damit eine strukturelle Grundlage, die nicht nur die grundlegenden Werte der liberalen Völkergemeinschaft, sondern auch deren Anwendung auf laufende Probleme als gemeinsames Gut der westlichen Völkergemeinschaft aufweist.

Schließlich enthalten auch die gemeinsamen Institutionen eine nicht zu unterschätzende Bindekraft. Die NATO steht an erster Stelle, die entgegen pessimistischen Prognosen das erste Jahrzehnt seit dem Ende der Konfliktkonstellation, die ihre Gründung motiviert hatte, nicht nur gerade so überlebt hat, sondern mit einer erstaunlichen Vitalität, neuen Aufgaben und einer erweiterten Mitgliedschaft zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Andere Institutionen wie die OECD, der Dialog zwischen EU und den USA, und Weltwirtschaftsorganisationen wie IWF oder WTO, die von den transatlantischen Partnern dominiert werden, treten hinzu. Institutionelle Bindungen haben ein intrinsisches Beharrungsvermögen.

Diese vierfachen Bindungswirkungen geben eine solide Grundlage ab, um die durch einen gravierenden, durchaus ernst zu nehmenden Elitendissens zu Weltordnungsfragen irritierten transatlantischen Beziehungen zurück zu größerer Übereinstimmung zu führen; Thomas Risse ignoriert also keineswegs die vor allem von der gegenwärtigen, die amerikanische Regierung tragenden Koalition ausgehenden Risiken.[17] Er empfiehlt den Europäern größere Standhaftigkeit und ernsthaftere Bemühungen, sich auf genuin europäische Positionen zu einigen; die deutsche Politik während der Irak-Krise erhält hier eine Ohrfeige, weil durch die grundsätzliche Absage an jegliche militärische Option, selbst wenn der Sicherheitsrat aufgrund irakischer Obstruktionspolitik militärische Maßnahmen angeordnet hätte, die multilaterale europäische Gegenposition zum amerikanischen Unilateralismus unterminiert worden sei. Risse sieht bei wachsender europäischer Einigkeit für die transatlantischen Beziehungen durchaus gute Perspektiven, weil damit Einflussmöglichkeiten auf Washington eröffnet würden. Livingston plädiert (wie auch Zbigniew Brzezinski[18]) für konkrete transatlantische Projekte; hier kommt jeweils zum Ausdruck, dass trotz - oder gerade wegen - der strukturalistischen Betrachtungsweise den Akteuren zugetraut wird, bei richtigem Verhalten strukturerhaltend zu wirken.

Thomas Risse hat eine ganz wesentliche Schwäche der "Pessimisten" aufgezeigt: ihre Fixierung auf die materielle Basis, die reinen Machtverhältnisse, zwischen den atlantischen Partnern. Die Einbeziehung der ideellen/ideologischen Dimension - etwa die gerade auch von amerikanischen Autoren immer wieder notierte größere politische Religiosität im amerikanischen Konservatismus[19] - gibt den Blick erst vollständig frei auf die Gesamtheit der bestehenden Bindungen, erlaubt aber zugleich auch die Analyse der Kontroversen, die gerade in dieser Dimension zu Hause sind. Aber Risse vernachlässigt zu stark die Wirkungskräfte der Akteure, die von den Strukturen, in denen sie arbeiten und die nicht unabhängig vom Handeln der Akteure bestehen, keineswegs vollständig gefesselt sind. Um die künftige Stabilität der transatlantischen Beziehungen und damit auch der deutsch-amerikanischen realistisch einschätzen zu können, muss die Frage gestellt werden, wie robust diese Strukturen gegenüber zerstörerischem Handeln der Akteure sind. Dies scheint auch Risse anzuerkennen, wenn er die Europäer zu einer konzertierten Verteidigung der transatlantischen Strukturen gegen die gegenwärtigen US-Politik auffordert.

Optimistische Strukturalisten: Die proamerikanische Variante

Joachim Krause[20] geht mit der Analyse von Thomas Risse in vielen Punkten konform. Auch er sieht das Verhältnis Europa-Amerika und Deutschland-Amerika in einer soliden strukturellen Grundlage begründet, welche den einen oder anderen Sturm durchaus aushalten kann. Er geht allerdings einen Schritt weiter; wo Risse zwischen den politischen Eliten erhebliche Zerwürfnisse konstatiert und daraus die Forderung an die Europäer ableitet, zu einer einheitlichen Strategie zu finden, mit der sich die amerikanischen Abweichungen von den gemeinsamen Grundlagen korrigieren ließe, hält Krause den Dissens für ein Ergebnis von Missverständnissen und Fehlinterpretationen auf Seiten der Europäer: Tatsächlich gehe es den amerikanischen Konservativen - deren Argumente und Denkweise in Europa keine faire Aufnahme gefunden hätten - keineswegs um die Vorherrschaft der USA, sondern um die Verwirklichung der liberalen Werte, in denen auch der europäische Multilateralismus wurzele. Demnach stehe hier nicht Multilateralismus gegen Unilateralismus, sondern der "unversalistische Liberalismus" der Europäer, vor allen Dingen der Deutschen, der stets vom fehlenden Realismus geplagt sei, gegen einen "pragmatischen Liberalismus", der gegen diese Gefahr gefeit sei.

Die USA wünschten dringend die (multilaterale) Zusammenarbeit mit anderen, vor allem den Verbündeten, sähen sich aber durch die Risiken der Weltpolitik gegebenenfalls auch zum Alleingang berechtigt und genötigt. Sieht Risse die Lösung in der größeren Geschlossenheit der Europäer, mit der diese den Alleingängen des amerikanischen Bundesgenossen entgegentreten müssten, so wünscht Krause vielmehr, dass die Europäer sich der "sinnvollen Synthese zwischen liberalen und realistischen Vorstellungen" amerikanischer Neokonservativer anschließen und von ihrem "trotzigen Beharren auf meist formalen völkerrechtlichen Bestimmungen" ablassen mögen. Ähnlich wie Kagan wünscht er sich von Amerika lediglich "weniger Ungeduld" (mit den Trotzköpfen) und mehr Konsultationen.

Krause sieht bei seiner Ehrenrettung des Neokonservatismus davon ab, dass die europäische Kritik von maßgeblichen Stimmen in den USA geteilt und gelegentlich mit noch größerer Schärfe vorgetragen wird. Sein Dementi hegemonialer Ambitionen Washingtons ist auch schlecht mit jenen Kernpassagen der "National Security Strategy" in Übereinstimmung zu bringen, in der ausdrücklich davon die Rede ist, dass die militärische Überlegenheit der USA auf unbegrenzte Dauer festgeschrieben werden müsse.[21] Auch fragt es sich, was der Begriff des Multilateralismus noch wert sein soll, wenn er den politischen und militärischen Alleingang immer dann vorsieht, wenn die anderen sich nicht dem eigenen politischen Willen unterwerfen; hier hilft die Qualifikation mit dem Begriff "pragmatisch" nicht weiter; nicht umsonst sprechen zahlreiche amerikanische Kritiker der Bush-Administration von den imperialen Zügen ihrer Politik.[22] Zum Multilateralismus gehört eben genau jener von Krause fälschlich als "meist formale völkerrechtliche Bestimmungen" abgetane Kanon von Regeln, die nicht "formaler", sondern verfahrensrechtlicher Natur sind und - wie die verfassungsrechtlichen Bestimmungen über die Gesetzgebung - festlegen, wie Entscheidungen über Krieg und Frieden und über andere Aspekte guter Weltordnung getroffen werden sollen.[23] Da in diesen Fragen ein gewaltiger Dissens zwischen den USA und Europa besteht, ist der Versuch, ihn kleinzureden, eine zwar gut gemeinte, im Ergebnis aber schädliche Gesundbeterei, weil er dazu führt, die beträchtliche Arbeit zu unterschätzen, welche die Erhaltung der transatlantischen Beziehung erfordert.[24]


Fußnoten

4.
Robert Kagan, Power and Weakness, in: Policy Review, (Juni 2002) (http://www.policyreview.org/JUNO2/kagan_ print.html); ders., Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin 2003.
5.
Vgl. Harald Müller, Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington, Frankfurt/M 1998, Kap. 2.
6.
Vgl. Herfried Münkler, Der neue Golfkrieg, Reinbek 2003.
7.
Vgl. John J. Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, New York 2001.
8.
Vgl. Christopher Layne, The unipolar illusion. Why new great powers will arise, in: International Security, 17 (Spring 1993) 4, S. 5 - 51.
9.
Vgl. John J. Mearsheimer/Stephen M. Walt, Keeping Saddam in a box (http://www.ksg.harvard.edu/news/ opeds/2003/walt_saddam_box_nyt_020203.htm); dies., An Unnecessary War, in: Foreign Policy, (Jan./Feb 2003), S. 50 - 59; Christopher Layne, The Cost of Empire, in: The American Conservative vom 6. 10. 2003.
10.
Vgl. Christopher Layne, Offshore Balancing Revisited, in: Washington Quarterly, (2002) 2, S. 233 - 251.
11.
Vgl. Charles A. Kupchan, Die europäische Herausforderung, Reinbek 2003; ders., Nicht nur einer wird gewinnen, in: Die Zeit, Nr. 22 vom 22. 5. 2003 (http://Zeus.zeit.de/text/2003/Essay_Kupchan); ders., Recasting the Atlantic Bargain, in: Bernard May/Michaela Hönicke Moore (Hrsg.), The Uncertain Superpower. Domestic Dimensions of U.S. Foreign Policy after the Cold War, Opladen 2003.
12.
Vgl. Karl W. Deutsch u.a., Political Community and the north Atlantic Area: International Organization in the Light of Historical Experience, Princeton, N. J. 1957; Emanuel Adler/Michael Barnett (Hrsg.), Security Communities, Cambridge 1998; Thomas Risse-Kappen, Cooperation Among Democracies. The European Influence on US Foreign Policy, Princeton 1995.
13.
Vgl. Thomas Risse, Die Neue Weltordnung: US-amerikanische Hypermacht - europäische Ohnmacht?, in: Welttrends, (2003) 39; ders., Es gibt keine Alternative! USA und EU müssen ihre Beziehungen neu justieren, in: Internationale Politik, (2003) 6, S. 9 - 18; ders., The Crisis of the Transatlantic Security Community, in: Die Friedenswarte, 78 (2003) 2 - 3, S. 173 - 194.
14.
Vgl. Robert Gerald Livingston, Steiniger Weg. Ein Fahrplan für verbesserte deutsch-amerikanische Beziehungen, in: Internationale Politik, (2003) 6, S. 35 - 40.
15.
Vgl. die Daten bei Gert Krell, Arroganz der Macht, Arroganz der Ohmacht. Der Irak, die Weltordnungspolitik der USA und die transatlantischen Beziehungen, Frankfurt/M., HSFK Report 1/2003; gekürzte Fassung in: APuZ, B 31 - 32/2003, S. 23 - 30.
16.
Vgl. Chicago Council on Foreign Relations/German Marshall Fund of the United States, Worldviews 2002. American and European Public Opinion on Foreign Policy (www.worldviews.org).
17.
Vgl. T. Risse, Es gibt keine Alternativen (Anm. 13).
18.
Vgl. Zbigniew Brzezinski, Europäer in den Irak! Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen, in: Internationale Politik, (2003) 8, S. 57 - 18.
19.
Vgl. Karen Kramer, Klischees, Lügen und Missverständnisse. Zur amerikanisch-deutschen Fehlwahrnehmung, in: Internationale Politik, (2003) 6, S. 49 - 54, hier S. 53f.
20.
Vgl. Anm. 1.
21.
Vgl. The White House, National Security Strategy, Washington, D.C., September 2002.
22.
Vgl. Dimitri K. Simes, America's Imperial Dilemma, in: Foreign Affairs, 82 (2003) 6, S. 91 - 102; John Newhouse, Imperial America: The Bush Assault on the World Order, New York 2003; Edward Rhodes, The Imperial Logic of Bush's Liberal Agenda, in: Survival, 45 (Frühjahr 2003) 1, S. 131 - 154; Clyde Prestowitz, Rogue Nation. American Unilateralism and the Failure of Good Intentions, New York 2003; James Chace, Quixotic Amerika, in: World Policy Journal, XX (Fall 2003) 3, S. 7 - 16; G. John Ikenberry, America's Imperial Ambition, in: Foreign Affairs, 81 (2002) 5, S. 44 - 60 und selbst ein besonnener französischer Beobachter wie Dominique Moisi spricht vom "Amerikanischen imperialen Projekt" im Mittleren Osten und nennt die Vereinigten Staaten Bushs eine "revisionistische" Macht, in: Foreign Affairs, 82, (2003) 6, S. 67 - 73.
23.
Vgl. Jochen Hippler, Unilateralismus der USA als Problem der internationalen Politik, in: APuZ, B 31 - 32/2003, S. 15 - 22; ders./Jeanette Schade, US-Unilateralismus als Problem von internationaler Politik und Global Governance, INEF Report 20, Duisburg 2003.
24.
Ganz abgesehen davon, dass die Übernahme der amerikanischen Bedrohungsanalyse und die daraus folgende Strategie fragwürdig ist; vgl. Sherle R. Schwenninger, Revamping American Grand Strategy, in: World Policy Journal, XX (Fall 2003) 3, S. 25 - 44; Harald Müller, Amerika schlägt zurück. Die Weltordnung nach dem 11. September, Frankfurt/M 2003, Kap. 8 und 9.