Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Birte Förster

Friedensmacherinnen. Der Frauenfriedenskongress in Zürich 1919

Versöhnungsgesten und mentale Abrüstung

Durch symbolische Gesten wie den Blumenstrauß für Mélin und den Handschlag zwischen Delegierten aus Ländern, die gegeneinander Krieg geführt hatten, durch die Versicherung der gemeinsamen Trauer und des wechselseitigen Mitleids wie auch durch die Arbeit an einer Zukunftsvision schufen die Delegierten für die Konferenz, aber auch für ihren Verband eine "emotionale Gemeinschaft".[8] Eine solche Gemeinschaft beruht auf gemeinsamen Gefühlen, Haltungen und Werten.[9] Der Krieg war eben erst zu Ende gegangen, aber die nach Zürich gereisten Frauen aus den unterschiedlichsten Ländern brachten es bereits fertig, die mentale Mobilmachung hinter sich zu lassen und die Traumata des Krieges gemeinsam in Worte zu fassen.[10]

Das wurde sicherlich durch die vor hundert Jahren herrschenden bürgerlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit erleichtert: Frauen galten als das per se friedliebende und sanftmütige Geschlecht, viele der Teilnehmerinnen begründeten Forderungen nach Veränderungen der Friedensbedingungen wie etwa nach dem Ende der Hungerblockade mit der Fürsorglichkeit der Frau. Die Pazifistinnen in Zürich verstanden sich auch selbst ganz essenzialistisch als das friedlichere Geschlecht und beanspruchten mit diesem Argument ihre besondere Verantwortung für den Weltfrieden. Krieg war aus ihrer Sicht eine männliche Angelegenheit, Frauen hingegen waren die mütterlichen Hüterinnen des Lebens.[11]

Die emotionale Gemeinschaft der Pazifistinnen, die sich in Zürich als "Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit" (IFFF) einen neuen Namen und eine neue Satzung gaben, machte die mentale Demobilisierung nach dem Krieg möglich. Neben den erwähnten symbolischen Versöhnungsgesten ging es auch um die konkrete Benennung beispielsweise der Gewalttaten deutscher Männer gegenüber französischen und belgischen Frauen und die Anerkennung des dadurch verursachten Leids.[12] Die Teilnehmerinnen begegneten einander mit Großzügigkeit, denn sie begriffen sich als über die gemeinsame Friedensarbeit aneinander gebunden. Dies unterstrich Jane Addams in ihrer Eröffnungsrede folgendermaßen: "Frei von Groll über gewolltes Missverstehen, frei von Misstrauen gegenüber sogenannten Feinden" sollten die Frauen sich in Zürich begegnen können.[13]

Mehr Mitspracherechte für Frauen

Mit dem Kongress versuchten die Frauen, sich in internationalen politischen Angelegenheiten Gehör zu verschaffen. 1919 gewann ihr Anliegen auf einen Schlag neue Überzeugungskraft, weil Frauen in einer Reihe von Staaten inzwischen das Wahlrecht bekommen hatten.[14] Die Juristin Anita Augspurg, Mitbegründerin des Deutschen Bundes für das Frauenstimmrecht, formulierte selbstbewusst, es gehe in Zürich nicht um die Vorhaben der "Staatsmänner in Paris", sondern darum, "dass wir ganz unabhängig von deren Absichten und Möglichkeiten hier das feststellen, was die Frauen für recht und billig halten".[15] Vor allem warteten die Pazifistinnen nicht ab, ob sie gefragt wurden – denn spätestens seit der misslungenen Intervention der alliierten Frauenverbände in Paris war allen bewusst: Man würde sie nicht fragen, sie mussten schon eigene Forderungen aufstellen. Das Mandat dazu hatten die Aktivistinnen sich selbst erteilt.[16] Wie schon 1915 verbanden die Delegierten ihren Pazifismus mit der Forderung nach mehr Rechten für Frauen, die sie auch an die beiden von der Pariser Friedenskonferenz geschaffenen Organisationen adressierten: den Völkerbund und die Internationale Arbeitsorganisation.

Ein Teil der Beschlüsse der Konferenz sollte nach innen in die nationalen Sektionen wirken, ein zweiter Teil des Schlusskommuniqués wurde direkt zur Friedenskonferenz nach Paris geschickt. Mit eingeschlossen war der "Freibrief der Frauen", der am 14. Mai 1919 angenommen wurde und zur Aufnahme in den Friedensvertrag gedacht war. In diesem Brief forderten die Frauen: "Die vertragsschließenden Parteien erkennen an, dass die soziale, politische und ökonomische Stellung der Frau von höchster internationaler Bedeutung ist."[17] Die Absicherung ihrer Rechte sollte also Teil der Friedensvereinbarung sein, doch das war weder in Wilsons 14 Punkten noch bei den Verhandlungen in Paris vorgesehen. Die in Zürich versammelten Pazifistinnen gingen sogar noch weiter: Verlangt wurde eine völlige Umkehrung der bürgerlichen Vorstellungen davon, wie das "natürliche Verhältnis zwischen Mann und Frau" aussehen sollte. Es sollte künftig von "Unabhängigkeit" und "Mitarbeit" geprägt sein, denn es sei "für die Gesellschaft schädlich (…), die Frauen zu einer abhängigen Stellung zu verurteilen und ihre Entwicklungs- und Erziehungsmöglichkeiten zu begrenzen".[18]

Der Forderungskatalog umfasste das Frauenwahlrecht sowie die Gleichstellung von Mann und Frau in nationalen wie internationalen Institutionen. Ehefrauen sollten Rechtspersonen bleiben und die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen behalten, Mütter das Recht der Vormundschaft bekommen. Dieser letzte Punkt war 1919 in noch keinem Staat erfüllt, selbst in Skandinavien erhielten Frauen erst Ende der 1920er Jahre das Vormundschaftsrecht.[19] Dazu gesellten sich Forderungen, die auch hundert Jahre später in vielen Staaten der Welt aktuell sind: Es sollte gleichen Lohn für gleiche Arbeit geben, die Verantwortung für uneheliche Kinder bei beiden Eltern liegen, und für ihre Familienarbeit sollten Frauen entschädigt werden. Dieser Katalog sollte auch mithilfe der Politik des Völkerbundes in dessen Mitgliedstaaten verwirklicht werden und so "für die ganze Welt einen dauerhaften Segen bedeuten".[20] Doch keines dieser Themen wurde in der französischen Hauptstadt diskutiert, obschon nach dem Willen des US- Präsidenten dort eine neue Weltordnung entstehen sollte.

Fußnoten

8.
Vgl. Jo Vellacott, Feminism as if All People Mattered. Working to Remove the Causes of War, 1919–1929, in: Contemporary European History 10/2001, S. 375–394, hier S. 379.
9.
Vgl. Barbara Rosenwein, Worrying about Emotions in History, in: American Historical Review 107/2002, S. 821–845, hier S. 842f.
10.
Vgl. Rupp (Anm. 1), S. 118ff.; Jost Dülffer, Versailles und die Friedensschlüsse des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Gerd Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919. Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001, S. 17–34.
11.
Vgl. Jennifer A. Davy: "Männliche Gewalt" und "weibliche Friedfertigkeit". Die Militarismuskritik von Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, in: Wolfram Wette (Hrsg.), Schule der Gewalt. Militarismus in Deutschland 1871–1945, Berlin 2005, S. 152–170, hier S. 159–164; Leila J. Rupp/Verta Taylor, Forging Feminist Identity in an International Movement. A Collective Identity Approach to Twentieth Century Feminism, in: Signs 24/1999, S. 363–386, hier S. 377.
12.
Vgl. Leila J. Rupp, Constructing Internationalism: The Case of Transnational Women’s Organizations, 1888–1945, in: American Historical Review 99/1994, S. 1571–1600, hier S. 1590.
13.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 8.
14.
Vgl. Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie, Hamburg 2018.
15.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 78.
16.
Vgl. Vellacott (Anm. 8), S. 378, S. 382f.; Birte Förster, 1919. Ein Kontinent erfindet sich neu, Stuttgart 2018, S. 93.
17.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 343.
18.
Ebd.
19.
Vgl. Blanca Rodrígues-Ruiz/Ruth Rubio-Marín, Introduction. Transition to Modernity, the Conquest of Female Suffrage and Women’s Citizenship, in: dies. (Hrsg.), The Struggle for Female Suffrage in Europe. Voting to Become Citizens, Leiden 2012, S. 1–46, hier S. 37.
20.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 343f.
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