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13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Vaterlandsverräter oder Weltbürger?

Von der Reichsgründung 1871 an hatte sich die ideologische Kontroverse um Heine verschärft. Die rassistisch-antisemitische Diffamierung nahm zu. Legitimiert wurde sie durch die deutschnationale Geschichtsdarstellung wie die eines Heinrich von Treitschke, die Heine als "vaterlandslosen Deutschjuden" aus der Nationalkultur ausgrenzte.

Um die Jahrhundertwende wurde diese Argumentationsstrategie durch eine neue, positive Haltung zu Heine konterkariert. Die erstarkende liberale und sozialistische Minderheit und die Arbeiterbewegung, kulturpolitische Strömungen, wie sie etwa der Publizist und KPD-Mitbegründer Franz Mehring oder der Kritiker Alfred Kerr vertraten, feierten einen anderen, den "ganzen" Heine: nicht nur den romantischen Poeten, sondern auch den Klassenkämpfer und Marx-Freund, nicht nur den Dichter des "Buchs der Lieder" sondern mehr noch den politischen Autor von "Wintermärchen" und "Weberlied", nicht den "vaterlandslosen Deutschjuden" sondern den Weltbürger. Die Bemühungen um den "ganzen" Heine belegen auch die Werkausgaben, die nun erschienen, beginnend mit der bei Heines Verlag Hoffmann und Campe schon ab 1861 edierten Gesamtausgabe. Sie zeigen, dass Heine sich trotz aller Auseinandersetzungen, Anfeindungen und Vereinnahmungsversuche schon in der Zeit zwischen Reichsgründung und der Weimarer Republik einen Platz in der deutschen Literatur erobert hatte.

Doch die antisemitische "Argumentation" hatte Mitte der zwanziger Jahre erneut Konjunktur. Die Deutschnationalen prangerten Heine schon lange vor der "Machtergreifung" als eine der treibenden Kräfte bei der "Zersetzung der deutschen Kunst" an. Bereits 1925 diffamierte ihn ein Artikel der 1923 gegründeten antisemitischen Wochenschrift "Der Stürmer" als "Schwein vom Montmartre". Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, die erste umfassende Aktion der Nationalsozialisten "wider den undeutschen Geist", setzte ein unwiderrufliches Zeichen: ein Fanal für Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung. "Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher/Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Diese viel zitierten Worte aus Heines historischer Tragödie "Almansor" wirken fast prophetisch. Zwar kommentieren sie ein Ereignis aus dem Spanien des 15. Jahrhunderts, die Verbrennung des Korans auf einem Scheiterhaufen während der Glaubenskriege, doch mit den inszenierten Bücherverbrennungen wurde Heines Wort auf bestürzende Weise aktuell.

So verbrannte auf den von der Deutschen Studentenschaft entzündeten Scheiterhaufen auch Heines Werk. Heine war einer von wenigen "toten Dichtern", die das Schicksal der Expatriierung und Verfemung mit den Gegenwartsautoren der NS-Zeit teilten. Doch das Ziel, sein Werk ganz aus dem kulturellen Gedächtnis der Deutschen zu löschen, musste sich als nicht realisierbar erweisen. Dazu war es schon zu tief darin verankert.