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28.12.2005 | Von:
Jürgen Leibold
Steffen Kühnel
Wilhelm Heitmeyer

Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?

Schlussfolgerungen

Zusammengenommen stehen wir erst am Anfang einer Beantwortung der Frage, ob generalisierte abwertende Einstellungsmuster und Vermutungsdiskurse in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen verstärkenden Effekt auf vorhandene Abschottungs- und Distanzmuster unter Muslimen in Deutschland haben oder sogar solche Muster erst erzeugen. Erste Hinweise hierfür zeigen die Entwicklungen, die sich in unterschiedlichen Umfragen zeigen.

Auch wenn solche Interaktionsprozesse bisher nur auf schwacher empirischer Basis verhandelt werden, ist es doch notwendig darauf hinzuweisen, die verschiedenen Gefahrenmomente sowohl in Teilen der Mehrheitsgesellschaft als auch in Teilen der Migrationsgruppen zu thematisieren. Dies gilt vor allem deshalb, weil wir auch nicht wissen, wie sich die Veränderungen der Bevölkerungsrelationen in nicht ferner Zukunft mit den bisher diskutierten Problemlagen verbinden. Migrantinnen und Migranten werden von sich abzeichnenden gesellschaftlichen Verarmungsprozessen vermutlich stärker betroffen sein, weil sie in Relation zu den Deutschen hinsichtlich ihrer strukturellen Integration weiterhin deutliche Defizite aufweisen. Folge könnte zunehmende Desintegration sein. Dies ist insofern von besonderer Brisanz, als dann ihr eigenes "kulturelles Kapital", insbesondere auch die Religion, immer mehr an Bedeutung gewänne, ist es doch das "letzte" Kapital, über das die betroffenen Migranten autonom verfügen können. Gerade dann aber wirken Abwertungen umso verletzender und lassen "Schutzaktivitäten" wahrscheinlicher werden: Rückzüge und Abschottungen gehören dazu.

Dies kann konfliktanreizend wirken: "Je ausschließlicher eine Gruppe von ihrem spezifischen Kapital abhängt und je mehr sie sich Chancen auf einen Erfolg des Konfliktes ausrechnen kann, umso stärker ist das Motiv für den Konflikt."[24] Diese Konstellation tritt dann ein, wenn die Abwertung des spezifischen kulturellen Kapitals von Minderheiten durch die Mehrheit - also in diesem Fall durch die Abwertung der muslimischen Religion - zunimmt und aufgrund von Desintegration kein anderes Kapital oder dieses nur unzureichend zur Verfügung steht, und die Verschiebung der Bevölkerungsrelation eine Konfliktreaktion erfolgreich erscheinen lässt. Insofern ist mehreres notwendig: Differenzierte statt generalisierte Kritik und die Förderung struktureller Integration und damit von Anerkennung.


Fußnoten

24.
Hartmut Esser, Ethnische Konflikte als Auseinandersetzung um den Wert von kulturellem Kapital, in: Wilhelm Heitmeyer/Rainer Dollase (Hrsg.), Die bedrängte Toleranz, Frankfurt/M. 1996, S. 94.