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14.9.2007 | Von:
Christian Wagner

Außenpolitik Pakistans zwischen Kaschmir und Afghanistan

Die Beziehungen zwischen Pakistan, Indien und Afghanistan bis 1989

Die Gründung Pakistans als Staat für die Muslime des britisch-indischen Kolonialreiches war heftig umstritten. Der indische Nationalkongress hatte unter der Führung von Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru die Unabhängigkeit von Großbritannien für alle Gruppen der indischen Gesellschaft erkämpft und sich einem eigenen Staat für die Muslime, wie ihn Muhammed Ali Jinnah und die Muslimliga forderten, widersetzt. Mit der Unabhängigkeit Britisch-Indiens entstanden im August 1947 Indien und Pakistan, das aufgrund der Bevölkerungsverteilung der Muslime aus einem westlichen und östlichen Landesteil bestand, die mehr als 1 600 Kilometer durch Indien voneinander getrennt waren. Aber auch Afghanistan tat sich mit der Unabhängigkeit Pakistans schwer. Mit seiner mehrheitlich paschtunischen Bevölkerung erhob es territoriale Ansprüche auf Teile der North West Frontier Province (NWFP), deren Anschluss an Pakistan durch das Referendum vom Juli 1947 von den Regierungen in Kabul nicht akzeptiert wurde. Zudem erkannte Afghanistan die von den Briten gezogene Durand-Line, welche die paschtunischen Gebiete durchtrennte, als Grenze zu Pakistan nicht an und stimmte als einziges Land gegen die Aufnahme Pakistans in die VN.

Die pakistanische Außenpolitik kreiste nach 1947 vornehmlich um ein Thema: Kaschmir und die Beziehungen zu Indien. Bei der Unabhängigkeit Britisch-Indiens konnten Fürstenstaaten wie Kaschmir ihren eigenständigen Status behalten. Kaschmir symbolisierte für Pakistan die Vollendung seiner Staatsidee als Land für die Muslime Südasiens. Für Indien wiederum galt ein mehrheitlich muslimischer Bundesstaat Kaschmir als Symbol des säkularen Staates.[7] Der Aufstand in Kaschmir im Herbst 1947 und die Invasion von Stammeskriegern, an der Offiziere der pakistanischen Armee beteiligt waren, veranlassten den König von Kaschmir im Oktober 1947 der Indischen Union beizutreten. Im Gegenzug entsandte die indische Regierung Truppen, um die Eindringlinge zu bekämpfen. Aus den Kämpfen entwickelte sich der erste indisch-pakistanische Krieg, der 1949 endete und das einstige Königreich seitdem in einen von Indien und Pakistan kontrollierten Teil teilt. Bereits im Dezember 1947 hatte Indien die Angelegenheit vor die VN gebracht, und Nehru selbst hatte ein Referendum über die künftige Zugehörigkeit Kaschmirs vorgeschlagen. Indiens Versuch, die vermeintliche Aggression Pakistans international zu verurteilen, scheiterte zwar, doch wurde die Forderung nach einem Referendum in Kaschmir in die Resolutionen der VN aufgenommen. Dies war jedoch politisch ein Sieg für Pakistan, da damit eine Internationalisierung der Kaschmirfrage erreicht war, die von nachfolgenden pakistanischen Regierungen immer wieder aufgegriffen wurde. Das Referendum ist bis heute nicht abgehalten worden, da weder Pakistan noch Indien die damit verbundenen Vorbedingungen erfüllten.

Der Konflikt mit Indien bewegte die pakistanische Führung Mitte der 1950er Jahre, westlichen Verteidigungsbündnissen wie der Southeast Asia Treaty Organization (SEATO 1954) und 1956 der Central Treaty Organisation (CENTO) beizutreten. Parallel dazu baute Pakistan seine militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit den USA aus. Während für die USA allerdings die Eindämmung des Kommunismus im Vordergrund stand, blieb für Pakistan die Kaschmirfrage und ein möglicher weiterer Konflikt mit Indien von Interesse. Nach dem Tode des indischen Premierministers Nehru 1964 glaubte die pakistanische Führung, die vermeintliche Schwächephase Indiens für eine Lösung der Kaschmirfrage nutzen zu können. Mit der Infiltration von Aufständischen in den indischen Teil Kaschmirs im August 1965 sollte ein Aufstand entfacht werden, der dann durch die Intervention der pakistanischen Armee unterstützt werden sollte. Die Strategie schlug allerdings fehl, da die Aufständischen kaum Rückhalt bei den Kaschmiris fanden. Der zweite indisch-pakistanische Krieg endete im September 1965 nach einem Waffenembargo der USA gegen die Kriegsparteien und einer Resolution der VN.

Der dritte Krieg entzündete sich 1971 an dem Bürgerkrieg in Ostpakistan. Der Konflikt löste eine Flüchtlingswelle nach Indien aus, das die ostpakistanischen Rebellen unterstützte. Im Dezember 1971 intervenierte die indische Armee und besiegte die pakistanische Armee nach kurzen Kämpfen. Die Niederlage war auch politisch ein Desaster für Pakistan. Die Idee der Gründungsväter war durch den Bürgerkrieg und die nachfolgende Unabhängigkeit Bangladeschs zerstört worden. Dennoch erzielte der pakistanische Premierminister Bhutto einen Erfolg, denn er konnte bei den Friedensverhandlungen mit Indien eine endgültige Beilegung der Kaschmirfrage verhindern. Der Vertrag von Simla 1972 legte zwar die Kontrolllinie in Kaschmir neu fest, allerdings verzichtete die indische Premierministerin Indira Gandhi darauf, die Kontrolllinie zur endgültigen Grenze zu machen.[8]

Die indisch-pakistanischen Beziehungen blieben auch in der Folge unterkühlt. Indien beschuldigte Pakistan Anfang der 1980er Jahre, militante Sikhs zu unterstützen, die im Punjab für einen eigenen Staat kämpften. Mitte der 1980er Jahre besetzten indische und pakistanische Einheiten Teile des Siachen-Gletschers in Kaschmir, wo der Grenzverlauf aufgrund der unwirtlichen Bedingungen im Vertrag von Simla nicht festgelegt worden war.

Die pakistanisch-afghanischen Beziehungen wurden anfangs von der Paschtunenfrage geprägt. Vor allem während der Regierungen von Mohammed Daoud, der als Vertreter des paschtunischen Nationalismus galt, verschlechterten sich die bilateralen Beziehungen in den 1950er Jahren und nach dem Putsch 1973. Der pakistanische Premierminister Sulfikar Ali Bhutto setzte in den 1970er Jahren auf die religiöse Karte, um dem paschtunischen Nationalismus zu begegnen, und er unterstützte kleinere Aufstände im Osten Afghanistans.[9] Im Kampf gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans in den 1980er Jahren verfeinerte Pakistan, das unter General Zia-ul Haq bereits nach dem Militärputsch 1977 auf eine stärkere Islamisierung des Landes gesetzt hatte, mit der Unterstützung der USA und Saudi-Arabiens diese Strategie. Der Widerstand gegen die Sowjetunion wurde unter islamischen Vorzeichen aufgebaut und umfasste vor allem die mehrheitlich paschtunischen Gebiete entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze, in denen auch ausländische Kämpfer ausgebildet wurden.

Fußnoten

7.
Zur Entwicklung des Kaschmirkonflikts vgl. Alastair Lamb, Birth of a Tragedy: Kashmir 1947, Hertingfordbury 1994; Robert G. Wirsing, Kashmir. In the Shadow of War. Regional Rivalries in a Nuclear Age, New York-London 2003; Sumantra Bose, Kashmir. Roots of Conflict, Paths to Peace, Cambridge 2003.
8.
Vgl. Amitabh Mattoo, Next Steps in Kashmir, in: Karan R. Sawhny (Ed.), Kashmir. How far can Vajpayee and Musharraf go?, New Delhi 2001, S. 27 - 44.
9.
Vgl. Marvin Weinbaum, Pakistan and Afghanistan: Resistance and Reconstruction, Lahore 1994, S. 5.