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24.7.2007 | Von:
Klaus Wahl

Fremdenfeindliche Täter

Ursachen und aktuelle Auslöser

Die Diskussionen über die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Gewalt nennen vieles: das Nachwirken des Nationalsozialismus, den Zerfall traditioneller Werte und Bindungen an Familie, Kirche oder Nachbarschaft, das Erbe der autoritär-weltabgewandten DDR oder den Modernisierungsschock durch die Wende im Osten, die Globalisierung, Konjunktureinbrüche, hohe Arbeitslosigkeit, die Zuwanderung, unklare Zukunftsperspektiven für die jugendlichen Verlierer der Modernisierung, Defizite der politischen Bildung. Das mag alles zu Existenzunsicherheit und Orientierungslosigkeit beitragen. Demnach könnten Teile der Bevölkerung auf solche Prozesse durch Rückzug auf das Vertraute, das eigene Milieu, das eigene Volk und durch Abschottung von Menschen aus anderen Kulturen reagieren. Sie könnten hoffen, durch diese Wagenburgmentalität eigene Arbeitsplätze und die vertraute Kultur zu sichern. Für die Alltagspsychologie klingen diese Annahmen zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit als Folge gravierender gesellschaftlicher Prozesse oder Ereignisse plausibel. Es ist jedoch Aufgabe empirischer Forschung, solche Hypothesen zu prüfen.

Die Forschung zeigt dann schnell, dass nur ein Teil der Arbeitslosen fremdenfeindlich wird, Antisemitismus auch in so genannten besseren Kreisen existiert und unterhalb konjunktureller Schwankungen ein dauerhafter Sockel rechtsextremer Einstellungen besteht. Man sieht, dass es von weiteren Faktoren abhängt, ob etwa Arbeitslosigkeit und Zuwanderung bei der einzelnen Person zu Fremdenfeindlichkeit führen. Einer der wichtigsten Faktoren ist die individuelle Persönlichkeit. Einstellungen zu anderen Menschen und politische Ansichten hängen auch davon ab, ob jemand emotional stabil in sich ruht und optimistisch ist oder unsicher in die Welt blickt und überall Gefahren wittert. Die Einstellungen werden auch von der unmittelbaren Umgebung beeinflusst, also etwa davon, wie stark eine Person in eine Familie oder in eine Freundschaftsclique eingebettet ist und welche politischen Weltbilder dort angeboten werden.

Was sind also die "Ur-"sachen, die bei Gewalttätern schon in der Kindheit beobachtbaren vorpolitischen Entwicklungen in Richtung Fremdenfeindlichkeit? Die Aggressionsforschung weiß seit langem, dass gewalttätige Eltern überdurchschnittlich häufig auch gewalttätige Kinder haben. Während Lernpsychologen und Soziologen dieses Phänomen dem elterlichen Vorbild und anerzogenen Mustern zuschrieben, machten Genetiker hierfür die biologischen Anlagen verantwortlich, die die Eltern ihren Kindern weitergeben. Durch Zwillings- und Adoptionsstudien, in denen sich die Wirkungen der beiden Faktorenbündel einigermaßen trennen lassen, hat man recht hohe genetische Anteile für Aggression gefunden (anders als bei sonstiger Kriminalität).[11] Die biologisch mitbedingte Persönlichkeitsentwicklung geschieht aber im Wechselspiel mit der sozialen Umgebung.[12] So beeinflusst die genetische Grundausstattung, welche Reize ein Individuum wahrnimmt, welche Situationen es bevorzugt und wie es auf seine Umwelt reagiert. Kinder und Jugendliche mit einem risikofreudigen, aggressiven Temperament suchen eher eine Umgebung von Gleichaltrigen auf, die selbst riskant-aggressives Verhalten zeigen. In solchen Cliquen kann sich dann die Aggressivität hochschaukeln, selbst bei den sonst friedlicheren Mädchen. Die durch Anlage und frühe Erfahrungen geprägte Persönlichkeit des heranwachsenden Menschen ist entscheidend dafür, ob er offen auf andere zugeht oder sich ängstlich zurückzieht, ob er ein eigenes Urteil entwickelt oder Ideologien nachplappert, ob er Selbstbewusstsein aufbaut oder fragwürdigen politischen Heilsversprechen vertraut, wie er Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wahrnimmt und zu Einstellungen und Verhalten verarbeitet. Vom individuellen Temperament ist es abhängig, ob Arbeitslosigkeit, Zuwanderung oder Wertewandel als belastend und frustrierend erlebt oder als Herausforderung zur kreativen Suche nach Lösungen betrachtet werden. Daher sollte Prävention sich nicht nur auf Gruppen (Jungen, Hauptschüler) beziehen, sondern vor allem auf Individuen.

Fußnoten

11.
Vgl. Irving I. Gottesman/H. Hill Goldsmith/Gregory Carey, A Developmental and a Genetic Perspective on Aggression, in: Nancy L. Segal/Glenn E. Weisfeld/Carol C. Weisfeld (Eds.), Uniting Psychology and Biology. Washington D.C 1997, S. 107 - 130; Edwin J.C.G.Van den Oord/Dorret I.Boomsma/Frank C. Verhulst, A Study of Genetic and Environmental Effects on the Co-Occurrence of Problem Behaviors in Three-Year-Old Twins, in: Journal of Abnormal Psychology 109 (2000) 3, S. 360 - 372.
12.
Vgl. Michael L. Rutter, Nature-Nurture Integration. The Example of Antisocial Behavior, in: American Psychologist 52 (1997), 4, S. 390 - 398; Klaus Schmeck/Fritz Poustka, Biologische Grundlagen von impulsiv-aggressivem Verhalten, in: Kindheit und Entwicklung 9 (2000) 1, S. 3 - 13.