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5.4.2007 | Von:
Martin Löffelholz

Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft

Sicherheitspolitische Effekte der Kriegsberichterstattung

John Shattuck, ehemaliger Vize-Außenminister der Vereinigten Staaten, illustrierte vor einigen Jahren die Folgen eines zunehmend globalen Kommunikationssystems wie folgt: "Die Medien brachten uns nach Somalia und dann wieder hinaus."[33] Diese Einschätzung steht exemplarisch für eine gerade in der US-Politik vertretene Position, nach welcher Nachrichtenmedien einen großen und unmittelbaren Einfluss auf sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse ausüben. Tatsächlich entsandte die US-Regierung Anfang der 1990er Jahre im Rahmen einer UN-Mission Truppen nach Somalia - aufgerüttelt durch dramatische Bilder verhungernder Flüchtlinge. Ein Jahr später bewegten grausame Bilder einer verstümmelten, durch die Straßen von Mogadischu geschleiften Leiche eines US-Soldaten die amerikanische Öffentlichkeit - die USA zogen sich aus Somalia zurück.[34]

Seit das Cable News Network (CNN) zum globalen Nachrichtenlieferanten aufstieg, werden solche Zusammenhänge zwischen Kriegsberichterstattung und politischen Entscheidungen als "CNN-Effekt" bezeichnet. Gemeint ist das Einflusspotenzial des globalen Kriegs- und Krisenjournalismus auf Politik, Diplomatie und Militär. Live-Berichterstattung kann für Streitkräfte in der Tat problematisch werden, wenn der Gegner dadurch beispielsweise Informationen über die eigene Truppenstärke erhält. Angenommen wird des Weiteren, dass die beschleunigte Medienberichterstattung zu einer geringeren Bedeutung traditioneller Diplomatie und zur Herausbildung einer Public Diplomacy führt. Schließlich richten international operierende Medien ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Krisenherde und setzen diese damit möglicherweise erst auf die Tagesordnung politischer Entscheidungsträger.[35]

Der CNN-Effekt unterstellt eine starke kausale Wirkung der globalen Echtzeitberichterstattung auf sicherheitspolitische Prozesse. Diese These eines unilinearen Zusammenhangs von Kriegsberichterstattung und Sicherheitspolitik ist jedoch "angesichts widersprüchlicher empirischer Ergebnisse nicht haltbar bzw. tritt der unterstellte Wirkungsmechanismus nur unter bestimmten Bedingungen ein".[36] Es scheint daher sinnvoller, die Medien nicht als einen die Sicherheitspolitik bestimmenden Faktor anzusehen, sondern vielmehr davon auszugehen, dass Politikgestaltung in einer von Medien geprägten Umgebung stattfindet ("Mediengesellschaft") und die Beschleunigung der globalen Krisenberichterstattung zu Veränderungen im politischen Prozess führt. So stellen Medienangebote mittlerweile eine starke Konkurrenz zu klassischen Informationsquellen der Sicherheitspolitik dar, etwa den Botschaften oder den Geheimdiensten. Und der durch die öffentliche Diskussion sicherheitsrelevanter Themen erhöhte Zeitdruck verstärkt die Gefahr überstürzter politischer Entscheidungen.[37]

Neben diesen Veränderungen kommt es in Kriegs- und Krisensituationen unter bestimmten Bedingungen zu einem sprunghaften Popularitätsgewinn staatlicher Institutionen. Der so genannte Rally-Effekt ("Rally round the flag") beschreibt eine auffällige, aber vergleichsweise kurzfristige Zunahme der öffentlichen Unterstützung für den Präsidenten, seine Politik, den Kongress und das Militär. Zu erklären ist der Effekt durch die monothematische, möglicherweise auf Instrumentalisierungsabsichten politischer Akteure zurückgehende regierungsfreundliche Aufbereitung kriegsbezogener Ereignisse in der Medienberichterstattung. Nicht alle Teile der Bevölkerung beteiligen sich dabei an der Rally: Parteiaffinität und Mediennutzungspräferenzen spielen eine wichtige Rolle.

In Deutschland wurden Rally-Effekte am Beispiel des Kosovokrieges nachgewiesen. Während des ersten Kriegsmonats, im April 1999, stieg die Popularität wichtiger Regierungspolitiker (Gerhard Schröder, Rudolf Scharping, Joschka Fischer) sprunghaft an, nahm in den darauffolgenden Wochen jedoch kontinuierlich ab, um sich im Juni 1999 auf dem Ausgangsniveau einzupendeln. Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der öffentlichen Bewertung des US-Präsidenten in den ersten Monaten des Irakkrieges 2003.[38]

Fußnoten

33.
Zitiert in: Eytan Gilboa, Effects of Global Television News on U.S. Policy in International Conflict, in: Philip Seib (Ed.), Media and Conflict in the Twenty-First Century, New York-Hampshire 2005, S. 1 - 31, hier S. 5.
34.
Vgl. Piers Robinson, Theorizing the Influence of Media on World Politics. Models of Media Influence on Foreign Policy, in: European Journal of Communication, 16 (2001) 4, S. 523 - 544, hier S. 530.
35.
Vgl. Eytan Gilboa, Global Television News and Foreign Policy: Debating the CNN Effect, in: International Studies Perspectives, 6 (2005) 3, S. 325 - 341.
36.
Katja Hampe, Journalismus, Informationsmanagement und Medien-/Regierungs-Beziehungen inder Sicherheitspolitik, Diplomarbeit, TU Ilmenau 2007.
37.
Vgl. E. Gilboa (Anm. 33), S. 9; Chanan Naveh, The Role of the Media in Foreign Policy-Decision-Making: A Theoretical Framework, in: conflict & communication online, 1 (2002) 2, www.cco.regeneronline.de/2002_2/pdf_2002_2/naveh.pdf (13.2. 2006).
38.
Vgl. Evelyn Bytzek, Kosovokrieg, Kriegsberichterstattung und die Popularität der deutschen Regierungsparteien und -politiker, in: Medien- und Kommunikationswissenschaft, 53 (2005) 2 - 3, S. 369 - 388; Andrea Szukala, Medien und öffentliche Meinung im Irak-Krieg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2003) 24 - 25, S. 33.