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16.10.2008 | Von:
Gerhard Roth

Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild?

Das bewusste Ich

Wer oder was ist das Ich? Auch dies hat seit Jahrtausenden die klügsten Menschen beschäftigt. Ich kann Namen, Beruf, Adresse und Familienverhältnisse angeben, und dies beschreibt meine äußere Identität. Die innere Identität wird mir durch die eigentümliche Gewissheit "ich bin ich!" vermittelt. Dazu gehört die Aussage: "Dies ist mein Körper, dies sind meine Gedanken, Vorstellungen und Absichten." Das Ich scheint also Träger dieser Inhalte zu sein. Aber jeder Versuch, durch Introspektion herauszubekommen, wer oder was dieses Ich darüber hinaus ist, verläuft im Sande. Dies hat den Philosophen David Hume (1711 - 1776) zu der Ansicht gebracht, dass das Ich nur ein Bündel besonderer Bewusstseinszustände ist, die nacheinander erlebt und in diesem Erleben integriert werden.

Das Gehirn und seine Ich-Zustände. Die Sicht Humes scheint sich zu bestätigen, wenn man psychologisch oder neurowissenschaftlich die Ich-Zustände untersucht: Wir sind offenbar ein Bündel von unterschiedlichen Ich-Zuständen, die mit unterschiedlichen Regionen der Großhirnrinde in Verbindung gebracht werden können. Als erstes ist das Körper-Ich zu nennen, d.h. das Gefühl, dass dasjenige, in dem ich "stecke" und das ich zu beherrschen scheine, mein Körper ist. Eng damit verbunden sind das Verortungs-Ich, d.h. das Bewusstsein, dass ich mich gerade an diesem Ort und nicht woanders befinde, sowie das perspektivische Ich, d.h. der Eindruck, dass ich der Mittelpunkt der von mir erfahrbaren Welt bin. Alle diese Ich-Empfindungen haben mit Funktionen des Scheitellappens zu tun. Hier entstehen während der Entwicklung des Gehirns das Körperschema und die Raum- und Handlungswelt, in die der Körper "hineingestellt" wird, und schließlich gesellt sich zum Körper das Ich, das dadurch zugleich zum Mittelpunkt der Raum- und Handlungswelt wird.

Ein anderer Typ ist das Erlebnis-Ich, d.h. das Gefühl, ich habe diese Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle und nicht etwa ein anderer. Damit verwandt sind das Autorschafts- und Kontroll-Ich, d.h. das Gefühl, dass ich Verursacher und Kontrolleur meiner Gedanken und Handlungen bin, und das autobiographische Ich, d.h. das Gefühl der Kontinuität in meinen verschiedenen Empfindungen. Das Erlebnis-Ich ist vornehmlich eine Funktion des Schläfenlappens und des Übergangs zum Scheitellappen, wo Sehen, Hören und Fühlen zusammenkommen. Das Autorschafts-Ich ist gebunden an die Tätigkeit motorischer Kortexareale in Zusammenarbeit mit Scheitellappen und präfrontalem Kortex. Das autobiographische Ich hat mit einer Region am vorderen Rand des Schläfenlappens und im Bereich des unteren Stirnhirns (orbitofrontaler Kortex) zu tun. Schließlich gibt es das selbstreflexive Ich, d.h. das Nachdenken über sich selbst, das sprachliche Selbst und das ethische Ich oder Gewissen, also eine Instanz, die mir sagt oder befiehlt, was ich zu tun und zu lassen habe. Das erstere hat mit Funktionen des präfrontalen Kortex zu tun, das sprachliche Ich mit dem Wernicke- und dem Broca-Sprachzentrum. Das ethische Ich schließlich ist vornehmlich eine Funktion des orbitofrontalen Kortex; Patienten mit Schädigungen in diesem Bereich verhalten sich typisch "unmoralisch" bzw. "unethisch".

Welche Funktionen hat das Ich? Traditionell wird das Ich als oberste Kontrollinstanz von Denken, Planen und Handeln angesehen. Allerdings gab es daran schon immer Zweifel, denn häufig erfahren wir, dass unsere Wünsche und Handlungen in andere Richtungen gehen als beabsichtigt und dass uns Gefühle überwältigen. Das würde die von einigen zeitgenössischen Philosophen vertretene Meinung unterstützen, dass das Ich eine wirkungslose Instanz ist, eine bloße Illusion. Dagegen spricht aber die Tatsache, dass Patienten mit schweren Ich-Störungen zugleich massive Verhaltensstörungen aufweisen.

Welche Funktion könnte das Ich tatsächlich haben? Eine erste Funktion erfüllt es als Zuschreibungs-Ich: Das Gehirn entwickelt eine von Bewusstsein begleitete Instanz, über die es zu einer Erlebniseinheit wird, und damit kommt es zur Ausbildung von Identität. Offenbar ist es von großem Vorteil, in die vom Gehirn konstruierte Erlebniswelt eine Instanz hineinzusetzen, die von sich meint, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen und Gefühle seien ihre Zustände. Dies dürfte die wichtige Unterscheidung der eigenen mentalen Zustände von denen anderer und damit die Unterstellung einer Erlebniswelt bei anderen Menschen (Theory of Mind) überhaupt erst ermöglichen.

Die zweite Funktion besteht im Handlungs- und Willens-Ich. Hier geht es um die Schaffung einer Instanz, die es ermöglicht, den Willen auf eine Handlungsabsicht zu "fokussieren", ohne sich um Ausführungsdetails zu kümmern. Eine bewusste Repräsentation der vielen Untersysteme, die an der Kontrolle und dem letztendlichen Auslösen einer Handlung beteiligt sind, würde eine effektive Handlungssteuerung unmöglich machen. Eine dritte Funktion besteht im Interpretations- und Legitimations-Ich. Das bewusste, sprachliche Ich hat die Aufgabe, die eigenen Handlungen vor sich selbst und vor der sozialen Umwelt zu einer plausiblen Einheit zusammenzufügen und zu rechtfertigen, und zwar unabhängig davon, ob die gelieferten Erklärungen auch den Tatsachen entsprechen.