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18.3.2008 | Von:
Watzal, Ludwig

Editorial

"1968" erregt auch nach 40 Jahren die Gemüter. Neokonservativen Kreise machen die 68er-Bewegung für alle Übel dieser Welt verantwortlich. "1968" steht aber auch für einen gesellschaftlichen Aufbruch und Demokratisierung aller Lebensbereiche.

"1968" erregt auch nach 40 Jahren die Gemüter. Letztendlich geht es um die Deutungshoheit über die Protestbewegung. Dieser Meinungskampf wird nicht mit dem Florett, sondern dem Säbel ausgefochten. In Wirklichkeit handelt es sich bereits um Nachhutgefechte: Längst haben linke Protagonisten von einst eingestanden, dass es infolge von "68" auch Verirrungen wie den RAF-Terror gegeben hat, aber dies sei kein Indiz für ein generelles Scheitern der Bewegung. In neokonservativen Kreisen gilt es indes als chic, die 68er-Bewegung für alle Übel dieser Welt verantwortlich zu machen. Einer weiteren Delegitimierung der "68er" scheint offenbar die These zu dienen, welche die "68er" in eine Beziehung zur "33er-Generation" setzt, die für die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts verantwortlich ist.

Der katholische Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning hat 1976 in der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" geschrieben: "Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx." Könnte heute nicht mit einer gewissen Berechtigung behauptet werden, dass wir auf den Schultern von "68" stehen? Trifft dies nicht selbst für diejenigen zu, die sich nicht mit den linksutopistischen Werten identifiziert haben?

"1968" steht für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der befreiend wirkte und zur Demokratisierung aller Lebensbereiche führte. Im sowjetischen Machtbereich läutete der "emanzipatorische Aufbruch" dessen Ende ein, wie die blutige Niederschlagung des "Prager Frühlings" gezeigt hat, das Ende aller Illusionen über die Reformierbarkeit des Sowjetsystems. Ho-Chi-Minh-Transparente auf dem Kurfürstendamm mussten für viele in der DDR befremdlich wirken. Ob die "68er" der Gnade bedürfen, wie "Der Spiegel" seine Story betitelte, darf bezweifelt werden.