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27.11.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

1990er Jahre bis heute

Je zahlreicher Politikerinnen im Laufe 1990er Jahre in die Parlamente einziehen[28] und je lautstarker Forderungen nach Veränderungen in der Geschlechterhierarchie werden, desto seltener werden in dieser Zeit die offenen Feindseligkeiten oder Tendenzen zur Trivialisierung in der seriösen Presse. Die inflationäre Reproduktion von Geschlechterstereotypen ist ins Stocken geraten - oder wird zumindest nett verpackt. Eine vielfältigere Realität gibt die Vorlage ab für eine differenziertere Berichterstattung. Aber implizite Ignoranz, Häme, Besserwisserei und Amüsiertheit sind nicht völlig verschwunden, sondern prägen weiterhin viele Berichte über die zunehmende Präsenz und Erfolge von Politikerinnen. Der Trend zur symbolischen Akzeptanz zeigt sich aber zum Beispiel in der auffallend freundlichen Berichterstattung über die erste weibliche Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Ursula Seiler-Albring: "Sie weiß, was sie will!"[29] - "Die im politischen Management geübte Liberale hat sich mit vollem Engagement in das außenpolitische Geschäft geworfen".[30]

Politikerinnen, die keine frauenpolitischen Forderungen erheben, werden durchweg positiver dargestellt als bekennende Feministinnen. Dieses gilt auch für die linksliberale Presse und betrifft auch CDU-Abgeordnete: "Für die Presse war ich das rote Tuch. Und in meiner Partei kann man sich mit keiner Politik so unbeliebt machen wie mit Frauenpolitik."[31] Frauenbewusste Politikerinnen geraten damit in eine "Doppelfalle": Zum einen, weil sie als Angehörige des "anderen" Geschlechts den "Männerbund" Politik ohnehin schon "stören", zum anderen, weil sie es darüber hinaus auch noch "wagen", Forderungen für ihr Geschlecht zu erheben.

Die 1990er Jahre sind die "Gründerzeit" der Frauenministerien und Gleichstellungsstellen in Bund, Ländern und Kommunen. Politikerinnen kommen in Ämter, in denen sie die Rolle "der Ersten" bzw. der Pionierin spielen.[32] Selbst unkonventionelle Politikerinnen, wie zum Beispiel die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, Jutta Oesterle-Schwerin, die als Jüdin und bekennende Homosexuelle nach ihrem Parteiaustritt eine feministische Partei gründet, oder Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) bekommen in den Medien eher lobende Aufmerksamkeit und Zuspruch als Kritik: "Durchsetzungsfähig, zielstrebig, kalkulierend - das ist die Ex-68erin noch immer, auch weicht sie politischem Zoff nicht aus."[33] Aber die Fokussierung auf Spitzenpolitikerinnen kristallisiert sich in diesen Jahren bereits deutlich heraus.

Fußnoten

28.
Zwischen 1990 und 2000 stieg der Anteil weiblicher Bundestagsabgeordneter von 20 auf 30 Prozent. Unter Helmut Kohl gab es 1994 - 1998 drei Frauen unter 17 Ministern. Während der rot-grünen Koalition 1998 - 2005 waren rund ein Drittel der Bundestagsabgeordneten weiblich.
29.
FAZ vom 4. 4. 1991.
30.
Die Welt vom 22. 4. 1991.
31.
So Renate Hellwig (CDU), zit. in: B. Meyer (Anm. 8), S. 105.
32.
So wurde Rita Süssmuth 1988 die erste Bundestagspräsidentin der Union, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger 1992 Justizministerin, Renate Schmidt 1991 die erste Landesvorsitzende der SPD und Angela Merkel 2001 die erste Bundesvorsitzende der CDU.
33.
Der Spiegel vom 10. 5. 1993, S. 24f. über Wieczorek-Zeul.

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