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27.11.2009 | Von:
Isabelle Kürschner

Frauen in den Parteien

Parteistrukturen

Viele Politikerinnen sind der Meinung, dass die traditionell männlich geprägten Strukturen im Parteienbetrieb kaum veränderbar sind und sich auch durch die zunehmende Präsenz von Frauen nur schwer verändern lassen. Auffällig ist, dass Frauen bei der Frage nach Parteistrukturen in erster Linie an die Versammlungspraxis zu denken scheinen, denn immer wieder wird zuallererst auf das für Frauen bestehende Zeitproblem aufgrund ihrer Mehrfachbelastung durch Familienaufgaben hingewiesen. Empirische Studien belegen, dass gerade unsichtbare Hürden, wie die mangelhafte Einbindung in informelle Entscheidungs- und Machtstrukturen und subtile Diskriminierung, die man unter Umständen beim Abstimmungs- und Nominierungsverhalten der Männer beobachten kann, als Karrierebremsen für Frauen gelten.[10]

Dennoch trauen sich viele Politikerinnen aus Sorge vor persönlichen Nachteilen nicht, an den bestehenden Strukturen und Ritualen Kritik zu üben. Sie halten es vielmehr für unerlässlich, sich mit den Abläufen, Spielregeln und Gepflogenheiten des politischen Tagesgeschäftes vertraut zu machen und handeln nach dem "pragmatisch ausgerichtete(n) Defizitansatz";[11] das heißt, sie kompensieren die sich aus ihrem Geschlecht ergebenden Nachteile durch große Motivation und Bereitschaft zur Anpassung. Damit akzeptieren sie allerdings eine einseitige Verengung des Problems zulasten der Frauen und geben den Etablierten keinen Anlass, die Auswirkungen der bestehenden Partizipationsformen und -strukturen auf weibliche Mitglieder zu überdenken. Frauen müssen sich also die offiziellen und inoffiziellen Spielregeln des parteipolitischen Alltags zu eigen machen. Dazu gehören neben den Kenntnissen der formellen Strukturen und Hierarchien des Parteien- und Verwaltungsapparates auch jene der informellen Machtverhältnisse und Netzwerke. Die Geschäftsordnung genau zu kennen, ist für den Einfluss auf die Willensbildung ebenso bedeutsam, wie mit den gängigen Diskussions- und Versammlungsbräuchen des jeweiligen Verbandes vertraut zu sein.

Ein weiteres großes Defizit besteht bei der ungenügenden Vernetzung von Frauen, sowohl untereinander als auch mit ihren männlichen Kollegen. Während viele Frauen erst nach der Familienphase politisch aktiv werden, sind Männer auch aufgrund ihres früheren Parteibeitritts und ihrer langjährigen Mitgliedschaft besser vernetzt und folglich mit den Gepflogenheiten des politischen Geschäfts besser vertraut.[12] Viele politisch erfolgreiche Frauen erwähnen Zusammenkünfte in Hinterzimmern und das gemeinsame Biertrinken als unabdingbare Voraussetzungen für politische Zugehörigkeit und verweisen gleichzeitig auf die Schwierigkeiten, die Frauen diese Art der Zusammenkunft häufig bereitet. Hier werden - meist zu fortgeschrittener Stunde und bei erhöhtem Alkoholkonsum - die wichtigsten Entscheidungen vorbesprochen oder bereits festgelegt. Frauen, die eine politische Beteiligung anstreben, müssen sich in die Versammlungsrituale einfügen, obgleich die spezifische Atmosphäre und die Kommunikationsformen im Gasthaus eine wirksame öffentlich-politische Beteiligung von Frauen deutlich erschweren. Obwohl es sich bei den politischen Versammlungsritualen parteiübergreifend um für Frauen befremdliche Strukturen zu handeln scheint, müssen sich weibliche Parteimitglieder damit arrangieren.[13] Denn häufig erfährt man bzw. Frau erst nach Ende der offiziellen Veranstaltung und bei zunehmendem Alkoholgenuss, "wer wann was gemacht, unterlassen, gesagt, angekündigt hat oder haben soll"[14] und wie die einzelnen Mitglieder zueinander stehen.

Fußnoten

10.
Vgl. Helga Lukoschat, Austausch und Vernetzung: Maßnahmen zur Stärkung von Frauen in der Politik, in: Helga Foster/Helga Lukoschat/Barbara Schaeffer-Hegel (Hrsg.), Die ganze Demokratie. Zur Professionalisierung von Frauen für die Politik, Pfaffenweiler 1998, S. 120-196.
11.
B. Hoecker (Anm. 5), S. 135.
12.
In der CSU sind (laut CSU-Mitgliederverwaltung) beispielsweise 55 Prozent der männlichen Mitglieder beim Parteibeitritt unter 40 Jahre alt, von den Frauen sind dies nur 43 Prozent.
13.
Vgl. Cathrin Kahlweit, Damenwahl. Politikerinnen in Deutschland, München 1994; Silvana Koch-Mehrin, Gemeinsam an die Macht: Männer und Frauen in Zeiten der Globalisierung, in: Maybrit Illner (Hrsg.), Frauen an der Macht. 21 einflussreiche Frauen berichten aus der Wirklichkeit, München 2005.
14.
Eckhard Colberg/Ursula Männle, Zur Geschäftsordnung. Die Praxis der Willensbildung, München 1973, S. 23.

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