APUZ Dossier Bild

25.9.2009 | Von:
Dieter Otten
Nina Melsheimer

Lebensentwürfe "50plus"

Familie, Ehe und Partnerschaft

Die 50- bis 70-Jährigen blicken heute auf völlig andere, liberalere Erfahrungen mit Familie, Ehe und Partnerschaft zurück, als alle anderen Menschen im gleichen Alter zuvor.[8] Dennoch sind mehr als 71 Prozent dieser Generation verheiratet und weitere 10 Prozent leben in einer eheähnlichen Lebenspartnerschaft. Damit hat die deutliche Mehrzahl die Partnerschaft zum wichtigsten Alltagsgut und damit zu einem Kernelement ihres weiteren Lebensentwurfs erkoren. Und zwar deshalb, weil sich die Partner in der Regel großartig verstehen: 80 Prozent sind mit ihrer Beziehung zufrieden bis sehr zufrieden. Der Kern dieses guten Verständnisses ist die Lust am Zusammensein. Dazu gehört vor allem die gemeinsame Aktivität im Alltag wie in Freizeit und auf Reisen. Eine weitere häufig genannte Aktivität, die das Nicht-Alt-Sein besonders gut verdeutlicht, ist das Feiern: Immer mehr Menschen über 50 gehen (zusammen oder auch allein) zu Tanzpartys mit und ohne "Ü" in Szenetreffs, Clubs oder Diskotheken, einfach nur um zu tanzen und auszuspannen.

Besonders hervorzuheben ist, dass Frauen der Generation 50+ auf ganz vergleichbare liberale und sexuell tabufreie Erfahrungen und Biographien zurückblicken können wie Männer. Die Emanzipation der Frauen, ihre persönlichen Entwicklungen und ihre Biographien nach 1968 sind vermutlich die wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer guten Partnerschaft bis ins hohe Alter. Wir nennen diesen Trend das "Philemon-und-Baukis-Syndrom"[9] und halten ihn für einen der Haupttrends der Zukunft. Er hat nur eine (mögliche) Schwachstelle: Die familiär begründete, Generationen übergreifende Beziehungsinfrastruktur ist durch den Geburtenrückgang nicht mehr gesichert. Für Philemon und Baukis werden die Enkelkinder rar und die Betonung der Paarbeziehung - sozusagen als Ersatz für Familiensolidarität - kann ein Netzwerk nicht wirklich ersetzen, denn sie setzt Beziehungs-Monokultur an die Stelle von Vielfalt.

Auch Sex spielt im Leben der über 50-Jährigen eine wichtige Rolle. Über 80 Prozent der Männer und gut 60 Prozent der Frauen geben an, regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben. 62 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen "machen es" zwei bis drei Mal im Monat. Im höheren Alter zeichnet sich jedoch ein Rückgang sexueller Aktivität ab. Nur ein sehr kleiner Teil der älteren Bevölkerung (über 70) hat noch Sex, was aber nicht das Ende von Liebe und Zärtlichkeit sein muss. In dieser Phase gewinnen die weichen Faktoren der Sexualität an Bedeutung. So kommt es im Alter zwischen 50 und 70 Jahren offenbar darauf an, die Transformation der Sexualität "fleischlichen" Stils in eine "vegetarische" Form hinzubekommen.

Fußnoten

8.
Fast 80 Prozent der 50- bis 70-Jährigen hatten mehr als einen Partner im Leben, über 70 Prozent würden deshalb eine Beziehung, die nicht mehr trägt, auch beenden und rund 50 Prozent geben an, sich sexuell "ausprobiert" zu haben.
9.
Philemon und Baukis: Das Paar aus der griechischen Mythologie, das die olympischen Götter wegen ihrer Gastfreundschaft damit beschenkten, zusammen in Liebe alt werden zu können. Sie taten dies weisungsgemäß und geben damit für die Literatur eine Metapher für diese Art der Ausnahmeliebe ab: Das ältere sich liebende (Ehe-)Paar.

Die soziale Situation in Deutschland

Lebensformen und Haushalte

Immer weniger Meschen leben gemeinsam mit Kindern unter einem Dach. Gleichzeitig ist die Zahl der Einpersonenhaushalte so hoch wie nie zuvor. Und auch für die Zukunft wird eine Fortsetzung dieser Entwicklungen angenommen.

Mehr lesen