APUZ Dossier Bild

6.7.2009 | Von:
Melani Barlai
Florian Hartleb

Die Roma in Ungarn

Nach der politischen Transformation

Mit dem Systemwechsel schien sich die allgemeine Situation der Roma zunächst zu verbessern. Die von József Antall geführte Regierung schuf 1990 eine neue Institution mit landesweiter Befugnis: das Amt für nationale und ethnische Minderheiten, zu dessen Aufgabengebiet auch die Lage der Roma zählte. Die neuen Vereinigungs-, Rede- und Pressefreiheiten gaben auch den Roma die Möglichkeit, eigene Organisationen zu gründen. Seit 1993 sind die Roma als ethnische Minderheit in Ungarn gesetzlich anerkannt. Das führte zur Zunahme örtlicher Selbstverwaltungen (von 477 auf 1300), deren Überleben jedoch nach wie vor problematisch erscheint.[22] Das Gesetz sicherte nicht ihre finanziellen Grundlagen: Da die Roma über kein "Mutterland" verfügen, entgeht ihnen sowohl moralische als auch finanzielle Unterstützung von außen. József Oláh, Präsident des Landesverbandes der ungarischen Roma-Akademiker, sieht die "Arbeitsunfähigkeit" der Selbstverwaltungen in der Tatsache begründet, dass sie bis heute sowohl in den staatlichen Strukturen wie auch in der Zivilgesellschaft kaum verankert sind.[23]

Die "Homogenisierung" der Minderheit bringt zahlreiche Probleme, gerade auf kommunaler Ebene. In den Roma-Selbstverwaltungen müssen die Vertreter der vier größten Gruppen zusammenarbeiten. Eine gemeinsame Interessenvertretung nach außen ist erschwert.[24] Nach wie vor wird der Zusammenhalt der Roma-Gemeinschaft vor allem durch Verwandtschaftsbeziehungen gestiftet. Wichtigste Organisationsform ist bis heute die Großfamilie (satra, Zelt). Das erschwert die Schaffung größerer Einheiten, da die Familien mitunter rivalisieren.

Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Großindustrie erfolgte eine rasche Reduzierung der Zahl der Industriebeschäftigten, die besonders stark die unteren Gesellschaftsschichten traf, also jene, die kaum oder nur geringe schulische Bildung und Qualifikation aufweisen konnten. Die wirtschaftliche Umstrukturierung hatte wachsende Arbeitslosigkeit zur Folge. Am Tiefpunkt der Rezession der 1990er Jahre waren nur 29 Prozent der männlichen Roma zwischen 15 und 59 Jahren beschäftigt, während der Beschäftigungsanteil der Männer in der Gesamtbevölkerung 64 Prozent betrug. Vor der Transformation hatten 85 Prozent der männlichen Roma Arbeit. Die Schere klaffte bei Frauen noch weiter auseinander: Nur 15 Prozent der Romni im Gegensatz zu 66 Prozent der Nicht-Roma waren berufstätig.[25]

Durch ausländische Kapitalinvestitionen, die sich indes hauptsächlich in Budapest und in den westungarischen Städten konzentrierten, stieg der Bedarf nach Büroräumen. Die Umwandlung der inneren Stadtteile und die Privatisierung früherer Sozialwohnungen mobilisierte die Bevölkerung. Wohlhabendere bevorzugten nun größere und komfortablere Wohnungen in den Außenbezirken. Die bauliche Erhaltung der Innenstadtviertel wurde auch nach der Transformation stark vernachlässigt. Die dadurch entstandenen Slums wurden von den niedrigeren sozialen Schichten bewohnt, hauptsächlich von Roma, die wegen ihres Alters, ihrer Ausbildung oder der Situation auf dem Arbeitsmarkt keine Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg hatten. Der größte Teil der Familien lebt bis heute unterhalb des durchschnittlichen Lebensstandards. Die Kaufkraftparität der Roma pro Kopf liegt weit unter dem Landesdurchschnitt, denn Roma verfügen selten über Kapital, und ihre Lebensumstände sind oft ärmlich. Nach wie vor wohnen sie mehrheitlich "unter sich", in kleinen Gemeinden, typisch für sozial Exkludierte.[26] Viele werden vom aktuellen Geschehen nicht erreicht, und ein Prozess der Meinungsbildung bleibt aus. Mitunter fehlen sogar gültige Personaldokumente. Aus Angst und Misstrauen gegenüber dem Institutionensystem versuchen viele Roma ihre Abstammung zu verbergen und bekennen sich nicht zu ihrer Minderheit.

Aufgrund ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation sieht sich die Mehrheit der Roma Perspektiv- und Chancenlosigkeit für den gesellschaftlichen Aufstieg gegenüber. Nostalgisch gegenüber dem alten System, in dem sie über einen (geringen) gesellschaftlichen Status verfügt haben, entwickeln sie häufig Apathie gegenüber dem aktuellen politischen System. Bei der Parlamentswahl 2002 standen erstmals Vertreter der Roma-Partei Lungo Drom auf den Listen. Bei Kommunalwahlen standen häufig Roma - mit der Folge, dass sie zu Gemeindevertretern, in Einzelfällen auch zu Bürgermeistern gewählt werden. Aufgrund des allgemein niedrigen Bildungsstandes der Minderheit können die Roma-Parlamentarier aber bis hin zum Europäischen Parlament ihren Aufgaben, die Interessen der Roma zu vertreten, häufig nur schwer nachkommen. Sie dienen nicht selten als Alibi, um den Parteien Stimmen aus dem Lager der Roma zu sichern. Für die Europawahl 2009 trat die MCF Roma Ö an, was von Roma-Vertretern aus anderen Parteien wegen der Aussichtslosigkeit und der generellen Uneinigkeit scharf kritisiert wurde. Ohne Wahlprogramm bekundete sie, für alle zwölf Millionen Roma in Europa eintreten zu wollen. Als Spitzenkandidat fungierte der 21-jährige Zsolt Kis. Als erste Roma-Partei überhaupt war sie 2006 zur Parlamentswahl angetreten und kam auf 0,08 Prozent der Stimmen; bei der Europawahl erhielt sie 0,46 Prozent.

Die Mehrheit der Roma ist nach wie vor kaum in die Arbeitswelt integriert: So fehlt der Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung. Ein großes Problem für die Etablierung einer politischen Kultur der Roma und für ihr Demokratieverständnis stellt ihr niedriger Bildungsstand dar: Roma-Kinder haben durch die segregierte Schulbildung[27] nicht die gleichen Ausgangsbedingungen. Nur schrittweise gibt es hier Verbesserungen: So wurde, gesamteuropäisch bis heute einzigartig, in Pécs das erste Roma-Gymnasium, das Gandhi-Gymnasium, errichtet - 1994 in Eigeninitiative des 2006 verstorbenen Soziologen János Bogdán.[28] Trotz dieser Bemühungen genießt die Schule in traditionellen Roma-Familien eine eher geringe Wertschätzung. Nach wie vor liegt der Anteil an den Abiturienten bei unter einem Prozent. Weniger als die Hälfte der Roma-Kinder schließt überhaupt die Grundschule ab, und Sonderschulen dienen als Auffangbecken.

Fußnoten

22.
Vgl. ebd.
23.
Vgl. das Interview mit József Oláh, www.amarodrom.hu/archivum/2007/12 (20.5. 2009).
24.
So die Beobachtung der Autorin beim Besuch des Treffens von Vertretern der Roma-Selbstverwaltungen des Komitats Tolna in Fadd im Mai 2007.
25.
Vgl. István Kemény (Hrsg.), Romák, cigányok és a láthatatlan gazdaság [Roma, Zigeuner und die unsichtbare Wirtschaft], Budapest 2000.
26.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion, Frankfurt/M. 2002, S. 215 - 225.
27.
Kinder, die im ersten Schuljahr den Leistungsanforderungen nicht nachkommen, werden oft in Sonderschulen, nach speziellen Lehrplänen unterrichtet.
28.
Seine Frau leitet bis heute das Gymnasium, das zur Zeit 300 Schüler mit angeschlossenem Internat erzieht.