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10.5.2009 | Von:
Markus Driftmann

Mythos Dresden: Symbolische Politik und deutsche Einheit

Unwägbarkeiten und Risiken: Berlin

Es ist das Geschäft professioneller Politik, die öffentliche Kommunikation nicht dem Zufall zu überlassen. Dem steht die Freiheit der Medien gegenüber, immer auch nach ihren eigenen Selektionskriterien verfahren zu können und damit gegebenenfalls die Intentionen der Politik zu unterlaufen. Dies war beim Berliner Auftritt des Bundeskanzlers am 10. November 1989 der Fall, der eine ebenso einfache wie Erfolg versprechende Übung zu werden schien. Es galt, die nach dem Mauerfall um die Welt gehenden Bilder friedlich feiernder Menschen als Kristallisationspunkt für eine deutschlandpolitische Interpretation der Ereignisse zu nutzen. Hierzu absolvierte Kohl drei Auftritte: erstens vor dem Schöneberger Rathaus, zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper, Altbundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, zweitens vor der Gedächtniskirche auf einer Veranstaltung seiner Partei und drittens ein "Bad in der Menge" am Grenzübergang Checkpoint Charlie.[21]

Interessanterweise konzentrierte sich die Wahrnehmung der Medien ausschließlich auf die Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus, auf der Kohl ausgepfiffen wurde. Auf diese Weise wurden weltweit folgende Informationen transportiert: Erstens gibt es in der Bundesrepublik keine einheitliche Position zum Fall der Mauer, vielmehr offerieren vier prominente Redner vier deutlich voneinander abweichende Interpretationen. Zweitens wird die Position von Bundeskanzler Kohl vom deutschen Publikum nicht geteilt. Stattdessen wird die vom nationalen Pathos am weitesten entfernte Position des Regierenden Bürgermeisters - der den Mauerfall als Befreiungsakt von Bürgern interpretiert, die sich das Recht genommen haben, ihr Land selbst zu gestalten - von Publikum und Kommentatoren goutiert. Ein größeres Desaster war für den Bundeskanzler kaum vorstellbar. Drei Fragen schließen sich an: Gibt es eine Wahrheit des Ereignisses? Warum war Momper erfolgreich, Kohl aber nicht? Und gab es ein vergleichbares Risiko in Dresden?

a) Die Wahrheit des Mauerfalls ist so vielfältig wie das Kaleidoskop der Ereignisse und das Erleben der Menschen. Politik operiert demgegenüber mit pointierten Definitionen, um eigene Ziele voranzutreiben und sich von Konkurrenten abzusetzen. Insofern waren alle an diesem Tag deklarierten Wahrheiten - Mompers "Freude des Wiedersehens", Brandts "Gefühl der Zusammengehörigkeit" und Kohls "Manifestation des Einheitswillens" - falsch in ihrem Anspruch, das Ereignis adäquat zu beschreiben, richtig aber in dem Versuch, Orientierung zu bieten und Meinung zu bilden.

b) Warum aber konnte sich Momper durchsetzen? Zunächst war der Nachrichtenwert der Schöneberger Veranstaltung aufgrund von Prominenz und Rabatz höher als derjenige der anderen Auftritte. Schon dadurch hatte Kohl de facto verloren. Dass die Medien dazu noch "ostpolitisch" dachten, Pfiffe als Antwort auf nationales Pathos ein gute, verbreitungswürdige Nachricht waren und Mompers Slogan sich darin bestens einfügte, kam ergänzend hinzu.

c) Wie riskant war die Inszenierung in Dresden? Zwei Szenarien hatten in Dresden das Potential, die politische Intention des Kanzleramts zu konterkarieren: Massive Gegendemonstrationen suchte man bereits durch die Wahl eines von Berlin entfernten Verhandlungsortes zu begegnen - ganz auszuschließen waren sie jedoch nicht. Völlig unkalkulierbar blieben die gerade in diesen Wochen eskalierenden Auseinandersetzungen innerhalb der Bürgerbewegung. Bildberichte über tumultartige Szenen anlässlich eines öffentlichen Auftritts des Bundeskanzlers hätten den Vorwurf bekräftigt, dass Bonn die ohnehin schon explosive Lage anheize und in unverantwortlicher Weise eine Destabilisierung an der Schnittstelle des Ost-West-Konflikts heraufbeschwöre. Nur wenige Bildausschnitte hätten ausgereicht, die Kohl'sche Inszenierung drastisch zu konterkarieren. Tatsächlich gab es am Besuchstag nur einige Rangeleien am Rande, die den Medien nicht weiter aufgefallen sind. Dem schließlich veröffentlichten Bild eines um Gegenpositionen bereinigten Einheitsjubels wohnte eine deutliche Portion glücklichen Zufalls inne.

Fußnoten

21.
Vgl. zum Folgenden Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Dokumentation Deutschland 1989, Bd. 15, Bonn 1990, S. 730 - 749.