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3.12.2010 | Von:
Yvonne Esterházy

Großbritannien und die Folgen der Finanzkrise

Wie geht es mit der City weiter?

Osborne und Cameron werden dennoch weiter auf die City setzen. Auf keinen Fall wollen sie die Gans schlachten, die immer noch goldene Eier legt, denn ohne sie kann Großbritannien wirtschaftlich nicht überleben. Sie trägt auch heute noch acht bis neun Prozent zum BIP bei und ist vor allem für das Steueraufkommen wichtig. So bescherte die von Ex-Finanzminister Alistair Darling eingeführte einmalige 50-prozentige Bonus-Steuer auf Prämien über 25000 Pfund dem Staatssäckel insgesamt 2,5 Milliarden Pfund - fünfmal mehr, als Darling ursprünglich erwartet hatte. Doch bei aller Freude über den unerwarteten Geldsegen räumte Darling später ein, das eigentliche Ziel der Aktion - nämlich die Höhe der Boni zu beschränken - sei nicht erreicht worden, weil die meisten Banken die Steuer für ihre Angestellten bezahlten, denn sie wollten ihre Experten nicht an die Konkurrenz verlieren.

Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise hat sich allerdings am wichtigsten Finanzplatz Europas doch einiges verändert. Die von Labour geschaffene Finanzaufsichtsbehörde FSA (Financial Services Authority), die mit ihrer laxen Aufsicht "der leichten Hand" (light touch) zum Ausmaß der Finanzkrise beitrug, soll aufgelöst und die Bankenaufsicht wieder unter die Oberhoheit der Bank of England gestellt werden. Die Bank of England ist damit nicht nur für die Geldpolitik, sondern auch für die Aufsicht über das gesamte Bankenwesen und Finanzsystem zuständig - der 39-jährige Finanzminister Osborne machte King damit zu einem der mächtigsten Notenbanker der Welt. Darüber hinaus prüft eine von Osborne eingesetzte Expertenkommission, ob die Großbanken aufgespaltet werden sollen, also nicht länger im lukrativen Investmentbanking tätig sein dürfen.

Manche namhafte Institute sind allerdings schon heute kaum wiederzuerkennen. So ist die einst mächtige Royal Bank of Scotland (RBS), die inzwischen mehrheitlich dem Staat gehört, nur noch ein Schatten ihrer selbst, während die Barclays Bank nach dem Kauf des US-Teils der kollabierten Wall-Street-Bank Lehman Brothers in die Liga der global tätigen Investmentbanken aufrückte und damit als Krisengewinnlerin gelten kann. In Großbritannien drängen nun auch neue Player ins Massenkundengeschäft mit Privatkunden.

Bei der Bevölkerung sitzt das Misstrauen gegen die Finanzbranche allerdings weiterhin tief. Zu allem Überdruss droht nun die Krise im Nachbarstaat Irland auf die britischen Banken überzuschwappen, denn diese sind weltweit am stärksten in Irland engagiert. Die Kredite summieren sich auf schätzungsweise 149 Milliarden Dollar, wie aus Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und des IWF hervorgeht. Allein die RBS hatte in Irland Ende September 2010 ausstehende Kredite im Volumen von insgesamt 53,3 Milliarden Pfund zu verzeichnen. Bei der Lloyds Bank waren es Ende Juni 26,68 Milliarden Pfund.

Am Finanzplatz London brummt indes das Investmentbanking wieder, und viele Banker können auch in diesem Jahr mit stattlichen Boni rechnen, auch wenn die Ausschüttungen nicht ganz so hoch ausfallen dürften wie im vergangenen Jahr und inzwischen nur noch 20 Prozent der jährlichen Boni in bar ausgezahlt werden dürfen. Für Londoner Juweliere, Sportwagenhändler und Immobilienmakler verspricht die Adventszeit dennoch recht lukrativ zu werden. Denn insgesamt werden für das laufende Jahr wohl etwa sieben Milliarden Pfund an Sonderzahlungen fließen - vier Prozent weniger als 2009 (7,3 Milliarden Pfund), wie das angesehene Centre for Economics and Business Research (CEBR)[4] schätzt. Nach Berechnungen des Instituts dürfte die diesjährige Bonus-Saison dem Fiskus rund 4,1 Milliarden Pfund in die Kassen spülen, Resultat des 50-prozentigen Spitzensteuersatzes für Topverdiener und der Aufstockung der Sozialabgaben.

Die gesamten Prämienzahlungen für 2010 lägen damit nach Berechnungen des CEBR wieder auf dem Niveau von 2004 - also zu einer Zeit, bevor die Finanzkrise die Welt erschütterte, wenn sie damit auch längst nicht so hoch sind wie 2007, als insgesamt 11,6 Milliarden Pfund ausgeschüttet wurden. Der Rückgang im Vergleich zu damals ist, so der Ko-Autor der Studie, CEBR-Volkswirt Benjamin Williamson, allerdings auch darauf zurückzuführen, dass heute sehr viel weniger Menschen im Londoner Finanzdistrikt arbeiten. Laut Williamson sind dort heute nur noch 315000 Menschen beschäftigt im Vergleich zu 354000 vor Ausbruch der Krise im Jahr 2007. Damit hat die City fast 40000 Stellen abgebaut - das ist die Größenordnung einer Kleinstadt.

Wo diese Banker geblieben sind, ist nicht bekannt. Einige dürften sich zur Ruhe gesetzt haben, denn viele hatten ihr Geld ja schon gemacht. Andere wechselten in ganz neue Berufsfelder, arbeiten heute als Lehrer, als Unternehmer oder Berater. Wieder andere dürften London verlassen haben - in Richtung Dubai, Hongkong oder Schanghai. Vor allem Asien wird inzwischen als große Bedrohung für die Dominanz Londons als globales Finanzzentrum angesehen. Dies ist einerseits eine Folge der zunehmenden wirtschaftlichen Dynamik Chinas und anderer asiatischer Märkte. Andererseits resultiert die wachsende Bedeutung der Finanzplätze Asiens auch aus den strengeren Auflagen, welche die Europäische Union (EU) und die nationale britische Aufsichtsbehörde FSA den Akteuren an den Finanzmärkten als Folge der Krise auferlegt haben. So hat die EU mittlerweile die stark umstrittene Richtlinie zur Überwachung riskanter Finanzanlagen - also die Regulierung von Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) - unter Dach und Fach gebracht, die London, wo etwa 90 Prozent aller europäischen Hedgefondsmanager sitzen, in besonderem Maße betrifft. In den vergangenen Monaten hatten Fonds-Lobbyisten daher immer lauter vor der Abwanderung der Fonds in die Schweiz oder außereuropäische Standorte gewarnt. Vielen Hedgefondsmanagern passt es nicht, dass sie sich ab 2013 nach einheitlichen europäischen Standards registrieren und kontrollieren lassen und die bisher geheim gehaltene Anlagestrategien gegenüber Investoren und der Aufsicht offenlegen müssen. Private-Equity-Gesellschaften werden es künftig schwerer haben, Unternehmen zu übernehmen und nur um des Gewinns willen schnell zu zerschlagen. Wie ernst gemeint die Abwanderungsdrohungen sind, lässt sich im Moment nur schwer abschätzen. Tatsache ist, dass auch seitens der Banken immer wieder Äußerungen zu hören sind, man werde London den Rücken kehren, falls die Auflagen zu streng und die Steuerlast zu erdrückend werden sollten. Noch profitiert die europäische Finanzmetropole von ihrer günstigen geographischen Position und Zeitzone, die ihr eine Brückenstellung zwischen den USA und Asien sichert. Außerdem ist das soziale und kulturelle Umfeld der britischen Hauptstadt nicht nur für viele Briten, sondern auch für zahlreiche ausländische Banker immer noch so attraktiv, dass sie in London bleiben wollen. Allerdings - so warnt Stuart Fraser von der City of London Corporation - besteht die Gefahr, dass Finanzhäuser bei der Entscheidung über künftige Investitionen den Standorten Hongkong, Schanghai oder Singapur den Vorzug geben könnten.

Fußnoten

4.
Vgl. CEBR, News Release, 5.10.2010, online: www.cebr.com/wp-content/uploads/London-and-the-City-Prospects-Press-Release-5-October-2010-City-Bonuses.pdf (17.11.2010).