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11.5.2010 | Von:
Diemut Roether

Spannungsverhältnisse - eine kritische Würdigung der ARD

Mangelnde Selbstkontrolle

In den Sendern wird bemängelt, dass die Diskussionen über solche Einsparungen nicht offen geführt würden. In der Tat tut sich die ARD häufig schwer mit der Transparenz, zu der sie auch gegenüber den Gebührenzahlern verpflichtet ist. Dass einzelne Personen im ARD-System eine große Machtfülle auf sich vereinen, ohne ausreichend kontrolliert zu werden, zeigte sich nicht zuletzt an handfesten Skandalen wie dem um die einstige Fernsehfilmchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Doris Heinze, die im August 2009 fristlos entlassen wurde. Zunächst hatte die "Süddeutsche Zeitung" aufgedeckt, dass Heinze jahrelang Drehbücher ihres eigenen Mannes redaktionell betreut hatte, die dieser unter Pseudonym geschrieben hatte. Im Laufe der internen Ermittlungen stellte sich später heraus, dass Heinze sogar selbst unter Pseudonym ein Drehbuch für ihren Arbeitgeber verfasst hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Betrugsverdachts, der Imageschaden für die ARD ist nicht bezifferbar.

Auch die Fälle der Sportchefs von HR und MDR, Jürgen Emig und Wilfried Mohren, zeigen, dass es verantwortlichen Redakteuren im System ARD offenbar jahrelang möglich war, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Emig und Mohren hatten Geld von Sportveranstaltern angenommen, über die sie in ihren jeweiligen Programmen berichteten. Während Emig vom Landgericht Frankfurt am Main wegen Untreue und Bestechlichkeit zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt wurde, sorgte ein gerichtlicher "Deal" im Fall Mohren dafür, dass die Öffentlichkeit nicht darüber aufgeklärt wurde, wieso Mohren seine Geschäfte jahrelang unbehelligt tätigen konnte, weshalb also jahrelang sämtliche Kontrollen im MDR versagten. Die Frage, ob es nicht ein Verrat an der Rundfunkfreiheit ist, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender eine Sportübertragung davon abhängig macht, ob der Veranstalter zahlt, wurde von den Gerichten gar nicht problematisiert.[17]

Gerade im Sport zeigte die ARD gelegentlich eine ungute Nähe zu den Akteuren, die einer kritischen Berichterstattung im Weg stand. So schloss der Senderverbund, der seit Jahren die Rechte für die Übertragung der Tour de France hält, 1998 auch noch einen Partnerschaftsvertrag mit der Deutschen Telekom, der ihm das Recht gab, das Logo des Ersten und den Schriftzug "Radio & TV" auf der Kleidung der Fahrer des Teams Telekom zu platzieren. Im Gegenzug durfte die Deutsche Telekom bei der ARD Werbespots im Wert von jährlich vier Millionen DM schalten.[18] Als Ende der 1990er Jahre erste Dopingvorwürfe gegen die Radsportler laut wurden, hielten sich die ARD-Reporter in der Berichterstattung darüber auffallend zurück. 2006 wurde obendrein bekannt, dass die ARD den Radrennfahrer Jan Ullrich seit 1999 dafür bezahlt hatte, dass er ihr für "besondere Berichterstattungsmöglichkeiten" exklusiv zur Verfügung stand.[19]

Fritz Pleitgen, der damalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), räumte anschließend in einem Interview ein, dass die ARD zu viel Nähe zur Tour de France gehabt habe und gelobte, dies werde nicht wieder vorkommen. In der ARD wurde eine Clearingstelle Sport eingerichtet, und seit Anfang 2007 gibt es im Senderverbund auch eine Fachredaktion für Doping-Berichterstattung.[20] Doch weder dem verantwortlichen ARD-Programmdirektor noch dem damals amtierenden ARD-Sportkoordinator schadeten die Einzelheiten, die über den Vertrag mit Ullrich bekannt wurden. Ihre Verträge wurden wenig später verlängert.[21] Einmal mehr konnte man den Eindruck gewinnen, dass in der ARD ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit dazu führt, dass letztlich keiner für Fehler den Kopf hinhalten muss.

Ähnlich glimpflich war für Programmdirektor Günter Struve schon der "Marienhof"-Skandal ausgegangen. Nachdem "epd medien" 2005 berichtet hatte, dass in der gleichnamigen Vorabendserie im Ersten jahrelang Schleichwerbung platziert worden war, gab der ARD-Programmdirektor den unschuldig Betrogenen.[22] Vorwürfe des Bavaria-Produzenten Thilo Kleine, Struve selbst habe die "Ko-Finanzierung" der Serie angeregt, wies er unter juristischen Drohungen zurück. Markig kündigte Struve damals ein "Regime des Schreckens" gegen Schleichwerbung an und versicherte, die ARD werde in den kommenden Jahren "das sicherste Gebiet der Welt in Sachen Schleichwerbung sein".[23]

Insgesamt, so wurde bekannt, hatten Kunden zwischen 1998 und 2004 3,5 Millionen Euro bezahlt, um ihre Werbebotschaften in Serien unterzubringen, die von der ARD-Produktionstochter Bavaria produziert wurden. Unter anderem gehörten auch Pharmaproduzenten zu den Kunden der vermittelnden Agentur. Sie bezahlten zum Beispiel dafür, dass in der ARD-Erfolgsserie "In aller Freundschaft" Dialogzeilen wie diese untergebracht wurden: "Sie leiden an Epilepsie. Ihr altes Medikament wird in Zukunft nicht mehr reichen, derartige Anfälle zu vermeiden. (...) Es gibt ein neues, hochwirksames Antiepileptikum. Diesen neuen Wirkstoff werde ich Ihnen verschreiben."[24] Das Erschreckende an der "Bavaria-Connection" war genau dies: Dass es Werbetreibenden gelungen war, bis in die Dramaturgie und die Dialoge von Serien vorzudringen und diese so zu gestalten, dass für sie ein möglichst großer Effekt entstand. Der Glaubwürdigkeit der ARD hat das sehr geschadet.

Ob die ARD aus den Skandalen der vergangenen zehn Jahre gelernt hat? Die Sender haben in jüngerer Zeit zahlreiche Leitlinien und Selbstverpflichtungen verabschiedet, aber ob diese mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen, kann nur die Praxis zeigen. Immerhin ist der NDR im Fall Heinze entschlossen vorgegangen und hat jüngst auch schnell reagiert, als Vorwürfe gegen einen NDR-Redakteur laut wurden, er habe von einer Firmengruppe Geld dafür erhalten, dass er ihr Sendezeiten im Fernsehen verschafft habe.[25] In all diesen Fällen jedoch scheint vor allem die kollegiale Kontrolle versagt zu haben. Es sind doch die betreuenden Redakteurinnen und Redakteure, denen auffallen müsste, wenn Beiträge oder Dialogzeilen zu werblich daherkommen, oder wenn Drehbuchautoren angeblich nie erreichbar sind.

Der Verband der Drehbuchautoren schrieb nach Bekanntwerden des Drehbuchskandals von einem "Geschmacksdiktat", mit dem beim NDR die "Fantasie der Kreativen unterdrückt" worden sei. Er kritisierte, in den Sendern werde oft willkürlich darüber entschieden, "wer inszeniert, wer spielt und wer produziert". Dieses System habe "Unterwerfung, Einverständnis und Fantasielosigkeit produziert".[26] Hier müssen sich die Sender nach ihrer Kultur der Kritik und Selbstkritik fragen lassen, denn nur in einem offenen Klima kann auch die größtmögliche Kreativität entstehen. Es ist ja nicht so, dass die ARD ihre Ressourcen, die sie den Gebühren aller verdankt, mutwillig verschwenden könnte.

Fußnoten

17.
Vgl. Michael Ridder, Systemsünden, in: epd medien, (2009) 95, S. 6.
18.
Vgl. Claus Morhart, Telekom kündigt Radsportvertrag mit der ARD, in: epd medien, (2000) 60, S. 8f.
19.
Vgl. Michael Ridder, Struve will wegen umstrittener Ullrich-Verträge nicht zurücktreten, in: epd medien, (2006) 71, S. 10.
20.
Vgl. Daniel Bouhs, WDR geht Selbstverpflichtung für Sportberichterstattung ein, in: epd medien, (2008) 16, S. 8f.
21.
Vgl. Michael Ridder, ARD verlängert Verträge mit Struve und Boßdorf, in: epd medien, (2006) 73, S. 9.
22.
Vgl. Volker Lilienthal, Die Bavaria-Connection, in: epd medien, (2005) 42, S. 3-15.
23.
Zit. nach: D. Roether (Anm. 1), S. 5.
24.
Zit. nach: Volker Lilienthal, Lektion für Pillendreher, in: epd medien, (2008) 43, S. 3.
25.
Vgl. Ellen Reglitz, Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt gegen NDR-Mitarbeiter, in: epd medien (2010) 21, S. 7.
26.
Verband Deutscher Drehbuchautoren, Supergau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Presseerklärung vom 1.9.2009, dokumentiert in: epd medien, (2009) 70, S. 24.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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