Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Shafiah F. Muhibat

Indonesien - eine aufsteigende Regionalmacht?

Politische und wirtschaftliche Entwicklung

Die jüngsten Entwicklungen in Indonesien zeigen sowohl ermutigende als auch beunruhigende Tendenzen. Einerseits hat das Land unter der Regierung von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono (im Amt seit 2004) erhebliche Fortschritte bei der Stabilisierung von Demokratie und Wirtschaft gemacht. Seit dem Übergang Indonesiens zur Demokratie Ende der 1990er Jahre hat es zwei Präsidentschaftswahlen und Hunderte von regionalen Wahlen gegeben. Angesichts dieser positiven Veränderungen haben Beobachter die Hoffnung geäußert, dass Indonesien schon bald in die Reihe der BRICS-Länder, also der tonangebenden neuen Marktwirtschaften - namentlich Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - aufrückt. Andererseits dürfte dieser Optimismus verfrüht sein, wirft man einen Blick auf die politischen Probleme (oder Skandale, wie manche sagen würden), welche die Regierung 2010 und 2011 beschäftigten. Dazu zählen etwa eine umstrittene staatliche Rettungsaktion für die notleidende Bank Century sowie das nie enden wollende Thema der Korruption.

Im Global Competitiveness Index steht Indonesien auf Platz 44 von 139 Volkswirtschaften.[6] Seit 2005 hat das Land bei allen zwölf Indikatoren des Indexes Fortschritte gemacht, sein Aufstieg um zehn Plätze ist der deutlichste unter allen G20-Staaten. Heute kann Indonesien dem Vergleich mit den BRICS-Staaten standhalten, von China einmal abgesehen. Es rangiert vor Indien, Südafrika, Brasilien und Russland und hat seinen Platz inmitten der anderen ASEAN-Länder: zwar deutlich hinter Singapur und Malaysia, aber weit vor den Philippinen und Kambodscha, auf gleicher Höhe mit Thailand und Vietnam. Zu den Stärken Indonesiens zählt, dass rasches Wirtschaftswachstum und eine solide Haushaltsführung dem Land ein stabiles finanzielles Fundament verliehen haben.[7] Grundbildung ist nahezu für alle zugänglich, und seit einiger Zeit gibt es auch Fortschritte bei deren Qualität. Es gilt nun, auch den Zugang zu höherer Bildung und deren Qualität zu verbessern. Was sich in den kommenden Jahren auszahlen dürfte, ist die relativ gut bewertete Leistungskraft des Gütermarktes, Bürokratie und Handelsbarrieren stehen jedoch immer noch häufig im Wege. Ein weiterer klarer Vorteil ist die Größe des indonesischen Binnenmarktes. Als eine der zwanzig größten Volkswirtschaften weist Indonesien eine breite und ständig wachsende Mittelschicht auf.

Während Demokratie und die Einführung fairer, freier und friedlicher Wahlen auf große Zustimmung treffen (Indonesien ist damit zum größten demokratischen Staat der Region avanciert), stehen andere große Herausforderungen noch bevor. So gehört die Infrastruktur zu den eklatantesten Mängeln des Landes: Häfen, Straßen und Schienennetz sind in schlechtem Zustand, Strom ist knapp und die Versorgung extrem unzuverlässig. Der Nutzen der Informations- und Kommunikationstechnik bleibt sowohl für Unternehmen als auch für die breite Bevölkerung bislang beschränkt. Der Zustand des Gesundheitswesens ist alarmierend. Der raue Arbeitsmarkt sorgt für einen hohen Anteil illegaler Arbeit und unsichere Arbeitsbedingungen. Auch, was den institutionellen Rahmen angeht, gibt es Baustellen: Korruption ist immer noch weit verbreitet, und größere Transparenz und Berechenbarkeit in den politischen Prozessen sind vonnöten. Vieles deutet darauf hin, dass die indonesische Demokratie im Konsolidierungsprozess an einem entscheidenden Punkt angelangt ist, an dem neu institutionalisierte Normen und Institutionen die bestehenden infrage stellen. Durch das Nebeneinander von demokratischen und nichtdemokratischen, reformorientierten und rückwärtsgewandten Kräften ist die Zunahme politischer Turbulenzen programmiert.

Wesentliche Argumente für einen herausgehobenen Platz Indonesiens in der internationalen Gemeinschaft sind das Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sowie die aktive Mitgliedschaft in vielen regionalen Handelsarrangements und anderen internationalen Organisationen. Gemessen an makroökonomischen Indikatoren hat das Land in den vergangenen zehn Jahren Großes vollbracht. 1999, als der G20-Zusammenschluss erfolgte, wies Indonesien unter diesen Staaten das zweitniedrigste BIP auf, gefolgt nur von Indien. Doch in den darauffolgenden zehn Jahren wuchs das indonesische BIP um über 265 Prozent, so dass es inzwischen größer ist als etwa das von Australien und einiger anderer entwickelter Länder. Trotzdem ist Indonesien, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, noch immer das zweitärmste G20-Land.

Eine der drängendsten Aufgaben, der sich die indonesische Wirtschaft in der nahen Zukunft stellen muss, ist die Schwäche des produzierenden Sektors, der seit der asiatischen Finanzkrise 1997/1998 nur im unteren einstelligen Bereich wächst. Während der über 30-jährigen Suharto-Ära (1967-1998) wurden für diesen Zweig noch Wachstumsraten im zweistelligen Bereich verzeichnet. Gerade mit Blick auf den Arbeitsmarkt ist diese Schwäche beunruhigend, sind es doch gerade Beschäftigungsmöglichkeiten im produzierenden Sektor, die helfen können, absolute Armut zu reduzieren, wie die jüngsten Erfahrungen in China lehren. Eine weitere Herausforderung ist die (zu) starke Abhängigkeit von den Rohstoff-Exporten. Indonesien, das reich an Bodenschätzen und anderen Primärgütern ist, scheint daran zu kranken, dass es nicht imstande ist, seine Wirtschaft zu diversifizieren. Die Abhängigkeit wurde durch steigende Rohstoffpreise verstärkt, getrieben von der enormen Nachfrage in China und Indien - speziell nach Rohkautschuk, Palmöl und Kohle.

Auf der Grundlage der G20-Vereinbarungen zur Förderung nachhaltigen Wachstums, insbesondere seit dem Berliner Gipfel 2004, befasst sich Indonesien weiterhin intensiv mit der öffentlichen Schuldenverwaltung, ebenso wie mit finanzieller Konsolidierung und Transparenz, mit der Stabilisierung der Finanzmärkte und dem Aufbau von good and clean governance. Die Regierung hat versprochen, kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu Finanzmärkten zu ermöglichen; Priorität hat zudem die verstärkte Einbindung des privaten Sektors in die Wirtschaft, was durch eine Verbesserung des Investitionsklimas und die Aufrechterhaltung der Währungs- und Finanzstabilität erreicht werden soll.

Fußnoten

6.
Vgl. World Economic Forum, The Indonesian Competitiveness Report 2011: Executive Summary, June 2011, online: www3.weforum.org/docs/WEF_GCR_Indonesia_ExecutiveSummary_2011.pdf (23.2.2012).
7.
Vgl. ebd.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Aceh-Partei mitregierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

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