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ILLUSTRATION - Ein Schattenriss ist am Donnerstag (26.04.2012) in Düsseldorf beim Start des so genannten Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen auf einer Projektion mit der Startseite des Programmes zu sehen. Am Donnerstag (26.04.2012) wird in Nordrhein-Westfalen der Wal-O-Mat Online gestellt. Foto: Federico Gambarini dpa/lnw
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Schlagworte
Automat , Wahl-O-Mat , Wahlen , Programm , Monitor , Computer , Schriftzug , Bildschirm , Landtag , Landtagswahl , Politik
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Überschrift 
Wahl-O-Mat wird freig...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Düsseldorf
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 Verwendung weltweit
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-
Rechtevermerk
picture alliance / dpa
Notiz zur Verwendung
(c) dpa
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6.2.2012 | Von:
Karl-Rudolf Korte

Beschleunigte Demokratie: Entscheidungsstress als Regelfall

II. Zaudern, um zu entschleunigen: Langsamkeit als Strategie

Eine systematische Entschleunigung von politischen Prozessen ist kein genereller Ausweg aus den komplexen Entscheidungszumutungen. Moderne politische Systeme und Gesellschaften können sich nur erhalten und stabil bleiben, wenn sie permanent wachsen und schneller werden: "Sie stabilisieren und reproduzieren sich dynamisch."[18] Entscheidungsgesellschaften können den Status quo nur wahren, wenn sie sich dauernd verändern.[19] Dennoch helfen attentistische Formate: Langsamkeit kann, im Sinne bewusst retardierender Momente von diskursiv angelegten parlamentarischen Verfahren, nicht nur die Legitimation von Entscheidungen erhöhen.[20] Bessere temporale Voraussetzungen bieten auch die Chance, zu guten - problemlösenden - Entscheidungen zu gelangen. Wer einen politischen Steuerungsanspruch in einem extrem dynamischen Umfeld formuliert, muss auf Entschleunigung setzen.

Auch in Regierungsstilen könnte sich das ausdrücken. Ließe sich das Vortasten der Regierungen unter Bundeskanzlerin Angela Merkel im Umgang mit einigen Krisen möglicherweise so einordnen? Oft warteten die Kanzlerin und ihr jeweiliger Ressortminister ab und begegneten dem Alltag der Krise mit kleinteiligem Vielfaltsmanagement.[21] So eine forcierte Passivität mit Lerneffekten könnte sich am Ende der jeweiligen Entscheidungskette als Macht erhaltende Taktik herausstellen. Das präsidentielle, überparteiliche Zaudern[22] der Bundesregierungen wirkt wie eine Auszeit für einen historischen Möglichkeitssinn und könnte als Methode interpretiert werden. Es handelte sich also keinesfalls um Nichtstun; die substanzielle Langsamkeit stellt in komplexen, unsicheren Zeiten ein Machtreservoir dar. Zaudern, um zu entschleunigen, kann eine Komponente von Risikokompetenz sein - auch wenn diese Strategie mit Blick auf den eigenen Machterhalt hochriskant ist. Digitale Demokratien kann man nicht ausbremsen, aber bewusst verlangsamen, um potenzielle Handlungskorridore zu nutzen.

Fußnoten

18.
Hartmut Rosa, Ändere doch wieder mal dein Leben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.7.2011.
19.
Vgl. U. Schimank (Anm. 9), S. 429.
20.
Vgl. ders., Nur noch Coping: Eine Skizze postheroischer Politik, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 21 (2011) 3 (i.E.).
21.
Vgl. Karl-Rudolf Korte, Präsidentielles Zaudern. Der Regierungsstil von Angela Merkel in der Großen Koalition, in: Sebastian Bukow/Wenke Seemann (Hrsg.), Die Große Koalition, Wiesbaden 2010, S. 102-122.
22.
Vgl. Joseph Vogl, Über das Zaudern, Berlin 2007.