Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1800 bis 1850

Europa 1800-1850

Das napoleonische Imperium und seine Gegner

Die Herrschaft Napoleons in Frankreich und das napoleonische Imperium in Europa waren etwas historisch ganz Beispielloses und insofern der Beginn einer neuen Epoche. Napoleon Bonaparte, ab 1804 als Napoleon I. der erste Kaiser, den Frankreich je hatte, besaß keinerlei dynastischen Hintergrund. Er hatte durch Begabung und Protektion im Militärdienst des revolutionären Frankreich Karriere gemacht. Im Sommer 1794 war der revolutionäre Terror beendet worden. Unter der neuen Regierung des „Direktoriums“ formierten sich Institutionen; es bildeten sich Ansätze einer liberalen Republik; die Wirtschaft kam wieder in Gang. Seit 1792 stand Frankreich jedoch im Krieg mit wechselnden Koalitionen der Großmächte. In dieser Situation schlug die Stunde des Militärs. Der erfolgreichste unter den Generälen, Bonaparte, putschte im November 1799 und machte sich in zielstrebigen Schritten zum Alleinherrscher Frankreichs. Damit war nach zehn Jahren die Revolution beendet.
Obwohl Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Stellung mehr Macht auf sich vereinigte als jeder frühere französische Monarch, bedeutete seine politische Ordnung keine Rückkehr zum Ancien Régime; die französische Gesellschaft behielt ihren nachrevolutionären Charakter. Napoleon setzte die entmachteten Eliten nicht wieder in ihre alten Positionen ein; er restaurierte die seit 1789 schrittweise zertrümmerte Eigentumsordnung nicht. Frankreich blieb fortan unter den großen Ländern Europas dasjenige mit dem schwächsten grundbesitzenden Adel. Das napoleonische politische System stützte sich teils auf „Notabeln“, das heißt eine sozial angesehene besitzbürgerliche Oberschicht in den Städten, teils auf neue Leute, die auf der Grundlage weniger ihrer Herkunft als vielmehr ihrer persönlichen Fähigkeiten in Militär und Zivilbürokratie Karriere machten. In zahlreichen Schlüsselpositionen wurden auch Mitglieder von Napoleons umfangreicher korsischer Familie untergebracht. Das Ideal Napoleons und seiner Mitstreiter war ein leistungsorientierter, rational organisierter, auf Paris hin zentralisierter Verwaltungsapparat. Das 1800 eingeführte Präfektursystem besteht in seinen Grundzügen noch heute. Eine straffe Befehlskette reichte vom Kaiser an der Spitze bis hinunter zu lokalen Amtsinhabern. Der autokratische Verwaltungsstaat unterlag zwar keinerlei demokratischer Kontrolle; Volksabstimmungen – die nun zum ersten Mal abgehalten wurden – waren manipuliert. Doch die Funktionäre waren angehalten, gewisse Rechtsnormen zu beachten. Das Recht der napoleonischen Zeit wurde zwar nicht von Parlamenten beschlossen, aber von vorzüglichen Juristen systematisch ausgearbeitet. Sein Kern war ein modernes, den Erfordernissen der Zeit gerecht werdendes Zivilrecht (Code civil, 1804), das fortan, obwohl keineswegs überall eingeführt, für die Rechtsentwicklung auf dem europäischen Kontinent von größter Bedeutung werden sollte.
Die napoleonische Ordnung war die erste nationale Entwicklungsdiktatur der Neuzeit. Anders als die vorrevolutionäre Königsherrschaft setzte sie sich das Ziel, reformierend in die Gesellschaft einzugreifen. Frankreich sollte nach den Vorstellungen einer Modernisierungselite umgestaltet werden; ein großer Teil der Ziele, für die im 18. Jahrhundert die Denker der Aufklärung geworben hatten, wurde nun realisiert. National war ein solches Programm deshalb, weil es ausdrücklich der Stärkung und dem Ruhm der französischen Nation dienen sollte, nicht mehr allein dem Glanz des Herrschers.
Eine solche Ordnung hätte sich in Friedenszeiten möglicherweise bewähren können. Friedenszeiten blieben jedoch aus. Zunehmend wurde der napoleonische Staat zu einer riesigen Maschinerie, die Rekruten, Waffen und Nahrungsmittel für das Militär zu besorgen hatte. Europa stand zwischen 1792 und 1815 mit einigen kurzen Unterbrechungen – vor allem 1802 bis 1805 – permanent im Krieg. Daher spricht man zusammenfassend von den „Kriegen der Revolution und Napoleons“. Frankreich sah sich wechselnden Koalitionen von Gegnern gegenüber. Die für Napoleon gefährlichsten waren Großbritannien, das Frankreich 1805 – in der Seeschlacht von Trafalgar, nahe der Straße von Gibraltar – als Seemacht ausschaltete, sowie das Zarenreich, das Napoleon schließlich zum militärischen Verhängnis werden sollte. Österreich und Preußen, beide militärisch schwächer als die „großen Drei“ Eurasiens, kamen von Fall zu Fall hinzu, wurden aber zeitweise von Napoleon deklassiert.
Die Frage, wer die verschiedenen Kriege verursachte, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Am Anfang standen sich einerseits die Absicht der alten Monarchien, die Revolution in Frankreich einzudämmen oder zu unterdrücken, andererseits der französische Übergang von der Defensive zum befreienden Revolutionsexport gegenüber. Später nährte sich der Krieg aus Konstellationen des Augenblicks. Er gewann eine Eigendynamik, auch wenn immer wieder einsame Entschlüsse Napoleons eine entscheidende Rolle spielten, vor allem bei der Invasion des Zarenreiches im Sommer 1812. Der Höhepunkt von Napoleons militärischen Erfolgen war mit einer Serie von Blitzkriegen während der Jahre 1805 bis 1810 erreicht. Um 1810 war auf dem europäischen Kontinent ein beispielloses Großreich entstanden. Napoleon hatte keinen früh entworfenen Eroberungsplan systematisch umgesetzt, aber doch immer wieder Expansionschancen genutzt und sich um die Integration unterworfener Gebiete in das entstehende Reich gekümmert.
Mit den Soldaten kamen die Zivilverwalter, die das Imperium konsolidieren sollten. Das Reich wurde indes keineswegs einförmig regiert. Man kann es sich in drei konzentrische Zonen gegliedert vorstellen. Den inneren Ring, den die Herrschaftszentrale fest im Griff hatte, bildeten Frankreich, die Niederlande, das heutige Belgien, Oberitalien sowie die deutschen Satellitenstaaten (zum Beispiel das Königreich Westfalen). In einem mittleren Ring, in dem Frankreich eine weniger direkte Kontrolle ausübte, befanden sich die deutschen Rheinbundstaaten (Baden, Württemberg, Bayern, Frankfurt), Sachsen, Mecklenburg, Dänemark, Polen (genauer: das Großherzogtum Warschau) sowie Süditalien (das Königreich Neapel). Schwächer und kurzfristiger war der französische Einfluss im „äußeren Imperium“, zu dem sich Mittelitalien, Spanien und der nördliche Balkan zählen lassen. Die modern anmutenden Tendenzen, dieses insgesamt riesige Gebiet administrativ und wirtschaftlich zu integrieren, schwächten sich in dem Maße ab, wie Napoleon militärisch in die Defensive geriet. Begrenzte Aufstände, etwa in Tirol, konnten das Regime nicht schwächen, aber gefährlich wurde es, als sich das große Land Spanien ab 1808 seiner Unterwerfung widersetzte. 1812 scheiterte Napoleons Grande Armée (die überwiegend aus Soldaten der nichtfranzösischen Verbündeten bestand) nicht nur am russischen Winter, sondern auch am Geschick der zarischen Militärführung. Von 655 000 Soldaten, die die Weichsel ostwärts überschritten hatten, kehrten nur 93 000 zurück. An vier blutigen Tagen im Oktober 1813 unterlag Napoleon dann seinen vereinten Gegnern in der „Völkerschlacht“ bei Leipzig. War das Imperium nun verloren, so hätte der Kaiser noch an diesem Punkt seine Herrschaft in Frankreich retten können. Doch er kämpfte weiter. Von seinen Marschällen im Stich gelassen, dankte er am 6. April 1814 ab und ließ sich von den Großmächten zum Exil auf der Insel Elba vor der toskanischen Küste verurteilen.

Quellentext

Napoleons Rechtsordnung

[...] Napoleon wollte nicht nur groß sein als Feldherr, auch als Gesetzgeber. Das hat er gleich verkündet und mit der Arbeit am Code civil begonnen. 1804, in dem Jahr, in dem der General sich selbst zum Kaiser krönte, war das Werk vollendet. Aber dabei blieb es nicht. Insgesamt wurden es fünf Codes, fünf Gesetzbücher. 1806 kam der Code de procédure civile, die Zivilprozessordnung. 1807 der Code de commerce, das Handelsgesetzbuch. 1808 der Code d’instruction criminelle, die Strafprozessordnung. Und Ende Februar 1810 [...], auf dem Höhepunkt seiner Macht, als Schlussstein der Code pénal, das Strafgesetzbuch. Alle enthielten sie wichtige Neuerungen und sollten beträchtlichen Einfluss auf andere Länder bekommen. Auf diese Weise wurde Napoleon zu Europas größtem Gesetzgeber – gleich nach dem römischen Kaiser Justinian und dessen Corpus Iuris Civilis.
[...] Er nahm nicht nur Einfluss auf den Inhalt, sondern sorgte auch entscheidend für den einfachen und klaren Stil der Gesetze. Der Romancier Henri Beyle, der sich Stendhal nannte, bekannte, er habe beim Schreiben seines berühmtesten Romans, der Kartause von Parma, jeden Morgen nach dem Frühstück einige Paragrafen des Code [civil] gelesen, „pour prendre le ton“, um den richtigen Ton zu finden. [...]
Also 2281 Paragrafen in drei Büchern, das erfolgreichste Gesetzbuch des Jahrhunderts, freiwillig übernommen oder durch Eroberung eingeführt in vielen Ländern Europas und auch außerhalb ein Vorbild für andere. Ein Handbuch des frühen Kapitalismus mit einer sehr starken Stellung des Eigentümers und der ersten klaren Formulierung der unbeschränkten Vertragsfreiheit, sodass nun – theoretisch – jeder jeden Beruf ergreifen oder Betrieb eröffnen konnte, wie es ihm gefiel und ohne den Zwang der alten Zünfte. Am Anfang der berühmte Satz: „Jeder Franzose hat alle bürgerlichen Rechte“, weshalb Napoleon besonders von den Juden geliebt wurde, man denke an Heinrich Heine. Außerdem die völlige Trennung von Staat und Kirche. Auch die Ehe war nun nicht mehr als ein privater Vertrag zwischen Mann und Frau. So hatte es schon 1792 die Nationalversammlung beschlossen. Napoleon änderte da nicht viel. Die Trauung fand vor einem staatlichen Standesbeamten statt, die obligatorische Zivilehe, und als privater Vertrag konnte sie auch wieder aufgelöst werden von einem staatlichen Gericht. In einem entscheidenden Punkt aber drehte Napoleon die Zeit zurück. Denn nach dem Willen der Nationalversammlung waren Mann und Frau gleichberechtigte Partner des Ehevertrages.
Davon wollte Napoleon nichts mehr wissen. „Die Natur hat unsere Ehefrauen zu unseren Sklaven gemacht“, verkündete er apodiktisch im Staatsrat. „Der Ehemann hat das Recht, seiner Frau zu sagen: Madame, Sie gehen nicht aus; Madame, Sie werden nicht das Theater besuchen; Madame, Sie werden diese Person nicht sehen: kurzum, Madame, Sie gehören mir mit Leib und Seele.“
Da war sie wieder. Die alte Herrschaft des Mannes über die Frau. Wie es in der Bibel steht. Nur das alte Züchtigungsrecht war weggefallen. Und so blieb es bis ins 20. Jahrhundert; erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten Frankreichs Frauen das Wahlrecht. Napoleon war zufrieden mit seinem ersten Gesetz. [...]
Doch genauso wichtig waren die vier anderen Gesetzbücher, die unter seiner Herrschaft entstanden. Zuerst musste das Zivilgesetzbuch des Code Napoléon, wie der Code civil bald genannt wurde, durch eine Zivilprozessordnung ergänzt werden, den Code de procédure civile von 1806. Dann kam im nächsten Jahr das Handelsgesetzbuch, der Code de commerce. Und schließlich das Strafrecht, ebenfalls in einer vernünftigen Reihenfolge.
Denn wie jeder Praktiker weiß, ist für dessen Wirksamkeit die Regelung des Prozessrechts das Wichtigste. Wie ist die Stellung des Angeklagten? Wie kann er sich verteidigen? Also wurde zuerst 1808 der Strafprozess geregelt im Code d’instruction criminelle, und schließlich folgte als Letztes das sogenannte materielle Strafrecht im Strafgesetzbuch, dem Code pénal von 1810. Damals war der Kaiser auf dem Höhepunkt seiner Macht und sein Gesetzgebungswerk abgeschlossen. [...]
„Wir wollten in dieser Welt Spuren hinterlassen, die unser Andenken der Nachwelt empfehlen“, schrieb Napoleon in einem Brief vom November 1807. [...] Juristische Spuren jedenfalls hinterließ er eine Menge, auch in Deutschland. So galten bis zum Inkrafttreten neuer Gesetze des Deutschen Reichs von 1871 im linksrheinischen Gebiet der Code civil, der Code de procédure civile, der Code de commerce und der Code d’instruction criminelle weiter, fast ein ganzes Jahrhundert lang. Die veralteten bayerischen und preußischen Gesetze konnten sich gegen dieses moderne Recht nicht durchsetzen, auch nicht das gern verklärte Preußische Allgemeine Landrecht von 1794.
Der preußische Entwurf einer Zivilprozessordnung von 1864 orientierte sich am Vorbild des Code de procédure civile und wurde 1876 Grundlage für unsere heutige. Auch die Entstehung des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches, das seit 1861 in deutschen Ländern eingeführt und 1871 unser Handelsgesetzbuch wurde, geht zurück auf einen preußischen Entwurf von 1857, der sich am Code de commerce orientierte. Schließlich die fundamentale Veränderung des Strafprozesses durch die Einführung des Staatsanwalts im Code d’instruction criminelle: Diese Neuerung übernahm Preußen 1846, Grundlage unseres Rechts in der Strafprozessordnung von 1877, und die Dreiteilung der Straftaten des Code pénal fand Eingang in das Reichsstrafgesetzbuch von 1871.
Aber zur Beruhigung nationaler Gefühle: Unser viel geliebtes BGB, das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900, ist die Schöpfung einer hoch entwickelten deutschen Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts auf der Grundlage des römischen Rechts ohne jeden französischen Einfluss. Deshalb auch nicht ganz so leicht verständlich.

Uwe Wesel, „Die fünf Bücher Bonapartes“, in: Die Zeit, Nr. 8 vom 18. Februar 2010

Friedenssicherung: Die Ordnung des Wiener Kongresses

Die Kriege zwischen 1792 und 1815 hatten zahlreiche Regionen Europas verwüstet. Mindestens 2,5 Millionen, nach anderen Schätzungen sogar bis zu fünf Millionen Bewohner des Kontinents hatten ihr Leben verloren, prozentual etwa derselbe Anteil von Opfern, den später der Erste Weltkrieg fordern sollte. Der große Gewinner der Kriege war das Vereinigte Königreich. Es war einer französischen Invasion entgangen und hatte Napoleons Kontinentalsperre, die seinen Handel mit dem Festland treffen sollte, gut überstanden.
Es hatte keine einzige seiner Kolonien verloren, aber einige neue hinzugewonnen, vor allem Südafrika und Ceylon (das heutige Sri Lanka). Mit dem Zusammenbruch des napoleonischen Imperiums war Frankreich, seit dem 17. Jahrhundert der größte weltpolitische Rivale der Briten, für viele Jahrzehnte geschwächt.
Weder die britische Politik noch die der anderen Siegermächte wollte Rache an Frankreich üben. Wenige Tage nach der Abdankung Napoleons wurden Frankreich, nun wieder unter einem Bourbonenkönig, großzügige Friedensbedingungen gewährt, im Osten sogar die Rheingrenze. Doch Ende Februar floh Napoleon von Elba, sammelte Truppen und traf am 20. März 1815 in Paris ein. Nun erklärten die Mächte der Koalition Napoleon für vogelfrei und organisierten einen neuen Krieg gegen ihn. Mit seiner Niederlage in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 endete Napoleons Hundert-Tage-Herrschaft über Frankreich und damit eine Epoche.
Nach dem Friedenskongress von Münster und Osnabrück (1648) war der Wiener Kongress von 1814/15 der zweite große Versuch, die Verhältnisse unter den Staaten Europas so zu ordnen, dass neue Kriege erschwert würden. Das Vierteljahrhundert der Kriege schien auf den ersten Blick die europäische Staatenwelt nicht verändert zu haben. Die fünf Großmächte waren dieselben wie vor 1792: Russland, Preußen, Österreich, Frankreich sowie Großbritannien mit seiner insularen Sonderstellung. Die ersten drei genehmigten sich gegenseitig Landgewinne auf Kosten kleinerer Nachbarn, insbesondere Polens. Preußen profitierte durch den Zugewinn von Provinzen in Westfalen und am Rhein und wurde damit insgesamt „westeuropäischer“. Frankreich wurde strenger behandelt als im Jahr davor, rettete aber seinen Status als Großmacht. Das alte System des Gleichgewichts der Mächte, wie es vor der Französischen Revolution bestanden hatte, schien wiederhergestellt zu sein.
Tatsächlich aber war während der neun Monate, die man sich für den Wiener Kongress gönnte, eine Ordnung neuer Art geschaffen worden. Der Deutsche Bund stabilisierte die politische Geografie Mitteleuropas. Von ungefähr 300 selbstständigen politischen Einheiten in Deutschland um 1789 waren 1815 nur noch 39 übrig geblieben, durch einen lockeren Bundesrahmen zusammengehalten. Wichtiger: Die Wiener Ordnung ruhte auf neuen ideologischen Grundlagen. Die leitenden Staatsmänner der Großmächte erkannten den Zusammenhang zwischen Revolution und Krieg. Revolution konnte leicht zu Krieg führen, und deshalb, nicht nur wegen der Gefährdung der herrschenden Dynastien, musste sie so früh wie möglich verhindert werden. Umgekehrt war Krieg zu vermeiden, da er die bestehenden Verhältnisse in Unruhe versetzen und Revolutionen Vorschub leisten würde.
Aus diesem Grunde entstand in Wien eine Ordnung mit einem doppelten Gesicht: Einerseits war sie antirevolutionär und legitimierte die militärische Intervention einzelner oder mehrerer Mächte gegen Umsturzversuche. Andererseits sah sie erstmals so etwas wie Vertrauensbildung unter den Großmächten vor. Niemals zuvor war der Wille zur Kriegsvermeidung in Europa größer gewesen. Das Bewusstsein, einem einheitlichen europäischen Völkerrechtsraum anzugehören, und die Bereitschaft, Streitfragen nicht gleich durch Krieg, sondern zuerst durch Konsultationen zu lösen, waren neue Elemente der europäischen Politik. Diese „Wiener Ordnung“ bestand bis zum Beginn des Krimkrieges 1853. In diesen vier Jahrzehnten blieben Kriege zwischen den europäischen Großmächten aus – ein bedeutender Schritt über die militärische Anarchie hinaus, die bis 1815 geherrscht hatte. Selbst wenn man die Kriege, die einzelne Großmächte zwischen 1854 und 1871 gegeneinander führten, hinzurechnet, war das Jahrhundert zwischen 1816 und 1913 das friedlichste der neueren europäischen Geschichte. Insgesamt gab es im 18. Jahrhundert siebenmal mehr Kriegstote im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Europas als im 19. Jahrhundert. Und dies, obwohl die Kriegführung seit etwa der Mitte des Jahrhunderts von der Industrialisierung der Rüstungsproduktion erfasst wurde und dadurch die Zerstörungskraft von Waffen stieg; die Kriege von 1792 bis 1815 waren noch mit vorindustrieller Militärtechnologie geführt worden.
Nach dem Zusammenbruch von Napoleons europäischer Ordnung gab es auf dem europäischen Kontinent nur noch ein einziges expansives Imperium: das Reich der russischen Zaren. Es war neben Großbritannien und Preußen der dritte große Gewinner der napoleonischen Kriege. Indem sich das Zarenreich den größten Teil Polens („Kongresspolen“) einverleibte, schob es den russischen Einfluss weiter nach Westen vor. Sein diplomatisches Gewicht war erheblich gestiegen. In der europäischen Außenpolitik war Russland fortan, anders als noch im 18. Jahrhundert, ein ständig präsenter Faktor.

Quellentext

Völkerschlacht bei Leipzig

[...] Die Schlacht von Leipzig ist zu Recht die „Völkerschlacht“ genannt worden, denn unter den 500 000 Mann, die an ihr teilnahmen, befanden sich Franzosen, Deutsche (auf beiden Seiten), Russen, Polen, Schweden, so gut wie alle Nationalitäten der Habsburger Monarchie, ja sogar eine spezielle britische Raketenbrigade, die erst ein Jahr zuvor gebildet worden war und in Leipzig zum ersten Mal zum Einsatz kam.
Am Abend des 14. Oktober hatte Napoleon 177 000 Mann in und um die Stadt zusammengezogen. Früh am nächsten Morgen traf [Karl Philipp Fürst zu] Schwarzenbergs Armee, ein gewaltiges Korps mit knapp über 200 000 Mann, südlich der Stadt auf französische Truppen unter [Marschall Joachim] Murat. Ein großer Teil des 15. Oktober verging mit Patrouillen und kleinen Scharmützeln, während die beiden Armeen die Positionen des Gegners auskundschafteten. Unterdessen rückte [Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von] Blüchers Schlesische Armee [...] von Nordwesten her entlang der Flüsse Saale und Elster vor. Am folgenden Tag, dem 16. Oktober, überwogen heftige Gefechte auf einem breiten Landstreifen um die Stadt, als Schwarzenberg von Süden und Blücher von Norden her angriffen und sich ein kleines alliiertes Korps aus 19 000 Mann durch die Wälder im Westen der Stadt schlug. [...]
Als die Dunkelheit hereinbrach, war der Ausgang der Schlacht offen. Beide Seiten hatten ungeheure Verluste zu beklagen: Die Franzosen hatten fast 25 000 Mann verloren, die Alliierten 30 000. Doch dies waren günstige Vorzeichen für die Verbündeten. Während Napoleon nämlich nur insgesamt 200 000 Mann aufbieten konnte, einschließlich der restlichen Reserven, würde die Zahl der Koalitionstruppen, die um Leipzig zusammengezogen waren, nach dem Eintreffen der Nordarmee und der Polnischen Armee unter [Graf Levin August von] Bennigsen 300 000 Mann betragen. Darüber hinaus nahm der Einfluss Napoleons auf seine deutschen Verbündeten ab. Im Laufe des 16. Oktober erhielt er eine Meldung, dass eine Armee aus 30 000 Bayern zu den Österreichern übergelaufen sei und beabsichtige, Napoleons Nachschublinien nach Frankreich zu blockieren.
Der französische Kaiser dachte über einen Rückzug nach, beschloss aber am Ende, mit dem Abzug bis zum 18. abzuwarten, weil er immer noch hoffte, ein verhängnisvoller Fehler der Verbündeten würde ihm eine Gelegenheit bieten, das Kriegsglück zu wenden. Natürlich versuchte er auch, in gewohnter Manier, den Feind zu spalten, indem er Österreich einen Separatfrieden anbot, doch seine Initiative hatte lediglich den Effekt, dass seine Gegner nunmehr überzeugt waren, er sei am Ende. Am folgenden Tag (17. Oktober) blieb es, abgesehen von einigen Scharmützeln, ruhig, weil sich alle Armeen zur Vorbereitung auf das entscheidende Gefecht eine Ruhepause gönnten. [...]
Am 18. Oktober stießen die Verbündeten bis zum Stadtrand Leipzigs vor und zogen die Schlinge um die französischen Truppen enger. [...]. Einmal mehr erlitten beide Seiten schwere Verluste. Die Verbündeten verloren weitere 20 000 Mann; die Franzosen waren überwiegend in der Defensive geblieben und hatten vielleicht die Hälfte der Zahl verloren. Es kam auch zu weiteren Überläufen, allen voran 4000 Sachsen [...] Verzweifelte Versuche Marschall [Michel] Neys, die Reihen zu schließen und einen Gegenangriff zu führen, wurden von der britischen Raketenbrigade zunichte gemacht, deren Congreve’sche Raketen, benannt nach dem britischen Erfinder William Congreve, unter den vorrückenden Kolonnen Angst und Schrecken verbreiteten.
Die Schlacht war entschieden. Napoleon erkannte, dass keine Hoffnung mehr bestand, die Katastrophe abzuwenden, und gab Befehl, in den frühen Morgenstunden im Schutz der Dunkelheit den Abzug der Truppen zu beginnen. [...] Eine Nachhut von 30 000 Mann blieb in der Stadt und deckte den Rückzug. Doch die Schlacht war damit noch längst nicht vorbei, denn die Verteidiger, von denen durchschnittlich vier jeden Meter der inneren Befestigung besetzten, hatten nicht die Absicht, sich kampflos zu ergeben. [...]
Um die Mittagszeit war [den Verbündeten] im Osten und im Norden der Durch-bruch gelungen, den Verteidigern blieb nichts anderes übrig, als über die Elster-Brücke nach Westen zu fliehen und der Grande Armée zu folgen. Napoleon hatte angeordnet, die Brücke zu verminen. Sie sollte bis zum Rückzug gehalten und gesprengt werden, sobald die letzten Verteidiger die Stadt verlassen hatten. Doch der unselige Korporal, dem diese Aufgabe übertragen worden war, geriet in Panik, als er Kosaken heranreiten sah, und zündete die Sprengladungen, als sich noch französische Soldaten und Pferde auf der Brücke drängten. Eine gewaltige Explosion erschütterte die ganze Stadt und zerstörte die einzige Rückzugsroute. Ein makabrer Schauer aus Menschen- und Pferdeteilen ging auf die Fluten des rasch fließenden Flusses und auf die Straßen und Hausdächer der westlichen Viertel nieder. Die übrigen Verteidiger saßen in der Falle. Einige ertranken bei dem Versuch, den Fluss zu überqueren, andere wurden in die Enge getrieben und getötet oder streckten die Waffen.
Die Völkerschlacht war vorüber. Sie hatte Napoleon 73 000 Mann gekostet, von denen 30 000 in Gefangenschaft geraten und 5000 übergelaufen waren. Die Verbündeten hatten 54 000 Mann verloren, darunter 16 033 Preußen. In diesen drei Tagen der Schlacht waren durchschnittlich jeden Tag mehr als 30 000 Mann gefallen oder verwundet worden. Der dramatische Kampf um die Stadt beendete zwar nicht den Krieg gegen Napoleon, aber das Ende seiner Vorherrschaft in Deutschland war in greifbare Nähe gerückt. [...]

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang; 1600-1947. Übersetzung: Richard Barth / Norbert Juraschitz /  Thomas Pfeifer © 2007, Deutsche-Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, S. 423 ff.


Quellentext

Wiener Schlussakte vom 15. Mai 1820

Art. I. Der deutsche Bund ist ein völkerrechtlicher Verein der deutschen souverainen Fürsten und freien Städte, zur Bewahrung der Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit ihrer im Bunde begriffenen Staaten, und zur Erhaltung der innern und äußern Sicherheit Deutschlands.


Art. II. Dieser Verein besteht in seinem Innern als eine Gemeinschaft selbständiger, unter sich unabhängiger Staaten, mit wechselseitigen gleichen Vertrags-Rechten und Vertrags-Obliegenheiten, in seinen äußern Verhältnissen aber als eine in politischer Einheit verbundene Gesammt-Macht. [...]

Art. VII. Die Bundesversammlung, aus den Bevollmächtigten sämmtlicher Bundesglieder gebildet, stellt den Bund in seiner Gesammtheit vor, und ist das beständige verfassungsmäßige Organ seines Willens und Handelns. [...]

Art. X. Der Gesammtwille des Bundes wird durch verfassungsmäßige Beschlüsse der Bundesversammlung ausgesprochen; [...]

Art. XVIII. Da Eintracht und Friede unter den Bundesgliedern ungestört aufrechterhalten werden soll, so hat die Bundesversammlung, wenn die innere Ruhe und Sicherheit des Bundes auf irgend eine Weise bedroht oder gestört ist, über Erhaltung oder Wiederherstellung derselben Rath zu pflegen und die dazu geeigneten Beschlüsse [...] zu fassen. [...]

Art. XXV. Die Aufrechthaltung der innern Ruhe und Ordnung in den Bundesstaaten steht den Regierungen allein zu. Als Ausnahme kann jedoch, in Rücksicht auf die innere Sicherheit des gesammten Bundes, und in Folge der Verpflichtung der Bundesglieder zu gegenseitiger Hülfsleistung, die Mitwirkung der Gesammtheit zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Ruhe, im Fall einer Widersetzlichkeit der Unterthanen gegen die Regierung, eines offenen Aufruhrs, oder gefährlicher Bewegungen in mehreren Bundesstaaten, statt finden. [...]

Art. XXVIII. Wenn die öffentliche Ruhe und gesetzliche Ordnung in mehreren Bundesstaaten durch gefährliche Verbindungen und Anschläge bedroht sind und dagegen nur durch Zusammenwirken der Gesammtheit zureichende Maaßregeln ergriffen werden können, so ist die Bundesversammlung befugt und berufen, nach vongängiger Rücksprache mit den zunächst bedrohten Regierungen, solche Maaßregeln zu berathen und zu beschließen. [...]

Art. XXXV. Der Bund hat als Gesammtmacht das Recht, Krieg, Frieden, Bündnisse, und andere Verträge zu beschließen. [...]

Art. XXXIX. Wenn das Bundesgebiet von einer auswärtigen Macht feindlich überfallen wird, tritt sofort der Stand des Krieges ein, und es muß in diesem Falle, [...] ohne weitern Verzug zu den erforderlichen Vertheidigungs-Maaßregeln geschritten werden.

Art. XL. Sieht sich der Bund zu einer förmlichen Kriegserklärung genöthigt, so kann solche nun in der vollen Versammlung nach der für dieselbe vorgeschriebenen Stimmenmehrheit von zwei Drittheilen beschlossen werden. [...]

Art. XLIX. [...] Die Annahme und Bestätigung eines Friedensvertrags kann nur in der vollen Versammlung geschehen. [...]

So geschehen zu Wien, den fünfzehnten des Monats Mai, im Jahr ein tausend acht hundert und zwanzig. http://www.verfassungen.de/de/de06-66/schlussakte20.htm

Ordnungsmodelle: zwischen Liberalismus und Autokratie

Im 18. Jahrhundert hatte es in Europa nur eine begrenzte Vielfalt staatlicher Herrschaftsformen gegeben. Die meisten Länder waren absolute Monarchien. Nur in Großbritannien war als Folge der Revolutionen des 17. Jahrhunderts das Parlament zu einem mächtigen Rivalen und später Partner der Krone aufgestiegen. Daneben gab es noch unabhängige Stadtstaaten (Venedig oder die Hansestädte) und die kleinen Republiken der Schweiz und der Niederlande. Die Französische Revolution und die Monarchie neuen Typs, wie Napoleon sie einführte, erweiterten das Spektrum politischer Möglichkeiten. Die Revolution hatte zunächst, aber nur für kurze Zeit, zu einer liberalen, parlamentarischen und rechtsstaatlichen Republik geführt, einem Staatstyp, der in Frankreich erst ab den späten 1870er-Jahren dauerhaft etabliert werden würde. Bald hatte sich die Revolution zur intoleranten und gewalttätigen Alleinherrschaft einer einzigen politischen Richtung, der Jakobiner, weiterentwickelt. Sie fand im 19. Jahrhundert (mit Ausnahme der „Pariser Commune“ von 1871, die unter Kriegsbedingungen entstand) keine Nachfolger, nahm aber manche Züge dessen vorweg, was im 20. Jahrhundert als „Totalitarismus“ in großem Stil wieder aufleben sollte.
Napoleon schuf ab 1799 eine moderne Diktatur, die auf drei Säulen ruhte: dem Militär, der Bürokratie und einer pseudodemokratischen Bestätigung durch Scheinwahlen; man spricht daher von „Bonapartismus“. Napoleons Neffe Louis Bonaparte, ab 1852 Kaiser Napoleon III. (1808-1873), errichtete 1851 in Frankreich abermals ein solches System, das bis 1870 bestand.
Zwischen 1815 und 1917/18 blieb die „legitime“, das heißt sich auf dynastische Erblichkeit gründende Monarchie in Europa die vorherrschende Regierungsform. Aber sie wandelte nach 1815 ihren Charakter. Überall, wo die napoleonische Besatzung die bis dahin herrschenden Kräfte ausgeschaltet oder in den Hintergrund gedrängt hatte, kam es nach dem Wiener Kongress zu einer Restauration. Die alten Fürstenhäuser wurden wieder eingesetzt, Vertreter liberaler Forderungen nach Grundrechten und der Beteiligung größerer Gruppen der Bevölkerung am politischen Prozess verfolgt und drangsaliert. Dennoch wurden nur selten, vor allem in Spanien und im Süden Italiens, die politischen Uhren auf die Zeit vor 1789 zurückgestellt. Überall sonst begann ein Prozess der schleichenden Erosion von Königsherrschaft, der sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts fortsetzte. Die Form der konstitutionellen Monarchie, bei der auch der dynastische Herrscher als ein Staatsorgan unter mehreren galt und nicht länger als der „Besitzer“ seines Staates, wurde nicht von heute auf morgen eingeführt. Sie gewann aber zunehmend an Boden. Verfassungen wurden gewährt, Parlamente bei der Steuerbewilligung und Gesetzgebung mehr und mehr beteiligt, Spielräume für freie Meinungsäußerung erweitert, Gerichte im Sinne des Prinzips der Gewaltenteilung von politischem Druck entlastet. Das Wahlrecht wurde von einer winzigen Minderheit der Besitzenden Schritt für Schritt auf größere Bevölkerungskreise ausgedehnt.
Im frühen 19. Jahrhundert begannen in Europa drei langwierige politische Prozesse, die in den einzelnen Ländern unterschiedlichen Zeitabläufen folgten und nicht überall mit gleicher Gründlichkeit durchgesetzt wurden: Konstitutionalisierung (Unterstellung sämtlicher politischer Organe unter ein überpersönliches Staatsgrundgesetz), Parlamentarisierung (Kontrolle der Exekutive durch gewählte Repräsentativversammlungen) und Demokratisierung (maximale Ausweitung der wahlberechtigten Aktivbürgerschaft).
Eine Sonderrolle kam dabei den beiden weltpolitisch stärksten Akteuren zu, die beide erhebliche Interessen außerhalb Europas hatten: Großbritannien und dem Zarenreich. Russland blieb zwischen 1815 und 1905, dem Jahr einer ersten russischen Revolution, eine absolute Monarchie ohne konstitutionelle Einschränkung. Der Zar regierte mit Hilfe seiner Bürokratie im Wesentlichen allein. Großbritannien verkörperte das andere Extrem: eine in ganz Europa als fortschrittlich betrachtete Ordnung. Sie war in ihren Grundzügen bereits in der Glorious Revolution von 1688 entstanden, hatte sich aber seither fortentwickelt. Ein wichtiger Einschnitt war eine Modernisierung des politischen Systems durch das Reformgesetz des Jahres 1832, das britische Gegenstück zur Revolution von 1830, die in Frankreich einen „Bürgerkönig“ auf den Thron brachte. Obwohl auch danach die Macht des Land besitzenden britischen Adels kaum herausgefordert wurde, war ein System, das auf rechtsstaatlichen Grundlagen beruhte und bei dem das Parlament und die ihm – und nicht dem Monarchen – verantwortliche Regierung die zentralen Staatsorgane bildeten, flexibel genug, um neue politische Kräfte einzubeziehen. So wurde Großbritannien zum Vorbild für die Liberalen des Kontinents. Mit seiner freiheitlichen Ordnung bot es den politisch Verfolgten aller Länder Zuflucht.
Was die Monarchie an tatsächlicher Macht verlor, gewann sie an symbolischem Prestige. Auch hier ging Großbritannien anderen europäischen Ländern voran. Als die junge Prinzessin Victoria 1837 den Thron bestieg, war das Ansehen der britischen Monarchie auf einem Tiefpunkt angelangt. Während Victorias langer Regierungszeit (bis zu ihrem Tod 1901) entstand dann aber eine loyale Bindung der britischen Bevölkerung an die Krone, wie sie noch im heutigen Kult um die „Royals“ nachwirkt. In ganz Europa blieb das 19. Jahrhundert bis zu seinem Ende eine Epoche der Monarchie, die – außerhalb des Zarenreiches – schwindende Macht durch erhöhten Glanz kompensierte.
Die vier oder fünf Jahrzehnte nach der Französischen Revolution waren auch eine Zeit, als in der politischen Theorie jene Lehren formuliert wurden, die bis weit in das 20. Jahrhundert fortwirken sollten: Liberalismus, Konservativismus und Sozialismus. Wichtige Grundlagen waren bereits von Denkern der Aufklärung formuliert worden, vor allem von dem Engländer John Locke (1632-1704), dem Franzosen Charles-Louis de Montesquieu (1689-1755) und dem Nordamerikaner Thomas Jefferson (1743-1826) samt seinen Mitstreitern. Doch erst die Französische Revolution gab den Anstoß zur Ausarbeitung ganzer politischer Weltbilder.
Der Liberalismus lehnte die Radikalisierung der Revolution ab und knüpfte an deren moderate Anfänge an. Er forderte einen in seiner Machtfülle begrenzten, von der gesellschaftlichen Elite kontrollierten Staat, der privates Eigentum garantierte, Freiheiten wie die der öffentlichen Meinungsäußerung, der Religionsausübung und der Berufswahl gewährleistete und den Einzelnen einen möglichst großen Spielraum zur Ausbildung und Entfaltung individueller Talente eröffnete. Auf einem ungeregelten Markt sollten die Individuen mit ihren Angeboten frei und friedlich konkurrieren können. Der Staat solle dafür den gesetzlichen Rahmen schaffen. Leistung müsse sich lohnen, der Aufstieg in der Gesellschaft möglich sein. Kleinstaaterei solle zu Gunsten eines größeren Zusammenhangs überwunden werden, den man „die Nation“ zu nennen begann.
Die Konservativen zogen ganz andere Lehren aus der Erfahrung der Revolution. Sie misstrauten den ungeregelten Aktivitäten von Individuen. Die Menschen müssten ihren Platz in Hierarchien kennen und bewährte Autoritäten respektieren. Sie bedürften der Führung durch den monarchischen Staat, die Kirche und die überkommene aristokratische Elite. Ein nachrevolutionärer Konservativismus verabschiedete sich allerdings von antiquierten Lehren wie dem Gottesgnadentum der Fürsten. Auch Konservative gingen mit der Zeit.
Der Sozialismus schließlich war die jüngste der politischen Strömungen, zunächst noch ohne Einfluss auf konkrete Politik. Er stellte das revolutionäre Schlagwort der „Gleichheit“ (egalité) über das der „Freiheit“ (liberté) und war in seiner Frühphase vor 1848 eine Utopie der Solidarität (fraternité), Gütergemeinschaft und genossenschaftlichen Produktion in kleinen Einheiten. Erst mit dem Fortschreiten der Industrialisierung in der zweiten Jahrhunderthälfte wurde er zum kämpferischen Weltbild der Arbeiterklasse.

Gesellschaft im Übergang

Obwohl die Industrielle Revolution in England bereits in den 1770er-Jahren begonnen hatte und die Wirtschaft in England und Südschottland (aber nicht in Irland) um die Jahrhundertmitte schon stark von der industriellen Produktionsweise geprägt war, beschränkte sich die Industrialisierung auf dem Kontinent noch für mehrere Jahrzehnte auf kleine Enklaven. Außerhalb Deutschlands waren dies Belgien (das als selbstständiger Staat erst 1830 entstanden war), einzelne Regionen Frankreichs, die Nordschweiz oder Katalonien. Die meisten Bewohner Europas waren um 1850 noch nicht mit der Fabrikindustrie in Berührung gekommen. Neugierige Besucher vom Kontinent reisten in die Industriestadt Manchester, um dort eine neue Welt der Dampfmaschinen und der Massenproduktion zu bestaunen, die es zu Hause nicht gab. Um 1850 überstieg in Europa insgesamt die Zahl der handwerklichen Schuster, Schneider oder Weber diejenige der Kohlebergleute, Maschinisten und Bediener dampfgetriebener Spinnmaschinen. Wenn von „Arbeitern“ die Rede war, dachte man weniger an ein industrielles Proletariat als an Tagelöhner, herumziehende Handwerksburschen oder Frauen, Kinder und Männer, die auf dem Lande für städtische „Verleger“ weiterverarbeitende Tätigkeiten verrichteten. Im Englischen nennt man dies anschaulich als Gegensatz zur Fabrikindustrie cottage industry, also eine nicht-handwerkliche, keine besonderen Fähigkeiten verlangende Produktion in „Hütten“ und Privathäusern. Eine solche „Proto-Industrie“ konnte zur Fabrikindustrie hinführen, musste dies aber nicht zwangsläufig tun.
Die junge Schwerindustrie war stark standortgebunden, da sie auf Kohle- und Eisenerzvorkommen angewiesen war. Die herkömmliche Energiegewinnung, zum Beispiel aus Holzkohlemeilern oder der Verbrennung von Torf, reichte nicht aus, um jene Temperaturen zu erzeugen, die für die neuen Eisentechnologien erforderlich waren. Vor 1850 finden sich auf dem Kontinent allein in Belgien Ansätze zu einer solchen „modernen“ Schwerindustrie.
Obwohl sich die vorindustriellen Verhältnisse der Frühen Neuzeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts fortsetzten und obwohl Millionen von Menschen an der Armutsgrenze lebten und weiterhin von Hungersnöten bedroht blieben, war die erste Hälfte des Jahrhunderts keineswegs bloß eine Zeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stagnation. In Frankreich und in manchen Gebieten, die unter seinen Einfluss geraten waren, hatten sich die Eigentumsverhältnisse drastisch gewandelt. Aristokratischer Landbesitz und das Grundeigentum der Kirche waren an Bauern umverteilt worden. Frankreich wurde zu einem Land selbstständiger Kleinbauern. „Bauernbefreiungen“ unterschiedlicher Art hatten alte Feudalprivilegien wie etwa Arbeitsdienste für den Herrn und Sonderabgaben zu zahlreichen Anlässen abgeschafft und die Rechtsstellung der Bauern insgesamt verbessert, jedenfalls in einer breiten Zone, die von der Elbe und den Pyrenäen begrenzt war. Europa lebte weiterhin überwiegend von der Landwirtschaft; vor allem auf der iberischen Halbinsel, dem Balkan und in Osteuropa blieb sie dominant. Doch war Bewegung in den Charakter der ländlichen Gesellschaft gekommen. Dazu trug auch bei, dass kommerzielle Beziehungen auf dem Lande zunahmen und sich verdichteten. Immer weniger Bauern produzierten allein für den Eigenbedarf der Familie oder des Dorfes, immer mehr versorgten über Zwischenhändler entfernte Märkte. Dies traf nicht nur auf freie Bauern zu. Auch dort, wo weiterhin Leibeigenschaft vorherrschte oder verbreitet war (in Spanien bis in die 1830er-Jahre, in der Habsburgermonarchie bis 1848, in Russland bis 1861), gewann die Produktion für den Markt an Bedeutung.
In der Landwirtschaft wie im Hausgewerbe und sogar in der Fabrikindustrie (jedenfalls der Textilproduktion) teilten sich Männer und Frauen die Arbeit. In Baumwollfabriken stellten Frauen und Kinder sogar 50 bis 80 Prozent der Arbeitskräfte. Auch im frühen englischen Kohlebergbau wurden Frauen und Kinder so lange und so intensiv eingesetzt, dass Kritiker dies als Skandal anprangerten und erste Schutzgesetze erlassen wurden. Insgesamt veränderten sich die Geschlechterrollen unter der Mehrheit der Bevölkerung nicht dramatisch. Die allgemeine Arbeitsbelastung in dieser Phase des Übergangs scheint jedoch zugenommen zu haben, vermutlich überproportional zu Lasten von Frauen.
Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der relative Anteil von nichtadligen Mittelschichten in den europäischen Gesellschaften. Sie prägten zunehmend das allgemeine kulturelle Klima, auch wenn ihr politischer Einfluss in vielen Ländern ihrem zunehmenden gesellschaftlichen Gewicht nicht entsprach. Diese Mittelschichten, ebenso wie zuvor schon die „Bürger“ der Frühen Neuzeit, fanden sich vor allem in den Städten. Aktivisten der neuen Wirtschaftsformen, also Fabrikbesitzer, Bankiers oder Reeder, bildeten europaweit innerhalb dieses Bürgertums noch eine Minderheit. Vielmehr trafen in dieser höchst uneinheitlichen gesellschaftlichen Gruppierung Leute aus verschiedenartigen Herkunftskreisen zusammen: erstens Kaufleute, die von der Zunahme der Kommerzialisierung profitierten; zweitens nichtadlige – oft aber dann aufgrund ihrer Verdienste geadelte – Staatsdiener, die infolge des Ausbaus der Verwaltung Karriere machten; drittens Anbieter gehobener nichtmanueller Dienstleistungen, etwa Anwälte, Ärzte, Professoren. Was sie alle gemeinsam hatten, war die symbolische Abgrenzung nach unten, vom handarbeitenden, in finanziell unsicheren Verhältnissen lebenden „Volk“ (zu dem auch das „Kleinbürgertum“ gehörte), und nach oben, von einer Aristokratie, die aus der Sicht einer bürgerlichen Leistungsethik als passive Konsumentin ihres ererbten Reichtums fragwürdig legitimiert war.
Allerdings gab es vielfältige Berührungen zwischen Bürgertum und Aristokratie und nur noch selten, wie im Ancien Régime, eine unüberwindliche Klassenschranke. In Frankreich, aber auch in deutschen Städten oder in Norditalien bildete sich eine einflussreiche Elitenschicht der „Notabeln“ oder städtischen Honoratioren. Nicht nur in den deutschen Ländern, wo Oberschulen und Universitäten zu einem bevorzugten Objekt staatlichen Reformeifers geworden waren, gewann das Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts sein Selbstbewusstsein und seine Identität aus dem Genuss von Kultur und der Selbstvervollkommnung durch Erziehung und Bildung. Der Bürger und die Bürgerin schlossen sich in Lesegesellschaften zusammen und besuchten die Oper, die erstmals außerhalb Italiens ein breites Echo fand. Sie legten großen Wert auf eine sorgfältige Ausbildung ihrer Kinder, und sie wurden selbst zunehmend zu Gegenständen der Romanliteratur und der Malerei. War die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts noch kein eindeutig „bürgerliches Zeitalter“, so drängte diese neue gesellschaftliche Klasse, überwiegend wirtschaftlich erfolgreich, doch schon nach einer kulturellen Vormachtstellung. In Paris, das der Philosoph und Kulturhistoriker Walter Benjamin die kulturelle „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ nannte, in Manchester, Frankfurt oder Hamburg gab sie um 1850 bereits den Ton an.