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Kirche in Deutschland

4.8.2009 | Von:

Stellung in der modernen Gesellschaft

Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen

Charakteristische Unterschiede zwischen Katholizismus und ProtestantismusCharakteristische Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus
Entkirchlichung: Während die rechtlichen Rahmenbedingungen derzeit (noch) relativ stabil sind, hat sich in den Kirchen in den letzten Jahrzehnten fast unbemerkt ein erheblicher Wandel vollzogen.

So sind die Kirchen durch den kontinuierlichen Mitgliederschwund in den letzten Jahrzehnten weiter geschwächt worden. Dieser Prozess der Entkirchlichung, dessen Wurzeln weit zurückreichen (siehe S. 6 f.), wurde durch die Wiedervereinigung erheblich beschleunigt. So gibt es ein massives Gefälle in der Kirchenzugehörigkeit zwischen West- und Ostdeutschland. Abgesehen von diesen regionalen Unterschieden ist die traditionelle Kirchlichkeit in ländlichen Gegenden stabiler als in den sich schneller wandelnden urbanen Ballungszentren. Schließlich gibt es ein Altersgefälle: Die kirchliche Bindung ist bei älteren Menschen deutlich höher als bei Jugendlichen.

Doch auch abgesehen von dem formalen Merkmal der Kirchenzugehörigkeit vollzieht sich innerhalb der Kirchen ein massiver Wandel. So zeigen religionssoziologische Untersuchungen, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche keineswegs mit einer entsprechenden Glaubenspraxis konform geht. Der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann-Stiftung etwa hat ermittelt, dass nur 18 bzw. 32 Prozent der Bevölkerung in den alten Bundesländern ihren Glauben öffentlich bzw. privat in hohem Maße praktizieren. In den neuen Bundesländern pflegt sogar nur jeder Zehnte ein intensives religiöses Leben.

Dem entspricht der in den letzten Jahrzehnten stetig gesunkene Gottesdienstbesuch. Er liegt in der katholischen Kirche derzeit bei 13,7 Prozent. Bei den Protestanten ist die Kirchenbindung noch schwächer ausgeprägt: Hier nehmen nur noch 3,7 Prozent der Kirchenmitglieder an einem durchschnittlichen Sonntagsgottesdienst teil. (Das sind Sonntag für Sonntag in beiden Großkirchen allerdings immer noch 4,5 Millionen Menschen.)

Die abnehmende Kirchenbindung zeigt sich auch bei der Frage nach der Häufigkeit des Kirchenbesuchs: 61 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger nehmen nie oder selten am Gottesdienst teil.

Erkennbar wird dies schließlich an der schwindenden Bedeutung der großen Laientreffen in den beiden Kirchen, dem Deutschen Evangelischen Kirchentag und dem Katholikentag (jeweils alle zwei Jahre im Wechsel). Die hohen Teilnehmerzahlen der 1980er Jahre (noch ohne Besucher aus der ehemaligen DDR, wo es notgedrungen eigene Versammlungen gab) wurden in den letzten Jahren nicht mehr erreicht.

Neue religiöse Alternativen: Die Gründe hierfür sind vielfältig und können hier nur angedeutet werden:

Neuere religionssoziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Frömmigkeits- und Glaubenspraxis der Deutschen stark individualisiert hat. Dementsprechend sind die Erwartungen an die Kirchen außerordentlich verschiedenartig. Die Fachwelt spricht mittlerweile - unter Übernahme von Erkenntnissen aus der sozialwissenschaftlichen Forschung - von unterschiedlichen, meist sechs bis zehn religiösen Milieus oder Lebensstiltypen, die unter anderem vom Alter, Geschlecht, dem Bildungsstand, dem Freizeitverhalten, der Wert- und Normorientierung sowie weiteren Parametern abhängen.

Das Gefälle in der Kirchenzugehörigkeit zwischen alten und neuen Bundesländern ist eine Folge der systematischen Agitation des SED-Regimes gegen jede Form von Religion, die sich als erstaunlich effektiv erwiesen hat.

Religiöse Alternativangebote haben erheblich an Anziehungskraft gewonnen:
  • Eingangs wurde auf die Attraktivität von alternativen Heilslehren hingewiesen. Ihr Einfluss auf die Religiosität der Deutschen ist zwar schwer zu belegen, doch deutet allein die hohe Zahl der Buchtitel aus diesem Bereich auf ein stark gestiegenes Bedürfnis hin, sich in den Fragen, in denen man sich von den Kirchen allein gelassen fühlt, anderswo Rat zu suchen. Dies hat dazu geführt, dass Religion nicht mehr auf bestimmte heilige Zeiten (Sonntag) und heilige Räume (Kirchen) beschränkt ist. Man stößt auf sie auch auf dem Bücherwühltisch des nächstgelegenen Supermarkts. Religion ist zur allseits verfügbaren Sinndeutungsware geworden, mit der die traditionellen Kirchen nur schwer konkurrieren können oder wollen.
  • Die religiöse Situation in Deutschland wurde nicht zuletzt auch dadurch komplexer, dass die Zahl der Muslime in Deutschland angewachsen ist und diese nun mit Recht auf verstärkte Teilhabe am deutschen Politik-, Kultur- und Wirtschaftsleben drängen. Erste Anzeichen hierfür sind bereits erkennbar. Voraussetzung ist allerdings eine bessere Organisation und Repräsentanz der verschiedenen islamischen Gruppierungen, damit sie gegenüber dem Staat als Ansprechpartner zur Regelung von Fragen wie der Einführung eines islamischen Religionsunterrichts identifizierbar werden. Dieser Prozess der Selbstorganisation ist derzeit in vollem Gange.
  • Ebenso ist das Judentum, das durch die Shoah (Holocaust) in Deutschland fast vollständig ausgelöscht war, wieder verstärkt sichtbar. Seinen institutionellen Repräsentanten, wie der Präsidentin des Zentralrats der Juden (derzeit Charlotte Knobloch), wird aus historischen Gründen eine - gemessen an der Zahl der Angehörigen dieser Religion in Deutschland - überproportionale Aufmerksamkeit im öffentlichen Leben entgegengebracht. Neuerdings wird es darüber hinaus durch den vermehrten Bau von Synagogen vor allem auch in den Großstädten erneut sichtbar. Jüdische Spiritualität und Bildung, die großen Leistungen von deutschen Jüdinnen und Juden haben seit jeher auf viele nicht-jüdische Deutsche eine erhebliche Faszination ausgeübt.
Alle diese Entwicklungen haben zur Folge, dass den Kirchen eine massive religiöse Konkurrenz entstanden ist, mit der umzugehen sie sich mitunter schwer tun. Eine Zeitlang glaubten sie, von dem Trend zur wachsenden Präsenz des Religiösen im öffentlichen Raum profitieren zu können. Vor allem im Gefolge der letzten Papstwahl und des katholischen Weltjugendtages in Köln im Jahr 2005 sprachen auch evangelische Kirchenführer von einer "Wiederkehr der Religion" oder - noch unschärfer - "des Religiösen", die auch den Kirchen zugute kommen werde. Selbst die alternative "tageszeitung" (TAZ) titelte am 19. August 2005 in ironischer Begeisterung: "Wenn Gott das noch erlebt hätte" und fragte in der Unterzeile: "Ist der Wohlstands- und Gleichgültigkeits-Atheismus in Deutschland bedroht?".

Mittlerweile ist die Euphorie der Erkenntnis gewichen, dass die Kirchen als Institutionen von dieser Renaissance kaum profitieren können. Denn dieses "neue" Interesse an der Religion kümmert sich wenig um organisierte Formen von Frömmigkeit und die gedankliche Durchdringung von Glaubensinhalten, sondern ist überwiegend individualistisch und unintellektuell ausgerichtet. Man könnte von einer diffundierenden Religiosität sprechen, die in der Forschung gerne als "Patchwork-Religion" bezeichnet wird. In welchem Maße sie gesellschaftlich und politisch wirksam wird, ist außerordentlich schwer zu sagen und auch noch nicht hinreichend erforscht.

Die Veränderungen lassen sich an der neuen Konjunktur des Begriffs Religion und der damit verbundenen Disziplin der Religionswissenschaft ablesen. Während bis in die 1980er Jahre hinein "Religion" in der öffentlichen Diskussion eher ein Randdasein führte, ist er mittlerweile zum Leitbegriff in der Beschreibung der Begegnung des Menschen mit dem Göttlichen avanciert.

Dementsprechend hat die Disziplin der Religionswissenschaft an den Universitäten eine neue Konjunktur. Ursprünglich eine Unterdisziplin der (evangelischen) Theologie hat sie sich von dieser nahezu allerorten auch institutionell emanzipiert und wird kaum noch an den theologischen Fakultäten, sondern überwiegend an den philosophischen, kultur- oder gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten oder Fachbereichen betrieben.

Veränderte öffentliche Wahrnehmung: Die Veränderung der Religiosität hin zur "Patchwork-Religion" hat nun auch eine deutliche Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung der Kirchen zur Folge. Es besteht seit jeher eine Spannung zwischen der Beteiligung der Kirchen an öffentlichen Gremien und Entscheidungsprozessen wie etwa innerhalb der Rundfunk- und Fernsehräte (siehe S. 16) - analog zu anderen Verbänden und Interessengruppen - und ihrer öffentlichen Wahrnehmung als Wegweiser in ethischen Fragen. Diese Spannung löst sich zunehmend zu Ersterem hin auf. Doch verliert die Kirche damit ein zentrales Alleinstellungsmerkmal: Im Konzert der Interessen wird sie als ein "Verein" neben anderen gesehen und dementsprechend wie andere Lobbyisten behandelt. Dies wird besonders deutlich an der mangelnden Rücksichtnahme auf die Erfordernisse des Kommunions- und Konfirmandenunterrichts sowie auf die sonntäglichen Gottesdienstzeiten: Es fällt den Kirchen immer schwerer, den hierfür notwendigen Freiraum gegenüber Schulen, Sportvereinen und Musikunterricht zu behaupten. Dies gelingt vor allem dort, wo der lokale Geistliche als Begleiter in Übergangs-, Grenz- und Krisensituationen von Menschen, aber auch als Stimme innerhalb des öffentlichen Lebens einer Stadt oder Gemeinde Ansehen genießt. Dem Beruf des Pfarrers bringt die Bevölkerung unverändert großen Respekt entgegen: Einer Umfrage des Allensbach-Instituts von 2008 zufolge belegen Geistliche unverändert Platz 2 der Berufe, die eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genießen (allerdings mit deutlichem Abstand hinter den Ärzten und nur knapp vor den Hochschulprofessoren).

Die Kirchen als Institutionen können hingegen fast nur noch in Ausnahmefällen, vor allem in Krisenzeiten, moralische Autorität beanspruchen. In einer neuen Forsa-Umfrage für den "Stern" vom 5. Februar 2009 steht die katholische Kirche unter den Institutionen, denen die Deutschen "großes Vertrauen" entgegenbringen, nur auf Platz 13, während die evangelische Kirche hier überhaupt nicht erscheint.

Dessen ungeachtet versuchen die Kirchen weiterhin, durch öffentliche Stellungnahmen soziale und ökonomische Probleme anzusprechen, jedoch mit schwindender Akzeptanz: Während die EKD durch ihre Denkschriften und die Bischofskonferenz mit ihren Hirtenschreiben und Erklärungen früher gesellschaftliche Debatten anregen oder die Diskussion in schwierigen ethischen Fragen maßgeblich beeinflussen konnten, werden diese Texte, die ein konzentriertes und geduldiges Lesen und Mitdenken erfordern, heute allenfalls in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen noch ausführlicher gewürdigt.

Es gibt somit eine Diskrepanz zwischen der personalen Präsenz der Kirchen vor Ort durch den Pfarrer und der Wahrnehmung von Kirchenführern als Repräsentanten der Institution Kirche. Gerade bei jüngeren Menschen genießen die Kirchen wenig Ansehen: So ermittelte die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006, dass fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von zwölf bis 25 Jahren wenig Vertrauen zu den Kirchen hatte. 65 Prozent der Deutschen dieses Alters meinten gar, die Kirche habe keine Antworten auf die Fragen, die sie wirklich bewegen. Dem entsprach die Erkenntnis, dass etwa die Hälfte der jungen Deutschen dem Glauben an Gott wenig oder keine Wichtigkeit beimaß.

Immer seltener traut man den Kirchen also die Kompetenz zur ethischen Wegweisung zu. Immer häufiger hingegen werden sie samt ihren Repräsentanten als Kuriositäten eingepasst in die mediale Vermarktungsmaschinerie. So erschien Papst Benedikt XVI. im April 2007 auf dem Cover des Gesellschaftsmagazins "Vanity Fair" mit der Schlagzeile "Ein Popstar wird 80", und das Männermagazin "Esquire" wählte ihn wenig später seiner roten Schuhe wegen gar zum "Accessorizer of the Year", was den "Osservatore Romano" zu der Feststellung veranlasste: "Der Papst trägt nicht Prada, sondern Christus."

Doch wäre es zu kurz gegriffen, würde man die Kirchen zum Auslaufmodell oder zur musealen Antiquität erklären. Solche Prognosen hat die Religionskritik seit der Aufklärung immer wieder abgegeben, und immer wieder haben sich die Kirchen in ihrer Geschichte institutionell als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen.

In der aktuellen Lage reagieren sie durch Ausweitung ihrer gesellschaftlichen Aktivitäten und ihres geistlichen Angebots. So gibt es politische, intellektuelle, kulturelle, soziale und - was oft übersehen wird - ökonomische Verflechtungen zwischen Kirche und Staat bzw. Gesellschaft, die es unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass die Kirchen so bald verschwinden werden. Diese Verflechtungen sollen im Folgenden knapp umrissen werden.