Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen

11.8.2017 | Von:
Luise Schorn-Schütte

Nicht beabsichtigte Folgen

20. Jahrhundert: Wiederum war es ein Reformationsjubiläum (1917), in dessen Umkreis sich auch das akademische Luthertum in Gestalt von Theologieprofessoren und renommierten Reformationshistorikern für den Krieg gegen "den Westen" stark machte. Diese politisch-geistige Haltung blieb im Protestantismus auch nach 1918 stark und orientierte sich nur vereinzelt in Vernunftrepublikanismus um (als Beispiel für letzteres gilt der – protestantische – Historiker Friedrich Meinecke).
Eine antimoderne theologische Wissenschaft und eine anti-liberale Philosophie fanden sich hier zusammen, um eine eigene Deutungstradition zu entwickeln. Sie als Gegensatz "deutsche Reformation gegen Französische Revolution" zu bezeichnen, benennt nur ein Erscheinungsbild, dessen Ursachen tiefer liegen.

Die inhaltliche Nähe wachsender Teile des Luthertums zu nationalistischen bzw. nationalsozialistischen Strömungen am Ende der Weimarer Republik war Teil der in Deutschland verbreiteten, zeitgebundenen Ablehnung westeuropäischer Herrschaftsmodelle, gegen die völkische Ideologien stark gemacht wurden. Nur der kleinere Teil des Luthertums gehörte zur Bekennenden Kirche, die den Führerkult und dessen rassistische Ideologie ablehnte (Barmer Erklärung 1934).
Der Umgang mit den Rassegesetzen des Nationalsozialismus zeigte das tiefe Versagen einer Mehrheit der protestantischen Christen und ihrer Pfarrer. In der Endphase der Weimarer Republik hatten die Kirchenleitungen wiederholt versucht, eine verbindliche (unpolitische) Standortbestimmung für das geistliche Amt zu formulieren: Alle Pfarrer sollten sich immer der Tatsache bewusst bleiben, dass sie für alle Gemeindeglieder verantwortlich seien, eine offene Parteinahme etwa von der Kanzel sei deshalb inakzeptabel.
Dagegen blieben die sogenannten politischen Geistlichen von ihrem Recht der Parteilichkeit im Interesse eines übergeordneten "Volksganzen" überzeugt. Dass Politik in der repräsentativen Demokratie ein Produkt des Austauschs unterschiedlicher Sachargumente und Kompromisse sein sollte, wurde von der Mehrheit der politischen Geistlichen nicht akzeptiert; das galt ebenso für viele protestantische Gemeinden.
Die Moderne beunruhigte zahlreiche Protestanten ebenso wie zahlreiche Katholiken über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus. Sie fürchteten eine Säkularisierung, die sie als "Gottlosenbewegung" ansahen. In allen christlichen Konfessionen wurde ein Verfall der Werte beklagt, ein Anwachsen des Subjektivismus und Liberalismus, eine Atomisierung des Einzelnen in der Masse. Wenn ein durch Theologie "legitimiertes Sonderwissen  in Anspruch genommen" wurde (basierend auf der Überzeugung, dass der Gläubige ein unmittelbares Verhältnis zu seinem Gott hat, das sein Gewissen leitet), dann war dies für die Protestanten keineswegs die Wirkung der Reformation, kein Versuch, sich mit Luthers Haltung gegenüber der Obrigkeit zu legitimieren.
Aber diese Einstellung tendierte häufig zu einem rechthaberischen Fundamentalismus, der eben auch im Nationalsozialismus endete. Erleichtert wurde die Entwicklung durch den zeitgenössischen Antisemitismus Luthers, auf den sich etliche der dem NS-Regime nahestehenden Protestanten beriefen.
Die Annahme, dass sich der Protestantismus im NS-Staat als obrigkeitsgläubig erwiesen habe, muss jedoch im Blick auch auf sein distanziertes, kritisches Verhältnis zum Staatsozialismus der DDR (1949–89) differenziert bewertet werden (so der Religionssoziologe Detlef Pollack).

Auswanderung um des Glaubens willen: Zu den negativen Folgen der frühneuzeitlichen Konfessionskonflikte gehörten die religiös motivierten Vertreibungen Andersgläubiger, aber auch die freiwillige Auswanderung um des Glaubens willen – innerhalb von Europa und aus Europa hinaus. Eine erste derartige, erzwungene Migration fand bereits in den 60er-Jahren des 16. Jahrhunderts statt, als einige hundert lutherische Theologen und Juristen aus ihren Gemeinden im Süden des Alten Reichs ausgewiesen wurden, weil sie eine orthodoxere Auffassung vom Luthertum vertraten als die Mehrheitsgemeinde (Gnesiolutheraner, Exulantes Christi).

Zahlenmäßig weit umfangreicher war zur gleichen Zeit (1560 f.) die Auswanderung etlicher hundert Hugenotten im Kontext der französischen Religionskriege. Um das Land zu befrieden, sicherte König Heinrich IV. 1598 mit dem Edikt von Nantes den französischen Protestanten Religionsfreiheit zu.
Mit dem Edikt von Fontainebleau widerrief Ludwig XIV. (1638–1715) allerdings 1685 die Zusage seines Großvaters und veranlasste die Zwangsausweisung aller Hugenotten. Eine Viertelmillion von ihnen fand in Europa, aber auch in Nordamerika eine neue Heimat. Ihre Aufnahme unter anderem in der Schweiz, in Brandenburg-Preußen, Hessen und in skandinavischen Ländern war kein einfacher Prozess, heute ist sie Teil der europäischen Erinnerungskultur geworden.
Vergleichbares gilt schließlich auch für die Vertreibung von rund 30.000 Protestanten aus der Salzburger Region als Folge eines Emigrantenpatents des Salzburger Erzbischofs von 1731. Aufgenommen und integriert wurden sie vor allem im überwiegend protestantischen Ostpreußen, das seinerzeit zum Königreich Preußen gehörte.

Friedensverträge: Eine Reihe von Friedensverträgen konnte die Friedlosigkeit der europäischen Frühneuzeit mildern. Allerdings schlossen diese Verträge den Gedanken eines toleranten engnachbarschaftlichen Miteinanders aus. Im Augsburger Religionsfrieden (1555) sowie im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück (1648) wurde zunächst die Anerkennung "einander ausschließender Wahrheiten" in der Glaubensfrage (1555) bestätigt. Im Friedensvertrag von 1648 wurden dann zusätzlich konfessionell-geografische Grenzen und konfessionell-politische Einflusssphären festgelegt, um im Konfliktfall ein besseres Krisenmanagement zu ermöglichen.
Die Anerkennung einer konfessionell geprägten Außenpolitik war zugleich der erste Schritt hin zu einem Regionen und Konfessionen übergreifenden Völkerrecht. Juristische Normen, die konfessionsübergreifend galten, sollten helfen, das Miteinander zu regeln. Dies war zwar keine "lupenreine Toleranz", aber der Beginn eines gewaltfreien Zusammenlebens. Eine weitergehende Politik religiöser Toleranz zeichnete sich erst im frühen 20. Jahrhundert zwischen den beiden Weltkriegen ab.


Protestantismus und Recht

Das Verhältnis zwischen Theologie und Recht, zwischen Theologen und Juristen war seit den Anfangsjahren der reformatorischen Bewegung kontrovers. Zum Ende seines Lebens wurde aber auch Luther deutlich, dass es für die Fortwirkung der Reformation sehr wohl auf kluge Juristen sowie auf eine anerkannte, praktikable Rechtsordnung im Protestantismus ankam. Die Frage war nun, auf welchen Grundlagen ein solches rechtliches Ordnungssystem entstehen konnte.
Rechtsetzung: In enger Kooperation entwarfen protestantische Theologen und Juristen der zweiten Generation neue Gesetze bzw. Weiterführungen bereits vorliegender Texte. Vielfach übernahmen die lutherischen Theologen die Federführung, um den drängenden Reformbedarf vor allem in den Bereichen Ehe, Erziehung und Bildung aufzufangen.
Die vorhandenen Verzahnungen von römisch-katholischer Theologie und kanonischem Recht wurden einer Sichtung unterzogen und "mit einem neuen lutherischen Geflecht von Theologie und Recht kunstvoll verwoben" (John Witte jr., 2014). Seit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts trat das kanonische Recht zugunsten des römischen Rechts und der regionalen Rechtsetzung in den Territorien zurück. Es entstand die für den Protestantismus charakteristische Vielfalt der Gesetzgebung im Unterschied zum katholischen Raum, für den die zentrale Rolle des kanonischen Rechts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bewahrt blieb.

Systematisierung: Ob es sich bei den skizzierten Differenzierungen im Protestantismus um eine "Revolution" gehandelt hat, wird in der jüngeren Forschung kontrovers diskutiert. In jedem Fall ist unter lutherischen ebenso wie unter calvinistisch-reformierten Juristen und Theologen des ausgehenden 16. / beginnenden 17. Jahrhunderts ein intensives Bemühen erkennbar, das Gesamt des protestantischen Rechts zu systematisieren.

Quellentext

Folgen der Reformation für die Zeitgenossen

[…] Jeder Christenmensch sollte seinen als göttliche Berufung
verstandenen weltlichen "Beruf" als Gottesdienst zugunstendes Gemeinwesens wahrnehmen. Denn, so Luther, "alle Christen sein warhafftig geystlichs stands / unnd ist unter yhn kein unterscheyd / denn des ampts halben [in Bezug auf ihre Aufgaben] allein".

Viele Priester, die bis dahin ihren Lebensunterhalt dadurch bestritten hatten, dass sie Messen zugunsten des Seelenheils Einzelner oder von Gruppen von Stiftern – etwa den Bruderschaften – lasen, verloren nun ihre Lebensgrundlage. Dasselbe galt im Prinzip für all diejenigen Geistlichen, die in kirchlichen Einrichtungen und außerhalb der normalen Pfarrkirche tätig gewesen waren: Ablassprediger, Ordenspersonen aller Art und beiderlei Geschlechts, Kleriker in Wallfahrts-, Stifts- und Domkirchen. Sie alle brauchte man in einem reformatorischen Kirchenwesen im Grunde nicht mehr. Das einzige "geistliche Amt", das die Reformation anerkannte, war das des Pfarrers. […]

Vor der Reformation war etwa jeder zehnte Bewohner einer Stadt Angehöriger des geistlichen Stands gewesen; diese Bevölkerungsgruppe war damit auch der kommunalen Rechtsgemeinschaft und deren Besteuerungsrechten entzogen. Das änderte sich grundlegend. Die wenigen Pfarrer, die es in einer evangelisch gewordenen Stadt fortan noch gab, unterlagen den Rechten und Pflichten jedes anderen Bürgers: Sie zahlten Steuern, waren der "weltlichen" Rechtsprechung unterworfen und traten – anfangs unter lebhafter öffentlicher Teilnahme – in den Ehestand ein. […]

Insbesondere für die weiblichen Ordenspersonen stellte sich die Reformation als dramatischer Einschnitt dar. Auch wenn es vor allem in den frühen 1520er-Jahren zahlreiche junge Nonnen gegeben hatte, die ihren Klosterstand bereitwillig oder gar freudig aufgaben, da sie unter dem Einfluss reformatorischer Literatur zu der Erkenntnis gelangt waren, dass es kein Heils-, sondern ein "Unheilsstand" sei, bedeutete die Auflösung der Klöster doch für viele Ordensschwestern eine persönliche Katastrophe.

An einigen Orten mäßigte man die Folgen dadurch, dass man denjenigen, die bleiben wollten, ein entsprechendes Recht – häufig verbunden mit verpflichtenden evangelischen Frömmigkeitsformen – einräumte, ansonsten aber Neuaufnahmen verbot. […] Die monastische Lebensform hatte manchen Frauen Bildungschancen eröffnet und ein von männlicher Bevormundung relativ freies, "selbstbestimmtes" Leben ermöglicht. Für die Reformatoren aber waren die einzig akzeptablen Frauenrollen die der Haushaltsvorsteherin, Ehefrau und Mutter. […]

Dem Adel wuchs im Zuge der Reformation eine besondere Bedeutung zu. Als "herausragendes Glied" des "einen Leibes Christi" spielte er beim Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens eine besondere Rolle. Denn der Adel verfügte über die notwendigen Machtmittel, um Veränderungen durchzusetzen und politisch abzusichern. […] Mit der Reformation erhielt der Adel […] Handlungs- und Zugriffsmöglichkeiten – etwa auf das Kirchengut –, die er seit langem erstrebt hatte. […]

Angestammte Versorgungspositionen und Karriereoptionen, die dem nicht-regierenden adligen Nachwuchs im "alten" Kirchenwesen offen gestanden hatten – Stiftskanonikate, Ordensprälaturen oder Bischofsämter –, entfielen hingegen nach der Reformation ersatzlos.[…] Die "Adelskirche" des Mittelalters, die ihr Führungspersonal aus dem Adel rekrutiert hatte, war durch die Reformation weitgehend obsolet geworden.

Auch die religiöse Lebenswelt der einfachen Menschen, in der Stadt wie auf dem Land, veränderte sich infolge der Reformation. In Bezug auf das gottesdienstliche Leben wirkte sich dies unmittelbar aus […]. Zudem wurden Dutzende von Feiertagen – vor allem Heiligenfeste – abgeschafft. In evangelischen Gegenden wurde also an mehr Tagen im Jahr gearbeitet, was vielfach den Wohlstand förderte. Finanzielle Aufwendungen für das Seelenheil wie der Ablass waren nicht mehr erforderlich. Auch die Zahl der privaten Stiftungen für Kirchenausstattungen oder kirchliche Baumaßnahmen ging zurück.

[…] Mancher Zug der westlichen Zivilisation, der diese bis heute prägt, dürfte durch die Reformation geschaffen oder befördert worden sein. Ausgehend von der Religion wirkten sich diese Impulse auf die gesamte Lebenswelt der Menschen aus.

Thomas Kaufmann, "Revolution des Alltags", in: DAMALS 12-2016, "Reformation in Europa", www.damals.de, S. 26ff.

Inhalte: Inhaltlich ging es ihnen um Regeln für das Eherecht sowie das Bildungs- und Fürsorgewesen. Die Ehe verlor ihren Charakter als Sakrament, sie galt als von Gott geschaffener sozialer Stand mit der Aufgabe der Wirkung in der Welt. Jeder Christ sollte heiraten, es sollte keinen geistlichen, gesonderten Stand mehr geben, der eine bewusste Distanz zur Welt hält. Die Ehe war Aufgabe für alle. Dementsprechend verlor auch der Zölibat seine Gültigkeit, denn jedes erwachsene Gemeindemitglied, also auch der Prediger, hatte das von Gott gegebene Recht der Ehe. Als eheliche Hausgemeinschaft diente sie darüber hinaus – dem Vierten Gebot des Alten Testaments folgend – als Muster der Autorität, der Barmherzigkeit und der Erziehung für das Leben in der Welt.
Die Ehe verkörperte die auf Wechselseitigkeit angelegte patriarchalische Herrschaft: nicht als unterdrückende, monarchische Herrschaft, sondern als Fürsorge und Schutz gewährende Haltung der Eltern gegenüber der Familie (Gesinde und Kinder), die aus Dankbarkeit Gehorsam leistete. Wie in der Ehe sollte Fürsorge für die Anvertrauten zum Handeln auch in der und für die Welt motivieren. In diesem Zusammenhang wurde die eheliche Hausgemeinschaft der Pfarrer als Ideal vorbildgebend.
Als Orientierung für die Zuordnung kirchlicher und weltlicher Strukturen diente dem Protestantismus am Ende des 16. / Anfang des 17. Jahrhunderts eine traditionsreiche Soziallehre, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ihre Wirkung behielt. Sie gliederte die damalige Gesellschaft in drei Stände: die Hausgemeinschaft als Kern der Gemeinde (oeconomia), die Geistlichkeit (ecclesia) und die weltliche Obrigkeit (politica) und verband sich mit Luthers Lehre von den zwei Reichen Kirche und Welt (wonach die politische Herrschaft/Welt den Rahmen errichten und schützen muss, innerhalb dessen sich die Kirche/der Glaube entfalten kann, ohne in dieses Innere eingreifen zu dürfen). In zahlreichen Predigten, Gutachten und Streitschriften wurde diese Soziallehre zum ordnenden Element, das zugleich eine Vorstellung von der Begrenzung politischer Macht durch Teilung der Herrschaft vermittelte.

Auch im Bildungs- und Fürsorgewesen wurden die katholischen Institutionen durch ein System regionaler protestantischer Bildungsstufen abgelöst. Hier übernahmen nun die protestantischen weltlichen Obrigkeiten die Schirmherrschaften.
Der Prozess der Rechtssystematisierung vollzog sich vor allem in den theologischen und juristischen Fakultäten der protestantischen Universitäten. Inhaltlich ging es um den Charakter weltlicher Obrigkeit, um deren Grenzen und Befugnisse. Aus diesen Debatten entwickelte sich im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert die Lehre vom öffentlichen Recht, dem Recht der politischen Ordnung (im Unterschied zum bürgerlichen Recht, das die Wirtschafts- und Privatbeziehungen zwischen den einzelnen Bürgern regelt).
Die Forschung hat lange Zeit daran festgehalten, dass sich dieser Rechtsbereich als neutrale Rechtsnorm überkonfessionell ausbilden konnte. Daran werden zunehmende Zweifel laut: "weltanschauliche-konfessionelle Orientierungen dürfen […] nicht völlig vernachlässigt werden" (so der Kirchenhistoriker Christoph Strohm 2017). In den protestantischen Publikationen wurden die mit 1555 verbundenen Probleme der Glaubens- und Gewissensfreiheit breit erörtert, eine vergleichbare Diskussion gab es in der katholischen Traktatliteratur bis ans Ende des 18. Jahrhunderts nicht. Während die Protestanten es für wichtig hielten, eine Begründung von Grundrechten zu erproben und die Anwendung von Gewalt in Glaubensdingen ablehnten, fehlte Vergleichbares im katholischen Raum.
Die Forschung hat deshalb das Schrifttum zum öffentlichen Recht bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts als einen protestantischen "Vorsprung" zum katholischen Recht insofern gewertet, als sich die Vielfalt der Fragestellungen ohne dogmatische Begrenzungen entfalten konnte. Demgegenüber erwiesen sich die katholischen, vor allem die spanischen Theologen und Juristen als Vorreiter in den Diskussionen um die Grundnormen des Natur- und Völkerrechts.
Ein wesentlicher Grund für die Unterschiede liegt sicherlich darin, dass sich die Juristen im Protestantismus von den Vorgaben der Theologen freimachen konnten. Der Ort für die protestantischen Debatten waren die Universitäten, sie boten offenbar bessere Chancen für eine undogmatische, vom kanonischen Recht befreite Rechtsentwicklung. Demgegenüber war das jesuitische Universitätssystem durch die Vorherrschaft der Theologen gekennzeichnet.

Die allmählich durchdringende Säkularisierung des protestantischen Rechts ermöglichte im Laufe des 19. Jahrhunderts die zumindest systematische Festschreibung jener Trennung von Politik und Religion, die Udo di Fabio 2017 als Grundlage für ein "westliches Gesellschaftsmodell" bezeichnete.
Mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurden die christlichen Kirchen in den neuen republikanischen Staat eingebunden, der Prozess der allmählichen "Entkirchlichung des Staates" und der "Entstaatlichung der Kirche" begann. Formal endete damit die Privilegierung des Protestantismus (Ende des Staatskirchentums  1919), die seit Luthers Entscheidung für die protestantischen Landesherren als Notbischöfe existiert hatte. Doch mit der Weltanschauungsneutralität des Weimarer Staates hatten sowohl protestantische Theologen als auch protestantische Juristen und andere Laien große Probleme. Ihre Skepsis gegenüber dem parlamentarischen System hatte auch hier ihre Wurzeln.

Quellentext

Staatsrechtliche Regelungen zu Religion und Religionsgesellschaften

Weimarer Reichsverfassung

Artikel 135
(1) Alle Bewohner des Reichs genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsausübung wird durch die Verfassung gewährleistet und steht unter staatlichem Schutz. […]

Artikel 136
(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.
(2) Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis.
(3) Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. […]
(4) Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.

Artikel 137
(1) Es besteht keine Staatskirche.
(2) Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. […]
(3) Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. […]
(4) Religionsgesellschaften erwerben die Rechtsfähigkeit nach den allgemeinen Vorschriften des bürgerlichen Rechtes.
(5) Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. Schließen sich mehrere derartige öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaften zu einem Verbande zusammen, so ist auch dieser Verband eine öffentlich-rechtliche Körperschaft.
(6) Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben. […]

Artikel 138
(1) Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.
(2) Das Eigentum und andere Rechte der Religionsgesellschaften und religiösen Vereine an ihren für Kultus-, Unterrichts- und Wohltätigkeitszwecke bestimmten Anstalten, Stiftungen und sonstigen Vermögen werden gewährleistet.

Artikel 139
(1) Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erbauung gesetzlich geschützt. […]

Artikel 141
(1) Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Artikel 140
Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der Deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes.