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Biographik und Zeitgeschichte

Alexander Gallus

/ 18 Minuten zu lesen

Vor wenigen Jahrzehnten genossen Biographien im wissenschaftlichen Metier keinen guten Ruf. In der Zeitgeschichtsforschung erlebt dieses Genre jedoch eine Renaissance.

Einleitung

Die Branche der Biographik erfreut sich einer Dauerblüte. "Man könnte meinen", kommentierte Ulrich Raulff vor einigen Jahren, "es gäbe keine andere Textart mehr, keine Geschichte und keine Philosophie. 'Biography` ist zur tragenden Säule des Buchmarkts geworden; sie unterwandert die Literatur und resümiert das Beste, was die Sachbücher zu bieten haben. Es ist, als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Le-ben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus. Roland Barthes, der als Strukturalist ein Feind der Biographik war, als Liebhaber des Texts aber ein Freund des biographischen und autobiographischen Experiments, hätte das Phänomen das 'biographische Verlangen' genannt."

Biographisches Verlangen und Unbehagen

Das anhaltende "biographische Verlangen" ging indes lange mit wissenschaftlichen Vorbehalten gegenüber dieser Gattung einher - vor allem in Deutschland, anders als in Großbritannien und den USA, wo die Biographie traditionell den Ruf einer Königsgattung genießt. Hierzulande stieß die biographische Methode bei Geschichtsforschern wegen des angeblich konservativ-historistischen Charakters und der behaupteten Theoriearmut auf Skepsis und löste eine Auseinandersetzung aus, die in den siebziger Jahren mit der Etablierung der "historischen Sozialwissenschaft" oder gar mit dem "Triumph der historischen Strukturanalyse" - so einer ihrer Kritiker - einen Höhepunkt erreichte. Die Front verlief zwischen jenen, die Personen für den Gang der Zeiten als entscheidend betrachten, und jenen, die dafür abstrakte Kräfte und die "Durchschlagskraft von Kollektivphänomenen" ins Feld führen. Für viele Politik- und Sozialwissenschaftler, die seit jeher stärker als Historiker Strukturen und Typologien betonen, hatte der biographische Zugang ohnehin etwas Anrüchiges an sich.

Es mag zutreffen, dass die "Abneigung gegen die Biographie" zu einem guten Teil der "schmerzlichen Einsicht" entstammt, so Klaus Harpprecht 1998 mit spitzer Feder, "dass sie in Gottes Namen auch Literatur ist: dass sie Gestaltung, Formkraft, Urteilswillen und vor allem Sprache verlangt - Talente, die der Schöpfer nicht im Übermaß auf die akademische Welt der Deutschen herabregnen ließ". Dieser nicht ganz falsch diagnostizierte und keinesfalls zu vernachlässigende Missstand - schließlich befördert er eine Entfremdung von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit - ändert jedoch wenig an der Tatsache, dass die Biographie in der Zeitgeschichtsforschung und inzwischen selbst in Sozial- und Politikwissenschaften zunehmend salonfähig geworden ist.

Wenn die Politologen auch längst ihre alten Vorbehalte gegenüber diesem Genre aufgegeben haben, so nimmt die Biographieforschung in ihrem Bereich doch weiterhin kaum mehr als einen randständigen Platz ein. Der Politikwissenschaftler Paul-Ludwig Weinacht beklagte, das gängige Dimensionen-Gefüge des Politischen spare personale Aspekte weitgehend aus. Die "general theories" der Disziplin, monierte er, seien "so abstrakt geworden, dass 'Personen` in ihnen nicht einmal als 'Spielsteine` darstellbar sind". Das politologische Dreieck aus polity (strukturelle Dimension), politics (prozessuale Dimension) und policy (inhaltliche Dimension der Politik) sei um die personale Dimension (politician/citizen) zu einem Viereck zu erweitern. Denn: "Politik muss Personen und Personengruppen in ihrem Mit- und Gegeneinander als Freund, Gegner, Feind zum Thema haben können, zumal sie sich in 'individuellen`, in 'emotional besetzten`, in 'sittlichen` Beziehungen vorfindet und das sowohl in den Grundeinheiten des politischen Prozesses (als Bürger) als auch insbesondere in den repräsentativen bzw. amtsgebundenen Formen (als Politiker oder Staatsmann)."

Dagegen stellte Paul Erker 1993 in seinen Überlegungen zur "Zeitgeschichte als Sozialgeschichte" innerhalb der sozialhistorischen Forschung einen Trend zu einer "new biographical history" und einer "new elite history" fest. Eine Einführung in die historische Sozialisationsforschung sprach wenig später sogar von einer "massiven Hinwendung zu Lebenslauf und Biographie als Forschungsgegenstand" in den empirischen Sozialwissenschaften während der letzten zwanzig Jahre. Als Beleg hierfür können die 1976 gegründete Zeitschrift "Historical Social Research" des Kölner Zentrums für Historische Sozialforschung, das sich unter der Ägide von Heinrich Best und Wilhelm Heinz Schröder nicht zuletzt der "kollektiven Biographik" in Theorie und Praxis widmet, sowie das 1988 erstmals erschienene interdisziplinäre Organ "BIOS" dienen. Die Zeitschrift betrachtet sich als Forum, "in dem die qualitative, vor allem an Einzelfällen orientierte Biographieforschung und die quantitative, an Kohorten und Gruppen orientierte Lebenslaufforschung zu einem fruchtbaren Austausch gelangen". Sie will dazu beitragen, "eine Frontstellung zwischen den methodischen Ansätzen mit ihren wissenschaftstheoretischen Traditionen zu überwinden".

Mittlerweile sind die Frontlinien aufgebrochen, schlagen - in der Geschichtswissenschaft allemal - "Intentionalisten" und "Strukturalisten" versöhnliche Töne an und suchen nach einer symbiotischen Verknüpfung beider Ansätze. Der Gedanke Heinrich von Treitschkes vom bewussten Willen handelnder Männer, der die Geschichte mache, gilt heute als ebenso naiv wie eine Position, die den Geschichtsverlauf getreu der marxistischen Lehre allein auf ökonomische Bewegungsgesetze zurückführt. Gleichwohl finden sich in biographischen Studien mit akademischem Anspruch noch häufig elaborierte, mehr oder weniger ertragreiche methodologische und theoretische Ausführungen, die einem "Unbehagen an der wissenschaftlichen Biographie" Ausdruck verleihen.

Wie fruchtbar es sein kann, sich von der Fixierung auf einen methodischen Zugang oder ein geschichtstheoretisches Konzept zu verabschieden, belegte am Beispiel einer Einzelbiographie Ian Kershaw in eindrucksvoller Weise. Sein "Hitler" ist, gleichsam als gesellschaftsbiographisches Werk, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Versöhnung von Persönlichkeit, Gesellschaft und Struktur in der NS-Forschung. Kershaw hat nach eigener Aussage einen Ansatz gewählt, der ihn "mehr auf die Erwartungen und Motivationen der deutschen Gesellschaft" blicken ließ "als auf Hitlers Persönlichkeit". Seine Biographie Adolf Hitlers steht stellvertretend für einen historischen Zugriff, der unbefangener als bisher politik- und diplomatiegeschichtliche mit sozial- und strukturgeschichtlichen Ansätzen, Biographie mit den profound forces der Geschichte verbindet.

Kershaws von einem Methodenpluralismus getragene Arbeit, die eine personenbezogenemit einer gesellschaftlich-ökonomischen und einer politisch-ideologiegeschichtlichen Sichtweise in Einklang bringt, scheint den alten Streit zwischen "Strukturalisten" und "Personalisten" aufgehoben zu haben. In den Reaktionen auf sein Buch war nur noch wenig von den über viele Jahre hinweg heftig ausgetragenen intellektuellen und methodologischen Gefechten zu spüren, die um Nutzen, Grenzen und, wie es bisweilen schien, um Gefahren der Individualbiographie geführt worden ist.

Neben Kershaws Arbeit ist Ulrich Herberts Studie über Heydrichs Stellvertreter bei der Gestapo, Werner Best, hervorzuheben. Die Untersuchung des Lebenswegs fungiert hier als Sonde, um Zeitumstände, ideologische Denkmuster und die Funktionsweise von Herrschaftsstrukturen näher zu erforschen. Außerdem ermöglicht es dieser Zugang, den Zusammenhang zwischen verschiedenen Epochen - nicht zuletzt der an Brüchen so reichen deutschen Zeitgeschichte - besser zu begreifen. Im Falle Bests sind dies das späte Kaiserreich und die Zeit des Ersten Weltkriegs, die Weimarer Republik und das "Dritte Reich" sowie die Bundesrepublik Deutschland. Der biographische Ansatz eröffnet in besonderem Maße Chancen, eine wesentliche Herausforderung der deutschen Gegenwartshistorie zu meistern, nämlich "die drei Zeitgeschichten des vereinigten Deutschland" - die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg bis 1945, die bundesdeutsche und die DDR-Geschichte - "in ein Relationsgefüge zu bringen".

Anders als bei der Individualbiographie gibt es über die Methodik der Kollektivbiographie, welche die Lebensläufe von - eindeutig definierbaren - sozialen oder politischen Gruppen schreibt und sich gleichfalls im Spannungsfeld von Struktur und Persönlichkeit bewegt, keine nennenswerten Kontroversen. Es mangelt an einer kritischen Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung und einer Würdigung der Erfahrungen mit einer Methode, die nicht nur in der Soziologie (weniger der Politologie), sondern auch in der Zeitgeschichtsforschung etabliert ist. Mittlerweile erscheint sie als ein derart selbstverständliches Instrument, dass diejenigen, die sich ihrer bedienen, meist auf ausführliche methodische Reflexionen verzichten.

Der Aufsatz möchte im Folgenden die (zeit)historisch orientierte kollektive Biographik skizzieren. Im Hintergrund steht dabei die leitende Frage nach Nutzen und Grenzen des mittlerweile viel erprobten gruppenbiographischen Ansatzes. Nach einem Blick auf frühe britische Erfahrungen mit der Kollektivbiographie rückt die deutsche Entwicklung dieses Forschungsfeldes seit den siebziger Jahren in den Mittelpunkt der Betrachtung. Am Ende soll eine knappe Leistungsbilanz dieser Methode gezogen werden.

Britische und deutsche Erfahrungen

Es mag an der "Nicht-Staatskultur" (Karl Rohe) Großbritanniens und einem dort stark personalisierten Verständnis von Politik liegen, dass sich hier selbst politikwissenschaftliche Studien stärker als andernorts politischen Akteuren widmen und sich das biographische Genre überaus großer Beliebtheit erfreut. Die britische Forschung hat nicht nurbedeutende Einzelbiographien hervorgebracht, sondern zu einem wesentlichen Teil auch den Boden für eine kollektive Biographik bereitet. Auf diese Traditionslinien verweist Lawrence Stone, dessen einflussreiche Studie "An Open Elite?" über die Möglichkeiten und Grenzen des Austauschs zwischen adligen und bürgerlichen Eliten auf dem kollektivbiographischen Ansatz beruht. Im Jahr 1971 setzte er sich in der Zeitschrift "Daedalus" unter dem Titel "Prosopography" grundsätzlich mit dieser Methode auseinander, berichtete von "englischen Erfahrungen" und Anwendungsfällen und zeichnete den Weg nach, auf dem sich die Prosopographie (griechisch prosopon, Gesicht, Maske, Rolle, Person) "zu einer der wertvollsten und gebräuchlichsten Methoden der Geschichtsforschung" entwickelt hat. Stone verwendet die Begriffe Prosopographie, Sammel- oder Kollektivbiographie synonym.

"Prosopographie", so seine Definition, "bezeichnet die Untersuchung der allgemeinen Merkmale des Werdegangs einer Gruppe von handelnden Personen der Geschichte durch ein zusammenfassendes Studium ihrer Lebensläufe." Diese Merkmale werden etwa durch Fragen nach Geburt und Tod, Heirat und Familie, sozialer Herkunft, wirtschaftlicher Stellung, Wohnsitz, Ausbildung, Berufserfahrung oder Religion näher bestimmt und erörtert. Die Prosopographie oder Kollektivbiographie beabsichtigt nach Stone zweierlei: Erstens untersucht sie die Sozialprofile und -strukturen spezifischer Gruppen im zeitlichen Wandel; zweitens möchte sie - und dies ist der diffizilere, empirisch schwerer zu belegende Teil - die "Wurzeln einer politischen Handlung", so gut es geht, freilegen: "Die Aufdeckung der eigentlichen Interessen, von denen man annimmt, dass sie sich hinter politischer Rhetorik verbergen; es betrifft die Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Affiliationen politischer Gruppierungen, die Aufdeckung der Funktionsweise eines politischen Apparates und die Identifizierung jener, die die Hebel bedienen." Stone erinnert zu Recht daran, dass die kollektivbiographische Methode ursprünglich als "Hilfsmittel zur Erforschung der politischen Geschichte eingeführt" und erst später von den Sozialhistorikern entdeckt und gleichsam vereinnahmt worden ist. Der politikgeschichtliche Ursprung gelte insbesondere für die von ihm so benannte Eliten-Schule der Prosopographie, die sich vorwiegend mit der Beschaffenheit der jeweils herrschenden politischen Klasse und den Beziehungen innerhalb dieser befasst. Davon unterscheidet Stone die Massen-Schule, die sich vor allem mit den Angehörigen der breiten Volksschichten beschäftigt. Sie ist notgedrungen stärker statistisch ausgerichtet und meist auf Stichprobenverfahren angewiesen.

Das Aufblühen der Prosopographie in Großbritannien während der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erklärt Stone mit einer Krise der Geschichtswissenschaft. Diese sei ganz auf institutionen-, verwaltungs-, verfassungs- und diplomatiegeschichtliche Fragestellungen orientiert gewesen oder habe sich auf die Lebensläufe einzelner "Großer" konzentriert, ohne deren Wirtschafts- und Machtinteressen freizulegen - in Stones Worten: ohne "die wahren Ziele hinter der Nebelwand politischer Rhetorik zu enthüllen". Auch betont er den Einfluss behavioristischer Theorien auf die Geschichtsschreibung. Hinzu kam ein außerwissenschaftlicher Aspekt, nämlich ein deutlich spürbarer "Vertrauensverfall hinsichtlich der Integrität der Politiker und der abnehmende Glaube an die Bedeutung von Verfassungen" in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Es ist bislang nicht systematisch untersucht worden, inwieweit sich die "britischen Erfahrungen" auf die deutsche Geschichtswissenschaft ausgewirkt haben. Auffällig ist indes eine Parallele: Auch die deutsche Schule der kollektiven Biographik bildete sich in einer Zeit heraus, die eine Krise der Geschichtswissenschaft erlebte. Zumindest mochte es den Zeitgenossen so erscheinen. In den siebziger Jahren entbrannte innerhalb der deutschen Historikerschaft ein heftiger Streit über das Selbstverständnis des Fachs - nach Golo Manns ein wenig dramatisierender Darstellung war die Zunft während jener Zeit "in heller Auflösung" begriffen. Damals sah sich die an der klassischen historischen Hermeneutik oder Verstehenslehre orientierte Tradition einer erstarkenden, gleichermaßen theoriegeleiteten wie strukturanalytischen Richtung gegenüber, die sich zunehmend sozialwissenschaftlicher Methoden bediente.

Die Durchsetzung des sozialhistorischen Paradigmas trug wesentlich zu Entwicklung und Erfolg der kollektiven Biographik in Deutschland bei. Allerdings verstand sie sich von Anfang an als eine Chance zur Überwindung des alten Methodenstreits, indem sie eine "doppelte Erkenntnisrichtung" verfolgt: "Kollektive Biographie lässt einerseits Rückschlüsse auf das Typische, das Allgemeine zu, d.h. auf allgemeinere gesellschaftliche Aggregate oder auf die Gesamtgesellschaft - und dies ist zweifellos die eindeutig dominierende Erkenntnisrichtung in der Forschungspraxis. Andererseits lässt kollektive Biographie auch den Rekurs auf das Untypische, das Abweichende, das Individuelle zu, d.h. auf kleinere gesellschaftliche Aggregate oder auf den individuellen Lebenslauf selbst." Schon Stone hatte betont, dass sich bei der prosopographischen Methode die "Konzentration auf das wichtige Detail und den Einzelfall mit der Vorliebe des Sozialwissenschaftlers für Statistik und Theorie verbinden" lasse und qualitative mit quantitativen Methoden miteinander in Einklang gebracht werden könnten.

Jede Kollektivbiographie zielt mittels des Vergleichs der einzelnen Mitglieder auf die Herausarbeitung von Regelmäßigkeiten, schließlich auf eine Typisierung und Klassifikation der Resultate. So gestaltete sich als Ergebnis einer Studie über die 213 SPD-Angehörigen von Reichs- und Länderregierungen während der Weimarer Republik der "typische" Lebenslauf folgendermaßen: "Als sozialdemokratischer Minister im Reich/in den Ländern der Weimarer Republik wurde danach am ehesten berufen, wer männlich, evangelisch (aber zeitweise dissident), 47 Jahre, gelernter Arbeiter, langjährig Reichs- und/oder Landtagsabgeordneter/Fraktionsführer war und in Preußen (Reichsminister) bzw. im jeweiligen Bundesland (Landesminister) wohnte." Dies seien freilich nur Elemente eines von verschiedenen denkbaren typischen (Teil-)Lebensläufen, mithin als Idealtyp und analytisches Mittel aufzufassen; schließlich seidie als "typisch" erkannte Merkmalskombination nicht "immer in reiner Form in der sozialen Wirklichkeit zu finden".

Seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre beschäftigt sich das Zentrum für Historische Sozialforschung in Köln mit der theoretischen Fortentwicklung der kollektiven Biographik und ihrer Anwendung in der Praxis. Ganz überwiegend widmen sich die verschiedenen Projekte der Analyse parlamentarischer Führungsgruppen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Themen lauten: "Struktur und Wandel parlamentarischer Führungsgruppen in Deutschland 1848 - 1953"; "Biographisches Handbuch der sozialdemokratischen Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867 - 1933"; "Biographisches Handbuch der Abgeordneten deutscher Nationalparlamente 1848 - 1933"; "Lebensschicksale der ehemaligen Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik ab 1933"; "Die Rekrutierung der politischen Klasse in der Bundesrepublik Deutschland" sowie "Kollektive Biographie der Landtagsabgeordneten der Weimarer Republik 1918 - 1933".

Gerade die Verknüpfung von biographischer Lexikographik und kollektiver Biographik brachte mehrere wertvolle Resultate hervor. Es erschienen (jeweils in Kooperation mit der Bonner Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien) Bände mit Informationen zu jedem einzelnen Abgeordneten oder Delegierten hinsichtlich festgelegter Merkmale oder Variablen und mehr oder minder ausführliche gruppenbiographische Analysen.

Mittlerweile existiert auch außerhalb des Kölner Mekkas der deutschen Kollektivbiographen eine Reihe deutscher Erfahrungen mit der Kollektivbiographik: So haben Gerd Meyer und Eberhard Schneider die Macht- bzw. Funktionselite der DDR prosopographisch analysiert. Thomas Welskopp hat das Führungspersonal sozialdemokratischer Organisationen zwischen Vormärz und Sozialistengesetz unter die Lupe genommen, Thomas Weiser die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteifunktionäre in der Tschechoslowakei in den Jahren zwischen 1918 und 1938. Karin Orth hat das Führungspersonal der nationalsozialistischen Konzentrationslager systematisch untersucht und Michael Wildt über zweihundert Biographien von Angehörigen des Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes ausgewertet.

Leistungen und Kritik

Die britischen und die deutschen Erfahrungen belegen, dass es sich bei der Kollektivbiographie oder Prosopographie inzwischen um eine mündig gewordene und vielfach angewandte Methode handelt. Stone konstatierte bereits vor über dreißig Jahren: "Sie hat die Torheiten und Ausschweifungen ihrer Jugend überwunden und beginnt, die alltägliche Routinearbeit der ersten Jahre des verantwortungsvollen mittleren Altersabschnittes aufzunehmen." Das hier nur angedeutete Spektrum der Anwendungen zeigt, dass die Methode zur Erforschung von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Führungsgruppen oder auch von Massenphänomenen verschiedener Epochen und politischer Systeme - ob demokratisch oder diktatorisch - geeignet ist.

Die kollektive Biographik nimmt dabei in mehrfacher Hinsicht eine Mittlerposition ein. Sie erfüllt gleichsam eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Disziplinen, nicht zuletzt zwischen der politikwissenschaftlichen Elitenforschung, der soziologischen Lebenslaufforschung und der geschichtswissenschaftlichen Biographieforschung. Innerhalb der Zeitgeschichtsforschung steht die kollektive Biographik zwar den Prämissen einer historischen Sozialwissenschaft besonders nahe, stellt aber zugleich vielfältige Anknüpfungspunkte zur Politikgeschichte her und bewegt sich zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen. Sie ermöglicht nicht nur die Typisierung des Individuellen, sondern auch die Individualisierung des Typischen. Gerade im Falle von Elitestudien bietet es sich an, ja ist es zum Teil geboten, die prosopographisch gewonnenen Daten und die "typischen" Lebensläufe mit einzelnen "exemplarischen" Fallstudien zu vergleichen, auch um dem Eindruck entgegenzuwirken, eine Form von statistischen Gespenstern zu erzeugen, die mit der historischen Realität wenig zu tun haben.

Es besteht mithin eine doppelte Gefahr: Erstens drohen die abweichenden Stimmen nicht genügend zur Geltung zu kommen und individuelle Ausprägungen in der Masse der Kollektivdaten unterbewertet oder gänzlich übersehen zu werden. Zweitens - und eng damit zusammenhängend - birgt die Reduktion auf biographische Kerndaten (zu festgelegten und kodierten Variablen) das Risiko, das Ziel der Biographik - zumindest der individuellen - zu verfehlen, nämlich Charaktere zu erfassen und zu verstehen. Kollektivbiographie ohne Fallstudien, gleichsam als Sicherheitsmechanismus, erscheint als ein wenig fruchtbares Unternehmen, und bei einer sehr geringen Gleichförmigkeit der Lebensläufe eines Kollektivs dürfte die Anwendbarkeit der Methode mehr als fragwürdig erscheinen.

Ohne Zweifel zählt aber zu den großen Leistungen der Prosopographie die vergleichende Analyse von Sozialprofilen und -strukturen. Kollektivbiographie reduziert auf eine Soziographie erfährt denn auch wenig Kritik, vorausgesetzt, sie gelangt über eine bloße Materialanhäufung hinaus. Der Argwohn setzt meist dort an, wo derartige Daten als "objektiver" Ausdruck einer klaren Interessenlage angesehen und Handlungen auf ein entsprechendes Interessenkalkül zurückgeführt werden. Damit einher geht nicht selten die wissenschaftliche Vernachlässigung institutioneller Rahmenbedingungen. Es ist allzu einfach, wenn auch durchaus reizvoll, das einzelne Kollektivmitglied auf einen homo oeconomicus zu beschränken und Interpretationen gemäß der Doktrin, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, anzustellen. Lassen sich mittels der Auswertung einer gewissen Zahl von biographischen Kerndaten bestimmte Verhaltensweisen wirklich treffend erklären? Der Gefahr und den Verlockungen eines solchen Reduktionismus muss sich jeder, der kollektivbiographisch arbeitet, bewusst bleiben. Menschliches Handeln lässt sich schließlich kaum auf eine einzige Triebfeder zurückführen, sondern unterliegt unterschiedlichen und wechselseitigen Einflüssen, die selbst der Individualbiograph für den einzelnen Protagonisten nicht immer erfolgreich entwirren kann.

Schon Stone nannte es eine "große intellektuelle Schwäche der Prosopographen", dass sie nur eine "relativ geringe Bereitschaft" besäßen, "den Ideen, Vorurteilen, Leidenschaften, Ideologien, Idealen und Grundsätzen in ihrer Geschichtsperspektive einen Platz einzuräumen". Dies zu berücksichtigen macht indes nicht zuletzt den Reiz von Einzelbiographien aus, die so auch die Chance besitzen, über fachwissenschaftliche Zirkel hinaus Aufmerksamkeit zu erzielen, und die als eine besonders geeignete Darstellungsform erscheinen, um Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit einander anzunähern. Auch wenn sich nur die wenigsten der prosopographischen Werke aus einer Suada von Kodewörtern zusammensetzen und aus ihnen meist weit mehr als das "tote Klappern unverarbeiteter Statistiken" herauszuhören ist, so fehlt ihnen doch oft jener Anteil an Poesie, den der französische Historiker Marc Bloch für jede Art der Geschichtsschreibung, einer wirklichen écriture historique, nachdrücklich reklamierte. Ein kollektivbiographisches Verlangen ist daher vorerst kaum zu erwarten.