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Perspektiven der Sozialen Arbeit

Wandel der Sozialen Arbeit Editorial Perspektiven der Sozialen Arbeit Krise der öffentlichen Kassen und des Sozialstaats Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit Soziale Ungleichheit und Pflege Bürgerinnen und Bürger als Helfer der Nation?

Perspektiven der Sozialen Arbeit

Ronald Lutz

/ 17 Minuten zu lesen

Soziale Arbeit muss sich neu positionieren. Der ökonomische Druck, unter dem die Sozialen Dienste und Einrichtungen stehen, nimmt zu. Im Kontext sozialstaatlicher Reformen wird Soziale Arbeit immer mehr zu einer Aktivierung zur Selbsthilfe.

Einleitung

Soziale Arbeit befindet sich in Bedrängnis. In der Praxis setzt sich immer mehr die Tendenz durch, als Dienstleister zu agieren, das heißt, nach ökonomischen Kriterien zu arbeiten und dabei zugleich neue Entwicklungen im Verhältnis Individuum und Gesellschaft aufzugreifen. Der Begriff der "Sozialwirtschaft" wird populär; dahinter verbergen sich neue Positionen und veränderte Wege sozialarbeiterischen Denkens und Handelns.



Diese Entwicklung wird zwar von Wissenschaftlern nachvollziehbar analysiert und in den Zusammenhang neoliberalen Denkens und daran ansetzender neuer Modelle einer "Regierung des Sozialen" gestellt. Im Ergebnis dieser Reflektionen stehen aber kaum Entwürfe, die in der Praxis der Sozialen Arbeit längst erkennbares ökonomisches Denken strukturell berücksichtigen und neue Tendenzen produktiv aufgreifen. Dabei lägen genau darin Antworten auf die aktuellen Herausforderungen, vor der die Soziale Arbeit als offenes Projekt der Moderne steht. Darüber will ich im Folgenden auf der Basis von vier Thesen diskutieren: Soziale Arbeit muss

  • die Forderung nach "Ökonomisierung" konstruktiv aufnehmen;

  • sich noch viel konsequenter als Dienstleister begreifen und die praktische und methodische Umsetzung der damit verbundenen Aufgaben auch theoretisch begleiten;

  • aktuelle Tendenzen der Aktivierung und der Selbstorganisation ihrer Klientel in ihre Horizonte als organisierte Hilfe in der Moderne aufnehmen;

  • den Spagat zwischen ihrem ethischen Selbstverständnis und den aktuellen politischen und ökonomischen Anforderungen bewältigen.

    Reformulierung des Sozialen



    Soziale Arbeit ist bisher eng an die Vorstellungen eines Sozialstaates geknüpft, der umverteilend agiert und für Menschen in Problem- und Notlagen umfangreiche Hilfestellungen in institutionalisierter Form bereithält. Diese bestehen wesentlich aus Versorgung und Betreuung. Hier liegt der aktuelle Bezugspunkt für eine politische und ökonomische Kritik an der Praxis des Sozialen und der Sozialen Arbeit. Stellvertretend für viele hat Paul Nolte etwas populistisch von einer "fürsorglichen Vernachlässigung" gesprochen, die mit der Organisation von großzügigen Sicherungssystemen Betroffene von eigenen Entscheidungen und Handlungen entlaste und somit ihre Abhängigkeit vom System befördere. Der erkennbare Umbau des Sozialstaates macht eine Neupositionierung und Veränderungen des Selbstverständnisses auch der Sozialen Arbeit erforderlich. Das Soziale, wie es sich bisher in Begriffen und Konzepten der Sozialen Ungleichheit, der Sozialen Gerechtigkeit, der Sozialen Problemlagen und damit auch der Sozialen Arbeit niederschlug, bedarf einer fundamentalen Reformulierung.

    Die bisherige Absicherung von sozialen und individuellen Risiken durch den Staat soll durch Rahmenbedingungen abgelöst werden, die es dem Einzelnen ermöglichen, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen, wobei der Staat den Menschen eine gewisse Grundversorgung und temporäre Nothilfen garantiert. Letztlich geht es in den neuen Leitlinien der Politik um die Aktivierung des Einzelnen zu mehr Verantwortung für sich selbst und andere. Implizit wird das Bild eines eigennützigen "Unternehmers" handlungsleitend; wie es sich in der Konstruktion des Begriffes "Arbeitskraftunternehmer" niederschlägt. Der Bürger wird als Subjekt auf einem anonymen Markt gedacht, das wie ein Unternehmer agiert, seine Fähigkeiten vermarktet und somit Einnahmen und Gewinne erzielt.

    Diese Aktivierung zur "Verantwortung" impliziert zweifellos eine Verlagerung der Risiken auf das Subjekt: Private Vorsorge wird zum Programm erhoben. Das kann man kritisch diskutieren und als Strategie einer verstärkten Individualisierung sowie eines Abschieds von solidarischen Formen des Sozialen bewerten. Es entspricht aber dem Bild vom Menschen der Moderne, wenn dem gestaltungsfähigen Subjekt mehr Autonomie, Eigenverantwortung und ökonomisches Handeln zugemutet bzw. abverlangt wird. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Soziale Arbeit: Zum einen muss diese nun stärker als in der Vergangenheit nach betriebwirtschaftlichen Kriterien arbeiten, sich also entsprechend neu orientieren; zum anderen muss sie sich statt auf den Ausgleich von Defiziten auf die Förderung von Kompetenzen und die Aktivierung der Menschen für die eigene Lebensführung konzentrieren: Es geht darum, Ressourcen des Einzelnen zu fördern und zu fordern.

    Soziale Arbeit als Sozialwirtschaft



    Schon seit einiger Zeit ist erkennbar, dass betriebswirtschaftliche Prinzipien der Wirtschaftlichkeit, Effizienz und Effektivität sowie Steuerungsmechanismen eines modernen Kontraktsmanagements im Kontext von Leistungsvereinbarungen Einzug in die Soziale Arbeit halten; diese muss zudem ihre Legitimation zunehmend durch Wirkungskontrollen und Qualitätsdokumentationen nachweisen. Auch in Studien, auf Tagungen und in Gesprächen zeigt sich, dass die Soziale Arbeit in der eingangs erwähnten Sozialwirtschaft angekommen ist. Dessen Akzeptanz zeigt, dass ökonomische Kontexte die Soziale Arbeit immer stärker prägen und steuern. Es ist zweifelsohne eine rasante Verstärkung sozialwirtschaftlicher Tendenzen zu beobachten.

    Die zunehmende Ökonomisierung der Hilfeprozesse zeigt sich auch in einer stärker wettbewerblichen Organisation des Hilfesystems, indem Träger in Konkurrenz um kostengünstige und effektive Lösungen zueinander treten. So werden auch die Leistungen der Sozialen Arbeit inzwischen vielfach öffentlich ausgeschrieben, die Unternehmen der Sozialwirtschaft müssen sich bewerben und sind letztlich darauf angewiesen, wirtschaftlich zu agieren.

    Über ein Kontraktmanagement mit Zielvereinbarungen und Effektivitätsnachweisen findet zudem eine verstärkt betriebswirtschaftlich ausgerichtete Angebotssteuerung statt, die auch auf die Hilfen durchschlägt und deren Marktfähigkeit herstellen will. Diese müssen sich vermehrt an Leistungsbeschreibungen und -vereinbarungen orientieren. Dies wird durch eine Zunahme von Qualitätssicherungsinstrumenten abgefedert, die neben Akkreditierungsprozessen und der Entwicklung von Standards inzwischen auch Dokumentationsprozesse sowie Maßnahmen eines internen Monitoring und Controlling kennen. Ziel ist dabei, die Legitimation und vor allem die Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen und zu fordern; Qualitätsnachweis und Erfolg werden somit Inhalte des Kontraktmanagements.

    Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ist nicht unbedingt neu, der Auftrag, Kosten niedrig zu halten, existierte schon länger. Seine Erfüllung erfolgt jetzt allerdings auf neue Art und Weise: Die Versorgung von Klienten ist nicht mehr alleiniger Zweck, sondern wesentliches Mittel, um den Träger bzw. den Anbieter in seinem Bestand zu sichern. Klientenversorgung ist das Produkt, das den wirtschaftlichen Erfolg sichert. Folglich werden klientenbezogene Entscheidungen vermehrt auch durch wirtschaftliche Zwänge und Ziele bestimmt.

    In der Sozialen Arbeit gedeiht somit ein neues Selbstverständnis: Steuerungsmodelle, die als Kontextsteuerung, Kontraktmanagement oder Case-Management diskutiert werden, sehen einen selbstständigen privaten Leistungsanbieter sozialer Dienstleistungen und einen souveränen nachfragenden Leistungsabnehmer im Mittelpunkt. Angelehnt an dieses Modell wird Soziale Arbeit allerdings, dies sei kritisch angemerkt, verstärkt auf eine Ökonomisierung festgelegt, die wenig nach Ethik und nach den Vorstellungen eines "Guten Lebens" fragt. Sozialarbeit muss daher eigene Wege des Arbeitens finden: Sie muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Es kommt darauf an, Ideen eines Guten Lebens mit der unabdingbaren Ökonomisierung zu verknüpfen, statt diese ausschließlich zu beklagen. Die Ökonomisierung stellt eine Herausforderung und eine Chance zugleich dar, das eigene Selbstverständnis neu zu formulieren.

    Vor diesem Hintergrund müssen die Auswirkungen der sozialwirtschaftlichen Neubestimmung der Sozialen Arbeit reflektiert und verstanden werden. Es zeichnet sich ein klares Primat der Auftraggeber und des Ziels der Hilfe ab, das endgültig Vorstellungen eines "Doppelten Mandates" der Sozialen Arbeit überwindet. Die vielfach innerhalb der Profession bis heute präsente Vorstellung, der Sozialarbeiter hätte zwei Auftraggeber, den Klienten mit seinen Lebenslagen, Bedürfnissen und Wünschen sowie den öffentlichen bzw. privaten Träger, der ein Hilfeangebot zur Bearbeitung von Schwierigkeiten und Auffälligkeiten organisiert und zugleich finanziert, erweist sich immer mehr als brüchig. Die "Dichotomie" von Hilfe und Kontrolle ist ein bis heute die Debatten prägender Begriff, dem allerdings immer mehr die empirische Basis schwindet.

    Noch schärfer formuliert: Es geht verstärkt darum, vereinbarte Hilfemaßnahmen umzusetzen und Klienten zu eigenem Handeln zu befähigen. Soziale Arbeit soll nicht mehr kontrollierend und diskriminierend, sondern anbietend, beratend, unterstützend und aktivierend wirken. Dienstleistungen werden eben nicht mehr als eine spezifische Form sozialer Kontrolle gesehen, die Menschen auf den rechten Weg führen sollen; es geht vielmehr um eine Leistung, die Soziale Arbeit für und mit Menschen erbringt, um deren Handlungsfähigkeit zu verbessern.

    Neben der Auflösung des "Doppelten Mandats" bedeutet dies aber auch einen Abschied von Visionen und Vorstellungen einer angeblichen "Parteilichkeit der Hilfe". Soziale Arbeit agiert zwar im politischen Raum und muss insofern auf Missstände hinweisen und sich selbst als politische Instanz entwerfen. Sie hat zweifellos ein politisches Mandat für ihre eigene Tätigkeit, aber hinsichtlich ihrer Klienten darf sie nicht in dem Sinne parteilich agieren, in dem sie sich ausschließlich an deren Interessen orientiert. Sie kann allerdings, und das wäre zukünftig neu und verschärft zu diskutieren, Aufträge ablehnen bzw. sich an bestimmten Ausschreibungen nicht beteiligen, wenn diese ihrem ethischen Code (code of ethics) widersprechen.

    Mit dem Klienten als "Kunden" kommt die Sozialwirtschaft in der Ökonomie an. Dies kann man durchaus positiv bewerten: Soziale Arbeit bietet sich im Konkurrenzverhältnis an und wird an dem gemessen, was sie leistet. Das wertet sie dort auf, wo sie einfach gut ist. Wie auch immer - sie muss sich mit der Ökonomie arrangieren, wobei es darauf ankommt, deren Sichtweise aufzunehmen, ohne diese zu übernehmen. Es geht also nicht darum, Inhalte aufzugeben, sondern darum, diese ökonomisch zu bewerten, als ökonomische Größe zu transportieren! Hier liegt die Chance der Sozialen Arbeit, ihre Überzeugungen, Standards und Visionen trotz des ökonomischen Drucks weiter zu entwickeln. Doch das ist nur die eine Seite der Herausforderung, die andere liegt in ihrer Alltagspraxis als organisierte Hilfe.

    Aktivierende Soziale Arbeit



    Die Klientel - die Kunden - sollen vermehrt befähigt, eben trainiert werden, ihr Leben in eigener Verantwortung zu gestalten. So sind immer mehr Maßnahmen erkennbar, die den Charakter von Trainings haben: etwa Elterntrainings, Familienaktivierungsprogramme, Trainings in der Jugendhilfe oder Armutsbewältigungsprogramme. Diese sollen vor allem zur rationalen Steuerung des eigenen Verhaltens hinsichtlich seiner Folgen beitragen. Insbesondere am Case Management, das in der Umsetzung von Arbeitslosengeld II (ALG II) als Fallmanagement neu entworfen wurde, zeigt sich, wie Aktivierung als Beratung und Steuerung in der Fallarbeit funktionieren kann:

  • Die Beratung soll frühzeitig einsetzen, zugleich soll eine Stärken- und Schwächenanalyse vorgenommen werden: Sie soll als eine intensive Beratung gestaltet werden, die das Ziel hat, den Kunden für seine Selbstsorge zu motivieren und ihn in seinen Fähigkeiten zu bestärken: ihn somit zu aktivieren.

  • Es wird eine Eingliederungs- bzw. Leistungsvereinbarung als Vertrag abgeschlossen, in dem Ziele und Mittel festgeschrieben sind und eine Zeitschiene aufgestellt wird; darin sind die Angebote des Dienstleisters und die Pflichten des Kunden sowie eine detaillierte Festschreibung erwartbarer Eigeninitiative definiert.

  • Durch ein regelmäßiges Monitoring werden die Fortschritte und der Erfolg der Zusammenarbeit kontrolliert.

    Innerhalb der Sozialen Arbeit sind seit geraumer Zeit rasante Veränderungen des Handlungsinstrumentariums festzustellen. Aktivierende Strategien gewinnen an Bedeutung. Kritisch gewendet bedeutet dies, dass Soziale Arbeit praktisch selbst zur Akteurin einer "Neuprogrammierung des Sozialen" wird, worin eine Verlagerung von Risiken auf die Subjekte gesehen wird: ein Umbau des Staates und der Sozialen Hilfen zum Nachteil der Menschen. Dem ist entgegenzuhalten, dass mit Neuprogrammierung etwas anderes gemeint sein kann, nämlich, dass sich Soziale Arbeit im Kontext des Aktivierungsdiskurses funktional und methodisch daran beteiligt, die Selbstverantwortung der Subjekte zu fördern, und dies zu begleiten und zu steuern.

    Soziale Sicherheit, die bisher vom Staat garantiert wurde, wird nun zur inneren Aufgabe der Subjekte. Die Bearbeitung sozialer Konflikte und individueller Krisen, die bisher wesentlich durch Betreuungsmaßnahmen der Sozialen Arbeit unterstützt wurde, wird zur Aufgabe der Menschen selbst. Man betrachtet diese als gestaltende Wesen, deren Autonomie und Verantwortung es zu fördern gilt.

    So lässt sich beispielsweise eine wachsende Bedeutung persönlicher Budgets erkennen, womit vor allem eine Stärkung der Autonomie der Klienten einhergeht. Diese erhalten definierte Mittel, mit denen sie sich auf dem "Markt der Hilfen" jene Unterstützung "kaufen" können, die sie benötigen. Mit dem persönlichen Budget wird der "Fall" endgültig zum "Kunden", der sich sein "Hilfe-Menu" selbst zusammenstellt. In allen Analysen wird immer wieder betont, dass dies die Verantwortung und die Eigengestaltung der Lebensführung befördere und Menschen unabhängiger von organisierter Hilfe mache.

    Daraus ergibt sich jene "aktivierungspädagogische" Neuformulierung der Sozialen Arbeit, die den Druck der Politik aufnimmt und Soziale Arbeit zugleich neu skizziert. Dies lässt sich zwar - kritisch betrachtet - als eine "Erziehung zur Armut" diskutieren, durch die Menschen für veränderte Bedingungen fit gemacht, eben "erzogen" werden sollen. Aber diese Aktivierung - wie auch immer man sie bewerten möchte - stellt keine besondere Neuerung dar, war sie doch schon immer erklärte Absicht Sozialer Arbeit und stellte (und stellt) damit eigentlich ihren Auftrag dar. Heute geht es dabei allerdings um ein anderes Verständnis ihrer selbst: Soziale Arbeit entfernt sich von Parteilichkeit, sie wird zur Dienstleistung, sie unterstützt und fördert lediglich die Aktivitäten ihrer Klientel, indem sie diese aktiviert.

    Auf diese Weise - und dies sei als Argument gegen die Interpretation einer "Erziehung zur Armut" vorgebracht - kann die Soziale Arbeit ihrer Aufgabe gerecht werden, die neue Autonomie der Subjekte zu fördern, dazu beizutragen, dass die Menschen ihr Leben selbst und in eigener Verantwortung gestalten können. Das aber heißt, dass sie jene "Anerkennung des Anderen", die sie immer fordert, selbst realisieren muss, und das geht nur über die Förderung von Autonomie und selbsttätiger Lebensführung.

    Auch Soziale Arbeit steht nun unter dem Druck ihrer Rechtfertigung. Rechtfertigung, verstanden als letztgültige Basis von Gerechtigkeit und der Anerkennung des Anderen, wird somit zur Klammer des Sozialen. Und Soziale Arbeit selbst muss Position beziehen; diese kann in der gegenwärtigen Moderne nur die Autonomiesteigerung ihrer Klienten bzw. "Kunden" sein. Nicht "fürsorgliche Belagerung", sondern Ermächtigung muss deshalb das Ziel Sozialer Arbeit sein: die Befähigung der Menschen zur aktiven Gestaltung ihres Lebens und zur Selbstregulierung.

    Das Programm einer Reformulierung des Sozialen weist eindeutig von einer kollektiven Daseinsvorsorge zu einer eigenverantwortlichen und persönlichen Selbstsorge einschließlich eines individuellen Risikomanagements. Soziale Arbeit muss vor diesem Hintergrund sowohl praktisch als auch theoretisch auf eine Aktivierung der Subjekte und eine Inszenierung von Gemeinschaften, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen und aktivieren, ausgerichtet sein.

    Aktivierungsstrategien werden auch zur Aktivierung von Gemeinschaften - etwa in städtischen Quartieren - angewandt: In den Programmen der Sozialen Stadt sind diese Strategien die Eckpfeiler des Quartiersmanagements, dessen Aufgabe als Moderation selbst tragender Prozesse verstanden wird: Prozesse, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Viertels immer stärker selbst zu organisieren sind. Die intendierte Aktivierung sozialer Netzwerke zielt auf den "Ersatz" professioneller Hilfen. Der Sozialraum wird zum neuerlichen Bezugspunkt, Vernetzung zur Methode. Letztlich geht es um die Inszenierung, um die Beförderung, posttraditionaler Gemeinschaften, die erneut im Sinn einer Guten Nachbarschaft für sich sorgen.

    Soziale Arbeit entfernt sich immer mehr von ihrem klassischen Entwurf des Helfens und Betreuens und wird zur Steuerung von Prozessen. Der Mensch wird als Gestalter seines Daseins gesehen; Hilfen werden zu Optionen (Wahlmöglichkeiten ohne Verpflichtung dazu) und stellen eben keine "fürsorgliche Belagerung" mehr da.

    Soziale Arbeit konzentriert so ihr methodisches Handeln vor allem auf Unterstützung. Dies schlägt sich in der Planung und Steuerung von Prozessen nieder: Zunächst werden in assessmentähnlichen Formen Stärken und Schwächen der Klienten analysiert und darauf basierend Trainings- und Integrationsprogramme entworfen. Diese wiederum werden mit Hilfeplänen und Eingliederungsvereinbarungen untersetzt, deren Wirkungen später ausgewertet werden.

    Soziale Arbeit agiert so nicht mehr im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle, von lebensweltlicher Nähe und öffentlicher Disziplinierung, sie hat nun eine klare Aufgabe: Es geht darum, Menschen Unterstützung zur Bearbeitung von Problemen anzubieten und Maßnahmen durchzuführen, die zwar an den Lebenslagen ansetzen, zugleich aber auch definierte Vorstellungen der Ziele und des Erfolgs dieser Interventionen transportieren. Das ist ihr "neuer" Begriff einer Dienstleistung, die am Menschenbild der Moderne ansetzt.

    Schließlich erwarten die "Auftraggeber", und das sind auch die Adressaten der Hilfe, auch Nachweise hinsichtlich der Wirksamkeit in Auftrag gegebener Maßnahmen. Dies wird neuerdings mit dem Begriff "Evidence Based Social Work" reflektiert, mit dem man nach der Wirksamkeit eingesetzter Methoden fragt - im Übrigen ein Verfahren, das aus den USA entlehnt wird.

    Dies kann man aus kritischer Perspektive zwar als "Technologisierung der Sozialen Arbeit" beschreiben, die sich stark am medizinischen Modell orientiert. Allerdings ist die darin enthaltene Forderung eines Nachweises der Wirksamkeit von Hilfeprozessen in der Sozialen Arbeit durchaus nachvollziehbar und würde eine Aufwertung ihrer Arbeit darstellen. Ein belegbarer Erfolg als Basis für die Methodenwahl ist durchaus sinnvoll, und dies in doppelter Hinsicht: für die Hilfeprozesse und damit für die Klienten selbst, der auf die Wirksamkeit der Unterstützungsprozesse vertrauen können, und für die Organisation des Hilfeprozesses, der effektiver und damit auch kostengünstiger verlaufen dürfte.

    Es stellen sich allerdings Fragen, die nicht so ohne weiteres zu beantworten sind und auf die "wunden Punkte" einer Profession verweisen, die mit Menschen arbeitet und so immer mit den Unwägbarkeiten des Lebens konfrontiert ist: Wie messe ich Erfolg in der Sozialen Arbeit, die menschliches Verhalten im Blick hat, das sich nicht unmittelbar nach der Intervention ändert? Wer definiert diesen Erfolg? Worin besteht die Qualität Sozialer Arbeit: in beispielsweise der Inobhutnahme oder die Rückführung eines Kindes in eine schwierige Familie? Wie kann die Qualität in der Arbeit mit Menschen, die arbeitslos und arm sind, gesichert werden?

    Wie auch immer diese Debatten weiter geführt werden: Dies alles wird zwangsläufig mit einem Wandel des Berufsbildes innerhalb der Sozialen Arbeit einhergehen und eine weitere intensive Ausdifferenzierung und stärkere Spezialisierung bedingen. Es dürfte zu einer Polarisierung von Management und ausführender Sozialer Arbeit kommen - mit weiter wachsenden Unterschieden in den Lohnniveaus. Das Ehrenamt wird eine Aufwertung erfahren.

    Unter diesen Bedingungen wird sich Soziale Arbeit einerseits als eine Art Trainingsprogramm entwickeln; sie ist und wird Dienstleister sein (vor allem auch Vermittlungsdienstleistung) sowie Motivator zur Aktivierung individueller Kräfte. Andererseits wird sie aber auch neue Kontroll- und Überwachungsprogramme entwerfen müssen, die im Rahmen einer vermehrt wieder zur Aufgabe werdenden Elendsverwaltung notwendig werden.

    Konsequenzen einer Zwei-Klassen-Sozialarbeit



    Maßnahmen der Sozialen Arbeit werden sich künftig stärker daran orientieren (müssen), ob sie einen erkennbaren Erfolg garantieren. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, was mit all jenen ist, die nicht mehr aktivierbar zu sein scheinen, die nicht zu den "Arbeitsfähigen" gezählt werden können, die nicht durch eine Rente oder ähnliches abgesichert sind. Hier zeichnet sich die "Bruchstelle" einer modernen Sozialen Arbeit ab. Die Zunahme oder Rückkehr diverser Maßnahmen der Notversorgung deutet dies an: Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern, kostenloses Mittagessen für Kinder, Arbeitslosenfrühstücks, Restaurants des Herzens und viele weitere Instanzen der karitativen Notversorgung haben sich seit einiger Zeit als Basisversorgung für Menschen etabliert, die in Armut bzw. in extremer Armut leben. Sie erfahren eine immer größere Nachfrage, sind unbestritten wichtig und stellen ein neues und essentielles Element im System sozialer Hilfen dar. Gäbe es diese Angebote nicht, würde sich das Elend schlagartig vergrößern.

    Immer mehr Menschen verfügen nicht mehr über die erforderlichen finanziellen Mittel, um ein würdevolles Leben führen zu können. Zwar hungern und frieren sie nicht, aber ihre Bekleidung bedarf der Erneuerung, ihre Mahlzeiten sind mitunter knapp bemessen oder der Gesundheit abträglich etc. Am stärksten betroffen sind Familien mit Kindern. Diese Knappheit kann sowohl das Ergebnis einer lange währenden Arbeitslosigkeit oder das Resultat gering bezahlter Tätigkeiten ("working poor") sein; Niedriglöhne auf unterschiedlichen Niveaus sind für viele Menschen längst der Normalzustand.

    Diese zweifellos wichtigen Hilfsangebote tragen allerdings zum einen kaum zur Aktivierung der Menschen bzw. zur Selbsthilfe bei; zum anderen besteht die Gefahr einer "Normalisierung von Armut", die schon gar nicht mehr verändert, sondern in ihren Auswirkungen allerhöchstens begrenzt werden soll.

    Das Fatale ist, dass diese Basisversorgung einerseits notwendig ist; andererseits wird aber das Elend festgeschrieben, indem es nur noch verwaltet, und gelindert wird. Hinzu kommt, dass die Empfangenden sich darauf einstellen können und dadurch davon abhängig werden. Die betroffenen Menschen werden zu Nehmenden, die auf die nächste Mahlzeit etc. warten, wodurch sie allmählich ihre letzten Kompetenzen, Ressourcen und Fähigkeiten, sich selbst zu helfen, verlieren. Armut wird verfestigt und die Betroffenen werden noch mehr marginalisiert.

    Die kritische Betrachtung dieser Entwicklung in ihren Konsequenzen mündet in der Schlussfolgerung, dass in Zukunft möglicherweise nur noch jene Menschen eine effektive und professionelle Hilfe erhalten werden, die die Gewähr dafür bieten, motiviert, fähig und bereit zu sein, sich für sich selbst zu engagieren. Soziale Arbeit würde sich dann aber noch stärker aufspalten, als ohnehin schon erkennbar ist. In diesem Zusammenhang ist schon länger von "harter und weicher Sozialarbeit" die Rede: der "weiche" Aspekt reagiere auf einen zunehmenden Bedarf nach Unterstützung bei der Selbstentfaltung, der "harte" ziele auf jene Teile der Bevölkerung, die sich auf Grund ihrer marginalisieren Lagen als dauerhaftes Klientel darstellten.

    Soziale Arbeit wird unter diesen Bedingungen zu einer Zwei-Klassen-Sozialarbeit mit zwei Elementen, die sich diametral gegenüberstehen und zwei Klassen der Unterstützung und der Hilfen repräsentieren:

  • zum einen eine professionelle, individuelle Beratung und Betreuung auf einer sozialwirtschaftlichen Basis, die jene Förderung und Unterstützung bietet, die zur Erreichung des Ziels der Hilfe, zur adäquaten Umsetzung des Hilfeplans, notwendig sind - hier wird die Autonomie des Subjektes gefördert;

  • zum anderen eine Grundversorgung über Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern, Almosen und kommunale Notunterkünfte, die im Wesentlichen ehrenamtlich oder auf einem eher niedrigen professionellen Niveau organisiert und angeboten wird und lediglich auf Versorgung und Linderung, kaum auf Aktivierung und Integration zielt.

    Vor diesem Hintergrund wird die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit klarer, die sich im Kontext der Reformulierung des Sozialen herauszubilden scheint: Aktivierung und Training der Fähigen und Erfolgversprechenden auf der einen Seite; Versorgung, Verwaltung und Kontrolle derjenigen, die zur Aktivierung nicht mehr geeignet erscheinen, auf der anderen. Ihre erste Funktion ist für die Träger und Einrichtungen (weiterhin) attraktiv und wird durch die derzeitigen Reformen noch attraktiver. Demgegenüber stehen zur Erfüllung der zweiten Funktion nur niedrige Budgets, Spenden und Almosen zur Verfügung. Ihre Erfüllung wird wesentlich durch die Zahlung von Niedriglöhnen, die es auch in der Sozialen Arbeit immer mehr gibt, und das Ehrenamt sichergestellt.

    Soziale Arbeit befreit sich also in Ansätzen von ihrem "Arme-Leute-Geruch", sie wird "eine Dienstleistung wie jede andere, aber sie kann der Armut nicht entkommen. Mit dem Begriff der "Elenden Sozialpädagogik" hat Michael Winkler darauf hingewiesen, dass es ihr nicht gelingen wird, sich dem Geschäft der Disziplinierung und Kontrolle der Ausgegrenzten auf Dauer zu entziehen.

    Perspektiven Sozialer Arbeit



    Angesichts ihrer Heterogenität ist in der Sozialen Arbeit eine Entgrenzung, vielleicht sogar eine Eigenschaftslosigkeit, zu erkennen. Als organisierte Hilfe muss sie sich allerdings immer wieder rechtfertigen und zeigen, dass sie ihre Aufgaben erfüllt: Menschen für ein Leben in der Moderne dann fit zu machen, wenn diese daran zu scheitern drohen. Hierfür muss sie Autonomie und Verantwortung fördern, denn genau das wird von den Subjekten auch verlangt. Insofern muss Soziale Arbeit individualisieren und Menschen zur Selbststeuerung befähigen.

    Das mag einer "Neuprogrammierung des Sozialen" gleichkommen, die sich in einer Reformulierung des Sozialen als neoliberal diskutieren lässt und die wegführt von sozialstaatlichen Programmen alter und eher vorsorgender und versorgender Ordnung. Man kann das durchaus kritisch beurteilen und die darin eingelagerte Ökonomisierung vor allem hinsichtlich ihrer negativen Wirkungen beleuchten. Positiv gewendet bedeutet es jedoch, dass der Anspruch, den Soziale Arbeit eigentlich haben muss, umgesetzt wird: Subjekte in ihren je eigenen Biographie zu unterstützen, Menschen zu selbstverantwortlichem Handeln zu befähigen, ihnen zu helfen, in den jeweiligen Verhältnissen authentisch zu sein.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Heinz-Jürgen, Dahme/Hans Uwe Otto/Achim Trube/Norbert Wohlfahrt (Hrsg.), Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat, Opladen 2003. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von H.-J. Dahme in diesem Heft.

  2. Paul Nolte, Riskante Moderne, München 2006.

  3. Vgl. Stephan Lessenich, Soziale Subjektivität. Die neue Regierung der Gesellschaft, in: Mittelweg, 36 (August/September 2003).

  4. Vgl. Günter Voß/Hans Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 1, S. 131 - 158.

  5. Vgl. Michael Wolf, Sozialpolitik und Soziale Arbeit jenseits des Wohlfahrtsstaates: Leben auf eigenes Risiko, in: UTOPIEkreativ, 206 (Dezember 2007), S. 1153 - 1170.

  6. Vgl. Hans-Jürgen Dahme/Gertrud Kühnlein/Norbert Wohlfahrt, Zwischen Subsidiarität und Wettbewerb - Wohlfahrtsverbände auf dem Weg in die Sozialwirtschaft, Berlin 2005.

  7. Vgl. ebd.

  8. Ich habe dies an anderer Stelle sowohl kritisch reflektiert als auch ein Modell entworfen, in dem sich Soziale Arbeit ihrer ethischen Rahmungen neu vergewissert. Vgl. Ronald Lutz (Hrsg.), Befreiende Sozialarbeit, Oldenburg 2005.

  9. Vgl. Michael Winkler, Kleine Skizze einer revidierten Sozialpädagogik, in: Tarek Badawia/Helga Luckas/Heinz Müller (Hrsg.), Das Soziale gestalten, Wiesbaden 2006, S. 55 - 80.

  10. Vgl. Roland Merten (Hrsg), Hat soziale Arbeit ein politisches Mandat?, Opladen 2001.

  11. Vgl. Thomas Schumacher, Welche Ethik braucht die Soziale Arbeit?, in : Neue Praxis, (2006) 3, S. 325 - 329.

  12. Vgl. Wolfgang Maaser, Normative Diskurse der neuen Wohlfahrtspolitik, in: H.-J. Dahme u.a. (Anm. 1), S. 17 - 36; vgl. auch Fabian Kessl/Hans Uwe Otto, Aktivierende Soziale Arbeit. Anmerkungen zur neosozialen Programmierung Sozialer Arbeit, in: Neue Praxis, (2002) 5, S. 444 - 456.

  13. Vgl. Heiko Kleve (Hrsg.), Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit, Aachen 2003 (1. Auflage) und Heidelberg 2006 (korrigierte Neuauflage

  14. F. Kessl/H. Uwe Otto (Anm.12), S. 44 - 456.

  15. Vgl. bspw. den "Bericht der Bundesregierung über die Ausführung der Leistungen des Persönlichen Budgets nach § 17 des Neunten Buches der Sozialgesetzgebung vom 20.12. 2006; siehe auch: www.pflege budget.de/start_pflegebudget/aktuelles.htm

  16. Fabian Kessl, Der Gebrauch der eigenen Kräfte, Weinheim 2005.

  17. Ders./Christian Reutlinger/Holger Ziegler (Hrsg.), Erziehung zur Armut, Opladen 2007.

  18. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1992.

  19. Vgl. Rainer Forst, Das Recht auf Rechtfertigung, Frankfurt/M. 2007.

  20. Vgl. Joachim Melcher, Leitung in der Sozialen Arbeit, Weinheim 2004.

  21. Vgl. Josefine Meng, Evidence-Based Social Work Practice. Wissenschaftlich fundierte Versorgungspraxis der Sozialen Arbeit, Oldenburg 2006.

  22. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Hermann Strasser und Michael Stricker in diesem Heft.

  23. M. Winkler 2006 (Anm. 9)

  24. Vgl. Heiko Kleve, Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften, Freiburg 2000.

Dr. phil., geb. 1951; seit 1993 Professor am Fachbereich Sozialwesen der FH Erfurt mit dem Arbeitsgebiet "Besondere Lebenslagen"; derzeit Dekan des Fachbereiches Sozialwesen, Altonaer Straße 25, 99085 Erfurt.
E-Mail: E-Mail Link: lutz@fh-erfurt.de