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Rußland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten | APuZ 10/1964 | bpb.de

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APuZ 10/1964 Artikel 1 Rußland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten Stalin und die Machtergreifung Hitlers Deutschland, Polen und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg

Rußland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten

Richard Löwenthal

Wie alle Beziehungen Rußlands mit der Außenwelt seit der Oktoberrevolution, so haben auch die russisch-deutschen Beziehungen seit 1917 neben dem diplomatischen einen „ideologischen" Aspekt: den Einfluß der russischen Bolschewik! auf eine deutsche politische Bewegung, auf die Entstehung und Entwicklung der KPD. über den Ursprung dieses Einflusses und den Zeitpunkt, an dem er zum entscheidenden Faktor wurde, herrschen heute in der deutschen Öffentlichkeit und zum Teil selbst in der Fachliteratur recht widersprechende Vorstellungen. Der antikommunistische Laie glaubt im allgemeinen, die KPD sei von vornherein als ein Werkzeug der Sowjets geschaffen worden; dagegen suchen die Darstellungen von Exkommunisten, wie etwa Ruth Fischer oft den Eindruck zu erwecken, als sei die Unterordnung unter Moskauer Direktiven erst nach ihrem eigenen Ausschluß zu einem relativ späten Zeitpunkt erfolgt. Auch meine Fragestellung nach der „Bolschewisierung der deutschen Kommunisten" drückt die Überzeugung aus, daß die deutschen Kommunisten nicht von vornherein bolschewistisch waren und erst durch einen nachträglichen Prozeß der Transformation zu einem Instrument sowjetischer Politik wurden-, doch läßt sich zeigen, daß die erste, entscheidende Etappe dieses Gleichschaltungsprozesses schon recht früh -zwischen dem Sommer 1920 und dem Frühjahr 1921 -vollendet wurde

Georg von Rauch Richard Löwenthal Rußland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten......................... S. 3 Stalin und die Machtergreifung Hitlers S. 14 Hans Roos Deutschland, Polen und die Sowjetunion im zweiten Weltkrieg............................. S. 26

I.

Die ursprünglichen deutschen Kommunisten, die sich aus der „linksradikalen" Richtung der Sozialdemokratie vor 1914 über die „Gruppe Internationale" der ersten Kriegsjahre zum „Spartakusbund" unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entwickelten, unterschieden sich in wesentlichen Punkten ihrer Auffassung und Praxis von den russischen Bolschewik!. Ganz wie die revolutionären Minderheiten in der Arbeiterbewegung anderer europäischer Länder vor dem ersten Weltkrieg hatten sie eigene Wurzeln und waren keineswegs als Anhängsel der Bolschewiki entstanden; selbst während des Krieges, als diese Gruppen sich mit andern sozialistischen Kriegsgegnern in der „Zimmerwaldbewegung" international zusammengeschlossen und innerhalb dieser Bewegung gemeinsam mit den Bolschewiki den eigentlich revolutionären Flügel, die „Zimmerwalder Linke“, bildeten, wurden die Bolschewiki von ihnen keineswegs als ihr Vorbild angesehen, sondern hatten im Gegenteil unter diesen ihren engsten internationalen Verbündeten eine recht umstrittene Sonderstellung auf Grund ihrer undemokratischen Organisationsform. Denn jene revolutionären Minderheiten der fortgeschrittenen Industrieländer — also einerseits die revolutionären Marxisten wie die deutschen Spartakisten, die holländischen Tribunisten, die schwedischen Jungsozialisten von damals, andererseits die revolutionären Syndikalisten Frankreichs, Italiens und Spaniens und die I. W. W. in den Vereinigten Staaten — waren in einem Punkte alle einig: sie glaubten, daß die Arbeiterklasse auf Grund ihrer Erfahrungen im niedergehenden Kapitalismus notwendig überall zu einer revolutionären Haltung kommen werde und daß auf die Dauer nur eines eine revolutionäre Orientierung der organisierten Arbeiterbewegung verhindern könne — nämlich „korrupte, reformi-stische Bürokraten und Bonzen", also Parlamentarier oder Partei-und Gewerkschaftssekretäre, die ihre Machtstellung undemokratisch mißbrauchten. Daraus folgte, daß, wenn man in der Zeit vor 1914 ein entschiedener sozialistischer Revolutionär in Mittel-oder Westeuropa war, man gleichzeitig ebenso entschieden für die extremste Form der innerparteilichen Demokratie eintrat. Das war insbesondere auch die Auffassung von Rosa Luxemburg.

Dagegen hatten Lenin und die Bolschewiki unter den ganz anderen Bedingungen ihres illegalen Kampfes gegen den Zarismus die These entwickelt, daß nur die straffste zentralistische Organisation, der Parteiaufbau von oben nach unten, die Bestellung der Funktionäre nicht durch Wahl, sondern durch Auswahl, die Auswahl auch der Mitglieder durch die Parteiführung — daß nur diese Form der Organisation geeignet sei, den revolutionären Erfolg zu verbürgen; und auf Grund dieser extrem anti-demokratischen, zentralistischen Organisationsform standen die demokratisch-revolutionären Minderheiten der mittel-und westeuropäischen Arbeiterbewegung den Bolschewiki mit einem gewissen Mißtrauen gegenüber. Das galt insbesondere wiederum für Rosa Luxemburg, die ja durch ihre Herkunft aus der polnischen sozialistischen Bewegung mit der russischen Sozialdemokratie eng verbunden war und für weite Kreise der westeuropäischen und mitteleuropäischen Sozialisten als der berufene Interpret der Vorgänge in der russischen revolutionären Bewegung galt. Rosa Luxemburg hatte schon 1904 eine heftige Polemik gegen Lenins Auffassungen von der Organisation der revolutionären Partei geführt; sie hatten ihm vorgeworfen, die Partei, die er aufbaue, sei nicht der Typus einer Arbeiterorganisation, sondern einer jakobinischen Verschwörerorganisation. Lenin hatte geantwortet, der mit der Organisation der klassenbewußten Arbeiter unzertrennlich verbundene Jakobiner sei eben der revolutionäre Sozialdemokrat. Und Rosa Luxemburg hatte erwidert: „Tatsächlich ist die Sozialdemokratie nicht mit der Organisation der Arbeiterklasse verbunden, sondern sie ist die eigene Bewegung der Arbeiterklasse" Auch während des Krieges gab es noch beträchtliche Gegensätze zwischen Rosa Luxemburgs Gruppe und den russischen Bolschewiki; und diese Gegensätze drehten sich nicht um den revolutionären Kampf gegen den Krieg, in dem sie einig waren, sondern um die Frage der Parteispaltung. Lenin war zu der Überzeugung gekommen, daß die Bejahung der Landesverteidigung durch die große Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien aller Länder auf einen „Verrat" der Parteiführer und einer dünnen Schicht von korrumpierten „Arbeiteraristrokraten" zurückzuführen sei und daß es die Aufgabe der Revolutionäre sei, die Parteien zu spalten, mit den verräterischen Führern zu brechen und das echte Banner des revolutionären Kampfes zu entfalten, damit die irregeführte Masse der Arbeiter eine richtige Führung fände. Rosa Luxemburg zögerte, eine solche Spaltung zu vollziehen; und nachdem die Spaltung dem kriegsgegnerischen Flügel der deutschen Sozialdemokratie (also nicht nur ihrer engeren Gruppe, sondern dem viel größeren Kreis, der später die Unabhängige Sozialdemokratie bildete) aufgezwungen wurde, war sie weiterhin nicht bereit, nun sich von denjenigen Unabhängigen, die zwar Kriegs-gegner, aber keine Revolutionäre in Lenins Sinne waren, erneut organisatorisch abzugrenzen, wie Lenin es verlangte. Für Lenin war das Entscheidende nicht die Opposition gegen den Krieg als solche, sondern die „Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“, also die Ausnutzung des Krieges zur Vorbereitung der proletarischen Revolution. Auch darin stimmte Rosa Luxemburg ihm zu, sie sah aber nicht ein, daß man dafür eine auch von dem pazifistischen Flügel getrennte eigene Partei schaffen müsse. Noch in einem Artikel im Jahre 1917 verwarf sie den Plan, „die Arbeiter heute in verschiedene, sorgfältig getrennte Parteikäfige, entsprechend den beiden Richtungen der Opposition, einzupferchen", als den Ausdruck einer „Konventikelauffassung der Partei"

Als bei Kriegsende der Spartakus-Bund aus der Illegalität hervortrat, da war er noch immer als Richtung innerhalb der breiteren Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei organisiert, und Rosa Luxemburg und ihre Freunde wünschten diesen Zustand solange beizubehalten, bis sie Gelegenheit gehabt hätten, den sehr beträchtlichen radikalen Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratie entscheidend unter ihren Einfluß zu bringen. Es war Karl Radek, der damals, Weihnachten 1918, als Emissär der russischen Bolschewiki nach Deutschland kann, der die Spartakisten dazu drängte, eine eigene Partei zu bilden, und er übte sogar einen gewissen Drude aus, indem er eine kleinere Gruppe, mit der er selbst schon in der Vorkriegszeit verbunden gewesen war, die sogenannten Bremer Linksradikalen oder „Internationalen Kommunisten Deutschlands", vorschob: die Bremer drohten, wenn die Spartakisten sich nicht mit ihnen vereinigten und eine neue „Kommunistische Partei" bildeten, würden die Bolschewiki sie allein als ihre verbündeten Brüder anerkennen

So ist die Gründung der KPD als selbständige Partei, die an der Jahreswende 1918/19 erfolgte, tatsächlich unter einem gewissen äußeren Druck der Bolschewiki zustande gekommen. Aber auch damals noch waren die Auffassungen dieser Partei von den Auffassungen der Bolschewiki in wichtigen Punkten verschieden. Rosa Luxemburg hatte sich im kaiserlich deutschen Gefängnis mit den Ereignissen der russischen Revolution auseinander-gesetzt. Sie hatte die Machtergreifung der Sowjets und die Schritte der Bolschewiki zur Herbeiführung eines sofortigen Waffenstillstandes begrüßt; sie hatte aber gleichzeitig, ganz im Sinne ihrer alten organisatorischen Gegensätze, die Tendenz der Bolschewiki zur Errichtung einer Minderheitsdiktatur ihrer Partei kritisiert und hatte vor der Gefahr gewarnt, daß allmählich alles echte politische Leben unter einer solchen Diktatur absterben und die ganze Initiative in den Händen einiger weniger Führer konzentriert werden würde Für Rosa Luxemburg war das, was sie mit Karl Marx „Diktatur des Proletariats" nannte, nicht die Diktatur einer Minderheit, einer kleinen Elitepartei, sondern die Diktatur der ungeheuren Mehrheit, etwas, was es noch nie gegeben hatte und auch seither nie gegeben hat, was sie aber tatsächlich und wörtlich so verstand Noch im Programm des Spartakus-Bundes,das auf jenem Gründungsparteitag der KPD angenommen wurde, steht die Formulierung, der Spartakus-Bund werde niemals „ohne den klaren und unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Massen" die Macht ergreifen

Es soll gleich gesagt werden, daß die Ereignisse der folgenden Monate, der Januar-Aufstand von 1919 und die späteren Aufstände dieses Jahres, keinen Gegenbeweis bilden. Der Aufstand vom Januar 1919 ist nicht in erster Linie von der Führung des Spartakus-Bundes ausgegangen, sondern von den Berliner „Revolutionären Obleuten"; Karl Lieb-knecht, der den Aufruf zum Aufstand mit unterzeichnet hat, hat das entgegen einem vorherigen Beschluß der Spartakus-Führung getan, er hat sich von der Stimmung in diesem weiteren Kreise mitreißen lassen. Und auch in den folgenden Monaten sind die sogenannten Spartakus-Aufstände des Jahres 1919 im wesentlichen nicht das gewesen, als was man sie bei den Gegnern der Kommunisten meist dargestellt hat, nämlich zielbewußte kommunistische Putsche, sondern sie sind weitgehend Zusammenstöße gewesen, die zwischen den lokalen, zunächst von der Revolution her bewaffneten Arbeitereinheiten einerseits und den lokalen Freikorpseinheiten andererseits zufällig ausbrachen oder auch von den Frei-korps bewußt herbeigeführt wurden. Es gab zielbewußte kommunistische Putsche in der späteren deutschen Geschichte; aber jene Ereignisse des Jahres 1919 waren es nicht.

II.

Wir finden also, daß die deutschen Kommunisten von Vorstellungen ausgingen, die von den Gedanken Rosa Luxemburgs geprägt waren und sich von den Vorstellungen der Bolschewiki wesentlich unterschieden, und daß auch ihre Organisationsform -lose, demokratisch und wenig diszipliniert -sich zunächst von der Organisationsform der Bolschewiki grundsätzlich unterschied. Daran ändert auch die Gründung der Kommunistischen Internationale im März 1919 zunächst noch nichts. Als die Komintern gegründet wurde, da war der junge Sowjetstaat auf dem Tiefpunkt seiner Isolierung angelangt. Nur wenige Delegierte schwacher Grüppchen gelangten nach Moskau, und den Bolschewiki konnte es damals gar nicht einfallen, diesen Gruppen bzw.den künftigen kommunistischen Parteien von vornherein die Art von zentralistischer Disziplin aufzwingen zu wollen, die wir aus der späteren Geschichte der Kommunistischen Internationale kennen. Was damals auf dem Gründungskongreß der Komintern proklamiert wurde, das war einfach das Bekenntnis zur Diktatur des Proletariats in der Form der Räteherrschaft, die Solidarität mit Sowjetrußland und die Pflicht zum organisatorischen Bruch mit den reformistischen sozialdemokratischen Führern, zur Bildung einer neuen Internationale, nichts darüber hinaus.

Daß die Bolschewiki auf dem Gründungskongreß der Komintern gar nicht versuchten, die wenigen ausländischen Gruppen, die zum Anschluß an die neue Organisation bereit waren, nach ihren Vorstellungen zu modeln, hatte nicht etwa nur taktische Gründe. Lenin hatte ja die zentralistische, undemokratische Organisationsform der eigenen Partei immer in erster Linie mit den besonderen russischen Verhältnissen begründet und die sozialdemokratischen Massenparteien des Westens organisatorisch nie kritisiert; 1919 war es noch kein bolschewistisches Dogma, daß jede sozialistische Revolution eine „Partei vom neuen Typ" erfordere. Im Gegenteil: die Bolschewiki rechneten damals ernsthaft mit dem Sieg kommunistischer Revolutionen in den entscheidenden europäischen Ländern in unmittelbarer Zukunft, so daß für einen vorherigen Umbau der kommunistischen Parteien nach russischen Vorbild weder ein Bedürfnis noch Zeit vorhanden zu sein schien. Das war die Situation, in der Lenin bereit war, in einem Freundschaftsvertrag mit der nur wenige Monate lang existierenden finnischen Sowjetregierung ein Schiedsgericht für eventuelle Streitfälle einzusetzen, in dem ein neutraler Sozialist, ein schwedischer Linkssozialist, als Vorsitzender die ausschlaggebende Stimme haben sollte Es war auch jene Zeit, als Lenin noch erklärte, nach der deutschen kommunistischen Revolution würde Rußland wieder „ein rückständiges Land im Sowjetsinne" sein. Es dauerte jedoch nur ein Jahr, bis sich dieser Standpunkt der Bolschewiki und bald danach auch das wirkliche Verhältnis der Parteien zueinander völlig veränderte. Der Grund dieser Veränderung war, daß auf der einen Seite die Bolschewiki sich im Laufe des Jahres 1919 im Bürgerkrieg und in der Auseinandersetzung mit Interventionstruppen siegreich behaupteten und daß auf der anderen Seite in diesem gleichen Jahre alle kommunistischen Revolutionsversuche in Mitteleuropa, von Westeuropa zu schweigen, scheiterten. Das Jahr 1919 sah ja nicht nur den Sieg der Bolschewiki, es sah auch die Entstehung und den Untergang der ungarischen Räterepublik und der bayerischen Räterepublik. Bereits im Frühjahr 1920 zog Lenin aus diesen Ereignissen den Schluß, daß, wenn seine kommunistischen Freunde trotz der revolutionären Krise in Europa in keinem anderen Lande gesiegt hatten, diese Kommunisten offenbar nicht genügend erfahrene, nicht genügend geschickte, nicht genügend geschulte Führer hätten und aus der Erfahrung der Bolschewiki lernen müßten. Lenins Schrift vom Frühjahr 1920, „Der Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus", war das erste Dokument, in dem diese Vorbild-rolle der Bolschewiki herausgearbeitet und das Lernen aus der Taktik der Bolschewiki den Kommunisten anderer Länder aufgetragen wurde.

Um diese gleiche Zeit begann jedoch eine neue Welle der Radikalisierung in der mittel-und westeuropäischen Arbeiterbewegung. Erhebliche Teile der deutschen, der französischen, der italienischen Arbeiterschaft zeigten sich von den Ergebnissen der Nachkriegskrise enttäuscht und begannen, bewundernd auf den neuen Sowjetstaat in Rußland zu blicken. Es ist die Zeit, in der in Deutschland nach dem Generalstreik, der zum Scheitern des Kapp-Putsches führte, ein erheblicher Teil der unabhängigen sozialistischen Arbeiter zu der Überzeugung kam, man hätte eben von vornherein radikalere Maßnahmen treffen sollen und man müsse von den Russen lernen. Es ist die Zeit, in der der Parteitag der französischen Sozialdemokraten in Tours mit Mehrheit beschloß, die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu beantragen, und in der ein gleicher Beschluß von der italienischen Sozialistischen Partei gefaßt wurde. Und es ist schließlich auch die Zeit, in der im Frühjahr 1920 die Bolschewiki nach der siegreichen Beendigung des Brügerkrieges von Polen angegriffen wurden und im Rückschlag gegen die Polen sich nicht mit der Abwehr des Angriffs begnügten, sondern im Juli beschlossen, „Europa mit den Bajonetten der Roten Armee abzutasten", wie Lenin es damals ausgedrückt hat -d. h. auf Warschau vorzumarschieren, eine kommunistische Regierung für Polen zu proklamieren und zu sehen, ob sie durch den Vormarsch bis zur deutschen Grenze nicht auch der deutschen Revolution einen neuen Anstoß geben könnten.

Im Gegensatz zu 1919 entstand im Sommer 1920 also eine Situation, in der die russische Revolution nun wirklich als das Vorbild, als das Machtzentrum, als das Mekka aller radikalen Revolutionäre zu erscheinen begann und in der diese Revolution gleichzeitig den bewaffneten Vorstoß nach Europa hinein versuchte. Und es war in dieser Situation, während des Vormarsches in Polen und nach den Aufnahmeanträgen der französischen und italienischen sozialistischen Parteien, daß der zweite Weltkongreß der Komintern zusammentrat. Auf diesem Kongreß nun standen die Bolschewik! vor der Frage, wie sie auf diese Aufnahmeanträge von Parteien reagieren sollten, die ja keineswegs von kommunistischen Revolutionären geführt wurden, sondern von linkssozialistischen Politikern, die sich der vorübergehenden radikalisierten Stimmung der Arbeiterschaft anzupassen und die Einheit ihrer Partei zu erhalten suchten. Die Bolschewiki wollten diese Leute nicht haben, von denen sie das Gefühl hatten, sie würden den Anschluß an die Kommunistische Internationale und damit an die russische Revolution nur als eine Art Feigenblatt benutzen, um ihre opportunistische Blöße zu bedecken. Sie wollten diesen Führern den Zutritt verbieten, und sie wollten Garantien dafür schaffen, daß nur die Parteien in die Kommunistische Internationale ausgenommen würden, deren revolutionärer Reinheit sie sicher sein konnten.

In dem Bemühen, dies zu erreichen, fielen die Bolschewiki auf die Erfahrungen ihrer eigenen Parteigeschichte zurück -auf die Prinzipien der zentralistischen Organisation. Zum ersten-mal proklamierten die Bolschewiki in der Form der 21 Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale den Grundsatz, daß eine Partei sich nur kommunistisch nennen dürfe, wenn sie so aufgebaut sei, wie die Bolschewiki selber aufgebaut waren, mit strikter disziplinärer Unterordnung aller Parteimitglieder im Parlament, in den Gewerkschaften usw. unter die Direktiven des Zentralkomitees, wenn sie auch in Zeiten der Legalität einen besonderen konspirativen illegalen Apparat für die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes aufbaute und wenn sie in derselben Form des Zentralismus, die sie im eigenen Lande praktizierte, sich auch der Kommunistischen Internationale unterordnete. Der formellen Fiktion nach war das ein „demokratischer Zentralismus". Das Zentralkomitee, das auf nationaler Ebene, und das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, das auf internationaler Ebene die Direktiven gab, wurden von Parteitagen bzw. Weltkongressen gewählt. Aber faktisch wurde dafür gesorgt, daß in jedem einzelnen Lande die Autorität des

Zentralkomitees groß genug sein würde, um die Wahl der Delegierten zum nächsten Parteitag und damit seine eigene Bestätigung zu sichern, während in der Internationale die Autorität der Bolschewiki überwältigend war. Gewiß, die Bolschewiki waren nur eine von vielen Parteien der Kommunisten, sie hatten als stärkste Partei die stärkste Delegation aber keine Mehrheit in der Komintern-Exekutive: doch Rußland war das Land, in dem die neue Internationale ihren Sitz hatte, das Land, auf dessen technische und finanzielle Hilfe, von falschen Pässen bis zu Geldmitteln, der ganze Verbindungsapparat der Kommunistischen Internationale angewiesen war, und es war vor allen Dingen das Land, das als Vorbild galt und um dessen Autorität die ganze Internationale aufgebaut wurde, so daß die faktische Vorherrschaft der Bolschewiki in der Komintern trotz der formellen Majorität der Nichtrussen gesichert war.

Indem die Bolschewiki nun in den 21 Bedingungen den Grundsatz der zentralistischen Disziplin nach bolschewistischem Vorbild für die Internationale proklamierten, schufen sie etwas ganz Neues, etwas, woran niemand vorher gedacht hatte -den Versuch einer zentralistischen Weltpartei —, und sie versuchten, ihr eigenes totalitär-zentralistisches Modell auch den einzelnen kommunistischen Parteien, voran der deutschen, die damals die potentiell wichtigste war, aufzuzwingen. Nun ist der Gedanke einer zentralistischen Weltpartei etwas überaus Merkwürdiges. Der Zentralismus der Bolschewiki, der Zentralismus aller totalitärer Parteien findet seine Rechtfertigung darin, daß er ein Mittel zur Machteroberung und Machtbehauptung ist. Solche Parteien sind nicht als Ausdruck eines Klasseninteresses oder einer geistigen Strömung, sondern als Instrument eines Willens zur Macht organisiert, und sie bewähren sich, indem sie die Macht erringen. Aber die Macht wird in einem gegebenen Staat errungen, die Macht ist die Staatsmacht, und sie kann nur von einer Partei errungen werden, die eben, wie das totalitäre Parteien tun, sich völlig auf diese eine Aufgabe der Machteroberung konzentriert und alle anderen Prinzipien und Vorstellungen demgegenüber zurücktreten läßt. Das ist der große Vorteil einer totalitären Partei gegenüber allen mit Teilinteressen Identifizierten demokratischen Parteien in einer schweren revolutionären Krise -die Ungebundenheit. Aber eine Partei, die ein Bestandteil einer Weltpartei ist, die ihr Zentrum nicht in sich selber hat, die Direktiven von draußen beB kommt und von der man weiß, daß sie Direktiven von draußen bekommt, eine solche Partei hat diesen Vorteil der Ungebundenheit nicht. Es liegt also in dieser Konstruktion der zentralistischen Weltpartei ein Widerspuch. Und die Folge dieses Widerspruchs war, daß nun etwas recht eigentlich Absurdes entstand, nämlich totalitäre Parteien, die ihr Zentrum nicht in sich selbst hatten, abgeleitete totalitäre Parteien, wie ich sie nennen möchte.

III.

Die Schaffung einer totalitären Partei, die Schaffung einer Partei, die in dieser zentralistischen Art auf den Kampf um die Macht ausgerichtet ist, ist nicht leicht. Lenin hat eine Reihe von Jahren gebraucht, um sein Instrument nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Und wenn ein Vergleich gebraucht werden darf, auch Adolf Hitler hat eine Reihe von Jahren gebraucht, um aus seinem Haufen das Instrument zu machen, mit dem er die Macht erobern konnte. In diesen kommunistischen Parteien der anderen Länder, voran in Deutschland, wurde nun dieser Prozeß der Umformung von außen vorgenommen. Die Frage, die hier gestellt werden soll, ist, wie dieser Prozeß gelingen konnte, wie er gelingen konnte insbesondere in der deutschen kommunistischen Partei, die ja in der Person und den Lehren Rosa Luxemburgs eine eigenständige Tradition hatte, in der auch die Führer erzogen worden waren, die nach der Ermordung Rosa Luxemburgs im Januar 1919 übrig blieben.

Der Prozeß vollzog sich nicht ohne Widerstand, er vollzog sich in einer Reihe von Etappen. Ich habe ihn den Prozeß der „Bolschewisierung" deutschen Kommunisten genannt.

Das ist ein Ausdruck, der auch von den Kommunisten selbst in ihrer Geschichtsschreibung benützt wird, aber die Kommunisten benutzen ihn erst für bestimmte Ereignisse von 1924 an, das heißt nach Lenins Tod, als Stalin die „Bolschewisierung" ausdrücklich als ein Ziel proklamierte. Tatsächlich hat aber das, worum es sich hier handelt, die Umformung der anderen kommunistischen Parteien im Ebenbilde der Bolschewiki, schon vorher begonnen; und von den Etappen, die der Prozeß durchlaufen hat, war die erste die bei weitem wichtigste. Diese erste Etappe vollzog sich in der deutschen kommunistischen Partei in dem einen Jahr zwischen dem zweiten Weltkongreß im Juli/August 1920 und dem Frühjahr 1921.

Die Auseinandersetzung entwickelte sich zunächst an einer Frage, die auf dem zweiten Weltkongreß selbst auftauchte. Paul Levi, der Schüler Rosa Luxemburgs, der die deutsche kommunistische Partei damals führte, hatte von vornherein Bedenken gegen die 21 Bedingungen; er hatte das Gefühl, es sei kein guter Weg, den revolutionären Charakter einer Partei durch rein obligatorische Bedingungen garantieren zu wollen. Die Bolschewiki verübelten ihm diesen Widerstand, der sich in den Kommissionen des Kongresses äußerte. Doch sie verübelten ihm etwas anderes noch mehr. Der Kongreß fiel ja mit dem Höhepunkt der russischen Offensive in Polen zusammen. Die Delegierten versammelten sich jeden Tag in der Vorhalle vor einer riesigen Landkarte, auf der mit Fähnchen der neueste Vormarsch der Roten Armee in Polen abgesteckt worden war; und diese Stimmung blieb nicht ohne Einfluß auf die Resolutionen, die von den Bolschewiki dem Kongreß vorgelegt wurden. In einer Resolution, die Lenin „zu den grundlegenden Aufgaben der Kommunistischen Internationale" vorlegte, hieß es im ursprünglichen, vor dem Kongreß geschriebenen Entwurf, die Aufgabe der kommunistischen Parteien sei jetzt nicht, die Revolution zu beschleunigen, sondern die Arbeit an der Vorbereitung des Proletariats zu beschleunigen In der Kommission selbst änderte Lenin diesen Entwurf um und schrieb, die Aufgabe der kommunistischen Parteien sei jetzt, die Revolution zu beschleunigen, ohne sie durch künstliche Mängel zu provozieren Die entscheidende Änderung in dieser These war begründet durch Lenins Wunsch, revolutionäre Aktionen in den anderen europäischen Ländern, besonders aber in mit dem Vormarsch der Roten Armee zu koordinieren. Dabei stieß er aber auf den Widerstand der deutschen kommunistischen Parteiführung, insbesondere Paul der Standpunkt Levis, sich auf den stellte, eine solche Koordination auf Befehl sei nicht möglich revolutionäre Aktionen könnte die Partei nur in Gang setzen, wenn die Arbeiterschaft in revolutionäre Gärung gerate und nicht auf Befehl.

Der neue Apparat der Komintern reagierte darauf prompt in der Person von Karl Radek, der als Delegierter nach Deutschland kam und ganz bewußt hinter dem Rücken Paul Levis eine Fraktion gegen ihn in der deutschen kommunistischen Partei aufzubauen begann. Diese Manöver hatten um so mehr Bedeutung, weil gerade damals, kurz nach dem zweiten Weltkongreß, die Spaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei auf dem Parteitag von Halle und die Vereinigung ihrer Mehrheit mit der alten Kommunistischen Partei zur Vereinigten Kommunistischen Partei auf der Tagesordnung stand. Die Delegation der deutschen Unabhängigen auf dem zweiten Weltkongreß hatte sich an der Frage der 21 Bedingungen gespalten, wie es die Absicht der Bolschewiken gewesen war, und nun wurde diese Spaltung auf dem Parteitag durchgeführt. Indem sie durchgeführt wurde, kamen aber große neue Mitgliedermassen in die neue Vereinigte Kommunistische Partei hinein, die rasch auf 1/2 Million Mitglieder nach ihren offiziellen Angaben und auf mindestens 350 000 Mitglieder in Wirklichkeit anschwoll. Und das bedeutete, daß die Bolchewiki, indem sie gleichzeitig ihre Fraktionsbildung auch unter einem Teil der Funktionäre der ehemaligen USPD begannen, eine gute Chance hatten, die Geschlossenheit der alten Spartakusführung zu durchbrechen und der alten Autorität, die sich von Rosa Luxemburgs Tradition herleitete, eine neue Autorität, die sich auf den Stern im Osten orientierte, entgegenzusetzen.

Es kam schon bald nach der Vereinigung zu offenen Auseinandersetzungen in der neuen deutschen kommunistischen Parteiführung, und Paul Levi, der ein von sich sehr überzeugter, moralisch mutiger und ehrlicher Mann, aber in taktischem Geschick den Bolschewik! keineswegs gewachsen war, ließ sich dazu bringen, den Kampf an einer außerdeutschen Frage aufzunehmen -an der Frage der Spaltung der italienischen sozialistischen Partei. Das war tatsächlich eine Grundsatzfrage, in der es um dasselbe Prinzip der „Bolchewisierung“ ging. Die Delegierten der Kommuistischen Internationale auf einem Parteitag der italienischen Sozialisten hatten gemäß den 21 Bedingungen den Ausschluß des reformistischen Flügels der bis dahin ungespaltenen italienischen sozialistischen Partei, des Flügels um den alten Parteiführer Turati, verlangt. Dieser Flügel war eine verhältnismäßig kleine Minderheit, aber der Hauptteil der Partei, unter der Führung von Serrati, weigerte sich, diesen Ausschluß vorzunehmen. Daraufhin bestanden die Delegierten der Komintern darauf, in diesem Falle eben auch Serrati und seine Anhänger auszuschließen und nur diejenige Minderheit, die dazu bereit war, als Kommunisten zu akzeptieren. Paul Levi war als Gastdelegierter der deutschen Partei bei diesen Vorgängen anwesend und war darüber entsetzt. Er sah darin die Bestätigung seiner Befürchtungen, daß die 21 Bedingungen zu einer Versektung der revolutionären Bewegung, zu einer Politik der Spaltung als Selbstzweck führen würden, und er gab seinen Bedenken nach seiner Rückkehr auch öffentlich Ausdruck.

Uber diese Frage kam es Anfang 1921 zu bitteren Auseinandersetzungen mit den Vertretern der Komintern bei der deutschen Parteiführung und zu einem Mehrheitsbeschluß, bei dem Levi und Klara Zetkin, die alte Kampfgefährtin Rosa Luxemburgs, zum ersten-mal in der Minderheit blieben. Sie reagierten darauf, indem sie ihre sämtlichen Ämter niederlegten. Die Komintern hatte die erste Runde im Kampf um die „Bolschewisierung" der deutschen Kommunisten gewonnen. Aber sehr viel Wichtigeres sollte folgen.

Bald darauf erschien ein neuer Delegierter der Komintern mit einigen Gehilfen in Deutschland. Dieser Delegierte, der ungarische Kommunist Bela Kun, der in Moskau im Exil gelebt hatte, hatte Vollmacht von Sinowjew und dem engeren „Kleinen Büro" des Exekutivkomitees der Komintern, die deutsche kommunistische Partei zu einer sofortigen gewaltsamen Aktion, zum Sturz der Regierung zu treiben. Die Komintern glaubte selbst nicht und auch die deutsche Parteiführung glaubte nicht, daß es in diesem Augenblick möglich sei, die Macht zu erobern; sie glaubten aber, daß es möglich sei, durch Massenstreik und bewaffnete Aktionen die deutsche Republik zu erschüttern, daß ein wesentliche Veränderung in der Zusammensetzung der Regierung eintreten würde, eventuell mit günstigen Folgen für die sowjetische Politik. Tatsächlich begann Bela Kun, eine halb willige, halb zögernde deutsche Parteiführung in eine Aktion hineinzuhetzen. Es wurde daraus der berühmte mitteldeutsche Aufstand vom März 1921. Hier war nun wirklich ein Beispiel für das, was sich Anti-Kommunisten unter einem klassischen kommunistischen Putsch vorstellen — eine völlig auf Befehl von Moskau vom Zaun gebrochene, kommandierte Aktion.

Die Aktion war ein furchtbarer Fehlschlag. Der Streik wurde kein Generalstreik. In den meisten Betrieben streikten die Arbeiter nicht;

es kam zu Aktionen kommunistischer Arbeitsloser, die versuchten, die Arbeiter aus den Fabriken herauszuprügeln und selber verprügelt wurden. Es kam zu bewaffneten Kämpfen um das Leuna-Werk in Mittel-deutschland, es kam zu einigen Hunderten von Zuchthausurteilen, zu vielen Tausenden von Entlassungen und zu einer enormen Schwächung der kommunistischen Partei. Levi, der damals nicht mehr in der Parteiführung war und auf die Ereignisse keinen Einfluß hatte, reagierte auf sie mit der Veröffentlichung einer Broschüre „Unser Weg: Wider den Putschismus" in der er nicht nur die Aktion selbst verurteilte, sondern die Mitverantwortung der Kommunistischen Internationale anprangerte. Er wurde daraufhin prompt aus der Partei ausgeschlossen.

So entwicktelte sich eine Parteikrise, die sich in Etappen über Monate hinzog. Es kam auf dem dritten Weltkongreß noch im selben Jahre zu einer Verurteilung der Aktion durch Lenin selbst und zu einer Wendung in der Richtung der Politik der sogenannten Einheitsfront, aber Levi und seine Anhänger wurden nicht rehabilitiert. Die Aktion wurde verurteilt in dem Sinne, daß sie falsch geführt worden sei, aber sie wurde in eine Verteidigungsaktion umgelogen und die Verantwortung der Komintern für sie wurde geleugnet. Damit wurde -noch zu Lenins Lebzeiten -eindeutig das Prinzip etabliert, daß die KPdSU und das von ihr beherrschte Exekutivkomitee der Komintern unfehlbar seien und daß für Kritiker dieser Unfehlbarkeit kein Platz in der Komintern sein könne. Die sowjetischen Parteifunktionäre und die in Moskau lebenden kommunistischen Flüchtlinge aus Polen, Ungarn und Bulgarien, denen es zufiel, als Beamte und Emissäre der Weltrevolution dieses Prinzip gegen die traditionellen Führer der einzelnen kommunistischen Parteien durchzusetzen, waren freilich keine Lenins; sie waren den einheimischen Führern oft nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell weit unterlegen, vor allem in ihrer Kenntnis der nationalen Bedingungen. Wenn sie sich trotzdem selbst gegen einen relativ geschlossenen Führungskern, wie die deutsche Partei ihn aus der Spartakuszeit geerbt hatte, so leicht durchsetzten, so ist das nicht nur mit der Skrupellosigkeit ihrer Methoden oder mit der materiellen Abhängigkeit von sowjetischer Hilfe zu erklären. Entscheidend war erstens, daß die alten Führer mit der Annahme der 21 Bedingungen selbst dazu geholfen hatten, ihre bisherigen Anhänger auf Moskau als höchste Autorität der Weltbewegung zu orientieren und neue Anhänger von vornherein unter der Parole des „sowjetischen Vorbilds“ zu werben, und zweitens, daß mit dem objektiven Zurückfluten der revolutionären Welle dieser Glaube an Moskau bald zum entscheidenden Rechtfertigungsgrund für die Aufrechterhaltung besonderer „revolutionärer“ Parteien neben den sozialdemokratischen Parteien wurde. Gerade die Künstlichkeit der Aufrechterhaltung der Spaltung in einer nichtrevolutionären Situation brachte alle jene, die aus emotiellen Gründen oder aus Ehrgeiz eine besondere kommunistische Partei fortführen wollten, in eine ideelle Abhängigkeit von Moskau, die ihre materielle Abhängigkeit weit überstieg.

IV Die erste, entscheidende Etappe der Bolschewisierung der KPD hatte schon Ende 1921 zum Ausschluß all der verantwortlichen Funktionäre geführt, die an den Traditionen Rosa Luxemburgs festhielten. Doch das war bei weitem nicht das Ende • des Prozesses. Die Führer, die jetzt an die Spitze kamen, waren Männer, die der bolschewistischen Lehre und der Moskauer Führung mit einer gewissen naiven Gläubigkeit vertrauten -auch der Fähigkeit dieser Führung, die eigenen Fehler zu korrigieren. Sie waren aber noch nicht Agenten, die zynisch zu jedem Lakaiendienst bereit waren; das zeigte sich in den Auseinandersetzungen der folgenden Jahre.

Die nächste große Probe auf das Verhältnis zwischen Rußland und der KPD war die Krise des Jahres 1923, die Ruhrbesetzung, der Höhepunkt der Inflation und die damit sich anscheinend ergebenden Chancen einer revolutionären Entwicklung. Es kam tatsächlich im August 1923, von den Russen selbst unerwartet, zu jenem Massenstreik der deutschen Arbeiterschaft, der zum Rücktritt der Regierung Cuno und damit indirekt zum Ende des passiven Widerstands an der Ruhr führte. Danach erwachte die bolschewistische Parteiführung zum Glauben an das Bestehen unmittelbarer revolutionärer Chancen in Deutschland. Die Unterordnung der Kommunisten unter russische Wünsche war bereits so selbstverständlich geworden, daß in den folgenden Wochen das russische Politbüro wiederholt die Ansetzung eines Termins für den bewaffneten Aufstand in Deutschland diskutierte Man einigte sich schließlich darauf, den deutschen Kommunisten ziemlich genaue Direktiven zu geben: Sie sollten zusammen mit den linken Sozialdemokraten in die sächsische und thüringische Regierung eintreten, um sich Waffen zu beschaffen und auf dieser Grundlage proletarische Hundertschaften formieren, um den Bürgerkrieg vorzubereiten. Sowjetische Militärspezialisten wurden schon zur Vorbereitung des Aufstandes nach Deutschland entsandt. Aber im entscheidenden Moment brach der Aufstand mit Ausnahme eines lokalen Unglücksfalls in Hamburg nicht aus, weil die deutsche kommunistische Parteiführung unter Heinrich Brandler, der die Erfahrung der März-Aktion hinter sich hatte, im letzen Moment erkannte, daß die Kommunisten wieder isoliert kämpfen würden. Er hatte geglaubt, daß; wenn der Konflikt sich um die Reichswehrexekutive gegen die sächsisch-thüringischen Koalitionsregierungen von Sozialdemokraten und Kommunisten entwickle, es gelingen würde, die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter mit in den Kampf zu ziehen. Als er auf der Chemnitzer Betriebsrätekonferenz die Sozialdemokraten, und zwar die unteren sozialdemokratischen Funktionäre, nicht aktionsbereit fand, pfiff er den ganzen Aufstand ab mit der Erklärung, „ich mache dieselbe Dummheit nicht zweimal". Es war die Haltung eines Mannes, der gegenüber Ruß-land, gegenüber der Komintern absolut loyal war, der aber den Mut zur eigenen Verantwortung in einer solchen Situation hatte. Die Folge war eine kampflose Niederlage der Kommunisten, Erbitterung bei einem großen Teil der Parteimitglieder, der Sturz Brandlers und eine Linkswendung in der Führung, die von Moskau mindestens begrüßt wurde. Man sieht an diesen Vorgängen, daß in diesem Augenblick Moskau zwar schon eine sehr große Autorität, aber noch nicht eine absolut verläßliche Befehlsgewalt besaß. Das änderte sich wesentlich in den Jahren zwischen 1924 und 1929, den Jahren der Durchsetzung Stalins in der Sowjetunion. In diesen Jahren der Fraktionskämpfe um die Nachfolge Lenins wurde auch die Komintern zum Schauplatz der Austragung dieser Fraktionskämpfe, und zwar auf Grund der demokratischen Fiktion von der Unterordnung aller kommunistischen Parteien, einschließlich der russischen, unter die Kommunistische Internationale. Wenn formell auch die bolschewistische Partei der Exekutive der Komintern untergeordnet war, dann mußte jede Fraktion und jeder Führer, der in Rußland die Macht erringen wollte, dafür Sorge tragen, daß er in der Exekutive der Internationale eine verläßliche Mehrheit besaß; er mußte also versuchen, die Internationale und die ihr angeschlossenen Parteiführungen von Freunden und Anhängern seiner Rivalen zu säubern. Unter den Rivalen Stalins war Sinowjew der erste Präsident der Internationale gewesen und blieb es bis 1926; Bucharin führte die Komintern in den folgenden zwei Jahren; Trotzki war eine in der gesamten Internationale bekannte und verehrte Figur; Stalin selbst war zunächst draußen fast unbekannt. Stalin konnte sich daher nur durchsetzen, indem er eine systematische Säuberung der kommunistischen Parteiführungen des Kominternapparates, zuerst von den Anhängern Trotzkis, dann von den Anhängern Sinowjews und schließlich auch noch von den Anhängern Bucharins vornahm.

Eine Reihe von Jahren lang wurde die Politik aller kommunistischen Parteien, insbesondere auch der deutschen kommunistischen Partei, von diesen Notwendigkeiten des innerrussischen Fraktionskampfes bestimmt. Wenn Stalin gegen Trotzki oder Sinowjew vorging und ihnen „Linksextremismus“ vorwarf, dann mußten auch die ausländischen kommunistischen Parteien eine „Rechtswendung" zur Einheitsfronttaktik machen. Wenn Stalin gegen Bucharin vorging und ihm „rechten Opportunismus" vorwarf, dann mußten auch die ausländischen kommunistischen Parteien eine „Linkswendung" zur Gewerkschaftsspaltung usw. machen. In diesen Jahren wurde die Bolschewisierung der Kommunistischen Partei Deutschlands vollendet, bis an der Spitze nur noch diejenigen Leute übrig blieben, die bedingungslos bereit waren, jede Wendung Moskaus mitzumachen, weil es eine Wendung Moskaus war.

Lenin hatte kurz vor seinem Tode noch auf dem vierten Weltkongreß 1922 gewisse Bedenken vor den Konsequenzen seiner eigenen 21 Bedingungen bekommen; er hatte davor gewarnt, daß die Organisationsresolution der Komintern „zu russisch“ wäre, nicht in dem Sinn, daß sie etwa nicht gut übersetzt wäre, sie sei ausgezeichnet übersetzt, aber sie sei so sehr auf russische Erfahrungen begründet, daß die Kommunisten der anderen Länder damit nicht viel anfangen könnten Er hatte Sorge, wie er bei anderer Gelegenheit äußerte, daß man die Disziplin so weit triebe, daß nur die „gehorsamen Dummköpfe" übrig blieben. 1929 war dieser Zustand in der KPD wie in anderen kommunistischen Parteien erreicht.

V.

Welche Rolle hat die so „bolschewisierte" Kommunistische Partei Deutschlands beim Aufstieg Hitlers gespielt? Man findet gelegentlich Behauptungen, als habe Stalin den Sieg Hitlers bewußt gewünscht. Dafür gibt es, soviel ich sehen kann, keinerlei Beweis. Wohl aber ist es richtig, daß er diesen Sieg nicht ernsthaft gefürchtet hat, daß er an die prinzipielle Gleichartigkeit von Nationalfaschismus und „Sozialfaschismus" -die damalige Bezeichnung der Kommunisten für die Sozialdemokraten — geglaubt hat und daß er der Meinung war, Hitler werde sein in „Mein Kampf" veröffentlichtes Programm, das ja auch den Angriff auf Rußland enthielt, nicht durchführen wollen und können, weil er keine selbständige Kraft, sondern ein Geschöpf der Reichs-wehr und des Großkapitals sei und weil diese an einer solchen Politik kein Interesse hätten. Während Stalin die Selbständigkeit Hitlers und seiner Bewegung und die von ihm der Sowjetunion drohende Gefahr derart unterschätzte, sahen er, die Komintern und die KPD unter seiner Leitung bis zuletzt die Sozialdemokratie als die Hauptgefahr für die sowjetischen Interessen und daher als den Hauptfeind in der deutschen Politik.

Der Grund für diese Fehleinschätzung ist in der deutschen kommunistischen Propagandaliteratur jener Zeit kaum jemals klar ausgesprochen worden, wohl aber findet er sich in den Resolutionen der Komintern. So heißt es in der Entschließung, die das XL Plenum des Exekutivkomitees der Komintern im April 1931 zur Frage der Kriegsgefahr annahm, die französische Bourgeoisie sei der hauptsächliche Organisator einer Kriegsfront gegen die Sowjetunion mit Hilfe ihres osteuropäischen Bündnissystems, und sie werde dabei von den Parteien der II. Internationale unterstützt. Die SPD sei die aktivste aller deutschen Parteien in der Organisierung der Anti-Sowjet-Front, denn ihre Führer seien die Initiatoren und aktiven Befürworter eines Blocks zwischen Deutschland und dem internationalen Imperialismus. Eine endgültige Aussöhnung zwischen Deutschland und den Siegermächten von Versailles, insbesondere Frankreich, und damit ein Verschwinden des außenpolitischen Gegensatzes. den Stalin als die beste Garantie der sowjetischen Sicherheit ansah -das war in der Tat die Hauptgefahr, gegen die Stalin zeitlebens, oder mindestens bis zum zweiten Weltkrieg, seine diplomatischen Anstrengungen konzentrierte. Vom Standpunkt dieser Konzeption aber waren die westlich orientierten deutschen Sozialdemokraten tatsächlich die Hauptgefahr in Deutschland; und von diesem Standpunkt war es verständlich, daß die bolschewisierten deutschen Kommunisten bis zum bitteren Ende der Weimarer Republik keinen ernsten Versuch unternehmen durften, die Einheitsfront mit der SPD-Führung gegen die Gefahr einer nationalsozialistischen Machtergreifung herzustellen.

Wenn man sich abschließend fragt, was das Ergebnis dieser Bolschewisierung der deutschen Kommunisten für die Sowjets selbst gewesen ist, so ergibt sich ein überraschendes Resultat. Die sowjetischen Führer haben die deutschen Kommunisten ihrer Disziplin, ihren fraktionellen Interessen, aber auf die Dauer natürlich auch, und vor allen Dingen, ihren außenpolitischen Interessen untergeordnet.

Insbesondere hat Stalin, der ja an unmittelbare revolutionäre Chancen nicht mehr glaubte und der daher den Fortschritt der Weltrevolution als völlig in der Machtausdehnung der Sowjetunion inbegriffen sah und alle Interessen der ausländischen Kommunisten bewußt der Stärkung der Sowjetunion unterordnete, die Disziplin der Komintern als ein Mittel betrachtet, um die Aktion der Kommunisten im Ausland gemäß den Bedürfnissen der sowjetischen Außenpolitik zu steuern. Doch diese Steuerung hat tatsächlich in einer Reihe von Fällen -man denke an China in den zwanzigerJahren, man denke an die Volksfront in Frankreic und Spanien in den dreißiger Jahren —, gewiß aber im deutschen Fall, durch die Aktion der ausländischen kommunistischen Parteien zu historischen Ereignissen beigetragen, die für die Sowjets furchtbare Rückschläge bedeutet haben. Stalin hat gewiß den Aufstieg Hitlers zur Macht nicht gewollt, aber er hat letzten Endes objektiv mit dazu geholfen, ihn möglich zu machen und damit auch Hitlers Krieg möglich zu machen, der die Sowjetunion so viel Blut und Zerstörung gekostet hat.

Es liegt eine merkwürdige Ironie der Geschichte darin, daß die Unterordnung fremder Bewegungen unter die sowjetischen Staats-interessen wieder und wieder zu Resultaten geführt hat. die diesen Staatsinteressen so wenig zuträglich waren. Wenn man heute auf die Erfahrung der Nachkriegszeit blickt, in der die Sowjetunion, noch immer unter Stalin, sich diesmal nicht nur eine unterge ordnete Bewegung, sondern einen untergeord neten Marionettenstaat auf deutschem Boden geschaffen hat, so rag man die Frage stellen, ob dieser Staat den wirklichen nationalen In-teressen der Sowjetunion auf die Dauer nützlicher ist als jene Politik der Kommunisten vor 1933 war -oder ob er nicht entscheidend dazu beigetragen hat, gerade jene gemeinsame Front des Hauptteils von Deutschland mit dem Westen herbeizuführen, die Stalin zeitlebens verhindern wollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Stalin und der deutsche Kommunismus, Frankfurt o. J (1948).

  2. Für eine dokumentierte Darstellung dieser Etappe siehe R. Löwenthal, “ The Bolshevisation of the Spartacus League" in St Antony's Papers, Nr. 9, International Communism, London 1960.

  3. Rosa Luxemburg, „Organisationstragen der russischen Sozialdemokratie", Neue Zeit 1904, jetzt in Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, hrsg von O. K. Flechtheim, Frankfurt 1963.

  4. Rosa Luxemburg in „Der Kampf", Duisburg, 31. 3. 1917, zitiert nach Paul Lange, „Ursachen und Lehren des blutigen Osterspiels“ in Freiheit, Berlin, 20. 4. 1921.

  5. Vgl.den in Anmerkung 4 notierten Artikel von Paul Lange über die Drohung des Organs der Bremer Gruppe, der „Arbeiterpolitik", die KPD werde „mit oder ohne* die Spartakusgruppe gegründet werden; ferner die — zur Zeit des Erscheinens parteioffiziöse — „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution", Berlin 1928, 264.

  6. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, aus dem Nachlaß hrsg von Paul Levi, jetzt in der Ausgabe von O. K Flechtheim, Frankfurt 1963.

  7. „Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung .. . * Ebenda S. 78.

  8. Was will der Spartakusbund? Berlin 1919, 22 f.

  9. Zitiert bei Louis Fischer, The Soviets in World Affairs, Princeton 1951 2, S. 90.

  10. Lenin, Thesen über die Hauptaufgaben des 2 Kongresses der Kommunistischen Internationale. Werke. Nach der 4. russ. Ausg., dt. Bd. XXXI Berlin 1959, 177.

  11. Protokoll des 2 Weltkongresse der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1920, 751 f.

  12. Ernst Meyer, „über Offensivtaktik", in: „Rote Fahne“ Nr. V/37, 22. 1. 1922.

  13. Paul Levi, Unser Weg — Wider den Putschismus, Berlin 1921. Siehe auch Paul Levi, Was ist das Verbrechen: Die Märzaktion oder die Kritik daran?, Berlin 1921,

  14. Siehe die dokumentierte Darstellung in E. H. Carr, History of Soviet Russia, The Interregnum 1923/24, London 1954, Kap. 9.

  15. Lenin, Referat auf dem IV. Weltkongreß der KI über „Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution" Werke. Nach der 4 russ. Ausg., dt Bd XXXIII, Berlin 1962, S. 404 ff

Weitere Inhalte

Richard Löwenthal, Dr. phil., o. Professor für die Wissenschaft von der Politik, insbesondere der Theorie und Geschichte der auswärtigen Politik, an der Freien Universität Berlin, geb. 15. April 1908 in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit (mit Willy Brandt), München 1957; Chruschtschow und der Weltkommunismus, Stuttgart 1963; Staatsfunktionen und Staatsform in den Entwicklungsländern, in: Die Demokratie im Wandel der Gesellschaft, Berlin 1963.