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Didaktische Handreichung zum Dokumentarfilm Gleis 11

Didaktische Handreichung zum Dokumentarfilm Gleis 11

Yasemin Taş

/ 8 Minuten zu lesen

1. Historischer Überblick

Ab Beginn der 1950er Jahre wurden mit Einsetzen eines wirtschaftlichen Aufschwungs in der Bundesrepublik Deutschland viele Vollzeitbeschäftigte gebraucht. Zu diesem Zweck wurden ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angeworben, die für eine begrenzte Zeit in Deutschland arbeiten sollten. So konnte ein neues Wirtschaftswunder entstehen.

Die „Gastarbeiter“ kamen ab 1955 aus Italien, ab 1960 aus Spanien und Griechenland, ab 1961 aus der Türkei, ab 1963 aus Marokko, ab 1964 aus Portugal, ab 1965 aus Tunesien und ab 1968 aus dem ehemaligen Jugoslawien.

In der Bundesrepublik wurden sie jedoch nicht wie „Gäste“ behandelt. Auf sie warteten harte Arbeit, schlechte Unterkünfte und eine völlig unbekannte Kultur. Ein Angebot staatlicher Sprach- und Integrationskurse gab es in Deutschland damals nicht – diese wurden erst im Jahr 2005 eingeführt – so dass die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter bei der Kommunikation oft auf sich alleine gestellt waren. Zudem stammten sie aus ökonomisch schwierigen Lebensumständen. Gegenseitige Skepsis zwischen sogenannten Ausländerinnen und Ausländern und Inländerinnen und Inländern sowie Heimweh erschwerten dieser Generation zusätzlich ihre Alltagsbewältigung.

„Den Namen „Gastarbeiter“ erhielten die Arbeitsmigrantinnen und -migranten, weil ihr Aufenthalt eigentlich nur vorübergehend sein und sie in ihr Heimatland zurückkehren sollten“ . Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen etwa 14 Millionen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, von denen allerdings ca. drei Millionen langfristig blieben. Die Bundesrepublik Deutschland wurde dadurch zu einem multikulturell geprägten Land. Die Bezeichnung „Gastarbeiter“ ist daher kritisch zu betrachten. Heute hat etwa jede vierte Person eine Zuwanderungsgeschichte, die zum Großteil in einem Zusammenhang mit der Anwerbung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern steht.

2. Der Film

Der Film Gleis 11 behandelt das Thema der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Dieser entstand im Jahre 2019 unter der Regie von Çağdaş Eren Yüksel und hatte im Jahre 2021 seine Premiere.

Neben der Geschichte seiner eigenen Großeltern aus der Türkei portraitiert Yüksel auch weitere Lebensgeschichten von ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern aus Ländern wie Italien und Griechenland. Der Film zeigt sie in ihrem Lebensalltag heute und lässt sie von Erinnerungen an ihre Anfänge in Deutschland berichten.

Der Film verfolgt das Ziel, diese Generation ganzheitlicher abzubilden, indem er darauf aufmerksam macht, wie unsere heutige Gesellschaft durch die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter geprägt ist. In diesem Zuge konzentriert sich Gleis 11 auf die positiven Errungenschaften der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands.

3. Inwiefern das Unterrichtsgeschehen von der Gastarbeiterthematik profitiert

Die Betrachtung der Geschichte der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter bezieht auch die Lebenswelten der heutigen Jugendlichen mit ein, denn das Anwerbeabkommen hat Deutschland nachhaltig geprägt. Untrennbare multikulturelle Schnittmengen zeichnen das Zusammenleben zwischen den Bürger:innen Deutschlands aus, die sowohl Herkunftsdeutsche sowie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte betreffen. Durch die Betrachtung der Gastarbeitergeschichte kann die Entwicklung Deutschlands nach 1945 nachvollzogen und der freiheitlich-demokratische Grundgedanke gestärkt werden. Zudem werden unter anderem auch eigene Familiengeschichten in den Blick genommen, da eben jede vierte Person in Deutschland eine Zuwanderungsgeschichte aufweist.

4. Vorschläge zur Unterrichtsdurchführung

Die nachfolgenden Vorschläge sind sehr offen gehalten und können nach eigenem Ermessen kombiniert oder einzeln angewendet werden, da für jede Unterrichtssequenz unterschiedliche Ressourcen vorhanden sein können.

Beachten Sie, die Erfahrungen der SuS mit Zuwanderungsgeschichte mit einfließen zu lassen. Hierbei sollten Sie allerdings berücksichtigen, dass es viele Varianten der Zuwanderung gibt und dass aus verschiedensten Gründen nicht jede Person gleichermaßen darüber sprechen möchte.

a. Eine Umfrage durchführen (Sek I)

Damit die SuS sich inhaltlich auf das Thema der Migration sowie auf den Film Gleis 11 einlassen können, ist ein sensibilisierender Einstieg im Vorfeld notwendig. In einem Einwanderungsland wie der Bundesrepublik Deutschland sind Lerngruppen häufig sehr heterogen. SuS haben unterschiedliche Zuwanderungs¬geschichten, Religionen, sexuelle Orientierungen und kulturelle Traditionen. Allerdings kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Lernenden gleichermaßen sensibilisiert sind. Um einen respektvollen und offenen Umgang untereinander zu schulen und Vielfalt und Migrationsgeschichte im Klassenraum abzubilden, können die SuS ihre Herkünfte auf einer Europa- oder Weltkarte zu markieren.

Die Frage nach der Identität lässt sich zudem auch statistisch festhalten. Um die Vielfalt im Unterricht abzubilden, gibt es die Möglichkeit, eine Umfrage durchzuführen.

Mögliche Aspekte für die Umfrage könnten sein:

  • Ich bin in Deutschland geboren. – Ja/Nein.

  • Ich bin in [Bundesland] geboren. – Ja/Nein.

  • Mindestens ein Elternteil von mir ist nicht in Deutschland geboren. – Ja/Nein.

  • Ich habe Familienangehörige, die im Ausland wohnen. – Ja/Nein.

  • Ich fühle mich mit mehr als einem Land heimatlich verbunden. – Ja/Nein.

  • Ich fühle mich mit Deutschland heimatlich verbunden. (auf einer Skala von 1 bis 5)

  • Was hält uns außer der nationalen Identität zusammen? (Offene Antworten/ Wortwolke)

Arbeitsauftrag:
Ich, du, wir. Bereitet einen Umfragebogen mit mindestens 5 Fragen für eure Mitschüler:innen vor, um die Migrationsgeschichte eurer Klasse statistisch festzuhalten. Ihr könnt dabei:

  • Ja-Nein-Antworten abfragen (z.B. Ich bin Deutschland geboren. – Ja/Nein.),

  • Statements auf einer Skala eintragen lassen (auf einer Skala von 1 bis 5: Ich fühle mich mit Deutschland verbunden),

  • Offene Antworten abfragen (z.B. Was bedeutet für dich Identität?).

Wertet eure Umfrage im Anschluss aus und präsentiert die Ergebnisse eurer Klasse.

b. Erstellung von digitalen Pinnwänden oder Plakaten (Sek I/II)

Um die Informationen der Gastarbeitergeschichte eigenständig zu erarbeiten und darzustellen, können die SuS eine digitale Pinnwand oder Plakate als Output erstellen. Hierbei sollten unterschiedliche Aspekte in den Blick genommen und im Arbeitsauftrag formuliert werden. Den SuS können zur Entlastung und zur Fokussierung einzelner Aspekte ausgewählte Ausschnitte aus dem Film im Vorfeld vorgegeben werden.

Die Ergebnisse können z.B. durch Aushänge für andere SuS stufenübergreifend und nachhaltig zugänglich gemacht werden. Um den Austausch und die Reflexion anzuregen, kann im Anschluss an die Erstellung der digitalen Pinnwand eine Kommentarrunde erfolgen bzw. können die einzelnen Plakate vorgestellt und diskutiert werden.

Arbeitsauftrag:
Informiert eure Mitschüler:innen über die sogenannte Gastarbeitergeneration! Recherchiert eure Informationen aus dem Film Gleis 11 und präsentiert eure Ergebnisse über eine digitale Pinnwand oder ein Plakat.

Beleuchtet verschiedene Aspekte, z.B. unter welchen Umständen und mit welchen Hoffnungen sie hierherkamen, was für ein Leben sie hier führten, welche Arbeiten sie als Arbeitsmigrant:innen verrichteten und welche Themen sie heute beschäftigen.

Betrachtet dazu arbeitsteilig folgende Sequenzen genauer:

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 1: Osmans Anfänge als Gastarbeiter (08:06-12:16)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 2: Bartolomeos Vorstellungen von Deutschland – damals und heute (16:16-17:13)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 3: Zeyneps Gedanken zu ihrer Arbeit (23:47-24:23)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 4: Gedanken des Regisseurs und seiner Großmutter Nezihat (24:24-29:28)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 5: Beziehungen der Gastarbeiter zu den Einheimischen (29:29-34:33)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 6: Ayşe über ihre Sprachbarriere (35:40-37:00)

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Ausschnitt 7: Ayşes und Eşrefs Gedanken über ihre bevorstehende Heimreise (38:20-39:57)

c. Den Sozialraum erkunden (Sek I/II)

Viele Angehörige der Gastarbeitergeneration haben sich ab einem gewissen Zeitpunkt selbständig gemacht. Sie haben z.B. Restaurants geführt, Geschäfte eröffnet. Dadurch wurde eine kulturelle Vielfalt in die Gesellschaft eingebracht, die heute für die multikulturelle Prägung Deutschlands maßgeblich ist.

Inhaltlich bietet sich hier die Fokussierung auf die Filmsequenz zwischen Minute 46:04 und 51:03 an. Um daraus einen eigenen Output zu schaffen, können die SuS mit dem rezipierten Wissen aus dem Film ihren Sozialraum erkunden. Dafür suchen sie nach Spuren der Gastarbeitergeneration in ihrer Nachbarschaft und halten ihre Erkenntnisse durch das Verfassen einer Reportage oder eines Interviewgesprächs fest.

Arbeitsauftrag:

Gleis 11

Gleis 11

Ein Dokumentarfilm von Çağdaş Eren Yüksel

Sequenz aus Gleis 11 (46:04-51:03)

Erkundet euren Sozialraum! Schaut zum Einstieg die nebenstehende Sequenz aus dem Film Gleis 11 und macht euch stichpunktartig Notizen zum Inhalt. Sucht im Anschluss in eurer Nachbarschaft nach Interviewpartner:innen, die die Spuren der Gastarbeitergeschichte widerspiegeln. Ihr könntet in Restaurants, Geschäften oder Lebensmittelläden nachfragen. Bereitet ein Interview mit euren Gesprächspartnerinnen und -partnern vor und schreibt eine Reportage über eure Erkundungen.

d. Meinungslinien bilden (Sek II)

Vor dem Abspielen des Films lohnt sich ein unvoreingenommener Einstieg in die Thematik. Hierzu eignet sich die Methode der Meinungslinie besonders.

Die SuS räumen die Tische und Stühle zur Seite. Die Lehrkraft hängt an eine Wand ein Plus und an die gegenüberliegende Wand ein Minus auf. Die Lernenden verteilen sich im Raum. Nun liest die Lehrkraft einzelne Statements vor, zu denen sich die SuS positionieren. Wenn sie dem Statement zustimmen, nähern sie sich dem Plus. Lehnen sie das Statement ab, nähern sie sich dem Minus. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass die SuS keine Ja/Nein-Antworten abgeben, sondern eine Tendenz ihrer Meinung abbilden. So können sich SuS also auch mittig positionieren bzw. einem Zeichen unterschiedlich nah oder fern sein.

Da Tendenzen unterschiedliche Hintergründe haben können, lohnt es sich nach jeder Meinungsbildung eine kleine Gesprächsrunde einzuleiten. Die Lehrkraft kann die SuS dazu befragen, warum sie sich an ihren jeweiligen Stellen positioniert haben. Ebenso kann dann auch die Möglichkeit gegeben werden, sich evtl. neu zu positionieren.

Unten werden Statements zur Meinungslinie vorgeschlagen (in den Klammern stehen weitere Impulse für die kurze Gesprächsrunde):

  • Ich weiß, was ein sogenannter Gastarbeiter bzw. eine sogenannte Gastarbeiterin ist. (Woher kamen sie? Warum denn das Wort „Gast“? Inwiefern haltet ihr das Wort "Gast" für angemessen?)

  • Ich weiß viel über die Gastarbeitergeschichte Deutschlands. (Wann sind die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gekommen? Weshalb sind sie gekommen/wurden gerufen? Wieso sind viele geblieben?)

  • Ich weiß, warum Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Deutschland kamen. (Was hatten sie für Aufgaben?)

  • Ich habe eine Vorstellung davon, wie ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter die deutsche Gesellschaft geprägt haben. (Was merkt ihr davon im öffentlichen Leben? Wo begegnet euch das?)

  • Ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter sind sozial benachteiligt. (Woran könnte das liegen?/ Was müsste für Menschen mit Migrationsgeschichte anders laufen?)

  • Ich weiß, wie die nachfolgenden Generationen der Gastarbeitergeneration geprägt sind. (Welche Vorteile/Nachteile könnten sie durch ihre Zuwanderungsgeschichte haben?)

  • Ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben heute keine Wirkung mehr auf unser heutiges Leben. (Woran macht ihr das fest?)

  • Ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben keine Bedeutung für mein persönliches Leben. (Inwiefern beeinflussen sie/nicht euer Leben?)

Arbeitsauftrag:
Verteilt euch zunächst im Raum. Bewertet die folgenden Statements, indem ihr euch entweder bei Zustimmung dem Plus oder bei Ablehnung dem Minus nähert. Beachtet, dass ihr keine klaren Ja-Nein-Haltungen annehmen müsst. Ihr könnt auch eine Tendenz abbilden, indem ihr die Linie zwischen den beiden Zeichen wie eine Skala behandelt. Begründet im Anschluss eure Aufstellung.

e. Durchführung über Externe (Sek I/II)

Für Schulen in NRW ist es möglich, einen kostenlosen Workshop zu diesem Thema über den Verein Teller ohne Rand e.V. (Kontakt: raphael @ demokratiekino.de) zu buchen. Der Verein steht in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Çağdaş Eren Yüksel, welcher auf Wunsch die Schulen während der Workshops besucht.

Für welchen Weg Sie sich auch entscheiden, hoffe ich, dass Sie eine bereichernde und sinnstiftende Unterrichtszeit in ihren Lerngruppen schaffen können, und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Vorhaben.

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