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11.12.2012 | Von:
Jorgen Randers

2052: Droht ein globaler Kollaps? - Essay

Die Prognose von "2052"

Im Folgenden lege ich die meiner Prognose zugrundeliegende Logik von "2052" dar. Danach wird das weltweite Wachstum sich zwar verlangsamen, doch nicht schnell genug, um eine Klimakrise in der Mitte des 21. Jahrhunderts zu vermeiden. Das ist traurig – zumal das Klimaproblem sich technisch einfach und relativ kostengünstig lösen lässt – und wird übermäßig kurzsichtigen Entscheidungen geschuldet sein. Die Weltgemeinschaft wird sich dafür entscheiden, nicht rechtzeitig zu handeln.

Weltbevölkerung. Beginnen wir mit der Bevölkerungsprognose von "2052": Die Weltbevölkerung wird um das Jahr 2040 mit um die acht Milliarden Menschen ihren Höchststand erreichen. Das sind weit weniger, als übliche UN-Voraussagen annehmen – der Grund dafür liegt in einem kontinuierlichen Rückgang der Fruchtbarkeitsrate, das heißt der Anzahl von Kindern, die eine Frau im gebärfähigen Alter durchschnittlich zur Welt bringt. Nicht nur reiche Frauen werden sich für Arbeit anstelle von weiteren Kindern entscheiden. In den expandierenden Megastädten der Entwicklungsländer werden auch arme Familien weniger Kinder zur Welt bringen – wegen hoher Kosten für die Versorgung und Erziehung. Alles in allem wird die Weltbevölkerung 2052 bereits abnehmen – trotz höherer Lebenserwartung durch Fortschritte in der Medizin.

Bruttoinlandsprodukt. Das BIP-Wachstum wird sich ebenfalls verlangsamen. Das Welt-BIP, die Summe der in einem Jahr weltweit produzierten Güter und Dienstleistungen, lässt sich durch die Multiplikation von Arbeitskraft und Produktivität errechnen. Die Arbeitskraft wird in ihrer Entwicklung der Bevölkerung folgen, das heißt einen Höchststand erreichen und sich dann ab 2052 verringern. Das Produktivitätswachstum wird sich ebenfalls verlangsamen, denn es wird schwierig werden, die Produktivität in "reifen" Gesellschaften zu steigern, in denen die meisten Menschen in personenbezogenen Dienstleistungs- sowie in sozialen Bereichen arbeiten. Denn Produktivitätswachstum war durch Landwirtschaft, Handwerk oder Büroarbeit leichter zu erzielen. Seine Verlangsamung lässt sich anhand von Statistiken für die USA beobachten: von drei Prozent pro Jahr vor 50 Jahren auf heute ein Prozent.

Die Verlangsamung in führenden Wirtschaftsnationen schließt jedoch ein rasches Wirtschaftswachstum in Schwellenländern nicht aus, sobald diese aufholen – wie Japan und Korea dies vor 2000 erlebten und es heute in China zu beobachten ist. Daher wird das Wachstum in diesen Ländern bis 2051 zu einem erheblichen Teil zum Welt-BIP beitragen. Allerdings wird es dadurch zurückgehalten, dass vielen armen Ländern ein wirtschaftlicher Aufschwung nicht gelingen wird.

Ressourcennutzung. Das langsamere Wirtschaftswachstum wird zum Bevölkerungsrückgang und einem niedrigeren BIP im Jahre 2052 führen, als viele erwarten. Das wird weitere Armut nach sich ziehen, aber auch einen geringeren Bedarf an natürlichen Ressourcen. Ihre Nutzung wird – wenngleich innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen des Planeten – ansteigen. Der nichtenergetische ökologische Fußabdruck wird innerhalb der Biokapazitätsgrenzen bleiben. Konkret bedeutet dies, dass ich bis 2052 keine Ressourcen- oder Lebensmittelknappheit voraussehe. Es wird genug da sein, um die Nachfrage zu decken. Das ist jedoch nicht dasselbe wie die Deckung des tatsächlichen Bedarfs. 2052 wird es viele Arme geben, die nicht in der Lage sein werden, den Preis für Lebensmittel zu zahlen, der notwendig wäre, um Bauern mit überschüssigem Land (wie in Brasilien, Russland und der Ukraine) dazu zu bringen, ihre Produktivität zu steigern. Daher wird es in den nächsten 40 Jahren aus demselben Grund zu Hungersnöten kommen wie in den vergangenen: wegen ungerechter Einkommensverteilung. Hungersnöte werden also nicht das Resultat begrenzter Kapazitäten zur Lebensmittelproduktion sein.

Energie. Kennen wir das zukünftige BIP und nehmen wir an, die technologische Entwicklung im Bereich der Energieeffizienz hält weiter an, so lässt sich der zukünftige Energieverbrauch durch Multiplikation errechnen. Dem Resultat nach wird der globale Energieverbrauch um 2040 einen Höchststand erreichen und anschließend sinken. Nach 2040 wird sich der Verbrauch an Strom, Heizung und Brennstoffen von Jahr zu Jahr verringern – weil an die Stelle des BIP-Wachstums wachsende Energieeffizienz treten wird.

CO2. Im Laufe der nächsten 40 Jahre wird sich die Verlagerung auf weniger kohlenstoffintensive Energiequellen in dem Maße fortsetzen und beschleunigen, wie die Sorge der Weltgemeinschaft um den Klimawandel wächst. Ich sage für 2052 eine weltweite Energieerzeugung aus Wasserkraft, Wind, Sonne und Biomasse von 40 Prozent voraus. Das bedeutet noch immer einen fossilen Energieanteil von 60 Prozent – und leider auch jährlich genauso hohe CO2-Emissionen wie heute. Weltweit werden CO2-Emissionen um 2030 ein Höchstmaß erreichen und dann stetig absinken, bis 2050 zunächst auf das heutige Niveau. Das ist weit von den aktuellen Zielsetzungen internationaler Klimaverhandlungen entfernt, die bis 2050 eine Reduzierung von 50 bis 80 Prozent anstreben.

Temperatur. Mithilfe der großen Klimamodelle lässt sich auf der Basis meiner Voraussagen für die weltweiten CO2-Emissionen auch die Temperaturentwicklung errechnen. Danach werden meine Prognosen weltweit einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius (gegenüber dem Niveau vor der Industrialisierung) bis zum Jahr 2052 nach sich ziehen – und bis 2080 sogar bis zu drei Grad Celsius. Das bedeutet: Die Menschheit wird bereits in 40 Jahren die (von den Teilnehmern des Weltklimagipfels in Durban 2011 noch bekräftigten) Gefahrenschwelle von plus zwei Grad Celsius überschreiten. Und es bedeutet, dass wir in den kommenden Jahrzehnten häufiger extreme Wetterereignisse erleben werden sowie in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts möglicherweise einen sich selbst verstärkenden Klimawandel. Wärmeres Wetter bringt die Tundra zum Schmelzen; dadurch entweichen dort verstärkt CO2 sowie das zum Treibhauseffekt beitragende Methan (CH4), was zu weiterer Erwärmung und fortgesetzter Tundraschmelze führt – bis die gesamte Tundra geschmolzen und die Durchschnittstemperatur spürbar gestiegen ist. Dieser Prozess dauert seine Zeit – doch unsere Enkel werden uns für unsere derzeitige Untätigkeit nicht danken.

Immense regionale Unterschiede. Die Verhältnisse werden stark variieren – und die reichen Länder werden überraschend hart getroffen. Dort werden die Menschen in den nächsten 40 Jahren kaum ein Wachstum ihres verfügbaren Einkommens (nach Steuern) und der Durchschnittsamerikaner bis 2052 sogar eher noch einen Rückgang seines Nettolohns um rund zehn Prozent erleben. Ursache dafür werden die Verlangsamung des Produktivitätswachstums in den reiferen Gesellschaften, die sinkende Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen (insbesondere in den USA) sowie die Notwendigkeit der Tilgung von Auslandsschulden (vor allem der USA gegenüber China) sein.

China wird demgegenüber ein enormes Wachstum erleben. Durch die Übernahme von Praktiken der westlichen Welt wird dort das Nettoeinkommen pro Kopf um das Fünffache steigen. Die perfekte Übereinstimmung zwischen den Interessen der materialistisch orientierten Chinesen, reich zu werden, und den Interessen ihrer Regierung, durch schnelles BIP-Wachstum ihre Macht zu erhalten, wird den reibungslosen Verlauf dieses Prozesses gewährleisten. Und schnelle, vorausschauende und energische Entscheidungen werden ihn unterstützen. Natürlich wird Chinas Wachstumsrate mit steigenden Einkommen sinken; dennoch wird der durchschnittliche Chinese 2052 nahezu so reich sein wie der durchschnittliche Europäer heute.

Einige der 14 großen Schwellenländer werden gut vorankommen und dem chinesischen Weg folgen; anderen wird der Absprung nicht gelingen. Das durchschnittliche Nettoeinkommen wird pro Kopf um das Dreifache wachsen. Dem Rest der Welt werden nur bisherige Wachstumsraten gelingen – das heißt im Laufe von 40 Jahren eine Verdopplung des Pro-Kopf-Einkommens. Mit anderen Worten: Der Rest der Welt wird aufgrund schlechter Ausgangslage arm bleiben.

Die Weltgemeinschaft Mitte des 21. Jahrhunderts

Nach der Prognose für 2052 verlangsamt sich das Wachstum der Weltbevölkerung und des BIP; fortwährende CO2-Emissionen werden indes in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts einen raschen Rückgang des menschlichen Wohlergehens bewirken. Das entspricht dem zweiten der zwölf Szenarien von "GdW" – der Krise, in der das Bevölkerungswachstum durch die Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf Gesundheit und Landwirtschaft zum Stillstand kommt und anschließend rückläufig wird. Immense Investitionen für den Erhalt des Ressourcenflusses und der sauberen Umwelt bringen den Konsum schließlich zum Erliegen.

Die Weltgemeinschaft wird 2052 weniger Menschen umfassen als vielfach angenommen. Die Wirtschaft wird zweimal so groß sein wie heute – und nicht etwa viermal so groß, wie es bei einem weiteren BIP-Wachstum von bisher 3,5 Prozent pro Jahr der Fall wäre. Ein Resultat wird größere Armut sein – sowohl in den armen als auch in den reichen Ländern. Das Nettoeinkommen wird niedriger sein, als die meisten erwarten, da ein immer größerer Anteil an Arbeitskraft und Kapital aufgewendet werden muss, um Umweltschäden zu reparieren, kostspieligere Ressourcen zu erschließen, Probleme der Umweltverschmutzung zu bewältigen und Sicherheit zu gewährleisten. All diese Reparaturleistungen werden das BIP wie die Anzahl von Jobs erhöhen; deshalb wird auch die Arbeitslosigkeit so lange nicht in unerträglichem Maße steigen, wie in den Ländern genug Solidarität vorhanden ist, um die Arbeit zu teilen. Doch um die Reparaturarbeiten zu bezahlen, werden mehr Einnahmen notwendig – wahrscheinlich in Form erhöhter Steuern; darunter wird der Konsum leiden.

Die Lebensqualität wird zudem durch immer häufigere Klima- und andere Katastrophen beeinträchtigt werden. Indem die Temperaturzonen sich pro Jahr um fünf Kilometer auf den Nordpol zubewegen (beziehungsweise in der südlichen Hemisphäre auf den Südpol), wird die unberührte Natur Schritt für Schritt verschwinden – jenseits von Parks jedenfalls. Die Menschen werden mehr und mehr in Großstädten leben und das Leben des Durchschnittsbürgers wird sich zunehmend virtuell abspielen. Attraktive Reiseziele werden von Hunderten Millionen Touristen der neuen Mittelschichten überrannt und zerstört werden. Bildung, Unterhaltung, Reisen, soziale Einbindung und Vernetzung werden in Form digitaler Signale zu Hause erlebt werden – dreidimensional, in Farbe und mit Geräuschen und Gerüchen: kaum noch Notwendigkeit – und kaum mehr Gelegenheit – weit wegzufahren.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jorgen Randers für bpb.de

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