APuZ Politische Grundwerte - Dossierbild

12.8.2013 | Von:
Siegfried Schiele

Gibt es noch Werte?

Wertevermittlung in der Schule

Hermann Giesecke legt Wert auf die Feststellung, dass nicht die Harmonie, sondern der Konflikt die Mutter der Werte ist.[4] Das gilt auch für den schulischen Bereich, wo viele Lehrerinnen und Lehrer nach dem sogenannten Kohlbergschen Konzept vorgehen und behutsam durch Dilemma-Diskussionen zum moralischen Urteilen führen.[5] Auf der unterrichtlichen Ebene allein wird man jedoch beim Thema Wertevermittlung nicht viel ausrichten können. Wesentlich wichtiger ist die gesamte Schulkultur: Wie werden Konflikte gelöst? Wie werden Entscheidungen getroffen? Werden Schülerinnen und Schüler ernst genommen? Gibt es einen Umgang auf Augenhöhe? Wie werden Schulfeste gefeiert? Die überzeugende Beantwortung dieser Fragen zeigt auf, welcher Geist an der Schule herrscht und was der Schule wichtig ist. Aus der Sicht der politischen Bildung können junge Menschen dann schon wichtige Elemente eines demokratischen Zusammenlebens erfahren und praktizieren.

Von besonderer Bedeutung ist der Zusammenhang von Werteerziehung und Sozialerziehung. Wir können uns zwar abstrakt über Werte unterhalten, wenn sie aber im sozialen Miteinander keine Rolle spielen, können sie keine Wirkung entfalten. Darum ist das Verhalten von allen, die am Schulleben beteiligt sind, so entscheidend. Der Bereich des Verhaltens muss immer wieder reflektiert werden. Das gilt vor allem, wenn es um Konflikte geht. Diese sollten nicht verschwiegen oder wegdiskutiert, sondern gründlich aufgearbeitet werden. Das ist wirksamer als jede noch so gut gemeinte Lehre über Werte. In vielfältigen Prozessen der Reflexion bilden sich Einstellungen und Werthaltungen, die für das eigene Leben von großer Bedeutung sein können, die aber auch für das gesellschaftliche Zusammenleben von Belang sind.

Andere Sozialisierungsinstanzen wie Peergroups oder die Welt der neuen Medien sollen hier nur erwähnt werden, wie auch die große Bedeutung, die das Konsumverhalten auf junge Leute hat. Harald Welzer beispielsweise spricht von "Konsumismus", der totalitären Charakter habe und zur Selbstentmündigung führe.[6] Diese wichtigen Bereiche sollten in die reflexive Aufarbeitung in der Schule mit einbezogen werden. Predigten und "Moralin" wären dagegen die falsche Medizin.

Beim Thema Werte sollte im Bereich der politischen Bildung der sogenannte Beutelsbacher Konsens nicht vergessen werden. Er hat mit Wertevermittlung mehr zu tun, als viele auf den ersten Blick vermuten.[7] Der Konsens, der bei einer Tagung der baden-württembergischen Landeszentrale im Jahr 1976 erzielt wurde, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen.[8] Den ersten Punkt kann man mit dem Stichwort "Indoktrinationsverbot" umschreiben. Niemand darf im Rahmen eines Bildungsprozesses zur Übernahme von bestimmten Überzeugungen gedrängt oder gar gezwungen werden. Dieser Punkt ist stark werthaltig und hat einen direkten Bezug zu Art. 1 GG.

Der zweite Leitsatz ist mit dem Wort "Kontroversitätsgebot" umschrieben und zeigt, wie der erste Punkt praktisch umgesetzt werden kann. Alles, was in Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss auch kontrovers in die Bildungsarbeit eingebracht werden. Mit diesem Grundsatz ist der Respekt gegenüber anderen Meinungen offenkundig. Die Werte Toleranz und Rücksichtnahme werden gefördert, wenn Kontroversen fair ausgetragen werden. Und nur so ist auch die eigenständige politische Urteilsbildung möglich.

Der dritte Grundsatz handelt von der Interessenlage derjenigen, für die politische Bildung veranstaltet wird. Sie haben einen Anspruch darauf, dass ihre Interessen im Bildungsprozess eine Rolle spielen und dass sie Fähigkeiten lernen können, ihre Interessenlage in die politische Willensbildung einzubringen. Damit sind sie eindeutig Subjekt und nicht Objekt des Bildungsvorgangs.[9] Darum ist eine politische Bildung, welche die Prinzipien von Beutelsbach beachtet, ein wichtiger Beitrag zur Wertevermittlung.

Rationalität und Emotionalität

Bei unserer Thematik wird oft eine wichtige Fragestellung unterschlagen oder vergessen. Es geht um den Zusammenhang von Rationalität und Emotionalität.[10] Beim Thema Werte wird man nicht zum Ziel kommen, wenn man die Bedeutung emotionaler Vorgänge nicht beachtet. Ohne Zweifel gebührt der "Rationalität als Ziel politischer Bildung"[11] der Spitzenplatz. Dennoch wissen wir, dass Kenntnisse und verstandesmäßige Durchdringung von demokratischen Theorien allein nicht ausreichen, um Menschen an demokratische Werte heranzuführen. Und doch gehen wir in der Bildungsarbeit stillschweigend davon aus, dass das, was rational begründet und einsehbar ist, quasi automatisch auch emotional akzeptiert wird. Dieser Automatismus funktioniert nicht.

Wenn wir auf dem Weg der Vernunft allein nicht weiterkommen, dann müssen wir die Seele und Gefühlswelt des Menschen in das Bildungsgeschehen einbeziehen. Carl Friedrich von Weizsäcker stellte einmal fest: "Emotionen sind ja von der menschlichen Natur dazu gemacht, uns das Wichtige wahrnehmen zu lassen."[12] Und wenn schon Max Weber vom Politiker vor allem auch "Leidenschaft" als wichtige Eigenschaft fordert, dann können wir in der politischen Bildung nicht ganz leidenschaftslos agieren. Freilich ist es nicht einfach, die Frage zu beantworten, in welcher Weise Gefühle in die politische Bildung einbezogen werden können und sollen. Die Vernetzung von Rationalität und Emotionalität müsste auch wissenschaftlich noch mehr unter die Lupe genommen werden. In jedem Fall müssen wir danach streben, die Gefühle zu kultivieren und die Ratio zu sensibilisieren.

Es ist klar, dass es in der politischen Bildung nur um wenige zentrale Punkte gehen kann, worauf die affektiven Ziele gerichtet sein können. Dazu zählt, wie wir schon gesehen haben, der fundamentale Wert Menschenwürde sowie die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, Frieden und Sicherheit. Klaus von Dohnanyi, der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs, berichtete von einer Podiumsdiskussion an der Universität Erfurt, wo in der Diskussion ein Schweizer meinte: "Ich glaube, ihr Deutschen liebt die Freiheit nicht."[13] Das bezog sich nicht auf eine fehlende kognitive Zustimmung, sondern auf ein Nichtvorhandensein der seelischen Kräfte, die Freiheit bejahen und fühlbar werden lassen. Wir sollten also bei der politischen Bildung der konkreten Erfahrung und den affektiven Komponenten insgesamt mehr Spielraum geben, ohne dabei auch nur im Ansatz in die Irrationalität abzugleiten.

Um die Tendenz der notwendigen Bemühungen anzudeuten, sei ein Beispiel angeführt: Die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung hat jahrelang am 23. Mai, dem Geburtstag des Grundgesetzes, in der belebten Stuttgarter Königstraße ein Glas Sekt angeboten. Natürlich wollten die Vorbeigehenden wissen, auf wen man denn trinken solle. Als sie dann hörten, dass unser Grundgesetz Geburtstag hat, waren viele verdutzt, aber für einen Geburtstagstrunk aufgeschlossen. Die meisten von ihnen ließen sich auch auf ein Gespräch über unsere Verfassung ein. Hier handelt es sich zweifellos um einen emotionalen Zugang, der aber viele Leute zum Nachdenken über sehr wichtige Fragen gebracht hat. Wie wertvoll wäre es doch, wenn in jeder deutschen Kommune am 23. Mai ein kleines Verfassungsfest gefeiert würde. Es gäbe noch viele und vielfältige emotionale Zugänge zu wichtigen Fragestellungen, wenn man sich überhaupt um diesen Bereich kümmern würde.

Nur wenn es gelingt, auch die affektiven Komponenten bei der Wertevermittlung zum Klingen zu bringen, werden wir zu einer spürbaren Übereinstimmung in zentralen Überzeugungen und Werten kommen, die für den Zusammenhalt unseres demokratischen Gemeinwesens unabdingbar sind. Bei mancher Bundestagsdebatte gewinnt man den Eindruck, dass es diese gemeinsame Basis gar nicht gibt, weil der Gegner zum Feind wird, dem man alles zutraut. Auch Wahlkämpfe sind oft von diesem Ungeist geprägt, aber auch Auseinandersetzungen in der Zivilgesellschaft, wie man sie etwa bei "Stuttgart 21" erleben konnte. Da tut es gut, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel zum 150. Geburtstag der SPD kommt und gratuliert. In gleicher Weise darf man annehmen, dass der oder die SPD-Vorsitzende einmal beim 75. Geburtstag der CDU mitfeiern würde. Solche Bekundungen von demokratischem Respekt sind eine Wohltat für die auf den Zusammenhalt angewiesene demokratische Gesellschaft.

Die Gemeinsamkeiten geraten generell zu selten in den Blick. Es ist zu wenig, wenn der Bundespräsident von Zeit zu Zeit auf die Werte, die uns verbinden, hinweist. Ab und zu tun das auch die Präsidentinnen und Präsidenten der Parlamente. In der Summe reicht das bei Weitem nicht. Zum Glück gibt es noch die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung (wenn auch nicht mehr in Niedersachsen), die auch das pflegen, was uns besonders wichtig ist und verbindet. Darüber hinaus sollten aber auch alle Parteien sowie die Bürgerinnen und Bürger schon am Stil der politischen Auseinandersetzungen erkennen lassen, dass uns im letzten Kern mehr verbindet als trennt und dass die Menschenwürde nicht eine abgegriffene Vokabel, sondern lebendige Wirklichkeit ist.

Fußnoten

4.
Vgl. Hermann Giesecke, Wie lernt man Werte?, Weinheim–München 2005, S. 117.
5.
Vgl. Sibylle Reinhardt, Wertebildung und politische Bildung, Opladen 1999.
6.
Vgl. Harald Welzer, Selbst denken, Frankfurt/M. 2013, S. 16.
7.
Vgl. Siegfried Schiele, Der Beutelsbacher Konsens, in: Georg Weißeno (Hrsg.), Gemeinschaftskunde unterrichten, Schwalbach/Ts. 2008, S. 57–73.
8.
Vgl. Hans-Georg Wehling, Konsens à la Beutelsbach?, in: Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Das Konsensproblem in der politischen Bildung, Stuttgart 1977, S. 173f.
9.
Vgl. Young-Sik Huh, Interesse und Identität, Frankfurt/M. 1993.
10.
Vgl. Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Rationalität und Emotionalität in der politischen Bildung, Stuttgart 1991.
11.
Manfred Hättich, Rationalität als Ziel politischer Bildung, München 1977.
12.
Die Welt vom 18.12.1989.
13.
Zit. nach: Thomas Petersen/Tilman Mayer, Der Wert der Freiheit, Freiburg/Br.–Basel–Wien 2005, S. 7.
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