Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Nikolaus Wolf

Kurze Geschichte der Weltwirtschaft

"Zweite Globalisierung"

Seit Anfang der 1970er Jahre zeichnete sich eine Veränderung der Nachkriegsordnung ab, die durch die Ölkrisen von 1973 und 1979 zwar nicht erklärt, aber illustriert werden kann. Im Westen löste sich das System von Bretton Woods auf, wobei die Bindung des US-Dollars an den Goldwert und die Fixierung europäischer und US-amerikanischer Währungen aufgehoben wurden. In Westeuropa wurden ausgehend von Frankreich und Westdeutschland Bestrebungen zu einer wirtschaftlichen Integration intensiviert, während man zugleich versuchte, die Beziehungen nach Osteuropa zu verbessern.

Im Einflussbereich der Sowjetunion dagegen mehrten sich Anzeichen einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Die Verbindung von steigenden Rohstoffpreisen und wirtschaftlicher Stagnation ließen das Wohlstandsgefälle zum Westen zunehmen. Die Modelle einer Planwirtschaft schienen seit 1970 der zunehmenden Komplexität und der Innovationsfähigkeit der westlichen Marktwirtschaften nicht mehr gewachsen zu sein. In China begann man daher mit wirtschaftlichen Reformen und einer schrittweisen Annäherung an den Westen. Ende der 1970er Jahre hatte das bevölkerungsreiche China die ehemalige britische Kolonie Indien im Einkommen pro Kopf überholt.

Der Beginn der "Zweiten Globalisierung", von der die Weltwirtschaft bis heute geprägt ist, liegt etwa Mitte der 1980er Jahre. Wie auch bei der "Ersten" spielten dabei technologische Entwicklungen eine tragende Rolle, die durch politische Institutionen unterstützt wurden. Neben allgemeinen Bemühungen zur Effizienzsteigerung durch Produzenten und Händler hatte die Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion die Entwicklung neuer Transport-, Informations- und Kommunikationstechnologien gefördert.

Als ab 1989 die Sowjetunion zerfiel, setzten sich kommerzielle Anwendungen für Computer, durch Satelliten unterstützte Funktelefone und standardisierte Container international durch. Die "Containerrevolution", bei der standardisierte Container eine Verladung zwischen Bahn, Schiff und Lastwagen enorm vereinfachten, führte zu dramatisch sinkenden Transportkosten, die sich direkt mit den Effekten des Dampfschiffs und der Eisenbahn vergleichen lassen. Anders als Zölle, die meist als Anteil am Warenwert erhoben werden, wirken sinkende Transportkosten sich gleichermaßen auf alle Güter unabhängig von ihrem Wert aus. Auf diese Weise wird der Transport von Rohstoffen oder industriellen Vorprodukten, die einen geringen Wert pro Gewichtseinheit haben, besonders stark begünstigt.

Durch Computer und neue Kommunikationstechnologien wurde es möglich, den industriellen Fertigungsprozess so weit zu standardisieren, dass die Industrie selbst globalisiert werden konnte. Unternehmen begannen in den 1970er Jahren, in großem Umfang aber erst Ende der 1980er Jahre, Teile von Produktion und Dienstleistungen an die jeweils kostengünstigsten Standorte zu verlagern. An den alten Industriestandorten verblieben dabei oft nur die nicht-standardisierbaren Bereiche wie Forschung und Entwicklung, Design und Marketing und sehr wissenschaftsnahe, komplexe Produktionsschritte.

Nach 1989 profitierte Westeuropa von der Öffnung des Ostens, während die USA und Japan umfangreiche Investitionen in China und in anderen Teilen Asiens und in Mittel- und Südamerika vornahmen, um Produktionsschritte zu verlagern. Die US-Wirtschaft entwickelte sich dynamisch, Europa und Japan wuchsen deutlich langsamer, während einige Staaten Asiens, Süd- und in Mittelamerikas und auch Afrikas sich enorm entwickelten. Die materiellen Verbesserungen zum Beispiel in China begannen allmählich größere Teile der Bevölkerung zu erreichen, auch wenn weiterhin viele Menschen in existenzbedrohender Armut lebten.

Der Kern der "Zweiten Globalisierung", die Fragmentierung der Wertschöpfungsketten, steht im Gegensatz zur Spezialisierung der "Ersten Globalisierung". Auch wenn Tendenzen dazu schon weitaus früher zu beobachten waren, haben damit viele Unternehmen einen qualitativ neuen Charakter bekommen. In gewisser Ähnlichkeit zu den Fernhandelskaufleuten im Hochmittelalter haben sie sich von ihren Ursprungsländern gelöst und sind zu globalen Akteuren geworden, die sich durch ihre Mobilität nur noch schwer durch politische Institutionen kontrollieren lassen. Die Veränderung der Informations- und Kommunikationstechnologie hat außerdem zu einer enormen Aufwertung von Banken und Finanzmärkten geführt, welche die globale Fragmentierung der Produktion finanzieren und länderspezifische Risiken absichern.

Wenngleich der Großteil dieser Dienstleistungen weiterhin an den alten Finanzplätzen New York, London oder Frankfurt am Main abgewickelt wird, sind gerade Finanzdienstleistungen durch einzelstaatliche Regeln kaum noch zu beherrschen. Unsere moderne Weltwirtschaft birgt daher zwar die Chance zu weiterem Wachstum und weiterer Verbesserung des Lebensstandards. Aber es stellen sich Fragen nach dem institutionellen Rahmen einer Weltwirtschaft. Die bis heute nicht ganz überwundene Finanzkrise seit 2008 hat gezeigt, dass global agierende Unternehmen und Finanzdienstleister auch globale Krisen auslösen können, auf die einzelne Staaten kaum noch reagieren können.

Institutioneller Rahmen

Ein stabiler institutioneller Rahmen war schon im Mittelalter Voraussetzung für die Aufnahme von Fernhandelsbeziehungen und ist bis heute notwendig, um neue Technologien über politische Grenzen hinweg nutzen zu können. In einer langfristigen Perspektive verlief dabei wirtschaftliches Wachstum immer parallel zu einer Intensivierung der Handelsbeziehungen. Zum Teil scheint der Handel auch Auslöser für wirtschaftliche Entwicklung gewesen zu sein, obwohl es hier keinen Automatismus gibt. Handel kann den Transfer von Technologie erleichtern, eine Ausweitung von Handelsbeziehungen kann zu mehr Arbeitsteilung und umfangreicheren Investitionen führen und damit Entwicklung fördern.

Allerdings scheiterten weniger entwickelte Länder regelmäßig an der Herausforderung, gegen die internationale Konkurrenz und häufig auch gegen die Interessen der eigenen Eliten eine eigene Industrie und eine binnenwirtschaftliche Entwicklung hervorzubringen. Der Handel kann helfen, mehr Menschen am Wohlstand einer modernen Wirtschaft teilhaben zu lassen, aber es ist eine Frage des institutionellen Rahmens, ob und inwieweit dies gelingt. Der durchschnittliche Lebensstandard hat sich nach 1950 gerade in den weniger entwickelten Teilen der Welt verbessert und die "Zweite Globalisierung" hat diese Dynamik vor allem in Asien noch deutlich verstärkt. Die große Armut, die immer noch die meisten Staaten des globalen Südens prägt und auch viele Millionen Menschen in besser entwickelten Teilen der Welt betrifft, sowie die Risiken der neuen Weltwirtschaft rücken die Fragen von Institutionen und governance in den Mittelpunkt.

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