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Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Henning Füller
Georg Glasze

Gated communities und andere Formen abgegrenzten Wohnens

Verhäuslichte Städte

Die Gemeinsamkeiten von Projekten innerstädtischen Luxuswohnens und suburbanen gated communities verdeutlichen, dass es bei der Frage nach innerstädtischer Grenzziehung immer auch um soziale Grenzen geht. Die Fokussierung auf den Schlagbaum oder den Zaun um die suburbane Wohnanlage kann den Blick darauf verstellen, inwiefern andere Formen des Wohnens eventuell weniger sichtbare, aber ebenso relevante Grenzen durch die Stadt ziehen.

Marktwirtschaftlich organisierte Immobilienmärkte führen immer dazu, dass Bevölkerung gemäß der Verfügbarkeit von ökonomischem (sowie sozialem und kulturellem) Kapital in spezifische Räume der Stadt "sortiert" wird. Privatwirtschaftlich entwickelte und vermarktete bewachte Wohnanlagen verschärfen diese Segregation insofern, als nicht nur das Wohnen, sondern auch der Zugang zu bestimmten Stadträumen gemäß der ökonomischen Leistungsfähigkeit organisiert wird.

Einige Autorinnen und Autoren weisen auf der Basis von Studien in London und Chile darauf hin, dass gerade mit den neuen innerstädtischen Wohnanlagen die "Korngröße" der Segregation verändert wird. So würden exklusive und teilweise bewachte Apartmentanlagen zum Teil auch in Stadtvierteln errichtet, die bislang eher von ökonomisch weniger leistungsfähigen Haushalten bewohnt wurden. Analog entstehen Projekte innerstädtischen Luxuswohnens bevorzugt auch in Quartieren, denen aufgrund günstiger Mieten und nicht erfolgter Sanierung besonders urbane Qualitäten zugeschrieben werden.

Einerseits kann dies als Beleg für eine abnehmende Segregation gesehen werden. Auf Quartiersebene komme es zu einem engeren Nebeneinander unterschiedlicher sozio-ökonomischer Schichten als bislang.[20] Andererseits verändern sich die Stadtquartiere durch die inselhafte Segregation von Mittel- und Oberschichten in diesen Vierteln.

Es entstehen durch den Zuzug veränderte Konsummuster, und der lokale Einzelhandel passt sich tendenziell mit einem hochpreisigeren Angebot an die neue Kaufkundschaft an. Für die bisherigen Bewohner bedeutet dies ein eingeschränktes Angebot. Es sinkt mit dem Zuzug oftmals auch die Toleranz gegenüber deviantem Verhalten. Die Verhäuslichung städtischer Teilräume wirkt sich auf die umliegende Nachbarschaft aus. Mit den höheren Kaufpreisen für eine der neu gebauten und mit Zusatzangeboten versehenen Häuser beziehungsweise Wohnungen entsteht häufig eine bestimmte Erwartung an die Lagequalität innerhalb der Stadt. Die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen wie etwa Wohnungsloser oder Bettler im Stadtraum stört diese Erwartung. Die örtliche Polizei registriert nicht selten dort ein erhöhtes Beschwerdeaufkommen, wo kürzlich neu gebaut oder saniert wurde.[21]

Fazit

Hitzige Debatten um gated communities und die dort unmittelbar gezogene Schlussfolgerung von städtebaulich-morphologischen Formen (wie Tore, Zäune, Mauern) auf bestimmte soziale Prozesse (zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft) greifen sicherlich zu kurz. In zahlreichen Immobilienmärkten lässt sich etwa beobachten, dass bewachte Wohnanlagen nicht ausschließlich für die sozio-ökonomischen Eliten errichtet werden, sondern vielfach in besonders hohem Maße auch für eine breite mittlere Einkommensgruppe.[22] Auf der anderen Seite vollziehen sich Prozesse innerstädtischer Grenzziehung vielfach auch ohne Schlagbäume, Zäune und Mauern. Das "Suchraster" gated community ist für die Analyse städtischer Grenzziehungen zu grob.

Die sozial und politisch relevanten Grenzziehungen in Städten verlaufen nicht zwingend und nicht ausschließlich entlang sichtbarer Zäune und Mauern. Städtebauliche Formen sind ein Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen und ein Ansatzpunkt für die Analyse. Letztlich bedarf es für das Verständnis von Grenzziehung in Städten aber immer auch der Berücksichtigung gesellschaftlicher Macht- und Hierarchieverhältnisse.

Fußnoten

20.
Vgl. R. Le Goix/C. Webster (Anm. 5), S. 1205ff.
21.
Vgl. Andrej Holm, Die Stadt für alle – ein absurder Traum, in: Süddeutsche Zeitung vom 2.12.2013, http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/581974/Die-Stadt-fuer-alle-ein-absurder-Traum« (11.12.2013).
22.
Vgl. R. Le Goix/C. Webster (Anm. 5), S. 1207ff.
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