Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Jens Becker

Reichtum in Deutschland und den USA

Einstellungen zu Reichtum und Reichen in Deutschland

Bisher stand aus soziologischer Perspektive "dem vermeintlich klaren und gut konturierten Bild der Reichen und des Reichtums in Deutschland, das bei den allermeisten wohl durch die bunten Bilder der Regenbogenpresse oder durch Lifestyle-Sendungen im Fernsehen seine phänomenologische Prägung in Form einer luxuriösen Lebensführung, übergroßen Anwesen, ‚dicken‘ Autos, teurer Kleidung (…), Enthobenheit von der Arbeit (…) und einer Geld-spielt-keine-Rolle-Mentalität hinterlassen hat, ein äußerst geringes, sozialwissenschaftlich fundiertes Wissen" über den gesellschaftlichen Reichtumsbegriff und die Lebensführung der Reichen gegenüber.[24] Studien, die im Rahmen des dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung (2008) erfolgten, legen ein differenziertes Bild nahe. In den folgenden drei Abbildungen wird nicht nur aufgezeigt,[25] was befragte Teile der deutschen Gesellschaft unter Reichtum verstehen und welche "Benefits" damit assoziiert werden (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version).[26] Darüber hinaus wird auch nach den Ursachen und Konsequenzen von Reichtum gefragt (vgl. Abbildungen 2 und 3 in der PDF-Version).

Ein spezifischer Reichtumsbegriff lässt sich nicht feststellen. Offensichtlich geht die Bevölkerung von pluralen Reichtumsvorstellungen aus, die verschiedene Möglichkeitsräume und -potenziale umfassen. An erster Stelle rangiert das Thema Gesundheit als gleichsam existenzielles Gut. Ein sorgenfreies Leben im Alter erscheint als zweitwichtigste Reichtumsvorstellung, wobei hier die materielle Dimension von "sorgenfrei" offen bleibt. Gleiches gilt für die Antwortkategorie "unabhängig von staatlicher Absicherung", die Rang drei einnimmt. Eher klassische Reichtumsbeschreibungen ("sich alles leisten können", "bestmögliche Bildung" und "von Vermögenserträgen leben können") folgen dicht darauf. Einflussdimensionen wie "politische Macht" oder Statusfragen (Hauspersonal) werden nur von rund 50 Prozent der Befragten mit Reichtum oder Reichsein assoziiert. Die Bedeutung von Reichtum hängt also stark mit materiellen und immateriellen Handlungschancen und Möglichkeiten zusammen.

Um diese pluralen Reichtumsvorstellungen zu illustrieren, kann auch auf Einzelinterviews (E) und Gruppendiskussionen (G) zurückgegriffen werden.[27] Priorität in der subjektiven Reichtumswahrnehmung hat die Befriedung grundlegender Bedürfnisse inklusive eines bescheidenen finanziellen Additums, das über die Finanzierung von Wohnen, Lebensmitteln, Versicherungen und so weiter hinausweist und ein Maximum realisierbarer "Verwirklichungschancen" im Sinne des Capability-Ansatzes von Amartya Sen bietet.[28] Danach lassen sich Reichtum und Armut als hohe beziehungsweise niedrige Parameter an Verwirklichungschancen in den verschiedenen Lebensbereichen der Individuen betrachten. Neben Einkommen, Vermögen und Konsum als den klassischen Indikatoren sozialer Ungleichheit werden auch nicht-materielle Aspekte wie Gesundheit und Bildung wertgeschätzt. Finanzieller Reichtum zur Aufrechterhaltung eines jeweils subjektiv definierten angemessenen Lebensstandards wird von den 21 Befragten mit 2.000 bis 3.000 Euro Monatseinkommen und etwas Erspartem assoziiert. Die befragten Oberschichtangehörigen nannten teilweise ähnliche oder höhere Beträge, allerdings zusätzlich noch fünf- bis sechsstellige Vermögenswerte plus Immobilienbesitz. Wer aber ist wirklich reich?

"Reich, reich ist der Herr Abramowitsch, reich sind die Rockefellers", so ein befragter Millionär (E5). Der wirkliche materielle Reichtum scheint außerhalb des von uns betrachteten Alltäglichen zu existieren; mit ihm assoziiert ein "reicher" Diskutant exklusive Emporkömmlinge, Familiendynastien und Luxusgüter. Dieser Superreichtum wie überhaupt das Streben nach finanziellem Reichtum hat jedoch für die Mehrheit der Bevölkerung keine große Bedeutung. Die ermittelten Ergebnisse korrespondieren mit dem in den Sozialwissenschaften schon länger diskutierten "Wertewandel", dessen Kennzeichen Gesundheit, Lebensqualität, Familie, Selbstverwirklichung, Autonomie durchaus konträr zu bestimmten Werten einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft (Karriere- und Erfolgsdenken, Primat der Arbeit) stehen.[29] Die Kategorie des Reichtums oder eines reichen Lebens, entkoppelt vom herkömmlichen Erfolgs- und Karrierebegriff, passt zu dieser Diagnose. Was das bedeuten kann, drückt sich im folgenden Zitat eines wohlhabenden Werbefachmannes aus: "Der Haupt-Benefit von Reichtum wäre für mich Freiheit. (…) Ich kann unabhängig von monetären Überlegungen meinen Lebensentwurf leben wie ich will." (E4)

Hinter diesem Freiheitsbegriff verbirgt sich ein schichtenübergreifender Konsens,[30] der mit einem vielschichtigen Begriff von Reichtum, bezogen auf die individuellen Lebensumstände, ausgemacht werden kann, der gleichwohl durch sozialstaatliche Absicherungsarrangements und Erwerbsarbeit flankiert werden sollte. Reichtum, so lässt sich aus dem Blickwinkel der Ergebnisse ableiten, ist dann vorhanden, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger in vielerlei Hinsicht "frei" fühlen können. Hierzu zählen familiäre, berufliche, gesundheitliche, finanzielle sowie staatliche Sicherheit. Freiheit assoziierten sie mit der Möglichkeit, eigenen Interessen nachgehen zu können, "ohne das Gefühl, das Denken, immer Geld verdienen zu müssen". (GF15 C)

Warum gibt es in Deutschland Reichtum? (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version) Vielfach benutzen Menschen konkurrierende und sich überschneidende soziale Deutungsmuster zur Unvermeidbarkeit, Herkunfts- und Systembedingtheit sozialer Ungleichheit. Unvermeidbar erscheint soziale Ungleichheit vor allem deswegen, weil die Unterschiedlichkeit der menschlichen Fähigkeiten und damit soziale Unterschiede als – gleichsam unabänderliche – soziale Tatsache hingenommen werden.[31] Viele Bürgerinnen und Bürger vertreten die Auffassung, reich werde, wer über gute Ausgangsbedingungen und passende Beziehungen verfüge, die den Weg nach oben begünstigen (82 Prozent der Befragten). Insbesondere der Aspekt ungleicher Startchancen widerspricht der gesellschaftlich anerkannten Norm der Chancengleichheit. Passende Beziehungen ("Vitamin B") als Karriere- beziehungsweise Wohlfahrtsvehikel widersprechen demgegenüber der Norm "Aufstieg durch Leistung" beziehungsweise "harte Arbeit".

52 Prozent der Befragten nennen "Unehrlichkeit" als Indikator für Reichtum. Eine Mehrheit von 54 Prozent vertritt die Auffassung, die dem kapitalistischen Wirtschaftssystem inhärenten Ungerechtigkeiten führten zu Reichtum. Ein Viertel verbindet "harte Arbeit" nur selten oder überhaupt nicht mit Reichtum. Andererseits glauben 68 Prozent der Befragten, individuelle Fähigkeiten oder Begabungen seien nötig, um reich zu werden.

Wie beurteilt die Bevölkerung die sozialen Konsequenzen von Reichtum? (vgl. Abbildung 3 in der PDF-Version) Deutlich wird, dass in der Bevölkerung ein differenziertes Bild von Reichtum hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen vorherrscht, ohne klare Zu- noch Ablehnung dieser Folgen. Vielmehr ergibt sich das Bild einer abwägenden Haltung. Einerseits problematisieren acht von zehn Befragten einen ungleich verteilten Reichtum, der zu sozialen Spannungen in der Gesellschaft führen könne. Des Weiteren meinen 71 Prozent, reiche Menschen genießen ungerechtfertigte Vorteile, während 61 Prozent die Meinung vertreten, niemand dürfe aufgrund seiner privilegierten sozialen Stellung (durch ein Erbe) über bessere Lebenschancen verfügen. Alle drei Aussagen weisen auf eine große Skepsis in der Gesellschaft bezüglich Reichtum und Privilegien hin. Andererseits stimmen 82 Prozent der Befragten der Aussage zu, "es ist gut, dass jeder die Freiheit hat, selbst reich werden zu können". Auf differenzierte Zustimmungswerte stoßen die Aussagen, Reiche leisten durch Wohltätigkeit einen Beitrag für eine gerechtere Welt (60 Prozent) und Reichtum sorge für Fortschritt in der Gesellschaft (58 Prozent). Diese Aussagen stoßen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Noch ambivalenter fällt dagegen die Beurteilung des gesellschaftlichen Nutzens aus, der aus den Handlungen reicher Menschen erwächst. Während die Bürgerinnen und Bürger die vielfältigen wohltätigen Unternehmungen reicher Menschen mit einem Anteil von 60 Prozent durchaus zu würdigen bereit sind, attestieren sie ihnen gleichzeitig keinen verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Reichtum. Nur 15 Prozent der Befragten glauben, Reichtum wirke sich zum Wohle der Gesellschaft aus. Diese Einschätzung kollidiert mit den mäßig hohen Zustimmungswerten zu bestimmten Reichtumsfunktionen wie "Wohltätigkeit" und "Fortschritte in der Gesellschaft".

Die vielschichtige Bandbreite der Antworten verweist auf Widersprüchlichkeiten, die mit der Beurteilung von Reichtum zusammenhängen. Die positiven und die negativen Folgewirkungen des Reichtums bilden eine prekäre Balance, die, je nach Stimmungslage, in die eine oder andere Richtung kippen kann.

Zusammenfassung

Aus soziologischer Perspektive stellt Reichtum eine herausgehobene Lebenslage dar, welche "die Gesamtheit vorteilhafter Lebensbedingungen eines Menschen" umfasst.[32] Dieser Sachverhalt prägt die Einstellungen der befragten Menschen und lässt sich insbesondere mit dem Lebensstil der "Richistani" in den USA illustrieren. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Reichtum sind vielschichtig. Sie sind eingebettet in heterogene Reichtumskulturen und damit zusammenhängende Einstellungen und Deutungsmuster. Reichtum kann als multidimensionaler Begriff aufgefasst werden, der unterschiedliche Konnotationen hervorruft. Legitimität und Repräsentation von Reichtum, Zugang und Erwerb von Reichtum, seine Verwirklichungschancen und der Einfluss, der von Reichen ausgeht – all diese Aspekte sind Bestandteil spezifischer, auch institutioneller Entwicklungspfade, die zur unterschiedlichen Deutung von sozialer Ungleichheit beitragen. Materieller Reichtum wird durch die Bevölkerung und durch neuere Untersuchungen der Einstellungs- oder Reichtumsforschung nicht per se infrage gestellt.

Fußnoten

24.
Peter Imbusch, Reichtum als Lebensstil – Zur Soziologie der sozialen Distanz, in: Ernst-Ulrich Huster/Fritz-Rüdiger Volz (Hrsg.), Theorien des Reichtums, Münster 2002, S. 213.
25.
Ausführlicher: Wolfgang Glatzer et al., Reichtum im Urteil der Bevölkerung. Legitimationsprobleme und Spannungspotenziale in Deutschland, Opladen 2009; Jens Becker/Wolfgang Glatzer, Mögen die Deutschen den Krösus? Die subjektive Wahrnehmung von Reichtum in Deutschland, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, 58 (2009) 2, S. 241–256.
26.
Vgl. Jens Becker/Jürgen Faik, Konflikt und Ungleichheit. Anmerkungen zur sozialen Verfasstheit der "Berliner Republik", in: Mittelweg 36, 19 (2010) 2, S. 81–89.
27.
Vgl. im Folgenden Jens Becker/Geraldine Hallein-Benze, Subjektive Wahrnehmung von Reichtum. Trendanalyse, unveröffentlichtes Manuskript, Frankfurt/M. 2007.
28.
Vgl. Amartya Sen, Ökonomie für den Menschen. Wege zur Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München 2002.
29.
Vgl. Ronald Inglehart, The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977; ders., Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften, Frankfurt/M. 1998.
30.
Vgl. Petra Böhnke/Ulrich Kohler, Determinanten des Glücks: Lebenszufriedenheit in Europa, in: WSI Mitteilungen, (2007) 7, S. 373–379.
31.
Vgl. Patrick Sachweh, Deutungsmuster sozialer Ungleichheit. Wahrnehmung und Legitimation gesellschaftlicher Privilegierung und Benachteiligung, Frankfurt/M. 2009.
32.
Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 2001, S. 373.