Drohnenübung der Schweizer Armee auf dem Militärflugplatz Emmen.

26.8.2016 | Von:
Wolfgang Schreiber

Der neue unsichtbare Krieg? Zum Begriff der "hybriden" Kriegführung

Verdeckte Kriegführung: Ein vielfältiges Phänomen

Doch zeigt ein Blick in die Geschichte, dass es sich auch bei verdeckter Kriegführung nicht um etwas Neues handelt. Der Grad der Verdeckung kann durchaus unterschiedlich sein: Jegliche Beteiligung kann entweder nicht offengelegt oder im Falle eines geäußerten Verdachts geleugnet werden – bis hin zum Kriegszustand selbst.

Häufig ist es das gemeinsame Handeln mehrerer Akteure, meist eines staatlichen und mindestens eines nichtstaatlichen, das Raum für Unklarheiten schafft: Welcher Part ist die eigentlich treibende Kraft? Wer trägt die Verantwortung, beispielsweise für Kriegsverbrechen? Herrscht überhaupt "Krieg"?

So konnte etwa die kolumbianische Regierung Menschenrechtsverletzungen mit Verweis auf ihre nicht immer kontrollierbaren Verbündeten den paramilitärischen Selbstverteidigungsgruppen zuschreiben, die an der Bekämpfung der Rebellengruppen mitwirkten. Ähnlich konnte die sudanesische Regierung im Darfur-Konflikt Gräueltaten den sogenannten Dschandschawid-Milizen zuschreiben, mit denen sie zusammenarbeitete. Auch im Ukraine-Konflikt kämpfen derzeit auf ukrainischer Seite nicht nur die reguläre Armee, sondern auch Freiwilligenverbände, wobei der Grad der Zusammenarbeit durchaus im Unklaren bleibt.

Charakteristische Elemente der heute als "hybrid" bezeichneten Kriegführung wiesen zum Beispiel auch die während des Ost-West-Konflikts in der sogenannten Dritten Welt geführten "Stellvertreterkriege" auf,[18] bei denen jeweils eine Großmacht einen lokalen Akteur unterstützte. Dies erfolgte weniger häufig durch einen direkten Einsatz von Truppen, wie etwa während des Koreakrieges 1950 bis 1953,[19] der seitens der Sowjetunion auch noch inoffiziell blieb, sondern in der Regel indirekt durch Waffenlieferungen, Ausbildung und militärische Beratung, wie sie zum Beispiel die Sowjetunion und China während des Vietnamkrieges 1964 bis 1975 Nordvietnam zukommen ließen.

Auch für die Zeit nach 1990 gibt es ähnliche Fälle, wie etwa die Unterstützung Kroatiens durch die Vereinigten Staaten während der Balkankriege sowie der libyschen Opposition durch französische und britische Spezialkräfte 2011.[20]

Besonders gut eignen sich als Beispiele für eine verdeckte Kriegführung Fälle des nicht offenen Eingreifens ausländischer Akteure in einen innerstaatlichen Konflikt. Legt man die Zahlen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung zugrunde, weist etwa ein Drittel der innerstaatlichen Kriege seit 1945 eine direkte Beteiligung eines anderen Staates auf; in wiederum knapp einem Drittel dieser Fälle wurde dabei die nichtstaatliche Seite unterstützt.[21]

Verdeckt kann dies etwa durch inoffizielle militärische Interventionen geschehen, analog zum sowjetischen Eingreifen in den allerdings zwischenstaatlichen Koreakrieg. So unterstützten etwa die Vereinigten Staaten 1954 in Guatemala die Aufständischen mit Kampfflugzeugen; darüber hinaus war der US-Auslandsgeheimdienst CIA an der Organisation des Aufstands beteiligt.

Eine besondere Art der verdeckten Beteiligung eines Staates an einem innerstaatlichen Konflikt ist der Einsatz von Söldnern. So wurden etwa in Guatemala 1954 sowie in Kuba 1961 Exilkräfte bei ihren Umsturzversuchen jeweils durch Söldner unterstützt, die mit der CIA in Verbindung standen. Das Paradebeispiel für den Söldner, der die Interessen seines Auftraggeberlandes vertritt, ist Bob Denard, der bis in die 1980er Jahre an Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent beteiligt war und mehr oder weniger offen für französische Interessen eintrat. Privaten Militär- und Sicherheitsfirmen kommt in Gewaltkonflikten weltweit heutzutage eine immer wichtigere Rolle zu. Darüber wird seit einigen Jahren kontrovers diskutiert.[22]

Eine weitere Form der nicht offenen Kriegsbeteiligung ist die vorgeblich neutrale Intervention zur Beendigung eines innerstaatlichen Krieges. Dieses Szenarios bedienten sich etwa die Vereinigten Staaten 1965, um in der Dominikanischen Republik den nach dem Militärputsch ausgebrochenen Bürgerkrieg zu beenden, der drohte, zugunsten der Revolutionäre auszugehen. Dabei agierten die USA formal als Teil der im Rahmen der "Operation Power Pack" durch die Organisation Amerikanischer Staaten entsandten Truppen. Mitte der 1990er Jahre wurde die von der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS mandatierte Eingreiftruppe so zu einem Akteur im Ersten Liberiakrieg, als sie unter nigerianischer Führung vor allem gegen die Rebellen unter Charles Taylor vorging.

Auch in mehreren Nachfolgestaaten der Sowjetunion, insbesondere in Moldawien und Georgien, wurden zur Überwachung von Waffenstillständen "neutrale" Interventionstruppen unter dem Dach der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten entsandt. De facto unterstützten diese von Russland dominierten Truppen jedoch jeweils eine Konfliktpartei. 2008 führte dies im Falle der Region Südossetien zum offenen Krieg zwischen Georgien und Russland.

Die letzte Form der nicht offenen Kriegführung ist die Beteiligung an Kriegen, die von den betreffenden Staaten nicht als solche deklariert werden. Auch dadurch entsteht eine Grauzone zwischen Krieg und Frieden, wie sie für "hybride" Kriege charakteristisch ist. An dieser Stelle sei an die heftige politische Debatte in Deutschland erinnert, die sich um die Frage drehte, ob die Bundeswehr in Afghanistan an einem Krieg beteiligt sei. Dabei wurde zunächst die Interpretation als Nachkriegs- und Stabilisierungsmission im Rahmen der NATO-Unterstützungstruppe ISAF aufrechterhalten, obwohl bereits ab 2003 nach der Reorganisation der Taliban wieder ein offener Krieg in Afghanistan zu beobachten war.

Ähnlich verhält es sich mit Blick auf das Vorgehen gegen den internationalen Terrorismus, derzeit vor allem gegen den sogenannten Islamischen Staat: Als beispielsweise der französische Präsident François Hollande die Anschläge des "Islamischen Staates" in Paris am 13. November 2015 als Kriegserklärung bezeichnete, stand die Frage im Raum, wie die bereits in den Monaten zuvor im Rahmen der Anti-IS-Koalition im Irak und in Syrien geflogenen französischen Luftangriffe offiziell zu bezeichnen waren.

Fazit

Aus der Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Elemente von Kriegführung können sich die unterschiedlichsten "hybriden" Bedrohungsszenarien ergeben. Die reine Mischung verschiedener Arten, Mittel und Strategien der Kriegführung stellt mit Blick auf vergangenes und aktuelles Kriegsgeschehen jedoch eher die Regel als die Ausnahme dar und kennzeichnet vielmehr Kriege im Allgemeinen als "hybride Kriege" im Besonderen. Einzelne Elemente der als "hybrid" bezeichneten Kriegführung, wie die Nutzung des Cyberspace für Spionage und Sabotage oder der sozialen Netzwerke für Desinformation und Propaganda, sind zwar tatsächlich erst neuerdings durch das Internet möglich geworden. Inwiefern dies allerdings einen neuen Kriegsbegriff erforderlich macht, ist fraglich.

Fußnoten

18.
Letztlich ist dieser Begriff irreführend, da er über die jeweils lokalen Ursachen und Dynamiken dieser Kriege hinwegtäuscht. So kämpften etwa die Mudschaheddin in Afghanistan wohl kaum stellvertretend für den Westen gegen die Sowjetunion. Vielmehr könnte umgekehrt davon gesprochen werden, dass sich die jeweiligen lokalen Akteure des Ost-West-Konflikts bedienten, um Unterstützung, insbesondere in Form von Waffenlieferungen, zu erhalten.
19.
Vgl. Bernd Stöver, Geschichte des Koreakrieges. Schlachtfeld der Supermächte und ungelöster Konflikt, München 2013, S. 148.
20.
Vgl. Erhart (Anm. 9).
21.
Die im Folgenden aufgeführten Beispiele sind in Arbeiten der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung mit weiteren Literaturangaben dokumentiert. Für den Zeitraum von 1945 bis 1992 vgl. Klaus Jürgen Gantzel/Torsten Schwinghammer, Die Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg 1945–1992. Daten und Tendenzen, Münster 1995; für den Zeitraum ab 1993 vgl. die Jahrbücher der Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung, Das Kriegsgeschehen, Wiesbaden u.a. 1993–2009.
22.
Zu Privaten Militär- und Sicherheitsfirmen in der modernen Kriegführung siehe auch den Beitrag von Andrea Schneiker und Elke Krahmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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