Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Sonja Wolf

Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland

Deutsche Sinti und Roma

Sinti und Roma sind seit dem 15. Jahrhundert in deutschen Gebieten beheimatet. Immer wieder waren sie schwerer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten fielen über 500000 von ihnen dem Völkermord in Europa zum Opfer. Erst 1995 wurden sie in Deutschland offiziell als nationale Minderheit anerkannt, seitdem genießen sie besonderen rechtlichen Schutz und Förderung.[20]


Die Ursprungsgeschichte der Sinti und Roma war lange ein viel debattiertes Thema. Heute geht man davon aus, dass sie aus einer Region im Nordwesten Indiens stammen, die sie in kleineren und größeren Gruppen zwischen dem 3. und dem 13. Jahrhundert verließen. Die Gründe für die Auswanderung waren vielfältig und sind heute aufgrund des Fehlens von schriftlichen Überlieferungen nicht mehr im Detail nachzuvollziehen. Die lange Geschichte der Wanderung durch unterschiedliche Regionen des Mittleren Ostens und Europas hat dazu geführt, dass sich die einzelnen Gruppen der Sinti und Roma nicht einheitlich entwickelten. Sie praktizieren unterschiedliche Religionen, die mit verschiedenen Traditionen und Werten einhergehen, und sprechen unterschiedliche Sprachen. Auch die in Deutschland als Minderheit anerkannten Sinti und Roma zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus. Sie verfügen nur teilweise über eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames kulturelles Erbe.[21] So gibt es auch unterschiedliche Auffassungen über die "Verwandtschaft" zwischen den Sinti und den Roma: Während aus Sicht der Mehrheitsbevölkerung und auch aus der Sicht eines Teils der Minderheit selbst die Sinti als eines der Romavölker verstanden werden, sieht sich ein anderer Teil der Sinti als eigenständige Ethnie, deren Verwandtschaft mit den Roma fragwürdig ist.[22]


Zu den als Minderheit anerkannten deutschen Sinti und Roma zählen etwa 70000 Menschen, die über das ganze Land verteilt leben. Zusätzlich leben in Deutschland auch Roma, die nicht der als Minderheit anerkannten Gruppe angehören: Bei ihnen handelt es sich meist um Menschen, die mit ihren Familien während des Kosovokrieges, infolge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien oder in den Jahren nach der EU-Osterweiterung eingewandert sind. Ihre genaue Anzahl ist unbekannt, jedoch leben sie hauptsächlich in den größeren Städten.[23]


Romanes, das im Allgemeinen als die Sprache der Roma und Sinti verstanden wird, umfasst mehrere Sprachen und Dialekte. Die unterschiedlichen Formen des Romanes sind aus dem indischen Sanskrit entstanden, untereinander jedoch nicht immer verständlich. Romanes wird in Deutschland ausschließlich innerhalb der Familie weitergegeben, da die Minderheit aufgrund ihrer geschichtlichen Erfahrung beschlossen hat, ihre Sprache nicht zu formalisieren und in Schulen unterrichten zu lassen. Sinti und Roma wachsen in Deutschland grundsätzlich zweisprachig auf.

Ihre politischen und bürgerrechtlichen Interessen werden in der Hauptsache durch den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma vertreten, der sich als Dachorganisation der Minderheit versteht und sie im gemeinsamen Minderheitenrat repräsentiert, sowie durch die Sinti Allianz Deutschland. Ebenso wie das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg leisten beide Organisationen wichtige Arbeit für die Verbreitung von Wissen über die Minderheit, für die interkulturelle Verständigung sowie für die Brauchtums- und Kulturpflege. Beide Organisationen werden zum Großteil aus Mitteln des Bundes finanziert. Die Landesverbände und lokalen Organisationen, die Mitglieder des Zentralrates sind, werden zum Teil auch aus Mitteln derjenigen Länder und der Gemeinden unterstützt, in denen sie aktiv sind. Zusätzlich finanzieren Bund und Länder eine Vielzahl von Maßnahmen, die die Integration von ausländischen Roma unterstützen sollen.[24]


Diese Maßnahmen sind deshalb wichtig, weil sich Sinti und Roma in Deutschland und ganz Europa auch heute noch Diskriminierungen ausgesetzt sehen. In Deutschland manifestiert sich dieser Antiziganismus[25] vor allem im mangelnden Zugang der Sinti und Roma zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie zu Bildungsangeboten, was den Angehörigen der Minderheit durch eine ablehnende Haltung der Mehrheitsbevölkerung deutlich erschwert wird.[26] Dies wirkt sich stark negativ auf die soziokulturelle Situation der Minderheit aus und verhindert häufig sozialen Aufstieg. Gemeinsam mit der noch immer lückenhaften Anerkennung des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma und der damit einhergehenden Entschädigung der Überlebenden und ihrer Familien zählt der erschwerte Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum daher zu den Kernthemen ihrer Interessenvertretungen.[27]


Obwohl in den vergangenen Jahren auf Bundes- und Länderebene wichtige Schritte hin zu mehr politischer und gesellschaftlicher Teilhabe der deutschen Sinti und Roma unternommen worden sind (etwa durch ihre bessere Einbindung in sie betreffende Entscheidungsprozesse), bleibt ihre anhaltende Diskriminierung ein schwerwiegendes Problem, das von ihren Interessenvertretungen sowie vom Beratenden Ausschuss des Europarats regelmäßig angesprochen wird. Letzterer weist insbesondere darauf hin, dass die unzulässige Zuweisung von Sinti- und Roma-Kindern in Sonderschulen eine unhaltbare Diskriminierung der Minderheit durch die Behörden darstellt. Auch die zunehmende Fremdenfeindlichkeit, von der auch deutsche Sinti und Roma in besonderem Maße betroffen sind, ist ein gravierendes Problem, das dringend der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und verstärkten Bearbeitung bedarf.[28]

Fußnoten

20.
Vgl. Hansen (Anm. 4), S. 141; Open Society Institute, Monitoring des Minderheitenschutzes in der Europäischen Union: Die Lage der Sinti und Roma in Deutschland, Göttingen 2003, S. 87.
21.
Vgl. Merfin Demir et al., Die größte Minderheit in Europa, in: APuZ 22–23/2011, S. 27–32; Hansen (Anm. 4), S. 131f., S. 140f.
22.
Vgl. Sinti Allianz, Geschichte der Sinti, o.D., http://sintiallianzdeutschland.de/geschichte-der-sinti«; Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Sinti & Roma, o.D., http://www.sintiundroma.de/sinti-roma.html«.
23.
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Hrsg.), Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung. Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma, Berlin 2014, S. 18f.
24.
Vgl. BMI, EU-Roma-Strategie – Fortschrittsbericht Deutschlands 2015, Berlin 2016, S. 52–56.
25.
Vgl. Markus End, Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus, in: APuZ 22–23/2011, S. 15–21.
26.
Vgl. Herbert Brücker, Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung "Lage der Sinti und Roma in Deutschland und der EU – Ausgrenzung und Teilhabe", 12.11.2014, S. 7.
27.
Siehe http://zentralrat.sintiundroma.de/arbeitsbereiche«.
28.
Vgl. Europarat (Anm. 9), S. 4ff. Die Stigmatisierung deutscher Sinti und Roma als Fremde ist Teil des oben genannten Antiziganismus und führt dazu, dass die Minderheit von entsprechenden Angriffen und Anfeindungen betroffen ist.
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