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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Gaiser
Martina Gille
Winfried Krüger
Johann de Rijke

Politikverdrossenheit in Ost und West?

Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

IV. Politikverdrossenheit - nicht nur ein Jugendphänomen?

Politikverdrossenheit wird oft pauschal der Jugend als Manko zugeschrieben, so dass wir auch hier die Jugendspezifik mit der Fragestellung prüfen, inwieweit sich die 16- bis 29-Jährigen in Ost und West von der älteren Bevölkerung unterscheiden, was ihre Einstellungen zur Politik sowie ihr politisches und soziales Engagement angeht; und auch, inwieweit die Jüngsten innerhalb der Jugendsurvey-Stichprobe sich hierin möglicherweise noch einmal von den Ältesten abheben. Ein deutlicher Alterseffekt zeigt sich insbesondere beim politischen Interesse und der subjektiven politischen Kompetenz: Mit wachsendem Alter unserer Befragten ist eine Zunahme zu beobachten [25] . Dies kann so erklärt werden, dass das Verständnis für und das Interesse an Politik das Ergebnis eines längeren Sozialisationsprozesses darstellt, in dessen Verlauf sich junge Menschen zunehmend Wissen aneignen, öffentliche Räume erschließen und Verantwortung in familiären, beruflichen und öffentlichen Rollen übernehmen.

Mit dem allmählichen Hinüberwechseln in die Erwachsenenrolle kann somit auch der Bereich der Politik zunehmende Relevanz für ihr persönliches Leben gewinnen. Im Bereich politischer Grundorientierungen werden aber auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen sichtbar: Die Einstellungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur politischen Ordnung ähneln denen der über 29-Jährigen sehr stark, und der Lebensbereich Politik hat für Erwachsene ab 30 Jahren im Vergleich zu anderen Lebensbereichen gleichfalls eine nur sehr geringe Bedeutung. Auch die Zufriedenheit mit der Demokratie und das Vertrauen in Institutionen sind bei den Befragten unserer Stichprobe und den Älteren ähnlich niedrig. Und insbesondere ist beim Vertrauen in die Reaktionsbereitschaft des politischen Systems und der Bereitschaft der Politiker, auf Interessen und Wünsche der Bevölkerung einzugehen, die kritische Sicht bei den Jüngeren nicht sehr viel anders als bei den über 29-Jährigen - die eigentliche Differenz liegt vielmehr zwischen den alten und neuen Bundesländern [26] . Trotz des etwas geringeren Interesses der jungen Erwachsenen an Politik scheint etwa beim Vertrauen in Institutionen in den letzten Jahren eine Angleichung zwischen den unter und den über 30-Jährigen stattgefunden zu haben [27] . Zumindest kann diese Aussage für die alten Bundesländer getroffen werden. Insgesamt legt dies den Schluss nahe, dass die vielbeschworene Distanz, Skepsis oder gar Verdrossenheit gegenüber der Politik nicht mehr nur ein Jugendphänomen darstellt, sondern weitgehend altersunabhängig ist und größere Teile der gesamten deutschen Bevölkerung einschließt.

Fußnoten

25.
Als Vergleich dient im Folgenden der ALLBUS von 1998, der als Grundgesamtheit die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren umfasst. Dabei werden bei gleichen bzw. ähnlichen Fragen, wie sie im Jugendsurvey enthalten sind, die 18- bis 29-Jährigen mit den über 29-Jährigen verglichen. Vgl. dazu Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten, Opladen 2000.
26.
Beispielsweise bei der Aussage "Die Politiker kümmern sich nicht viel darum, was Leute wie ich denken" im ALLBUS 1998 liegt die Zustimmung bei den unter 30-Jährigen wie den älteren im Westen bei ca. 70 Prozent, im Osten hingegen über 80 Prozent.
27.
Vgl. Martina Gille/Winfried Krüger/Johann de Rijke, Politische Orientierungen, in: M. Gille/W. Krüger (Anm. 1). Anmerkung der Redaktion: Zu einem ählichen Ergebnis ist auch Joachim Hofmann-Göttig in seinem Beitrag in diesem Heft gelangt.