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Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Vedran Džihić

Verlorene Strahlkraft? Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens zwischen EU, Russland und Türkei

Neue Vorbilder

Gleichzeitig scheint sich in denselben Staaten eine Hinwendung zu anderen für die Region relevanten geopolitischen Akteuren zu vollziehen. So schätzten in Serbien Anfang 2017 61 Prozent der Befragten den Einfluss Russlands als sehr positiv für das Land ein, und 32 Prozent gaben an, einen Beitritt Serbiens zu einer Euroasiatischen Union unter russischer Führung zu begrüßen, während 35 Prozent den Einfluss Deutschlands positiv sahen und sich nur fünf Prozent für eine Mitgliedschaft in der Nato aussprachen.[3] In Kosovo hingegen sind mehr als 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für einen Beitritt zur Nato.

In Politiker-Popularitätsrankings in Serbien und der Republika Srpska ist der russische Präsident Wladimir Putin mit Raten von über 70 Prozent Spitzenreiter. Im öffentlichen Diskurs und im politischen Leben wird die Nähe Russlands und zu Putin offen gesucht und instrumentalisiert. So besuchten beispielweise sowohl der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, als auch der ehemalige Regierungschef und mittlerweile Präsident Serbiens, Aleksandar Vučić, wenige Tage vor den für sie entscheidenden Wahlgängen Putin in Moskau und warben in der heißen Wahlkampfphase mit seiner Unterstützung für ihren politischen Kurs.

Umgekehrt ist in jüngster Zeit immer wieder eine mehr oder weniger direkte Einmischung Russlands in die innenpolitischen Angelegenheiten einzelner Staaten der Region zu beobachten. So gab es zum Zeitpunkt der Parlamentswahlen in Montenegro im Oktober 2016 eine heftige Debatte über einen Putschversuch, der Quellen der montenegrinischen Regierung zufolge von russischen Stellen geplant worden war. Hintergrund war die bevorstehende und mittlerweile erfolgte Aufnahme Montenegros in die Nato, ein von Russland als feindlich angesehener Akt. Russland unterstützte auch offen den mittlerweile abgewählten ehemaligen mazedonischen Premierminister Nikola Gruevski, der mit seiner Weigerung, eine neue sozialdemokratisch geführte Regierung in Skopje zu akzeptieren, Mazedonien im April 2017 an den Rand eines Krieges gebracht hatte. Auch die Rolle eines von Russland unterhaltenen "Humanitären Zentrums" in der südserbischen Stadt Niš, das mit Know-how und technischer Unterstützung bei der Bewältigung von Naturkatastrophen helfen soll, wird im Zusammenhang mit Spionagevorwürfen kontrovers diskutiert.[4] Kurzum, Russland nutzt die Gelegenheiten, um sich in der Region als Gegensatz zu EU und Nato zu profilieren.

In den muslimisch besiedelten Gebieten der Region, in Bosnien-Herzegowina, Albanien und Teilen von Mazedonien und Serbien, führt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Liste der populärsten Persönlichkeiten an. Zwischen den bosnischen Muslimen, den Bosniaken, und der Türkei sind die geschichtlichen und kulturellen Verbindungen ohnehin besonders eng. Aktuell ist es jedoch vor allem die Sehnsucht nach Anerkennung und Geltung der in ihrer Selbstwahrnehmung marginalisierten Bosniaken, die eine emotional aufgeladene und bisweilen irrationale Bindung zur heutigen Türkei aufrechterhält, wo Erdoğan Macht und Größe eines selbstbewussten Staates heraufbeschwört. Wie stark die Loyalität zur Türkei und zu Erdoğan ist, zeigt etwa die begeisterte Reaktion des bosniakischen Vertreters im dreiköpfigen Staatspräsidium Bosnien-Herzegowinas,[5] Bakir Izetbegović, auf den Ausgang des Verfassungsreferendums in der Türkei im April 2017: "Das wird meiner Meinung nach die Türkei stabilisieren und sie zu einer noch mächtigeren regionalen Macht machen. Die Türkei spielt eine sehr stabilisierende und positive Rolle in diesem Teil der Welt, und ich bin der Meinung, dass eine starke Führung in der Türkei gut ist."[6] Wie auch der albanische und der pakistanische Premierminister war Izetbegović im Mai 2016 unter den Hochzeitsgästen von Erdoğans Tochter.[7]

Die Türkei hat den Balkan in den vergangenen zwei Jahrzehnten "wiederentdeckt". Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte und der starken kulturellen und identitären Verbindung zwischen den muslimischen Bevölkerungen der Region und der Türkei ist im Zuge des wirtschaftlichen Aufstiegs des Landes seit den 2000er Jahren und dem neuen türkischen Selbstbewusstsein die symbolische Strahlkraft der Türkei im Westbalkan gewachsen, obgleich sie wie auch Russland weder wirtschaftlich noch (sicherheits)politisch der dominante Player in der Region ist – türkische und russische Investitionen sind beispielsweise im Vergleich zu jenen aus Deutschland und Österreich sehr viel kleiner.[8]

Auch auf der Ebene des Regierungsstils korrelieren die Entwicklungen und Präferenzen in Russland und der Türkei mit denen der Westbalkanstaaten. Hier nährt sich ein tief verwurzelter autoritärer Code aus Versatzstücken von Patriarchalismus und Machismus, Traditionalismus, der Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten und einem wiedererstarkten Nationalismus. Erdoğan bedient diesen ebenso perfekt wie Putin. Das Bild des starken Mannes, der den anderen zeigt, wo es lang geht, und den anderen Mächtigen der Welt trotzt, imponiert vielen auf dem Balkan. Dies erklärt die Wertschätzung, die Erdoğan und Putin dort entgegengebracht wird.

Fußnoten

3.
Vgl. Beogradski centar za bezbedonosnu politiku: Stavovi gradjana o spojnjoj politici Srbije (Die Einstellung der Bevölkerung Serbiens zur serbischen Außenpolitik), 8.3.2017, http://www.bezbednost.org/upload/document/stavovi_graana_o_spoljnoj_politici_srbije.pdf«.
4.
Vgl. The Economist, Moscow Is Regaining Sway in the Balkans, 25.2.2017, http://www.economist.com/news/europe/21717390-aid-warplanes-and-propaganda-convince-serbs-russia-their-friend-moscow-regaining-sway«.
5.
Die Präsidentschaft von Bosnien-Herzegowina besteht aus drei direkt gewählten Mitgliedern, die laut Verfassung jeweils aus den drei größten Volksgruppen des Landes (Bosniaken, Kroaten und Serben) stammen müssen.
6.
Zit. nach Radio Slobodna Evropa, Vraća li se Turska neootomanskim ambicijama na Balkan? (Kehrt die Türkei mit neo-ottomatischen Ambitionen auf den Balkan zurück?), 17.4.2017, http://www.slobodnaevropa.org/a/turska-refrendum-balkan/28434948.html«.
7.
Vgl. Miljenko Jergovic, Is Europe Losing the Balkans?, in: New Eastern Europe 3–4/2017, S. 7–14.
8.
Vgl. Alida Vračić, Turkey’s Role in the Western Balkans, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin 2016.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Vedran Džihić für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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