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26.5.2002 | Von:
Günter Schlusche

Die Parlaments- und Regierungsbauten des Bundes im Kontext der Berliner Stadtentwicklung

I. Berlin ist viele Hauptstädte

"Berlin ist viele Städte" - so lautet ein Ausspruch des verstorbenen Berliner Architekten Werner Düttmann. "Berlin ist viele Hauptstädte" - so könnte man diesen Satz abwandeln und auf die hauptstädtischen Standorte beziehen, die in den letzten 200 Jahren unter den verschiedenen Staatsformen in Berlin gebaut wurden: die Staatsbauten der gerade untergegangenen DDR, die Bauten des Nationalsozialismus, der Weimarer Republik, des Kaiserreichs und schließlich Preußens. Schon 1990, also ein knappes Jahr vor dem Hauptstadtbeschluss des Deutschen Bundestages, legte Berlin ein Kompendium der vorhandenen Liegenschaften vor, dem zweierlei zu entnehmen war [1] : zum ersten, dass Berlin einen Fundus von für den Bund verfügbaren Gebäuden und Flächen anzubieten hatte, der selbst die weitestgehenden Ansprüche abdecken konnte; zum zweiten, dass der überwiegende Teil der in Frage kommmenden Standorte sich in der Alten Mitte, also im historischen Zentrum zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz, befand. Aufgrund der Evidenz dieser Fakten ist es nie zu einer ernsthaften Diskussion über grundsätzliche Alternativen - etwa eine Unterbringung aller Bundeseinrichtungen im Riesenbau des Flughafens Tempelhof oder in den zahlreichen Berliner Kasernen - gekommen. Es hat allerdings einige Zeit gebraucht, bis die große Vielfalt, die diese Standortkulissen in architektonischer wie in funktionaler Hinsicht darstellen, ins Bewusstsein der Vertreter der entscheidenden Institutionen gelangten.

Innerhalb des Bereichs der Alten Mitte kristallisierten sich sehr bald drei Schwerpunkte heraus: der Bereich zwischen Spreebogen, Reichstagsgebäude und Luisenstraße, also die westliche Dorotheenstadt und das ehemalige Alsenviertel, der Bereich zwischen Wilhelmstraße und Gendarmenmarkt, also die Friedrichstadt, sowie der Bereich zwischen Schlossplatz und Molkenmarkt, also Teile Alt-Berlins und Alt-Cöllns. Heute sind - mit einigen wenigen Ausnahmen - alle vom Bund genutzten Bauten des Bundes in diesen drei Bereichen zu finden. Allerdings hat die Planungsphase der Jahre von 1992 bis 1996 zu einigen wichtigen Verschiebungen geführt, von denen noch die Rede sein wird.

Fußnoten

1.
Arbeitsstab "Hauptstadtplanung Berlin" (Hrsg.), Rahmenbedingungen und Potentiale für die Ansiedlung oberster Bundeseinrichtungen in Berlin, Berlin 1990.