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26.5.2002 | Von:
Günter Schlusche

Die Parlaments- und Regierungsbauten des Bundes im Kontext der Berliner Stadtentwicklung

IV. Umgang mit der Geschichte

Eine Besonderheit stellt das Bundesministerium der Finanzen dar, das wie auch der Altbauteil des Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden ist. Beim Bau des Finanzministeriums handelt es sich um das ehemalige Reichsluftfahrtministerium, beim Altbau des Auswärtigen Amts um die ehemalige Reichsbank und beim Bundesarbeitsministerium um das frühere Haus des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Bei diesen Häusern sind architektonischer und städtebaulicher Gestus untrennbar mit dem politisch-historischen Stellenwert vermischt. Sie verkörpern in ihrer formalen Ausprägung den Herrschaftswillen des Nationalsozialismus und machen den chimärenhaften Charakter der nationalsozialistischen Architektur deutlich. Zur Klarstellung sei hier gesagt, dass die Entscheidung des Bundes, diese Gebäude nicht abzureißen, sondern wieder zu nutzen, keinesfalls zur Disposition gestellt werden soll. Aber es muss darauf hingewiesen werden dürfen, dass die Nachnutzung dieser Bauten durch demokratisch legitimierte Institutionen sich nach außen hin als ungebrochenes Kontinuum darstellt. [13] Die perfekte, die ursprüngliche Materialität wiederherstellende Restaurierung macht das Gebäude des Bundesfinanzministeriums so abweisend, wie seine Erbauer es ursprünglich gewollt haben. Ein Moment der Brechung durch neuzeitliche Aneignung ist hier ebenso wenig erkennbar wie die Integration ziviler Nutzungselemente wie etwa eines Bistros oder auch nur eines öffentlich zugänglichen Innenhofes, welche die Massivität der langen Baufluchten gemildert hätten. Die Lage des Ministeriums im Mittelstück zwischen nördlicher und südlicher Wilhelmstraße, ein Randbereich des städtischen Lebens, verstärkt die unnahbare Wirkung der Architektur.

Fußnoten

13.
Vgl. Tilmann Buddensieg, Staatsgestalt und Baugestalt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Mai 2001, S. 54; Rolf Lautenschläger, Das Auswärtige Amt am Werderschen Markt, in: Architektur in Berlin (Anm. 11), S. 122.