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26.5.2002 | Von:
Werner Müller

Die DDR in der deutschen Geschichte

VI. Die Innovationsfähigkeit der DDR

Selbst die soziale Sicherung, für die SED in kommunistisch-sozialistischer Tradition von besonderem Gewicht, ergibt für die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik also keine besonders günstige Bilanz. Stagnation und Modernisierungsunfähigkeit zeigten sich auch, wie häufig benannt, auf dem Feld der Wirtschaft seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre [51] . Zuvor sei es Ulbricht in den sechziger Jahren gelungen, "der DDR-Wirtschaft neue Impulse zu geben", hält eine neue Biografie fest [52] . Ob dieses Urteil richtig ist, mag dahingestellt sein. Ulbricht initiierte fraglos weitgreifende Reformen in der Wirtschaftspolitik, deren Kernstück das 1963 beschlossene "Neue ökonomische System der Planung und Leitung" bilden sollte. Bis zu seiner Entmachtung versprach er sich von der Steigerung der Arbeitsproduktivität, der Nutzung von Wissenschaft als unmittelbarer Produktivkraft und der "Meisterung" der "wissenschaftlich-technischen Revolution" den Beweis der endgültigen Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus, insbesondere dem der Bundesrepublik.

So besehen, ist Ulbricht also nur in einem sehr spezifischen Sinne als Reformer anzusehen. Der Alt-Stalinist hatte nur früher und deutlicher als seine Widersacher erkannt, auf welchem Felde die Überlebenschancen des "real existierenden Sozialismus" zu suchen waren [53] .

1967 war beschlossen worden, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung deutlich zu steigern und beschleunigt Automatisierungsprozesse voranzutreiben [54] . Allerdings wirkten sich zu diesem Zeitpunkt bereits gravierende fehlerhafte Weichenstellungen aus den Nachkriegsjahren aus. Mit den Enteignungen seit den vierziger Jahren war ein großes Potenzial von "Humankapital" zwangsweise aus der Wirtschaft eliminiert worden [55] . Weiterhin forderte die an Stalins Prinzipien orientierte Entscheidung, eine eigene Grundstoffindustrie aufzubauen, ebenso einen (zu) großen Teil der volkswirtschaftlichen Ressourcen wie die von der Sowjetunion erwünschte Aufrüstung seit den Jahren 1952 bis 1955.

Die Wurzeln für die Stagnation nicht nur der Wirtschaft seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre reichten also weiter zurück als bis zum Amtsantritt Honeckers. Die Reformfeindlichkeit des "real existierenden Sozialismus" scheint ein systemimmanentes Phänomen gewesen zu sein. Der dauerhafte Rückgang der Investitionsquote unter Honecker wäre damit gleichwohl nur ein Symptom. Als letztes deutliches Signal für die Modernisierungsfeindlichkeit der DDR wäre zu werten, dass die Quote der Studierenden eines Geburtsjahrgangs seit den siebziger Jahren sank und 1989 gerade die Hälfte der entsprechenden Zahlen der Bundesrepublik erreichte [56] .

Fußnoten

51.
Vgl. u. a. Gernot Gutmann, In der Wirtschaftsordnung der DDR angelegte Blockade und Effizienzhindernisse für die Prozesse der Modernisierung, des Strukturwandels und des Wirtschaftswachstums, in: Die Endzeit (Anm. 45), S. 1 ff.
52.
Mario Frank, Walter Ulbricht. Eine deutsche Biographie, Berlin 2001, S. 351.
53.
Vgl. Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962-1972, Berlin 1997, S. 57 ff.
54.
Vgl. Gerhard Naumann/Eckhard Trümpler, Von Ulbricht zu Honecker. 1970 - ein Krisenjahr der DDR, Berlin 1990, S. 9.
55.
Vgl. Oskar Schwarzer, Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR. Ergebnisse eines ordnungspolitischen Experiments (1945-1989), Stuttgart 1999, S. 95 f.
56.
Vgl. Jürgen Kocka, Ein deutscher Sonderweg. Überlegungen zur Sozialgeschichte der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40/1994, S. 42.