Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
André Steiner

Werden und Vergehen der DDR-Mark

Auf der Grundlage des Entwurfs der DZFV ordnete der Oberste Chef der SMAD am 21. Mai 1948 an, die Deutsche Emissions- und Girobank zu gründen, um die Tätigkeit der Emissions- und Girobanken der Länder zu koordinieren sowie den Geldumlauf und den Kredit- und Zahlungsverkehr zu regeln. Allerdings hatte diese Bank nur eingeschränkt die Funktionen einer Zentralbank: Anders als ihr Name vermuten lässt, erhielt sie nicht das Recht, Banknoten zu emittieren.[9] Vermutlich wollte die sowjetische Seite (noch) nicht enthüllen, wie weit ihre Vorbereitungen für die Währungsreform gediehen waren. Zunächst hatten sowohl die Westalliierten als auch die Sowjetunion angestrebt, die währungspolitische Einheit Deutschlands beizubehalten, aber beide Seiten verfolgten eine Doppelstrategie, mit der "auf Basis der eigenen Vorstellungen auch die Kompromissfähigkeit der jeweils anderen auszuloten" war und wollten "im Fall des Scheiterns der Viermächteverhandlungen die Schuld für die mit separaten Währungsreformen einhergehende endgültige Spaltung Deutschlands von sich selbst abwälzen", so der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim.[10]

Anscheinend hatten sich beide Seiten bereits Anfang 1948 auf separate Währungsreformen festgelegt. Als schließlich die Westalliierten am 18. Juni 1948 für den 20. Juni die Währungsreform in den Westzonen ankündigten, verboten die Sowjets, das neue Westgeld in der SBZ zirkulieren zu lassen. Zugleich mussten im Osten rasch ähnliche, längst vorbereitete Maßnahmen ergriffen werden, da ansonsten die im Westen wertlosen Reichsmarknoten nach Ostdeutschland fließen würden.

Wegen fehlender neuer Banknoten wurde der Währungsschnitt in der SBZ in zwei Stufen durchgeführt. Zunächst beklebte man die alten Reichsmarkbanknoten mit vorbereiteten Spezialkupons. Diese lösten sich aber infolge des schlechten Leims oft von den Banknoten, weshalb die "Kuponmark" im Volksmund "Tapetenmark" hieß. Ab dem 24. Juni erhielten die Einwohner der SBZ und Berlins (einschließlich der Westsektoren) 70 "Kuponmark" zum Kurs von 1:1 gegen die alte Währung. Weiteres Bargeld sollte auf Konten eingezahlt und 10:1 umgetauscht werden, aber erst später verfügbar sein. Preise, Löhne, Gehälter, Pensionen, Renten und Stipendien sowie Steuern wurden 1:1 umgestellt. Zwischen dem 25. und 28. Juli erfolgte dann ein zweiter Bargeldumtausch, bei dem die Kuponmark 1:1 von der "Deutschen Mark der Deutschen Notenbank" ersetzt wurde. Diese war nun das ausschließliche gesetzliche Zahlungsmittel in der SBZ, der späteren DDR. Zugleich wurde die Deutsche Emissions- und Girobank in Deutsche Notenbank (DNB) umbenannt und ihr das ausschließliche Emissionsrecht verliehen.[11]

Allerdings blieb die Währungsreform im Osten – vor allem aufgrund politisch motivierter Ausnahmeregeln – unzureichend und hinter den Ergebnissen im Westen zurück. Beim Bargeldumtausch wurde lediglich in einem Verhältnis von 6,8:1 abgewertet; die umlaufende Menge an Bargeld je Kopf der Bevölkerung war danach in der SBZ anderthalbmal so hoch wie in den Westzonen. Ungenügend blieb auch die Umbewertung der Einlagen bei den Kreditinstituten. Von den im Mai 1945 durch die Sowjets mit der Kontensperre blockierten Guthaben wurde im Rahmen der Währungsreform nur ein unbedeutender Teil umgewertet, da bei diesen "Uraltkonten" der "rechtmäßige Erwerb" nachzuweisen war. Die seit dem 8. Mai 1945 entstandenen Spareinlagen stellte man nach differenzierten Sätzen um, um Kleinsparer zu begünstigen: Bis 100 Reichsmark waren sie 1:1, bis 1.000 Reichsmark 2:1, bis 5.000 Reichsmark 5:1 und ab 5.000 Reichsmark 10:1 umzutauschen. Alle anderen Einlagen, also Nicht-Spareinlagen, sollten im Prinzip 10:1 abgewertet werden. Die laufenden öffentlichen Haushalte und das Eigenkapital der Banken wurden jedoch gesondert 1:1 umbewertet. Konten von NS-Aktivisten und Kriegsverbrechern annullierte man. Die innere Reichsschuld, also die Forderungen der privaten Haushalte und Unternehmen an das Reich, wurde gestrichen.

Gravierend waren die Ausnahmeregeln: Staatliche Betriebe, politische Parteien und Verbände sowie Gewerkschaften (auch sowjetische Institutionen) konnten ihre Einlagen 1:1 umstellen. Derweil hatten private Unternehmer all ihre Einlagen 10:1 abzuwerten. Damit sollten den staatlichen Betrieben bessere Startchancen gewährt werden. Im Resultat lagen auch die Pro-Kopf-Einlagen im Bankensystem nach der Währungsreform in der SBZ höher als im Westen. Die gesamte Geldmenge je Kopf der Bevölkerung war im Osten schließlich doppelt so groß wie die der Westzonen.[12]

Die westliche Währungsreform hatte einen gänzlich anderen Charakter, weil mit ihr zugleich die staatliche Preisregulierung und Bewirtschaftung im Grundsatz aufgehoben und damit wieder eine Marktwirtschaft etabliert wurde. In der SBZ stand die Währungsreform im Zusammenhang mit einer Reihe von Schritten, die den Weg zu einer zentralgeleiteten Planwirtschaft nach sowjetischem Muster markierten: Die DWK wurde 1948 mit weitgehenden Weisungsrechten als zentrale Lenkungsinstitution neu konstituiert und man begann, längerfristige Pläne wie den Zweijahrplan auszuarbeiten. Die DNB wurde der DWK nachgeordnet und hatte nunmehr "die Wirtschaftsplanung mit allen Mitteln der Geld- und Kreditpolitik aktiv zu unterstützen".[13] Das Zusammentreffen dieser ordnungspolitischen Schritte bestätigte den Eindruck der Zeitgenossen, dass mit den separaten Währungsreformen in West und Ost die Spaltung Deutschlands immer offener zutage trat. Mit den Veränderungen 1948 begab man sich auf den Weg, auf dem auch der Geld- und Finanzsektor zu einem Instrument zur Durchsetzung der zentralistischen, staatlich bestimmten Planwirtschaft und schließlich zu einem Teil von ihr wurde.

Fußnoten

9.
Steiner (Anm. 2), S. 323.
10.
Buchheim (Anm. 8), S. 127; Laufer (Anm. 6), S. 479f.
11.
Laufer (Anm. 6), S. 479f.; Zschaler (Anm. 1), S. 207f.
12.
Vgl. André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Berlin 2007, S. 62.
13.
Zschaler (Anm. 7), S. 65.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: André Steiner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.