Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Jan-Martin Zollitsch

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Guam

Auch in der Geschichte Guams finden sich oft genug fixe Zuschreibungen. Die Aufforderung zu einem archipelagischen Denken aufgreifend, sollen diese im Folgenden problematisiert und eine nachträgliche multiperspektivische Öffnung der Geschichte der Insel versucht werden.

Als prototypisch für das schematische Bild Guams könnte Antonio Pigafetta genannt werden, Chronist der Magellan’schen Weltumseglung und damit auch der paradigmatischen "Entdeckung" der Insel und ihrer Bevölkerung 1521 nach einer strapaziösen Pazifiküberquerung. Der italienische Beobachter schrieb, dass die Einwohner*innen der Inselregion "bevor sie uns sahen, glaubten, die einzigen Menschen auf der Erde zu sein".[17] Diese chauvinistische Akzentuierung der wechselseitigen "Entdeckungsleistung" in seinem viel gelesenen Reisebericht machte aus der Lokalbevölkerung ignorante Inselbewohner*innen: Indem ihre Insularität (lies: Isolation) enthüllt, ihr aufgedecktes, unzulängliches Dasein für "das Wissen" erschlossen wurde, konnte gleichzeitig der eigene Wissensvorsprung behauptet werden. Im Vergleich mit der ein Jahrhundert später entstehenden Bacon’schen Inselutopie fällt auf, dass sich dort eine genaue Umkehrung dieser Asymmetrie findet, ist es doch dort die Inselbevölkerung, die bestens über das Geschehen im Rest der Welt unterrichtet ist, wohingegen die Außenwelt nicht einmal Kenntnis von der Existenz dieses Eilands besitzt.

Stigmatisierender als das Entdeckungsnarrativ war wohl noch die Namensgebung, die Magellan und seine Mitreisenden vornahmen: Der Umstand einer konfliktreichen Erstbegegnung, die von kulturellen Missverständnissen und Gewalt geprägt gewesen war, schlug sich in Pigafettas Nacherzählung in einer Diffamierung der Inselbewohner*innen als "Diebe" nieder, weshalb sich – trotz neuerer, konkurrierender Toponyme wie "Marianen" – noch bis ins 20. Jahrhundert auch die Bezeichnung "Ladronische Inseln" (vom spanischen ladrones für "Diebe") für die Guam umschließende Inselgruppe halten sollte. Für die Bevölkerung spielte sich im weiteren Kontakt mit durchreisenden Handelsschiffen der Kollektivbegriff "Chamorro" ein, in Adaption einer Selbstbezeichnung der lokalen Führungsschicht.[18] Als "arme Indianer" wurden sie wiederum im Kontext der Etablierung einer antispanischen "leyenda negra" ("schwarze Legende") als zumeist stumme Zeugen für die repressive, rückständige Kolonialpolitik Spaniens ins Feld geführt.[19] Im vormals ob der spanischen Vorherrschaft gerne als "spanischer Teich" titulierten Pazifik trumpften nun auch andere Großmächte auf, allen voran das Vereinigte Königreich, das seinerseits mit Kriegsschiffen und Narrativen Politik machte.

Das heißt nicht, dass den Stimmen der Chamorro in englischen Reiseberichten – wie jenem über George Ansons längeren Aufenthalt auf Tinian, einer Nachbarinsel Guams, im Jahr 1742 – viel Platz eingeräumt worden wäre. Indirekt ist es jedoch durchaus möglich, solche vordergründig eindimensionalen Darstellungen zu multiperspektivieren und eine mitunter im Subtext der Quelle enthaltene Information zum Sprechen zu bringen: So ermöglichte die detaillierte, mit Maßangaben versehene Illustration einer "fliegende[n] Proa" in "Lord Ansons Reise um die Welt" einer Gruppe von Chamorro-Aktivisten 2011 den Nachbau eines dieser für das Archipel so charakteristischen Auslegerkanus mit dreieckigem Lateinersegel, das heute die Flagge Guams schmückt.[20] Diese trägt seit 1948 einen blutroten Rand, der mit dem idyllischen Emblem in der Mitte kontrastiert und an das Leid der Inselbevölkerung im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Dass Guam im Verlauf des Pazifikkriegs ins Fadenkreuz geraten sollte, hatte nicht nur mit der Lage der Insel zu tun, sondern auch damit, dass die Insel 1898/99 in US-amerikanischen Besitz übergegangen war.

Fußnoten

17.
Zit. n. Oscar Koelliker, Die erste Umseglung der Erde durch Fernando de Magallanes und Juan Sebastian del Cano 1519–1522, München–Leipzig 1908, S. 129f. Vgl. Xavier de Castro/Jocelyne Hamon/Luís Filipe Thomaz (Hrsg.), Le voyage de Magellan (1519–1522). La relation d’Antonio Pigafetta & autres témoignages, Bd. 1, Paris 2007, S. 122.
18.
Vgl. Ulrike Strasser, Rome to Guam and Back: The Re-Formation of Chamorro Identity in a Changing World, in: Archiv für Reformationsgeschichte 1/2017, S. 212–222, hier S. 215; Frank Quimby, The Hierro Commerce. Culture Contact, Appropriation and Colonial Entanglement in the Marianas, 1521–1668, in: The Journal of Pacific History 1/2011, S. 1–26, hier S. 11.
19.
Richard Walter, Des Herrn Admirals, Lord Ansons Reise um die Welt, neue durchgehends verbesserte und vermehrte Auflage Göttingen 1763, S. 430; vgl. auch David Atienza, A Mariana Islands History Story: The Influence of the Spanish Black Legend in Mariana Islands Historiography, in: Pacific Asia Inquiry 1/2013, S. 13–29.
20.
Walter (Anm. 19), S. 468, Abb. 20; vgl. Mario Borja, Our Sakman Story, 4.1.2017, http://www.guampedia.com/chamoru-seafaring-lexicon-workshop«.
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