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30.4.2004 | Von:
Gerhard Amendt

Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf

Väterlichkeit nach der Scheidung

Schuldabwälzungen von Exfrauen belasten Männer, aber es gibt darüber hinaus weitere Hindernisse, die ihnen den Kontakt zu ihren Kindern erschweren.

Unsere Forschung hat gezeigt, dass sich Männer nach der Scheidung ihren Kindern gegenüber gern wie früher verhalten möchten, d.h. wie zuvor den Alltag mit ihren Kindern gestalten wollen. Sie wollen, dass sich nichts ändert. Irgendwann merken sie, dass das nicht möglich ist.

Unsere Interviews haben uns Väterlichkeit als etwas sehr Individuelles vorgeführt. Sie ist von der Gesellschaft, aber immer auch von der Persönlichkeit des Vaters geprägt, die jeder Mann ungeachtet aller kulturellen Faktoren, die ihn formen, entwickelt. So waren Väter aus der Arbeiterschaft oder aus Schichten mit geringer Bildung immer etwas anders als etwa die Väter in Thomas Manns Buddenbrooks oder den Mittelschichten. Anders zu sein heißt jedoch nicht, schlechter oder besser zu sein.

Väterlichkeit hat es schon immer in unterschiedlichen Ausprägungen gegeben. Es verwundert, dass solche Trivialitäten der Erinnerung bedürfen. Des Rätsels Lösung liegt darin, dass Männlichkeit und Väterlichkeit unter den bereits angedeuteten Patriarchatsmythos[24] gezwungen wurden. Es sollte keine väterliche Individualität, sondern nur noch ein gewalttätiges und sexuell Missbrauch ausübendes Väterkollektiv geben. Daraus erklärt sich das ungebrochene genderfeministische Plädoyer für das alleinige Sorgerecht von Müttern, die den Vätern von Fall zu Fall nach Bewährung den Besuch ihrer Kinder gestatten wollen.

Nach der Scheidung müssen sich Männer auf veränderte Beziehungen zu ihren Kindern einstellen. Ob sie das schaffen oder nicht, hängt wesentlich davon ab, wie die Aufgaben des Broterwerbs und der Kinderversorgung früher untereinander abgesprochen waren. Wir gehen von zwei gegensätzlichen Modellen aus. Väterlichkeit und Mütterlichkeit sind in jedem Fall aber immer eine Mischung aus beiden.

Im ersten Modell gibt es eine Arbeitsteilung, in der sich die Elternschaft durch Gegensätzlichkeit vervollständigt. Der Mann sorgt allein für den Broterwerb, während sich die Frau allein um die Kinder und den Haushalt kümmert. Jeder respektiert den anderen und verlässt sich darauf, dass diese oder dieser pflichtbewusst und erfolgreich ist. Keiner von beiden macht obendrein dem anderen sein Terrain streitig. Das verhindert Konflikte, die aus dem Wunsch nach Veränderung entstehen.

Im zweiten Modell ist die Arbeit so aufgeteilt, dass beide zu gleichen Teilen für den Haushalt und den Broterwerb sorgen. Beide Teile respektieren diese Aufteilung und keiner will sie zu Lasten des anderen verändern.

Von diesen beiden Formen der Arbeitsteilung hängt es nun ganz wesentlich ab, ob es einem Scheidungsvater leicht fällt, den Kontakt zu seinen Kindern zu organisieren, oder ob er erst einmal vor einer neuen Welt steht.[25]

Im ersten Modell - gegensätzliche Vervollständigung - sind Väter einseitig kompetent für den Broterwerb, nicht jedoch für den Haushalt und den alltäglichen Umgang mit ihren Kindern. Nach der Scheidung müssen sie nicht selten auch das Terrain der Exfrau beherrschen, das heißt selbst erledigen, was früher die Partnerin für sie mit erledigte. Das ist ein Problem, das beachtliche Anpassungen erfordert. Männer entwickeln hier sehr individuelle Lösungen, mit denen sie auf die neuen Anforderungen reagieren. Eine davon ist der Rückgriff auf die eigenen Eltern. Er ist zwar hilfreich, aber er verschafft nur vorübergehend Luft. Zwischenzeitlich haben sich Vereine wie "Väteraufbruch für Kinder" (VAfK) dieser Aufgabe, neben vielen anderen Problemen von Scheidungsvätern, angenommen. Sie leisten solidarische und praktische Hilfe.

Sozialpolitisch hingegen wird davon keine Kenntnis genommen. Vielmehr wird VAfK-Vereinen die Unterstützung verweigert, die Anerkennung durch Träger der Freien Wohlfahrt versagt, weil in altfeministisch dominierten Verwaltungen Scheidungsväter rigoros auf gute oder schlechte Unterhaltszahler reduziert werden. Deren Rechte und Wünsche nach väterlichen Beziehungen werden allenfalls als störend empfunden. In solchen Einrichtungen machen Männer gerade der unteren Einkommens- und Bildungsschichten häufig bedrückende Erfahrungen. Die bereits erwähnte Demokratiekritik macht sich vor allem an Jugendämtern fest.

Das erste Modell der streng geteilten Zuständigkeiten birgt noch ein weiteres gravierendes Problem: Der vor allem am Broterwerb orientierte Mann ist auch nach der Scheidung auf die Anerkennung seiner Väterlichkeit durch die Exfrau angewiesen. Nun versagt sie ihm diese, auch die Bestätigung der väterlichen Nützlichkeit seiner Arbeit zum Wohl der Familie fällt weg. Nach der Scheidung gibt es dafür keinen Ersatz. Viele Scheidungsväter scheinen jedoch diese Anerkennung von der Exfrau weiterhin zu erwarten, zumal ihnen diese sonst kaum jemand geben kann. Die ausbleibende Anerkennung scheint ein höchst wirksames Mittel zu sein, das Männer - neben anderem - dazu bringt, ihre Unterhaltszahlungen einzustellen. Ohne Anerkennung erleben sie sich als Geldmaschine oder Dukatenesel, die sie nicht sein wollen.[26] Das ist ein Ergebnis der Forschungen von Sanfod L. Braver in den USA wie unserer eigenen. Aber möglicherweise gehört dieser Verlust der liebevollen Anerkennung zum typischen Schicksal jener Väter, die einst mit ihrer Partnerin nach dem Modell der streng geteilten Zuständigkeiten gelebt haben. Diese kaum erfüllbare Erwartung ist nach der Scheidung vielfach ein Grund dafür, dass sie den Kontakt zu ihren Kindern zerbröckeln lassen oder gar abbrechen. Wahrscheinlich lässt sich dieses Problem nur ganz allmählich lösen; dann nämlich, wenn Mythen von "verantwortungslosen Scheidungsvätern" aus dem öffentlichen Bewusstsein weichen und die Wirklichkeit von Scheidungsvätern wahrgenommen wird und deren außerfamiliäre Wertschätzung wieder einsetzt.[27]

Das zweite Modell hingegen, das durch gegenseitige Ergänzung (beide arbeiten draußen und drinnen) beschrieben wurde, macht es dem Vater leichter, an seine Väterlichkeit in guten Zeiten anzuknüpfen. Die organisatorische Abwicklung der Besuchstermine bedeutet für ihn nichts Neues. Aber auch er muss sich darauf einstellen, dass er mit seiner Expartnerin nicht mehr als Paar den Kindern gegenüber auftreten kann. Auf die gegenseitige Anerkennung, auch dessen, was beide gemeinsam hälftig machten, muss auch dieser Vater verzichten.[28]

Offenbar sind die Gewohnheiten aus den guten, partnerschaftlichen Zeiten noch immer ein mächtiger Wirkfaktor im Leben nach der Scheidung, und zwar sehr viel stärker, als hier in einer ausgewählten Facette angedeutet wurde. Letztlich geht es darum, für die Vaterschaft und die Männlichkeit nach der Scheidung einen Weg zu finden, welcher der Tatsache Rechnung trägt, dass der Vater in seiner Beziehung zu den Kindern jetzt ohne die Partnerin auskommen muss. Für viele geschiedene Männer ist das deshalb mehr als vertrackt, weil sie zwar geschieden sind, aber die alte Beziehung eigentlich fortsetzen möchten.[29]


Fußnoten

24.
Vgl. David Blankenhorn, Fatherless America. Confronting Our Most Urgent Social Problem, New York 1995.
25.
Selbstverständlich müsste diese Frage auch für die Mütterlichkeit gestellt werden.
26.
Vgl. S. L. Braver (Anm. 6), S. 175 - 179.
27.
Vgl. G. Amendt (Anm. 9).
28.
Das Anerkennungsproblem haben auch geschiedene oder getrennte Frauen. Sie finden allerdings gesellschaftliche Anerkennung, aber leider nur in der entmutigenden Opferfigur der "allein erziehenden, allein gelassenen verarmten Mutter".
29.
Vgl. G. Amendt, Geschiedene Väter in Zahlen, 2004 (i.E.; voraussichtlich Herbst 2004).