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30.4.2004 | Von:
Elisabeth Schlemmer

Familienbiografien und Schulerfolg von Kindern

Biografischer Verlauf von Familienereignissen und Schulkarrieren - zwei Fallstudien

Die folgenden Fallstudien von Anna und Fritz[10] sollen anhand der Darstellung von biografischen Verläufen Chancen und Risiken von Familienereignissen verdeutlichen. Hierzu führe ich qualitative Längsschnittdaten (Panel) des Bamberger Projektes "Familienänderung und Schulerfolg" vor. Die Auswahl der beiden Fälle wurde nach folgenden Kriterien getroffen:

- Das sozialemotionale Verhalten beider Kinder wird als problematisch eingestuft.

- Beide Familienbiografien sind aufgrund von Trennung, Scheidung und Zusammenzug bzw. Wiederverheiratung der Eltern komplex.

- Die Schulkarrieren verlaufen entgegengesetzt, also einmal erfolgreich und einmal nicht: Die Daten von Anna und Fritz wurden 1996 in der ersten Welle in der Grundschule und 1998 in der zweiten Welle in der Sonderschule und im Gymnasium erhoben.

Fritz ist ein Pendelkind. Er lebt abwechselnd bei Mutter und Vater. Die Eltern von Fritz haben beide Abitur. Der Vater ist Vollzeit erwerbstätig. Die Mutter studierte zum Zeitpunkt der ersten Welle noch und war in der zweiten Welle Vollzeit erwerbstätig. Fritz erlebt die Trennung seiner Eltern mit fünf Jahren, die Scheidung wie auch den Zusammenzug des Vaters mit einer neuen Partnerin mit sieben Jahren und ein Jahr später den Zusammenzug der Mutter mit einem neuen Partner.

Anna lebt bei der Mutter. Ihre Mutter war in der ersten Welle arbeitslos, in der zweiten Welle Teilzeit erwerbstätig. Sie hat Hauptschulabschluss; der Vater war Vollzeit erwerbstätig und hat ebenfalls Hauptschulabschluss. Anna erlebt die Scheidung ihrer Eltern mit drei Jahren, einen ersten Zusammenzug ihrer Mutter mit einem neuen Partner mit vier und einen zweiten mit fünf Jahren. Sowohl Anna als auch Fritz reagieren auf die unsicher gewordene Familiensituation nach der Trennung ihrer Eltern mit Gehorsamsverweigerung: Fritz' Mutter erzählt von "Disziplinschwierigkeiten", und Annas Mutter meint, dass "das Kind stur und aggressiv geworden ist". Das Leistungsverhalten von Anna und Fritz wird zum Zeitpunkt des Ereignisses bzw. zu Beginn der Schulzeit negativ beurteilt: Zum Zeitpunkt des Zusammenzugs des Vaters und auch der Mutter mit jeweils neuen Partnern geht Fritz bereits in die zweite bzw. dritte Klasse. Die Mutter berichtet von "Tagträumerei" und dass er "unkonzentriert" sei. Das Leistungsverhalten von Anna wird bereits in der ersten Klasse von ihrer Mutter als sehr schlecht beurteilt. Anna und Fritz zeigen in der Intensität ihres Problemverhaltens zum bzw. nahe am Ereigniszeitpunkt ein ähnlich problematisches sozialemotionales und Leistungsverhalten.

Der Konsolidierungsverlauf bis zum Zeitpunkt der ersten Welle ist jedoch deutlich zu unterscheiden. Die Mutter von Fritz bescheinigt ihm zu dieser Zeit (er ist nun elf Jahre alt) soziale Kompetenz im Umgang mit Familienproblemen. Ihr fällt auf, dass er "mit zunehmendem Alter seine Probleme eher rational löst ... Er trennt die Welt von Schule und Haushalt bei mir/Haushalt beim Vater emotional voneinander".

Der Grundschullehrer aus der ersten Welle begründet sein Urteil über Fritz mit dem Elternhaus: "Eltern stehen vor der Scheidung." Fritz sieht er "sehr willig, aber oft oberflächlich und wenig fleißig". Trotzdem gelingt Fritz der Übertritt in das Gymnasium.

Die Mutter von Anna dagegen verweist darauf, dass deren Verhalten nach wie vor schwierig sei, allerdings erweist sich ein Hortwechsel als günstig: Das "soziale Verhalten des Kindes nach dem Hortwechsel ab der 2.Klasse wurde besser, auch im Freundeskreis".

Anna bleibt besonders auffällig, dies führt ein Jahr nach der ersten Welle mit 11Jahren zu einer Heimeinweisung, und sie wiederholt die Klasse. Die Ursache von Annas Problemen sieht der Grundschullehrer ebenfalls im "problematischen Elternhaus": "Die Mutter ist allein erziehend, hat aber einen Partner." Er urteilt, dass Anna "unkonzentriert, nicht sehr belastbar, unruhig, besonders auffällig, unheimlich zappelig ist ... Bei einer Klassenfahrt wollte niemand mit Anna im Zimmer sein. Das Mädchen hat nicht viele Freunde aus der Nachbarschaft, die Lerninhalte überfordern sie."

Die weitere Entwicklung des Verhaltens bis zur zweiten Welle verdeutlicht, dass auch bei Fritz die Familienproblematik weiterhin besteht. Nun ist Fritz 13Jahre alt; seine Mutter und sein Vater sind beide seit einem Jahr wieder verheiratet. Der Vater verweist darauf, dass Fritz' Leistungen sich verschlechtert haben. Er teilt mit: "Kind lebte bei mir und bei leiblicher Mutter, wollte ganz zu mir."

Der Gymnasiallehrer aus der zweiten Welle bescheinigt Fritz sowohl Leistungs- als auch soziale Probleme, er erweist sich jedoch als integrationsfähig: "Der Schüler kommt mit dem gymnasialen System besser zurecht, er war letztes Jahr aggressiver, hatte zuerst Schwierigkeiten Freunde zu finden, hat sich in die Klassengemeinschaft eingeordnet und hat nun Kontakt zu zwei anderen Schülern."

Die Entwicklung von Anna zeigt bis zur zweiten Welle - und nach der Heimeinweisung - erste Fortschritte. Anna ist nun 12Jahre alt, und die Mutter meint, dass "das Mädchen selbstbewusster würde".

Anna wird in die Förderschule für Erziehungshilfen überwiesen. In der zweiten Welle verweist der Förderschullehrer zwar immer noch auf schwerwiegende Probleme bei Anna, dokumentiert jedoch ebenfalls eine Besserung ihres sozialemotionalen Verhaltens: "Anna möchte immer im Vordergrund stehen, sie hat Streit mit anderen Schülern. Andererseits hilft sie schwachen Schülern, auch im Schulbus. Sie bricht das Vorhaben ab, wenn sich nach kürzerer Zeit kein Erfolg einstellt; sie macht durch vorlaute Äußerungen auf sich aufmerksam. Im 2.Halbjahr ist eine deutliche Besserung eingetreten."

Obwohl beiden Scheidungskindern Konzentrationsschwächen und Disziplinprobleme bescheinigt werden, sind ihre Schulkarrieren extrem unterschiedlich. Die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten ergeben sich nach diesen Fallstudien aus der unterschiedlichen sozialemotionalen Kompetenz der beiden Schulkinder: Fritz zeigt trotz vorhandener Probleme bereits vor dem Übertritt in die weiterführende Schule die Fähigkeit zur Distanz und damit Ich-Stärke, während Anna mit mangelndem Selbstwertgefühl und Anerkennungsproblemen kämpft. Bei Anna erfolgt die Stabilisierung - aus dem Blickwinkel der schulischen Selektionsschwellen - im Grunde zu spät, um eine negative Schulkarriere abwenden zu können. Zusätzlich belegt der biografische Verlauf bei Anna, dass die Wiederholung der Klasse wirkungslos war.

Soziale Unterstützungsfaktoren lassen sich sowohl bei Anna als auch bei Fritz ausfindig machen: Bei Anna macht sich - allerdings zu spät - die sozialpädagogische Unterstützung (nach Heimeinweisung) positiv bemerkbar. Fritz ist im Vergleich zu Anna "privilegiert"; er ist durch sein bildungsnahes Elternhaus abgesichert.

Diese beiden Fälle dokumentieren, dass es bei vergleichbaren Familienbiografien zu gegenläufigen Schulkarrieren kommen kann. Welchen Schulerfolg haben Kinder mit ähnlichen Familienbiografien im Durchschnitt zu erwarten?


Fußnoten

10.
Die Kinder wurden aus Gründen des Datenschutzes mit Nummern erhoben; die Namen sind folglich frei erfunden.