Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Tomas Vollhaber

Deaf Studies neu denken - Essay

Für eine körperorientierte Wende

Die Entscheidung der Deaf Studies für die Rezeption des dichotomen "Zwei-Welten-Konstrukts" mit einer Welt der Gehörlosen, die über eine eigene Geschichte und Kultur verfügt und sich von der kulturellen Sicht eines behinderten Körpers distanziert, befindet sich in der Tradition der metaphysischen Geist-Körper-Dichotomie mit ihrer Idealisierung von Geist und Kultur und ihrer Verachtung des defizitären und hinfälligen Körpers. In den Vorstellungen der gehörlosen Vertreter der Deaf Studies von Sprache und Kultur Gehörloser spiegelt sich jenes platonische Ideal der Unsterblichkeit von Geist, Idee, Schönheit und Logos, während sich am tauben Leib das Vergängliche, Defizitäre, Hinfällige und Nichtvollkommene des Körpers zeigt.

Die bei den Deaf Studies zu erkennende Körperablehnung beziehungsweise Körpervergessenheit beobachtet die Soziologin Anne Waldschmidt mit Blick auf die Disability Studies sowohl für deren medizinisches Modell von Behinderung mit seiner Vorstellung der Reparaturbedürftigkeit des behinderten Körpers als auch für das soziale Modell mit seiner Unterscheidung von Beeinträchtigung (impairment) und Behinderung (disability). "Vor allem in körpertheoretischer Hinsicht verdient das soziale Modell tatsächlich Kritik", denn mit seinem Fokus auf die kulturelle Bedingtheit von Behinderung und seinem Verschweigen körperlicher Differenz basiere es "ganz offensichtlich auf einer kruden Dichotomie von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘, von ‚impairment‘ und ‚disability‘". Es seien vor allem politische Gründe, die diese Dichotomie motivierten: "Von den Vertretern des sozialen Modells wird heftig bestritten, dass es eine kausale Beziehung zwischen ‚impairment‘ und ‚disability‘ gibt. Man befürchtet offenbar, dass das Zugeständnis einer Verbindung die Politikfähigkeit der Behindertenbewegung schwächen könnte."[7]

Sowohl das medizinische als auch das soziale Modell der Disability Studies und damit analog sowohl das medizinische (deaf) als auch das kulturelle Modell (Deaf) der Deaf Studies teilen eine gemeinsame Sicht auf Behinderung. Mit Blick auf die Disability Studies schreibt Waldschmidt: "Beide Ansätze nehmen Behinderung primär als ein ‚Problem‘ wahr, das in irgendeiner Weise der ‚Lösung‘ bedarf",[8] wobei sich die "Lösungsansätze" der beiden Studies nicht wesentlich unterscheiden: Die Anhänger des sozialen Modells der Disability Studies und des kulturellen Modells der Deaf Studies sehen die Verantwortung bei der Gesellschaft und fordern Barrierefreiheit; Deaf Studies zudem die Anerkennung als sprachliche Minderheit.

Das soziale Modell der Disability Studies versucht Waldschmidt durch ein kulturelles Modell zu ergänzen, welches dichotome Konstruktionen von Normalität und Nichtnormalität, von Behinderung und Nichtbehinderung infrage stellt. Es ist das Modell, das das normative Körperbild des medizinischen und die Körpervergessenheit des sozialen Modells kritisiert und den Körper in den Mittelpunkt seines Denkens positioniert. Für Deaf Studies hieße das: Wenn mit Gehörlosigkeit weniger ein zu bewältigendes Problem als vielmehr eine spezifische Form der Problematisierung körperlicher Differenz dargestellt wird,[9] ließe sich in Bezug auf Deaf Studies fragen: Was wäre, wenn sich ein Nachdenken auf eine Kritik des Hörens richtet und damit den Körper (nicht)hörender Menschen in den Fokus seiner Überlegungen rückt?

Wenn es um eine körperorientierte Wende geht, dann werden Deaf Studies als Raum dieser Wende differente körperliche Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen und das Hören einer radikalen Kritik unterziehen, die sich in der Kritik an der dichotomen Ordnung des "Zwei-Welten-Konstrukts" ausdrückt. Der Vorschlag des Philosophen Homi Bhabha, nicht Diversität, sondern Differenz in den Mittelpunkt zu rücken,[10] hieße übertragen auf Deaf Studies, statt auf die Diversität einer tauben und einer hörenden Welt und auf eine Konstruktion tauber und hörender Identitäten und Kulturen zu bauen, den Fokus auf die Differenz unterschiedlich hörender beziehungsweise tauber Menschen zu richten. Das wäre ein Weg, Studierende der Deaf Studies für Sprachen und Sprecher zu sensibilisieren, in denen sich die Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen und fremden Körpers zwischen performativer Präsentation und symbolischer Repräsentation bewegen. Wie ist ein solcher Raum vorstellbar, der die Differenz nicht nur zeigt, sondern sie auch gestaltet? Während Alltagssituationen in der Regel darauf ausgerichtet sind, diese Differenz zu überwinden und auszulöschen, eröffnen Literatur, Film, darstellende und bildende Kunst Räume, die ihren Reichtum aus dieser Differenz schöpfen.

Differente körperliche Erfahrungen in der Gebärdensprachkunst

In den vergangenen 30 Jahren haben gebärdensprachliche Kunstformen eine besondere Beachtung durch die Veränderungen des Verständnisses von Gebärdensprache erfahren. Diese haben nicht nur die traditionellen Formen des Gehörlosentheaters beeinflusst, sondern auch neue Möglichkeiten einer Zusammenarbeit von Gehörlosen und Hörenden geschaffen.

Mit Blick auf das Gebärdensprachtheater betrifft das Produktionen, die gemeinsam von Hörenden und Gehörlosen erarbeitet worden sind und dabei Ausdrucksformen des bürgerlichen Repräsentationstheaters kritisch reflektieren. Ihre sprachkritischen Inszenierungen wollen einen Raum schaffen, in dem sich taube und hörende Menschen begegnen; in dem die Konflikte, die in der Zusammenarbeit entstehen, das Material produzieren, aus dem heraus eine künstlerische Form entwickelt wird. Beispielhaft sei auf die aktuelle Produktion "Und wir flogen tausend Jahre" hingewiesen,[11] die damit wirbt, dass hier sowohl gebärdet als auch gesprochen wird. In dem interaktiven Theaterstück imaginieren sich ein hörender und ein tauber Held zu Astronauten, die auf ihrer Reise durch den Kosmos vor ungeahnten Herausforderungen stehen. Um sich zu verständigen, nutzen die beiden Helden neben ihrer Laut- und Gebärdensprache, die sie beim jeweils anderen kaum verstehen, mimetische Mittel, derer sich jedes Kind und jeder Erwachsene bedient und die so etwas wie ein universelles Register darstellen. Damit gelingt es ihnen, eine Rakete zu bauen, fremde Planeten kennenzulernen, zwischenmenschliche Konflikte zu bestehen und schließlich, nach tausend Jahren, zur Erde zurückzukehren. Das Theaterstück thematisiert nicht den Kulturkonflikt zwischen einem hörenden und einem tauben Akteur, es stellt auch keine Dolmetscherin zwischen die beiden Helden. Vielmehr versucht es, die Möglichkeiten von (Nicht-)Kommunikation zu erproben und greift dabei auf etwas zurück, das Walter Benjamin einmal das "mimetische Vermögen"[12] des Menschen nannte.

Die Frage nach einem Gehörlosen und Hörenden gemeinsamen kulturellen Erbe der Gebärdensprache befindet sich in einer Tradition, die – ohne das Sprachsystem der Gehörlosen im Blick gehabt zu haben – die Sprache des Körpers, seiner Gesten und Gebärden zu fassen versucht und dabei Wissen aus vielerlei Quellen speist, seien es Untersuchungen zur Logik der Gesten oder zu Gebets- und Geschlechtsgebärden oder zu den Pathosformeln des Mnemosyne-Projekts des Kunsthistorikers Aby Warburg. Dieser Ansatz betrifft die sprachliche Besonderheit der Bildhaftigkeit, die uns vor allem in der Poesie ausgeprägt begegnet, in besonders verdichteter Form beispielsweise im japanischen Haiku. Daher riefen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Dichter, die sich mit japanischer Lyrik beschäftigten, eine Poetik des Imagismus aus, die die US-amerikanische und englische Lyrik und später die der Beatgeneration der 1950er Jahre prägte und bis heute nachwirkt. Das Neue dieser Poetik bestand darin, Bildhaftigkeit nicht länger metaphorisch als Beiwerk und Ausschmückung, sondern als das Wesen ihrer selbst zu begreifen.[13] Der Beschäftigung mit der Bildhaftigkeit von Gesten und Gebärden eröffnet die Gebärdensprache eine völlig neue Dimension. Vor allem aber macht Letztere Erstere zu einem zentralen Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen Reflexion in den Bildwissenschaften und den Visual Culture Studies.[14]

"Die Gebärdensprache ist die eigentliche Muttersprache der Menschheit",[15] feierte der Kritiker Béla Balázs 1924 in seinem Essay zum Stummfilm das neue Medium und begrüßte damit eine "visuelle Kultur", die das Ende der Schriftkultur einläutete. Diese Vorstellung von Gebärdensprache verweist auf einen Zwischenraum, der davon ausgeht, dass dem Körper immer ein Überschuss eingeschrieben ist, der über die Semiotik der Sprache hinausweist: "Denn auf der Leinwand der Kinos aller Länder entwickelt sich jetzt die erste internationale Sprache: die der Mienen und Gebärden."[16] Vermutlich ist es genau dieser Überschuss, den viele Hörende in der Gebärdensprache tauber Menschen sehen und bewundern; die Lust, die sich im mimetischen Spiel des Körpers entfaltet, und eine Internationalität, die keine Sprachgrenze trennt. Und wahrscheinlich ist es auch genau dieser Überschuss, der den Stummfilm oder vielleicht besser den Film, der auf lautsprachliche Kommunikation verzichtet, bis heute lebendig hält – sei es in Form erfolgreicher kommerzieller Filme wie dem oscarprämierten Stummfilm "The Artist" von 2011 oder in Form unzähliger experimenteller Stummfilme aus den Off-Kinos.

Diese Beispiele sind beileibe nicht die einzigen, die das Hören einer kritischen Reflexion unterziehen. Kritik des Hörens findet dort statt, wo sich Gehörlose und Hörende befinden. Sie sagt etwas von dem Miteinander-Sein, das zwischen beiden besteht, und dem Voneinander-Lernen, das möglich ist. Deaf Studies werden dabei niemals ein friedlicher Ort sein. Er ist erfüllt von Isolations- und Unterdrückungserfahrungen, von Frustrationen und Einsamkeit, von Erfahrungen des Nichtverstehens und des Nichtverstandenwerdens, aber auch von Freude, Lust und Glück – Erfahrungen, denen jeder ausgesetzt ist und die jede Biografie prägen. Er ist ein Raum, der Mittel zur Verfügung stellt, diesen Erfahrungen körperlichen und sprachlichen Ausdruck zu verleihen und anderen mitzuteilen. Dadurch kann sich Veränderung für jeden ereignen, der sich in dem Raum befindet. Homi Bhabha nennt ihn den "Dritten Raum" und schreibt dazu: "Indem wir diesen Dritten Raum erkunden, können wir der Politik der Polarität entkommen und zu den anderen unserer selbst werden."[17] In diesem Sinne versuche ich, Deaf Studies zu denken.

Der vorliegende Text beruht auf einem Vortrag des Autors am 20. Oktober 2018 bei der Tagung "Disability Studies im deutschsprachigen Raum" an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Für eine ausführliche Fassung siehe Tomas Vollhaber, Deaf Studies neu denken, in: Das Zeichen. Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser 110/2018, S. 394–409.

Fußnoten

7.
Anne Waldschmidt, Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?, in: Psychologie und Gesellschaftskritik 1/2005, S. 9–31, hier S. 20f.
8.
Ebd., S. 23.
9.
Vgl. ebd., S. 24.
10.
Vgl. Homi K. Bhabha, Die Verortung der Kultur, Tübingen 20002, S. 52.
11.
Konzept und Regie: Frauke Rubarth, Susanne Tod; Schauspieler: Eyk Kauly, Thomas Nestler, Hamburg 2018.
12.
Walter Benjamin, Über das mimetische Vermögen, in: ders., Aufsätze, Essays, Vorträge. Gesammelte Schriften, Bd. 2, Teil 1, Frankfurt/M. 1980, S. 210ff.
13.
Vgl. Tomas Vollhaber, Zeig es ihnen! Haiku und Gebärdensprache, in: Jörg Dierken (Hrsg.), Geisteswissenschaften in der Offensive. Hamburger Standortbestimmungen, Hamburg 2009, S. 168–186.
14.
Vgl. ders., Ikonische Differenz. Übersetzen literarischer Texte in und aus Gebärdensprachen, in: Katharina Mevissen/Franziska Winkler (Hrsg.), Text kommt in Bewegung. Über Literatur in Deutscher Gebärdensprache, Berlin (i.E.).
15.
Béla Balázs, Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt/M. 2001 (1924), S. 18.
16.
Ebd., S. 22.
17.
Bhabha (Anm. 10), S. 58.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Tomas Vollhaber für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.