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5.10.2007 | Von:
Thomas Lampert
Lars Eric Kroll
Annalena Dunkelberg

Soziale Ungleichheit der Lebenserwartung in Deutschland

Fazit

Die berichteten Ergebnisse weisen auf einen Einkommensgradienten in der allgemeinen und gesunden Lebenserwartung der Bevölkerung in Deutschland hin. In der Tendenz gilt: Je höher das Einkommen, desto eher besteht die Aussicht auf ein langes und gesundes Leben. Bei Männern sind diese Unterschiede noch etwas stärker ausgeprägt als bei Frauen. Die Ergebnisse entsprechen weitgehend denen, die für andere europäische Länder berichtet werden. Selbst in den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten variiert die Lebenszeit stark mit dem sozialen Status, trotz der gut ausgebauten Systeme der sozialen Sicherung und der im europäischen Vergleich hohen allgemeinen Lebenserwartung.[27]

Vor dem Hintergrund der massiven Probleme auf dem Arbeitsmarkt und der Alterung der Bevölkerung tendiert die Sozialpolitik in Europa mehr und mehr zum Modell des aktivierenden Sozialstaates. Infolgedessen könnte es zu einer weiteren Ausweitung der sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit kommen.[28] Bisher hat es zumindest noch kein europäisches Land vermocht, das Auseinanderdriften der Mortalitätsrisiken zwischen den sozial benachteiligten und privilegierten Bevölkerungsgruppen erfolgreich zu bekämpfen. Auf EU-Ebene werden heute allerdings im Sinne des Ziels "Equity in Health" gemeinsame Anstrengungen unternommen, um Ansätze zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten zu finden.[29] In einzelnen Ländern haben sich diese inzwischen in konkreten politischen Aktionsplänen und Zielvorgaben niedergeschlagen. Beispielsweise hat die britische Regierung im Jahr 2003 das Programm "Tackling Health Inequalities: a Programme for Action" ausgerufen. Mit dem Programm verbindet sich u.a. das Ziel, die Mortalitätsunterschiede zwischen der niedrigsten und der höchsten Statusgruppe bis zum Jahr 2010 um 10 Prozent zu verringern.

In Deutschland gibt es bislang nur einzelne Aktivitäten, aber keine umfassende politische Strategie oder konkreten Zielvorgaben zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheiten. Angesichts der auch hierzulande zunehmenden Forschungstätigkeit und des wachsenden Problembewusstseins bleibt zu hoffen, dass die politischen Anstrengungen zunehmen und dabei die Erfahrungen aus anderen Ländern genutzt werden.[30]

Fußnoten

27.
Vgl. Johan P. Mackenbach et al., Socioeconomic inequalities in morbidity and mortality in western Europe, in: The Lancet, 349 (2007), S. 1655 - 1659.
28.
Vgl. Aus Politik und Zeitgeschichte, (2005) 16, Thema "Arbeitsmarktreformen" und dies., (2006) 8 - 9, Thema "Reformen des Sozialstaates".
29.
Vgl. World Health Organization. Regional Office for Europe, Health21: an introduction to the health for all policy framework for the WHO European Region, Copenhagen 1998; Ken Judge et. al., Health Inequalities: a Challenge for Europe, London 2006.
30.
Vgl. Andreas Mielck, Quantitative Zielvorgaben zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit: Lernen von anderen westeuropäischen Staaten, in: Matthias Richter/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Gesundheitliche Ungleichheit - Grundlagen, Probleme, Perspektiven, Wiesbaden 2006.